Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVIII (1923)
- Issue
- Heft 99 (27.11.1923)
- Date
- 1923-11-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Volk die Schaffung aintir öffentlich rachtlich gesicherten Heimstätte UB9RXD30aaX(QKXSnamtt£ZZ£SSS Telephon: Plalzburg 6697 u. 6698. Poatscheckkonto: Berlin Kr, 17392. Für Oesterreich: Postsparknsscnamt Wien, Konto Nr, 156030. Fiir Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr,59410. — Rcdaktionwchluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. — תרס״ד י״ט כסליו XXVIII. Jahrg. Palästina. ״Baseler Programm.‘* '4a: «יזיין Äuma 50. ©<3E3>tu1.1r40tfai<rp (27. November 1923) Kurzer Glückwunsch Chajim Weizmann ist heute fünfzig• Jahre alt. Keine Loblieder, keine Verherrlichungen! Noch ist er unter uns, in jugendlicher Vollkraft, unermüdlich tätig vor aller Augen, Präsident der Bewegung und erster, pflichttreuester Diener der Idee. Den ״Präsidenten“ zu feiern — das würde man ״Byzantinismus“ nennen. Dieses Wort gibt es jetzt bei uns. Also keine Aufzählung seiner Verdienste! Wir haben noch nicht Geschichte zu schreiben. Nur kurzer, herzlieber Glückwunsch. Ein fünfzigster Geburtstag ist kein politisches Ereignis. Kein Anlaß, eine Lanze für oder gegen zu brechen, politische Polemik über die Richtigkeit eines Systems, eines Weges zu führen. Solcher Anlässe sind genug, und wir werden im gegebenen Moment die! sachliche Auseinandersetzung nicht scheuen. Ohne An- \ sehen der Person, — wo es die Sache gilt. Aber heute schweigen diese Kämpfe. Heute geht es nicht um ״Programme“, Heute erinnern wir uns, *< was dieser Mann uns gegeben hat — nicht seine ״Er- I folge1‘, seine ״Leistungen“, sondern seine heiße Liebe,; die Glut seiner Seele, den ganzen Menschen. Er ist ‘ auch der erste Chaluz der Bewegung. Oft hören wir, wie; unsere Chaluzim in den Sümpfen des Emek Jesrcel , ungehalten sind über die Zionisten, die in warmen! Stuben satt und behaglich über zionistische Probleme diskutieren, die Großes zu geben meinen, wenn sie etwas Geld, eine freie Arbeitsstunde dem Zionismus widmen. Harte Worte fallen über zionistische Führer, über die zionistische Bürokratie, die nicht ganz und unmittelbar die Not und die Pflicht der nationalen Aufgabe empfinden. Ihn tiifft der Vorwurf nicht. Keiner fühlt, keiner leidet so alle Schmerzen, alle j< Leiden und alles Scbaffensglück unserer Arbeiter in II Palästina mit wie er. Ihn treibt es unaufhaltsam, er | findet keine Ruhe und keinen Frieden, solange das י Werk in Gefahr ist, solange die Menschen, die im Lande j selbst für das Land alles hergeben, vom Volke verlassen sind. Unvergeßlich sind seine Reden, die er nach der Rückkehr aus Palästina im Winter 1023 gehalten hat, im Aktionskomitee in Berlin, in Baltimore (die viclgclästcitc Rede!), in Karlsbad, als er von dem Schweigen jenes wohlbekannten Arbeiters der treuesten alten Garde in Nahalal sprach, das ihm das Herz zerriß. Da mußte Chajim Weizmann hinausgehen in die Länder der Zerj Streuung und die Botschaft hinaustragen in das jüdische : Volk, daß sein erstarrtes Herz auftaue, daß es die Men• sehen im Lande nicht im Stich lasse, daß es die Idee der Wiedergeburt nicht verrate. Und keinen zuvor hat * das Volk so gehört wie ihn, weil sein Herzblut in jedem seiner Worte strömt 1 Seiner unwiderstehlichen Ueberzeugungskraft erlagen 1 führende Staatsmänner der Welt. Jetzt hat er die schwierigerc Aufgabe auf sich genommen, das eigene Volk zu gewinnen, das träge abseits steht und auf ein Wunder wartet. Er weiß: nur durch eigene Leistung kann Israel Zion anfbaucn. König der Schnorrer? O, wäre doch das ganze Volk Israel ein Volk solcher Schnorrer! Chajim Weizmann mußte im letzten Jahre harte Worte hören. Das ist nicht anders im politischen Kampf, I das trifft jeden exponierten Führer, das liegt vielleicht I im Wesen der Sache, in der Beispiellosigkeit unserer 1 Aufgabe, in der Eigenart unseres Volkes. Freuen wir uns dieses Tages, der uns erlaubt, nicht politisch, sondern menschlich zu reden! Dieses Jubiläum des Menschen « Weizmann gestattet uns auszusprechen, daß die Dankj barkeit und Liebe des Volkes an diesem Führer hängt,; und sich am heutigen Tage zu innigen Segenswünschen ',erdichtet. Er trägt das Joch weiter, er segelt gerade in diesem Augenblick zu neuer unsagbar schwerer, aufreibender und verantwortungsvoller Arbeit. Mögen gute Winde sein Schiff begleiten! Er gönnt sich keine Geburtstagsfeier, solange die Not Palästinas drängt, der Imperativ der Monistischen Idee gebietet. So wollen auch wir uns; ^׳einc Feier gönnen. Nur ein kurzer, herzlicher Glück- Wunsch sei uns gestattet, der Chajim Weizmann stärken *oll in seiner Arbeit durch das Bewußtsein, daß die?ionistische Welt — trotz allem — zu würdigen, weiß, W48 er uns gab «•« und gibt. Robert WelUch. Aus Vergangenheit zur Zukunft Von Schinarja Lew in. Chajim Weizmann gewidmet. Die düstere Gegenwart steht vor uns wie eine eise, ne Wand und verstellt uns den freien Blick in die Zukunft. Aber es ist klar: die Wand wird einstürzen und vor unseren Augen wird sich in seinem ganzen Fnrbcnglanz der kommende Tag entrollen. Es ist klar: ״Jedes Tal wird sich erheben und jeder Berg und Hügel werden sieh senken“ und der Weg wird geebnet sein, glatt und rein. Und an jenem Tage wird das ganze Volk sich mit Stolz und Liebe in seinem Gedächtnis den Auscrwählten zuwenden, denen es vergönnt war, den neuen Weg zu bereiten. Und an jenem Tag wird das ganze Volk mit Stolz und Liebe aufblickcn zu den Führern der letzten Etappe. Kämpfe, Mißverständnisse, Reibungen, Unzufriedenheit — alles wird vergessen sein, alles wird klein und blaß erscheinen im Vergleich mit dem großen, vollendeten historischen Ereignis, mit welchem —■ wenn auch noch nicht in unserem Bewußtsein, so doch in der Geschichte — die lange Epoche unserer nationalen Gefangcnschaft abgeschlossen wird und mit welchem die neue Epoche unserer Befreiung beginnt. Ich sage: wenn auch noch nicht in unserem Bewußtsein, denn das Bewußtscin kommt historisch immer erst nach der vollendeten Tatsache. Es ist stets viel Zeit erforderlich, die Trägheit der alten Lage zu überwinden. Des, würde ich wünschen, sollen wir alle eingedenk sein, wir Zionisten. Des, würde ich wünschen, soll auch der Führer unserer Befreiungsbewegung, Chajim Weizmann, eingedenk sein. Er feiert, wir feiern jetzt seinen fünfzigsten Geburtstag. Wir tun es bescheiden, wie es sich für den ganzen Charakter unserer Bewegung geziemt. Auch ich, der ich mich glücklich schätze, einer seiner Nächsten zu sein, als Freund und Mitarbeiter, will nicht mit Lobgesängen und Huldigungen kommen in diesem feierlichen Moment Ich will nur meinem Freund und Führer einige Gedanken widmen, welche mir stets als leuchtender Stern auf dem langen Weg meiner nationalen Arbeit vorangclcuchtet haben. Ich habe sic mit mir getragen in meiner Jugend, daran fcstgehaitcn im reifen Alter und kehre immer wieder zu ihnen zurück. Wenn etwas mein Herz bedrückt, und cs mich treibt, den Vorhang auf zu heben und einen Blick zu tun in kommende Zeiten. Ich habe gerade diese Gedanken gewählt, weil ich sie verkörpert sehe in Chajim Weizmann. In seinem ganzen Leben, in seiner ganzen Seele, wo Pinsk, die Schweiz, Manchester und London nicht mehr sind wie ein Vorhof, nicht melr als ein langer Gang, der zum wunderbaren l'cmpel unser, nationalen Hoffnung führt. '* Es ist gut, sich von Zeit zu Zeit aus der Walt mit ihrem ganzen Getümmel und Gejage loszulösen, sich eine Weile über das ewige Hasten des Alltags zu erheben und sich auf sich selbst zu besinnen, einzukehren in jener kleinen Welt, die wir ״Mensch“ zu nennen pflegen, in der jeder gleichzeitig Hausherr und Mieter, Gebieter und Knecht ist — allerdings mehr Knecht als Herr. In solcher Feierstunde haben wir uns Reehenscbaft abzulegcn, wir prüfen unsere Seele mit reinen Gedanken, dringen in ihr Innerstes mit derselben Ehrfurcht wie der Hohepriester einmal im Jahre in das Allcrhciligstc eintrat. Es ist gut, zuweilen mit der Seele gewissermaßen Zwiesprache zu halten über den gestrigen Tag, zurückzublicken auf den zurückgelegten Weg und zu fragen, wie weit wir mit einander zufrieden sein können, wie weit wir harmonisch gelebt haben, ohne einander zu narren. Man wird sagen: dies steht ja schon in altmodischen Moralbüchcru, cs ist ein alter abgebrauchter Gedanke in etwas modernisiertem Anstrich. Aber muß denn alles, was in alten Moralbüchern steht, darum falsch sein? Darf man denn nicht auch zu alten Gedanken zurückkehren? Wo sind denn die neuen Gedanken, die uns ganz erfüllen könnten, wo die neuen Sterne an unserem Himmel, wo unsere neuen Wege auf der Erde? Wir leben in der Gegenwart, und wir sind gezwungen, sie zu lieben. Denn wenn wir sic hassen sollten, sind wir verloren. In Wirklichkeit geht aber auch unsere Vergangenheit uns nach, wir schleppen sic hinter uns her und mit uns herum. Sie ist unser Schatten und wie jeder Schatlcn legt sic Zeugnis ab von einem bestimmten Inhalt; nur die Unwirklichkeit, die Inhaltslosigkeit hat keinen Schatten, jeder fremde Lichtstrahl durchdringt sie und sie selbst bleibt unbeleuchtet. Aber es gibt auch Geschöpfe, die glauben, daß man sich von der Vergangenheit loslösen kann, ganz einfach ihr den Scheidebrief geben. Sic glauben nur an die Gegenwart; an sie sind alle gebunden, denn das versteht sogar das einfältigste Begriffsvermögen, daß Sich-von-der- Gcgcnwart-lossagcn hieße: sich von 6ich selbst lossagen. Vor der Gegenwart entlaufen, heißt vor sich selbst entlaufen. Die Gegenwart aber ist doch nicht mehr als der zuletzt hinzugekommene Teil unserer Vergangenheit. Kaum können wir über die Gegenwart Gedanken anstelle«, verkriecht sie sich schon in unser Gedächtnis, und Gedächtnis ist doch nicht mehr als gelebte Vergangenheit, die auf uns einen Eindruck gemacht hat. Wo ist die Grenze zwischen unserem Gedenken und dem Erlebten, das in unserem Gedächtnis bleibt als ständiger Teil unseres Wesens? Kindheit, Jugend, Lehrjahre, — das sind die Stadien auf unserem Lebensweg, das sind die Etappen unseres eigenen Ich. Zugegeben, wir sind selbständig, Herren aller unserer Bewegungen, wir umzäunen unser Ich mit allerlei Mitteln und lassen keinen Fremden herein. Wir gehen zurück bis zu unserer eigenen Kindheit, bis zur ersten Stunde, die sich unserem Gedächtnis eingeprägt hat, und wir überblicken, wie ein Feldherr sein Heer, alle Geschehnisse und Erlebnisse, weiche den Inhalt unseres eigenen Daseins bilden, und wir fühlen uns wie kleine souveräne Herrscher. Das ist aber doch nicht mehr als unsere Einbildung, eine künstliche Scheidewand zwischen denen, die vor uns waren und in uns fortlcbcn. Können wir uns denn auf unser eigenes Ich beschränken? Wo bleibt der Vater, die Mutter, Groß* vatcr und Großmutter und die ganze Umgebung, die wir fertig angetroffen haben bei unserem ersten Blick auf Gottes Welt. Sie alle haben uns doch überliefert die Symbole ihrer Welt, ein Teil ihrer Seele. Und so geht cs weiter und weiter, ein Ring schließt sich an den andern, eine Generation an die andere und eine Epoche an die andere, und so entstellt die lange Reihe von einzelnen Ringen, Generationen und Epochen •1־י das was wirGeschiclitc nennen, und in dieser langen, verflochtencn und verworrenen Geschichte ist unser Lebensfaden eingesponnen. Wo sollen wir Halt machen, beim’ Vatcr, beim Großvater, beim Urgroßvater oder gar bei den Urvätern? Von der Vergangenheit gehen wir zur Zukunft über* und da bedrängt dieselbe Frage unser Gemüt. Wo sollen wir Halt machen, wieweit können wir die kommenden Geschlechter überblicken, wie weit sind wir verpflichtet, für sie zu sorgen und wie weit können wir überhaupt vorhersorgen? Sind wir die Träger eine« historisch•«