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Jüdische Rundschau · 1923-11-20 · Heft 97 (20.11.1923) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVIII (1923)
Issue
Heft 97 (20.11.1923)
Date
1923-11-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 502 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 07 Neuzeit, das wir der Aufklärung verdanken, mit dem Aerinel der Uniform wcggewisclit hat. Erst weil solche Grundkrnftc, Hindern maskiert, in der Seele besonders des kleinbürgerlichen Menschen noch uruibgeschvväeht spielen, kann die Agitation der ״Haltet den Dieb“-parlcien sich so wirksam über ganz Deutschland ergießen. Vor ihnen bleibt cs gleichgültig, nach welchen Merkmalen sich der Jude von der Nichtjudcnhcit scheidet; lind es läßt sich beweisen, daß dieses Merkmal wechselt je nach derjenigen Leidenschaft, die die Völker gerade am lebhaftesten bewegt. Zur Zeit religiöser Differenzierung bemerkte man am Juden sein religiöses Sondersein am schroffsten, zur Zeit der ständischen sein außerhalb der Stände Stehen, als man sich national schied, sah man sein besonderes Volkstum, heute, wo mau sich biologisch als Rasse aufspielt, greift man ihn der Rasse wegen an, und morgen, wenn quer durch die Völker der soziale Kampf geführt werden wird, ein schon im Werden offenbarer Zustand, wird er zwischen den sozialen Fronten auf gerieben werden, gleicherweise befeindet von links wie rechts. Und cs muß an dieser Stelle, trotz des vorgossenen Blutes, der Mißhandlung, Plünderung, des Raubes, all der Gewalttat und jeglicher Exzesse als Ehrenmal der Einsicht, Geduld und Disziplin gesagt werden, daß angesichts dieser Grundtatsache und der wahrhaft würgenden Not die Schar derer unter den arbeitenden Deutschen, die ihre Besinnung unter dein Anprall der maßlosen Verhetzung verloren haben, zahlenmäßig noch immer relativ gering ist, und daß inan im Berliner Pogrom deutlich zwischen dem stets sprungbereiten Mob, den bezahlten und freiwilligen Parteihetzern und den mitgerissenen Erwerbslosen zu scheiden vermochte. Eine Lektion werden die deutschen Juden nun wohl gelernt haben: daß im Augenblick der Aktion der Unterschied zusanunenbricht, den eine geschickte Agitation sie lehrte zwischen sich und den Ostjuden zu machen. Sie werden nun nicht inehr, sollte nun hoffen, bereit sein, den Ostjudcn preiszugeben um selber auf der Seite der Gerechten zu stehen. Sic werden nun hoffentlich wissen, daß, wer diese Unterscheidung mitmacht, selbst vom Antisemitismus angesteckt ist, der wie jede Affekthaltung ansteckend auf sie überzugreifen stets bereit ist. ,Wer bedroht Ist, sucht sich zu decke«, selbst wenn er dabei die Geberde des Feindes annchinen muß, das ist menschlich-allgemein, uml es bedarf schon eines ge* wissen, gefesteten Grunciwesens, um sich einem Anprall auszusetzen wie er das deutsche Judentum heute berennt, und auch die Angegriffensten in die eigene Person miteinbeziehend für sie zu stehen wie für sich. Eines bleibt abzuwarten: ob diese Krise des Anti- ,semitismus den ,,deutschen Geist“ noch weiterhin so erstarkt oder so ermüdet besser lassen wird wie bisher. Als 1916 im zaristischen Rußland ein Antisemitismus, ungleich schwächer als der unsere, sich auftat, standeil russische Geistige, Gorki und Ssologub an der Spitze, dagegen auf. Seit 1916 sehen dem deutschen Antisemiüs-, mus, der mit der unvergessenen Judcnzälilung im Feldheer sich ein erstes Denkmal setzte, die deutschen Gcistigen gesenkten Blickes zu. Nur einer oder zwei, Hermann Hesse, Robert Michel, Otto Flake, haben sich dagegen erhoben. Vielleicht erkennen sie jetzt, um wieviel mehr für sie von diesem Daiicrantisemitismus zerstört wird als für uns? Als inan Deutschland auf das Niveau der oberösterreichischen Provinz herabwirtschaftete (Schönerer, Waidhofcncr Prinzip) schwiegen sie betroffen. Heute, wo man dieses Land, in dem Nietzsche das Wort Hfreier Geist“ fand und gestaltete, auf das Niveau des zarischcn Rußland hcrabwirtscliaftet, sollten sie sich daran erinnern, daß vielleicht einmal eine Generation entschuldigend bemerken wird: ,,damals gab es keinen deutschen Geist in dem gefährdeten Reiche.“ Kein Protest wird die Verwundeten gesund machen, Kein Geplünderter wird davon wiederhergcstellt werden. Die zerstörten Nerven all der Entsetzten, Erschreckten, körperlich Degradierten wird kein Wort und keine Tat des Reiches heilen. Was Menschen tun können, werden hoffentlich die Juden selber tun, und die neuen Opfer der Tatsache, daß Juden überall auf Erden unter Treunungslcidcnschaften leben, ebensowenig verlassen wie sie die früheren verlassen haben. Nur auf eines rechnen wir: daß die geschehenen Tatsachen, ihre Rezeption im deutschen Geiste und ihre öffentlichen und privaten Folgen von der Jugend des deutschen Judentums und von all denen der Erwachsenen, die noch nicht unter Zwangsantricben empfinden und denken müssen, geistig verarbeitet und in politische Form umgesetzt werden sollten. Man müßte sieh endlich dazu entschließen, der Besonderheit unserer Existenz zwischen den .Völkern konsequent denkend und bis zu Ende nachzugellen. Man dürfte nicht länger die Augen wegwenden von Tatsachen, die peinlich, schmerzhaft — oder straffend sind, je nachdem man der Mensch ist, ihnen zu begegnen. Und man sollte sich vor allem darüber nicht im1 Unklaren bleiben, daß mit der Bekämpfung akuter und wilder Ausbrüche des Antisemitismus nicht auch das Uebel selbst anfaßbar ist, dem vielmehr erst sachgemäß begegnet werden kann, wenn der Jude als anschauliche Volksperson den anderen Völkern gleichgeartet zugesellt ist, auf jüdischem Boden, in seinen Rechten Völkerrechtlieh festgelegt und unabhängig in seiner Existenz von den Krisen und Katastrophen anderer Völker, denen er bis dahin immer zuerst zuin Opfer fallen wird, in welchem Lande auch immer: denn der Antisemitismus eines be■ siegten Frankreich zum Beispiel wurde, erinnert man sich noch? dem einstigen russischen und heutigen deutsehen um nichts naehgeben. Die Dekorationen sind gefallen, die schönen Anstriche abgcwaschcn vom Blut und Not, und hohl und kraß zeigen sich die kontinentalen *n 0 ■i «LA TS/T.״!״, im* k * Das 121;■ W. T. ß, hat — wohl nur nil usttrn des Auslandes — folgende Kundgebung produziert: ״Berlin, 10. Nov. (Wo!ff.) Gegenüber unrichtigen Nachrichten im Auslände über Plünderungen in Berlin wird nnuiiclierseits mitgelcilt, daß von planmäßigen Plünderungen atitisemilisrhen Charakters keine Rede sein könne. Von 207 Geschallen, die vom 3.-7. Nov. heimgesucht wurden, gehören Mo christlichen und mir 61 jüdischen Inhabern, wobei zu berücksichtigen ist, daß unter den Geschäftsinhabern der hauptsächlich betroftenc״ Gegend diejenigen jüdischen Glaubens einen außerordentlich starken Prozentsatz bilden. Bei den Ausschreitungen vom 5. Nov. wurden in jener Gegend etwa 40 Personen auf der Straße überfallen. Die Tatsache, daß die Mehrzahl der liebcrfnilenen sogenannte Ostjudcn sind, erklärt sich daraus, daß die betreffende Stadtgcgond hauptsächlich von in den letzten fünf Jahren nach Berlin zugewanderten Leuten jüdischen Glaubens bewohnt ist. Alle Nachrichten von Judenpogromen in Berlin und Deutschland sind erfunden.“ Dazu ist zu bemerken: Wir sind dagegen, daß der Wahrheit widersprechende Nachrichten im Auslände verbreitet werden und verurteilen die übertreibende Darstellung mancher Journalisten und jüdischen Tclcgraphcn-Arjcnfurcn, deren ‘Phantasie zu den bedauerlichen Berliner Ereignissen noch ein Plus hinzugetan hat. Wir wissen, daß auch Ostjudcn, die in einer schweren Zeit immcrliin in Deutschland eine Ztifiir.htsstatte gefunden haben, weit davon entfernt sind, Deutschlands Schwierigkeiten im Ausland vergrößern zu wollen. Atif der anderen Seite aber ist die Art und Welse, wie W. T. B. die ganze fatale Wahrheit hinwcgzulcugiicn versucht, nicht nur unzulässig, sondern muß auch die Glaubwürdigkeit der ganzen Meldung durchaus erschüttern, Zu der Saclic selbst haben wir uns schon in der vorigen Nummer griiuficrt. Die Wahrheit ist — wie wir dort ausiührtcn —, daß cs zweierlei gegeben hat: Einerseits Plünderung von Lebensmittelgeschäften seitens der hungrigen Menge, andererseits einen Judenpogrom in der Grcnadicrstraßc. L>ic geplünderten Geschäfte, Bäckerladen trsw. in allen Teilen der Stadt gehören allerdings zum großen Teil christlichen Inhabern; das hat aber nichts damit zu tun, daß man Juden in der Greiiadicrstralic nackt mis/icht und mit dom Ruf ״Schlagt die Juden tot!“ durch di« Straßen peitscht. Die Erklärung, daß zufällig die Unruhen in einem Stadtteil ausgebrochen sind, der von ״sogenannten Ostjudcn“ bewohnt ist und daß die Tatsache, daß die Geprügelten Juden sind, einfach auf diesen tückischen Zufall zuruckzu• führen ist, stellt an die Naivität des ausländischen Lesers große Anforderungen. I lättc die amtliche Pressestelle in einer würdigen, wahrheitsgemäßen Erklärung die Berichte der Anslaiidspressc auf das richtige Maß zurückgeführt ■und wäre sie von den i\>grombar1diten deutlich abgerückt, dann halte der Zweck, den schlechten Eindruck in der ganzen Kulturwclt abzusdiwächcn, crreidit werden können. Dieses Dementi aber muß wirkungslos!)leihen und als ein Produkt der Ver* Icgenhcit empfunden werden. Antisemitische Kundgebung ln Berlin In den Abendstunden des 13. November kam es am Wilhelmplatz zu Charlotteiihurg aus Anlaß des polizeilichen Verbotes einer antisemitischen Versammlung zu bedrohlichen antisemitischen Demonstrationen. Die Ver- Sammlung war vom ״Deutschen Herold“ cinbcrufcii, Hauptredner sollte Reinhold Wulie sein. Als die in geschlossenen Trupps heranzieher.den Versammlungsteilnehmer den Eingang in den Versammlimgssaal durcli Polizei abgesperrt fanden, nahmen sie eine drohende Haltung1 gegen die Po* lizei an, 90 daß der diensthabende Olfizicr schließlich das Seitengewehr aufpflanzen ließ. Die Demonstranten zogen sich sodann auf den Williclmplatz zurück, wo antisemitische Ansprachen gehalten und antisemitische Lieder gesungen wurden. Man hörte Rufe wie ״Nieder mit der Judciircgierung", Hi :1er, ״Schlagt die Juden tot“, ״I loch Ludemlorff“ usw. Die Menge zog auch durcli die umliegenden Straßen und die Stimmung wurde immer bedrohlicher. Die Häuser ain Williclmplatz und den umliegenden Straßen wurden von den Einwohnern geschlossen, da man ein Eindringen der Menge befürchtete. Nachdem starke polizeiliche Vcrsärkungen zu liiifc gerufen wurden, konnten die Demonstrantenzi'ige aufgelöst und zerstreut werden. In den Abendstunden des 14. November kamen Im Berliner Westen neuerdings antisemitische Kundgebungen vor, die sich über die Vcrkehrszentren in Cliarlottcnburg, Am Knie, Stcinplatz, sowie Kurtürstcndamm ausdehnten. Die gegen das Verbot der Versammlungen des ״Herold“ deinonstricrcndc Menge stieß die bekannten judcnhetzerischcn Rufe aus. Personen, dip man für Juden hielt, wurden beschimpft und .«gerempelt. Als die Haltung der Menge bedrohlich wurde, schritt verstärkte Schutzpolizei ein, zerstreute die Demonstranten und nahm eine Anzahl Verhaftungen vor. Jutlenliclzc und Reaktion Berlin. (J.T.A.) Am 13. November fand eine von der V. S. P.D. veranstaltete Protestvcrsammlung gegen die antisemitischen Exzesse in Berlin statt. Nachdem der Vorsitzende Abg. Künstler auf die Gefahr der völkischen Juclcnhetzc für 'Deutschland überhaupt hingewiesen Iiattc, referierte der Reichstagsabgeordnete Hilden brand über ״Die Judenverfolguugen — ein Vorbote der Reaktion“. Er führte aus: In Deutschland stand die Gleichberechtigung der Juden auf dem Papier, in Wirklichkeit aber wurden sic von den wichtigsten Acintcrn ausgeschlossen. Die Bevorzugung des Handels durcli die Juden erklärt sich daraus, daß mau ihnen Jahrhunderte hindurch nichts anderes gestaltet hat. Die Ausbeutung ist nicht eine jüdische, sondern eine kapitalistische Eigenschaft. Der Vorwurf, daß besonders Juden sich vom Kriege gedrückt hätten, trifft nicht zu. Der jüdische Reichstagsabgeordnete und Sozialist Frank war unter den ersten, die 1914 ilire Begeisterung mit dem Lehen bezahlen mußten. Nach dem Zusammenbruch suchte man die Aufmerksamkeit von den Schuldigen abzulcnkcn und inszenierte zu diesem Ziele eine neue Juden hetze. Hinter dieser Hetze versteckt sich aber der Haß gegen die Republik. Der Kampf gegen die Juden soll nur Unruhen stiften, die der Reaktion die ersehnte Gelegenheit gibt, ciiiziigreifeu und die Arbeiterschaft nieder- Zuschlägen. Die Deutschvölkischen in Norddeutsdiland sind eins mit den bayerischen Putsdüsten und cs ist deshalb nidit Zufall, daß gerade in diesen Tagen die Judenverfolgungen in der Grenadierstraße begannen. (Zuruf: Die Polizei hat zugesehen!) Die Polizei, oder wenigstens einige ihrer Offiziere scheinen im Zweifel gewesen zu sein, ob sic ohne besondere Völker alle aus gleichem Holze und alle noch in derselben geistigen Eigenart, die sic in den Kreuzzügen und zur Zeit des Schwarzen Todes unsere Vorväter hinopfern ließ, sei es, weil sie ״die Brunnen vergiftet hatten“, sei cs, dniadt, weil sie Juden waren. Anordnung gegen Plünderungen vergehen sollten. Im Gegenwart von Polizei wurden Wehrlose mißhandelt. Gegen die 1 Elemente, die unter dem Deckmantel der Judrnhetze auf i den Sturz der Republik hinarbeiten, soll die gesamte Arbeiter, schalt Zusammenstößen. ' Die polnische Intervention ■Warschau, 1Z November. (J.C. B.) In Regierungskreisen verlautet, die polnische Regierung hätte siel! angesichts der antijüdischen Ausschreitungen im Ostjudcn. viertel Berlins entschlossen, bei der deutschen Re. gicrung vorstellig zu weiden. Die [Klinische Rc. gicrung wolle im Interesse der wahrend der Berliner Ausschreitungcn geschädigten polnischen Staatsbürger Genug, tuung und Schadenersatz verlangen. Der Sonderberichterstatter des J.C. B. in München teilt mit: Der Protest der polnischen Regierung gc. gen die Ausweisung von Juden aus Bayern hat in offiziellen bayerischen Kreisen einen starken Eindruck gemacht. Aber auch an der Oeffentlichkcit ist er nicht spurlos vorübergegangen. Wie der Sonderberichterstatter des J. C. B, erfährt, ist die Antwort der bayerischen Regierung auf den polnischen Protest dem polnischen Konsul bereits Zugestellt worden. Der Gedanke, der der Antwort zu Grunde liegt, ist der, daß die Ausweisungen nicht etwa nach nationaler oder Staatszugehörigkeit, sondern •lediglich unter dem Gesichtspunkte d e r S c h äd I ich. keit der betreffenden Personen für die bayerische Wirtschaft erfolgen. Warschau. (J.T. A.) Der Sejmdeputierte Dr. Leon Reich interpellierte die Regierung, was sie angesichts der Aus- Weisung polnischer Staatsbürger jüdischen Glaubens aus Bayern zu tun gedenke. Vizemim'ster Seyda erklärte, die polnische Regicrung hätte in dieser Angelegenheit nachdrückliche Schritte in München und Berlin unternommen. Jüdische FlUcliHinae aus Berlin J. T. A. meldet aus Paris: Zahlreiche Juden sind diese Woche aus Berlin nach Pa ris gekommen. Bei den meisten von ihnen handelt es sich um Arbeit suchende, junge Leute. Man sicht sie in Gruppen im jüdischen Viertel herumwandern und nacli Beschäftigung!ragen. Ferner sind mehrere jüdische Schriftsteller und Künstler, die bisher ihren Wohnsitz in Berlin hatten, nach dem Künstlerviertel von Paris, dem Montparnassc, übcrgcsicdelt, wo man sie jetzt in den bekannteren Künstlercafes, wie ״Rotonde“ und ״Dome“ und ״Vavin“ sehen kann. ״Freiwilliger Auszug“ Der Sonderberichterstatter des J. C. B. in München teilt mit: Auf die Vorstellungen der Münchener jüdischen Kreise, die auf die wirtschaftlichen Folgen der Ausweisungen für die Betroffenen hingewiesen hatten, erklärten sich die Münchencr Polizeibehörden bereit, den ״freiwilligen Auszug“ derjenigen Personen zu gestatten, die rechtzeitig schriftliche Verpflichtungen abgeben, Bayern zu verlassen. Für die ״freiwillig Aus/iehendcn“ gilt nicht die 14 tägige Frist, die־ fiir die anderen Opfer der Aus- Weisungen regelmäßig festgesetzt wird; ebenso behalten die Freiwilligen das Recht des Wohnungstausches, während die amtliche Ausweisungsverfügung gleichzeitig die Beschlagnahme der Wohnungen aiisspricht Bisher sind zirka 25 Familien zum ״freiwilligen Auszug“ angemerkt worden; ein Teil derselben hat aber dennoch nachträglich Verfügung über Zwangsausweisung erhalten. Kardinal Faulhaber München. (J.T. A.) Das Münchener katholische Organ ״Bayrischer Kuriert1 beschäftigt sich mit den letzten stark anti• semitischen IDemonstrationen in ׳ der Münchener Universität gegen den Kardinal Fauihaber und teilt mit, cinSruJentcntrupp nabe vor dein Palais des Kardinals eine antisemitische K a t z e n m u s i k veranstaltet. Nach einer Meldung aus Rom dementiert das Volta-Büro offiziös die auswärts umlautenden Gerüchte, wonach der Brief des Kardinals Faulhaber an den Reichskanzler durch den Vatikan inspiriert worden sei, jedoch entsprächen die Ermahnungen des Kardinals zum Parteifrieden und gegen dm Antisemitismus den meinen Grundsätzen. vom Vatikan stets verkündeten alige- Die l äge in Nürnberg Wie uns ein vertrauenswürdiger Gewährsmann in Nürn׳ borg mitleilt, ist die Schilderung der Lage in . Nürnberg, die in dem Vom Berliner Tageblatt" veröffentlichten um von uns in der vorigen Nummer wiedergegebenen Briefe ent- Worten wird, stark übertrieben. Zwar ist die judenfcindlichc Stimmung sehr stark und bedrohlich und Ausweisungen sind gleichfalls an der Tagesordnung; über eine Anzahl von 1 lakenkrcuzIcr-Ucberfällcn auf jüdische Bürger wurde bereits berichtet; die Atmosphäre ist so gespannt, daß immer mit Entladungen gerechnet werden muß. Es liegt jedoch in nieinaudcs Interesse, übertriebene [3crichte zu verbleiten, wo die Wahrheit schon trübe genug ist. — Wir halten uns für vernflichtct, da wir die in dem letzten Satz ausgesprochene Aufrasstmg teilen, von dieser Darstellung unseren Lesern Kenntnis zu geben. Antisemitische Unruhen in der Provinz Königsberg. (J.T. A.) Das kleine kaum 3030 Einwohner zählende Landstädtchen Freystadt in Westpreußen (jetzt Ostpreußen unterstellt) war kürzlich der Schauplatz planmäßig organisierter antisemitischer Au: ehr«- tungen. Abends nach Schluß der Betriebe wurde die Feuerglockc geläutet, worauf in wenigen Minuten mehrere hundert Personen, geführt von Agitatoren, die judenhetzerische Rufe nusstießen, den Marktplatz anfüiltcn und einen Sturm gegen die jüdischen Geschäfte und Wohnungen begannen. I)ic Schaufenster wurden eingcschlagcn und die Geschähe ausgeraubt. Der Bürgermeister Wendt versuchte mit den wenigen Polizeibeamten persönliche Angriffe gegen die iüdischen Bürger zu verhindern. Nachdem der Landrat Dr. Friedcnsburg, von einer Anzahl Landjäger begleitet, eiligetroffen war, konnten weitere Gewalttaten verhindert werden- Von den Juden sind eine Anzahl verletzt, jedoch nicht ernst. Zehn Plünderer wurden fcstgenommcn. Am 16. November abends kamen in Ncusalz an der Oder umfangreiche Plünderungen vor, wobei antisemitische Agitatoren die Menge zu einem Sturm auf die jüdischen Geschäfte er* munterten.

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