Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVIII (1923)
- Issue
- Heft 99 (27.11.1923)
- Date
- 1923-11-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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i Seite 576 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 09 Gestern, sind wir doch auch zugleich die Träger eines historischen Morgen. Wir selbst waren doch auch einmal Zukunft und lagen darals im S:ließ.' der Verga;g:nheit, so liegt jetzt in uns die angeborene Zukunft. Unser ganzes Dasein ist doch nichts anderes als ein ewiges Hinüberschieben von der Zukunft in die Vergangenheit, Wir tragen das Morgen in das Gestern hinüber, verwandeln später in früher, — und wie ungeduldig wir all dies tun, als ob hinter uns ein Antreiber stünde. Wir gönnen uns keine Ruhe, fürchten stets etwas zu versäumen, ohne zu wissen was. Man teilt gewöhnlich die Menschen ein in Diesseits- Menschen und Jenseits-Menschen, Menschen dieser Welt und Menschen der koninicndcn Welt. Wie falsch ist diese Einteilung! Wer alle seine Tage nach Reichtum jagt und seine Kinder und Kindeskinder mit Palästen und Champagner versorgen will — was ist der auch nur für ein Diesseits-Mensch? Alles, was nach uns kommt, ist doch weit von uns wie der Himmel, wenn cs auch auf der Erde liegt. Und jeder, der irgendwie lür eine Zukunft arbeitet, ist docli eigentlich ein Mensch jener Welt. Ein Jenseits gleicht eben nicht dem andern, ebenso gleicht aber auch nicht ein Diesseits dein andern. Was für Vergangenheit man in sich trägt, eine solche Zukunft baut man für sich. Nur muß die Zukunft die Fehler der Vergangenheit gutmachen, was im Diesseits fehlt, soll das Jenseits erfüllen. Wenn Millionen von Arbeitern Opfer bringen, Verfolgungen erdulden, um eines Zukunftsstaates willen, bauen sie ihre kommende Welt auf, die Genüsse, die sic erstreben, sind nicht von dieser Welt, sondern auf jener Welt, welche nach ihr kommen wird. Wenn Tausende unserer Pioniere in ein Land gehen, das wüst und leer ist, dort säen, pflanzen und bauen, gegen alle Logik, gegen a’le äußeren Bedingungen, bis ein Stück Vergangenheit seine Aufcrstchung feiert, ־— arbeiten sie für die kommende Welt. Sie genießen einen Vorgeschmack des Paradieses, wenn sic sich vorslcllen, wie glücklich dort ihre Enkel und Urenkel leben werden. Man kann sich nicht von der Vergangenheit befreien, denn nur in ihr, d. h. in unserer Beziehung zu ihr, liegt auch unsere Zukunft, und wer sic gering schätzt, der gibt seinen eigenen Inhalt preis. Das sind armselige Menschen, auf dieser Welt müssen sic einen Inhalt erborgen, auf jener Welt müssen sie Zinsen zahlen. Darin liegt der Maßstab für alle Handlungen, in der Verschmelzung von Vergangenheit und Zukunft. Aus dieser Verschmelzung entsteht die wunderbare Lebensharmonic. Der Einzelne beginnt sein Ich als einen Teil der Unendlichkeit zu fühlen. Er dringt ein in das Geheimnis der Ewigkeit, er bewegt sich in ihr und kann nicht umkommen. Und wer sich selbst in dieser Harmonie gefunden hat, geht nicht verloren. יץףי>ךר-ז k\ 1' M, Weizmann in Amerika Von Dr. Jacques Adler, Leipzig. Am 24. November reist Dr. Weizmann, der Präsident der Zionistischen Organisation, nach Amerika, um dort wieder auf längere Zeit für den Keren Hajessod tätig zu sein. Er erfüllt somit an bedeutsamster Stelle den Beschluß der letzten Tagung des Actions-Comites, der allen Persönlichkeiten, die in der Organisation führend tätig sind, die Werbung für den Keren Hajessod zur Hauptaufgabe in dieser Zeit gemacht hat. Der Präsident der Organisation hat sich, wie schon zu wiederholten Malen, die amerikanische Judenheit zum Arbcitsgebict gewählt. Nicht nur finanzpolitische Gründe, über deren Gewichtigkeit uns ein Blick auf einen jeden Keren Majessod-Ausweis belehrt, veranlassen den ersten Mann der Bewegung, nacli Amerika zu gehen, sondern auch Motive jüdisch-politischer Natur. Wir brauchen heute dringend eine jüdische Autorität, die dem von tausend Nöten und Sorgen bedrängten jüdischen Volke das einzige Recht sichert, das ihm heute dokumentarisch gewährt ist, das Heimatsrecht in Palästina. Neben der englischen Judenheit kann diese Autoritat, praktisch in Gestalt der Jewish Agency, heute nur noch von den Juden Amerikas aufrechtcrhaltcn werden, denn die jiidi&chen Gemeinschaften der anderen Länder liegen heute fast ausnahmslos in tiefer Ohnmacht am Boden. Für den Gedanken des Aufbau-Werkes in Palästina, für seine Durchführung wird Weizmann in den kommenden Wochen bei den Juden Amerikas werben und sic an ihre Pflicht erinnern, Treuhänder für die durch Not und Verfolgung geschwächten Juden der Alten Welt zu sein. Wir vertrauen darauf, daß Weizmann opferwillige Menschen, Verständnisvolle Gemüter finden wird. Der jüdisch-amerikanische Kongreß hat uns soeben erst gezeigt, wie mächtig das jüdische Solidaritätsgefühl in den Herzen unserer amerikanischen Brüder ist. Wie wird Weizmann zu ihnen sprechen? Welche Saiten muß er anschlagen, um sic zu wecken, zu erschüttern, zur!Tat aufzurufen? Vor kurzem hat das New York Büro des Keren Hajessod eine Auswahl aus den Reden Weizmanns auf amerikanischem Boden während der Frühjahrskampagne 1923 herausgebracht, eine Auslese wirklich des Besten in einem schmalen Bändchen, das sich ״American Addresses“ nennt. Um cs kurz zu sagen, wir treffen darin Gedankengange, die sich an den praktischen Sinn des Amerikaners, an seine Vorliebe für das Konkrete wenden, in ihrem Inhalt aber uns durchaus vertraut sind. Weizmann geht aus — und darauf beruht sein Erfolg — von den realen Fragen des täglichen Lebens, von der jüdischen Wanderung, von den Machenschaften des Antisemitismus, von all den charaktcristischen Erscheinungen der jüdischen Diaspora, von der Rückkehr der Juden zu den Eigenarten ihres Wesens, ihrer Ucbcrlicferung. ״Zionismus", sagt Weizmann, ״ist eine Funktion des jüdischen Volkes, die Funktion, die die Suche nach dem wahren Ausdruck seiner selbst genannt werden kann." Weizmann in Amerika, er verkörpert uns die jüdische Einheit, das Band, das um so fester werden soll, je schwerer der Drude ist, der heute auf uns lastet. Von Adolf Böhm, Wien. Das Problem der Führung hat sich in der Geschichte der zionistischen Bewegung immer als das dornigste erwiesen. Die überragende Wichtigkeit der politischen Ver- Handlungen hat cs stets notwendig gemacht, daß eine Persönliehkcit mit aller Autorität im Namen der Bewegung, ja im Namen der von ihr repräsentierten Judenheit, auftrete. Diese Ausnahmestellung des Führers oder Präsidenten, z. B. Ilcrzls, Wolffsohns, Weizmanns, wirkte auch auf seine Position nach innen zurück. Es schien aber nicht inöglieh, daß die 50 schwierige Integration aller Kräfte und Tendenzen einer lebendigen Volksbewegung sich in einer Person vollziehe und nicht wünschenswert, daß nach innen durch das besondere Gewicht ihrer persönlichen Meinung der Prozeß der einheitlichen Willensbildung auf dem Wege der Demokratie durchkreuzt und gebindert würde. Der nach Wolffsohns Rücktritt gemachte Versuch, statt einem Präsidctitcn einer Art Fachniinisterium unter einem ״Vorsitzenden“ die Leitung zu übergeben, geschah in einer Epoche, in der zwar die politische Lage für Palästina sehr schwierig, aller keine Möglichkeit zur Führung einer ״Charterpolitik“ gegeben war. Diese Epoche hat zur Integration der Kräfte sehr viel beigetragen und man kann ruhig sagen, daß diese Art der Leitung der Bewegung die beste und zweckmäßigste wäre, wen 1 es sich um nichts anderes handeln würde, als In einer ruhigen Epoche unter relativ günstigen Voraussetzungen und stetigen Verhältnissen gemeinsame Arbeit zu leisten. Das Chaos, in das der Krieg die Welt gestürzt hat, und die darauffolgende gewaltige Gärung hat überall die soz,io• logischen (nationalen, sozialen, staatlichen usw.) Bindungen bis ins tiefste erschüttert und neu zu Problemen gemacht. Wo Chaos und Erschütterung herrscht, wo Neues sich geslallen will, stärken sich die soziologischen Anziehungen und Abstoßungen, wird der Glaube und die Hoffnung auf die schöpferische und bändigende Kraft der großen Einzclpcrsönliehkcit neu belebt. Die Aufgabe des Führers, als desjenigen, der die noch nicht klar erkennbaren, neu sich bildenden Tendenzen zur Gestaltung, mit scharfem Instinkt erfaßt und daraus die Kraft schöpft, die ins Ungcnicsscnc gewachsene Verantwortung ztt tragen und die Formgebung auf sich zu nehmen — diese Aufgabe wird in solchen Zeiten zu einer gigantischen. (N, B,: Daß die Führerdiktatur sich in einigen Ländern schon durchgesetzt hat, währe ml in anderen nach ihr laut gerufen wird, beweist, daß in Zeiten der Erschütterung überkommener Gemeinschaft:;• bindimgcn der Glaube an den ״Uebermcnschcn“ und das Bedürfnis nach ihm, dem Führer zu neuen Ufern, als Widerspiel der eigenen Unsicherheit geradezu als psychisches Mnssenphänomen auftritt.) In dieser Zeit, wo cs entschlossen zu handeln gilt, bedurfte die zionistische Bewegung wieder des Führer s. Chajim Weltmann ist gewiß keine Diktatorennatur. Ihn, den einfachen, herzlichen, liebenswürdigen, geistsprühenden, charmanten und lebensvollen zionistischen Kameraden, den feurigen Anwalt der Dcmokralic in der Bewegung, als den wir ihn so lange gekannt haben, ihn hat das Schicksal gezwungen und ausersehen, die überragende Stellung cinzunehmen, die er nun seit Jahren besitzt. Das Qroßc, das in Weizmann wirkt, war in früheren Zetten nur dem gröberen Blick verborgen, für feinere Psychologen war es seit jeher spürbar. Unvergeßlich ist z. D. seine Wirkung auf dem VIII. Kongroß 1909. Nicht so sehr wegen des Inhalts seiner Rede, der gewiß bedeutend war, sondern damals fühlte der Hörer, daß — wie ich cs schon einmal geschildert habe — jeder Gedanke nicht bloß gedacht und gesprochen schien, sondern wie aufgestiegen aus einer unergründlichen Tiefe; es war, als ob hier nicht eine bestimmte Person spreche, sondern wie wenn eine zwingende Macht sich des Redners als Instrument bediene, aus ihm spreche. So wie es von den Propheten heißt: Der Geist ist über sic gekommen und er redete aus ihnen. Dieses Prophetische in Weizmanns Persönlichkeit, diese visionäre Kraft, ist cs, die auf die englischen Staatsmänner ebenso überwältigend wirkt, wie auf amerikanische Geld׳ mcnschen oder auf opponierende Zionisten. In solchen großen Momenten verstellt man, warum Weizmann von den Machthabern der Erde nicht bloß als Sachwalter des jüdischen Volkes, als der er ja als zionistischer Führer legitimiert war, sondern als Träger des großen sittlichen und geistigen Wertbewußtseins des Judentums empfunden wurde; daß sic fühlten, daß aus ihm die Jahrtausende jüdischen Wollens und jüdischen Leidens um dieses Wollen sprechen. Seine politischen Erfolge verdankt er nicht in erster Linie diplo malischen Künsten, nicht so sehr seinem scharten durchdringenden Verstand und seiner unvergleichlichen geistigen Bereitschaft, — die viel mehr und etwas viel Tieferes ist als Schlagfcrtigkcit, nämlich höchste Konzentration des Willens, als vielmehr der zwingenden Macht der in ihm unbewußt schlummernden und prophetisch hervorbrechenden Stimme des Jahrtausende alten großen Judentums. Deshalb ist er der jüdische Führer und nicht ein jüdischer Führer. Wenn hier von dem Großen in Weizmann gesprochen wird, so sind wir uns klar darüber, daß diese Größe auch ihre Kehrseite hat. Seine oft sprunghafte Art auch im Sachliehen, seine Beeinflußbarkeit, seine Mißgriffe namentlich in der Auswahl und der wechselnden Behandlung seiner Mitarbeiter usw. erklären sich daraus. Seine Art von Größe setzt die denkbar feinste Sensibilität und Irritabilität des Nervensystems voraus und mit dieser reizsamen Seele bc gabt, muß Weizmann, belastet mit der erdrückenden Sorge wegen der Unzulänglichkeit der Leistungen der Zionisten, ja des ganzen jüdischen Volkes, und gequält von seiner historischen Verantwortlichkeit, täglich und stündlich die Kleinlichkeiten der Parteiarbeit besorgen, jedem Angriff Rede stehen, der Zielpunkt und die Ablagerungsstättc für alle Unzufriedenheit sein. In unserer Bewegung, wie in vielen anderen, vergißt man, weil die Sache über der Person steht, sehr oft, daß man dein ״Gesinnungsgenossen“ auch bei schärfster sachlicher Gegnerschaft den Respekt und die Distanz schuldig ist, die seiner Persönlichkeit gebührt. Das hat Welz• mann bitter erfahren müssen. Man vergaß Ihm gegenüber, daß man ihm fast ganz allein die Aufgabe zugeschoben hatte, die lange politische ״Front von London bis Jerusalem" zu halten und die Folgen des Versagen» der Judenheit auf dem Felde der Realpolitik, wo nur das wirkliche und nicht das vorgegebene Kräfteverhältnis gilt, trotzdem durch heftiges Auftreten aufzuhaltcn; daß er im Momente, wo die materiellen Mittel versiegten, gelbst auch das Geld herbeischaffen mußte. Man verlangte von ihm, daß er dazu auch noch Parteichef und quasi Ministerpräsident sein sollte, in dem Sinne, daß er in überpcrsönlidier Objektivität, von allen sachlichen nn(j persönlichen Streitigkeiten immer unberührt, eine Kräfteve!■״ cinigung herbeiführen sollte, indes man ihm auf diesem Wege stets die stärksten Hindernisse bereitete. So mußte es kommen, daß dieser einfache und liebenswürdige Mensch infolge seiner Irritabilität cs immer weniger vermochte, sich mit den Partei, führern zu verständigen, die zumeist nicht die Empfindung für seine Wesensart und deren Bedeutung hatten, die vielfach sachlich versagten und an die großen Aufgaben nicht die Größe der Konzeption und Weltweite des Horizonts, wie sie Weizmann eigen sind, heranbringen konnten. Er fühlte, daB seine Sprache nicht ihre Sprache sei, und so wurde er immer diffiziler und unzugänglicher. Wie sehr die schmerzlichen Erfahrungen mit dem Ungeniigen auf allen Seiten, auch oft seiner langjährigsten und besten ,Freunde, diesen sensiblen Monn verwundet haben, wie er in übersteigerter Reizbarkeit das Gefühl haben mußte, als Einsamer das Volk durch die Wüste führen zu müssen, danach fragte keiner von denen, die ihm vorwarfen, wandelbar und unzugänglich zu sein. Niem.rnd hatte das Gefühl dafür, daß da die Tragik eines großen Menschen liege, dessen ungeheurem Wollen, durch den Kampf mit Unzulänglichkeiten, auch oft mit eigenen Schwächen, das Vollbringen immer wieder unmöglich gemacht wird. Eine Bewegung wie die unsere, verbraucht die Menschen schnell und rücksichtslos. Ein wenig mehr Verstellen und Schonung an Stelle des fortwährenden Angreifens, Kämpfens, Vcrdächtigens, würde jene Atmosphäre der Wärme und Herzlichkeit schaffen, die nötig ist, um aus Gesinnungsgenossen Brüder zu machen und ihre Kräfte zu steigern, statt sie zu lähmen. in der letzten Zeit hat Weizmanns Haltung in bezug auf die Jewish Agency zum erstenmal in den Jahren seit der Balfour-Deklaration auch eine scharte sachliche Opposition hervorgerufen. Er ist des Abfalls von der nationalen Idee und der Demokratie beschuldigt worden, man sagte seine ״Diktatur“, die historisch notwendig gewesen wäre, hätte uns jetzt auf einen Irrweg geführt. Dieses Problem sachlich zu erörtern, ist im Rahmen dieser Würdigung nicht der Ort Es ist mir festzustclicn, daß die überwiegende Mehrheit der Zionisten sich hinter Weizmann gestellt hat. Nicht nur aus sachlichen Gründen, sondern auch, weil sie an die visionäre Kraft Weizmanns, das Richtige instinktiv vorausztifühlen, glaubt. Weizmann, der auch in seinem Berufe Synthetiker ist, hat schon vor mehr als 20 Jahren (in der ״Fraktion“) vom synthetischen Zionismus gesprochen und ihn am Haager Kongreß verfochten. Er war nie, wie man glaubte, bloßer ״praktischer“ Zionist, er wollte mir, daß man das eine Etcment der Synthese — die praktische Arbeit in Palästina — nicht über dem anderen — dem politischen — vergesse und niemand hat gerade für diese politische Seite des Zionismus mehr getan, als er. Wenn er heute noch einen Schritt weiter geht, und, nachdem der Zionismus die Voraussetzungen dazu errungen hat, die Synthese des ganzen Judentums durchführen will, so liegt darin kein Abscliwcnken, sondern eine aus seiner ganzen Denkweise folgende Konsequenz. Synthesen schaffen kann mau nur, wenn die Elemente, die verbunden werden sollen, den nötigen Grad von Affinität zueinander haben —• um in der Sprache der Chemie, •die Weizmanns Wissen- Schaft ist, zu sprechen. Der Aufbau Palästinas als Heim* statte für das ganze jüdische Volk und durch das ganze jüdische Volk war immer das Credo aller Zionisten gewesen, doch war früher eine Synthese von Zionisten und Nichtzionisten zur Durchführung der nationalen Aufgaben nicht möglich, weil zwischen ihnen auch inbezug auf Palästina keine Affinität herrschte. Heute Ist sie möglich und der große Synthetiker Weizmann will sie durclizuführcn versuchen. Synthcsel Liegt nicht darin die eigentlich schöpferische Macht des Menschen? Und stellt nicht gerade die Zersplitterung und Dissoziierung der Juden speziell dem jüdischen Führer die Aufgabe der Integrierung und der Synthese? Von der Frage ihres Gelingens hängt vielleicht die Sicherung der jüdischen Zukunft ab. Und es gibt keinen berufeneren Führer zu solcher Synthese, als Chajim Weizmann. Weizmanns lebcnslaal Chajim Weizmann ist am 27. November 1873 in Motylj. einem kleinen Ort in der Nähe von Pinsk geboren, aber in Pinsk aufgewachsen und erzogen worden. Er hat später in Deutschlaiiu Chemie studiert, wo er auch in Berlin ein!Mitglied des ersten russisch-zionistischen Studcntcnvcreins war, dem 11, a. auch Motzkin, Dr. Jacobson und andere spätere Führer des Zionismus aiigchörtcn. Nach Beendigung seiner Studien wurde er Privatdozent in Genf und von hier später an die Universität Manchester berufen, wo er sein Lehramt ausübte, bis ihn seine politische Aufgabe zur Uebcrsiedlung nach London zwang. Dr. Weizmann hat in der zionistischen Bewegung frühzeitig eine hervorragende Rolle gespielt. Er war ein führendes Mitglied der demokratischen Fraktion, die auf dem V. Kongreß gebildet wurde und gegenüber der rein diplomatischen, und formal organisatorischen Tätigkeit der Ilcrzl’schcn Leitung eine stärkere Betonung des volkstümlichen Elementes, eine Beschäftigung mit der jüdischen Gegenwart und den jüdische» Realitäten und vor allem eine Weckung und Pflege d«1 produktiven Kräfte des Volkes forderte. Weizmann tmf nach Hcrzls Tode in der Bewegung immer mehr hervor, Nach der Lösung des Uganda-Konfliktes wurde er de! Vorkämpfer jener Richtung, die, ohne die Bedeutung de! politischen Aufgabe zu unterschätzen, eine stärkere Hctomin! der praktischen Arbeit in Palästina forderte. Auf dem Vlll. Konpreß im Haag führte er mit einer berühmt gewordenen Red! diese Richtung zum Siege. Er war es, der gegenüber dci damaligen Bcgriffssclicklung zwischen politischen! und prak׳ tisdicm Zionismus die Parole der Synthese ausgab, die dam zur Bezeichnung seines Programms als ״synthetischen Z!o nismus“ führte. Die all ( i!ig anerkannte Fiihrcrrolle Dr. Weizmanns kan rein äußerlich darin zuin Ausdruck, daß er auf den letzter Kongressen stets zum Präsidenten des Permancnzausschussci gewählt wurde, der das wichtigste parlamentarische Organ de Kongresse ist Auf dein Wiener Kongreß im Jahre lob hat Dr. Weizmann das bekannte Referat über die Hebräisch( Universität gehalten, die überhaupt zu seinen Licbliiigsidcci gehört. Doch ea war Dr. Weizmann bestimmt, eine noch wei bedeutendere Rolle in der Geschichte des Zionismus » spielen, als man damals annchmcn konnte. Als während de! Weltkrieges der Zusammenhang der Zionistischen Organisatioi notwendigerweise gelockert war, und die Arbeit. d;c men nur der Sorge um die Erhaltung des Bestehenden, sonden «uch den Möglichkeiten der Zukunft gelten mußte, in mehrere!