Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVIII (1923)
- Issue
- Heft 94 (2.11.1923)
- Date
- 1923-11-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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' Seite £48 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. t>4 'die. außc1!jx>litischc Situation Bayerns. Wir halten cs nicht für sicher, ob Herr v׳. Kahr sich za einer solchen Maßregel cnUchlosscn hatte, wenn er bzw. der von ihm repRiscnl teile Staat die Konsequenzen einer solchen Maßnahme zu tragen gehabt hätte. So aber belastet er damit heute außenpolitisch nur das Reich, ohne selbst eine Verantwortung übernehmen zu müssen, und das ist den bayerischen Machthabern gegenwärtig vielleicht gar nicht einmal so unangenehm. Wir können uns nicht vorstellen, da fl der bayerisch? Ocncralstaatskommissar in einem Zeitpunkt, wo selbst ein von Antisemitismus so beherrschtes Land wie das mit den bayerischen National- Sozialisten verbrüderte Ungarn durch außenpolitische Notwendigkeiten sich gezwungen sieht, seinen offiziellen 1Antisemitismus ernstlich abzubauen, und das gleiche für andere Länder des Ostens gilt, die Judctiausweisung durchgemmc hatte, wenn die außenpolitischen Folgen Ünyern allein berührt hatten. Es ist doch ganz klar, daß die zivilisierte Welt zu einem solchen mittclaltcrliehen Vorgang nicht schweigen kann und wird. Und ebenso klar ist es, daß gerade die Länder, deren Hilfe das Deutsche Reich heute am meisten benötigt, die angelsächsischen, deren Stellung dem jüdischen Volke gegenüber ja bekannt ist, daß der Völkerbund, der sieb schon öfters gegen antijiidischc Beeinträchtigungen gewendet hat, daran nicht achtlos vorübergehen werden. Man kann cs daher vom deutschen Standpunkt nur aufs tiefste bedauern, daß derartiges heute in Deutsch- ]and in einem Augenblick geschehen kann, in dem das Reich wie nie zuvor die Sympathie und die AJithilfe der Welt braucht, ln den Tagen, da in München die Judennusweisungen verfügt wurden, wurde dort die Rede des Generals Smuts, die er in London über das Reparations-Problem gehalten hat, plakatiert. Weiß man denn in Bayern nicht, daß dieser Burengencrnl einer der wärmsten Freunde des jüdischen Volkes ist und daß diese Rede vielleicht anders ausgefallen wäre, wenn diesem hervorragenden Staatsmaune die neuzeitliche Judenaustreibung aus Bayern vorher bekannt gewesen ־wäre? Wie können deutsche Politiker noch hoffen, daß ihr Protest gegen die Ausweisungen aus dem Rheinland und dem besetzten Gebiet die erhoffte Wirkung in der Welt- Öffentlichkeit finden wird, wenn die gleiche Maßrcgel gegen ruhige, fleißige und unbescholtene Bürger 1n einem deutschen Lande angewendet wird, ohne daß irgendein Vorwand, auch nur ein scheinbarer, diese Ausweisung rechtfertigen könnte. Es ist auch, wie nur beiläufig bemerkt sei, gerade für den deutschen Staat kein vorteilhafter Zustand, wenn andere Staaten, voranlaßt durch solche völkerrechtlich an sieh zulässigen Maßregeln, zu dem im Völkerrecht dagegen als Abwchrmittel ebenfalls vorgesehenen Instrument der Repressalien greifen würden. Die Folgerungen, die sich für das Reich, das jetzt beispielsweise auf finanzielle Hilfe aus Amerika große Hoffnungen setzt, aus den Maßnahmen der bayerischen Regierung ergeben, sind wohl ziemlich klar. Es hat am allerwenigsten Ursache, sich durch solche von i h in , nicht von den betreffenden Landesbehörden zu verantwortenden Maßnahmen auch noch die ohnehin nicht mehr sehr zahlreichen Sympathien zu verscherzen, die es in der Welt noch besitzt. Es liegt im Reichsintcressc, daß die deutschen Reichsbehörden gegen die Münchcnet Vorgänge Stellung nehmen und, soweit es in ihrer Macht steht, ihre Wiederholung verhindern. Daß den Ausgewiesenen in anderen Teilen des Reiches zunächst einmal eine Aufenthaltsinögiichkeit gewährt wird, versteht sich ja schon aus Gründen der Menschlichkeit von selbst. Wir erwarten, daß die Rcichsregicrung zu den Ausschreitungen in München unzweideutigStellung nimmt und die Möglichkeiten der Verständigung, die sic mit den bayerischen Stellen heute noch hat, benützt, um diesen das Unverantwortliche, Schädliche und Unmenschliche ihres Verfahrens vor Augen zu halten. Wellcre Einzelheiten der Ausweisungen Unter den Ausgewiesenen befinden sich ferner: Isidor Hauser, verheiratet, 5 Kinder, die sämtlich in München geboren sind; es wird ihm vorgeworfen, daß Cr wiederholt politisch beanstandet wurde, wovon nichts bekannt ist Sodann wird ein schwebendes Strafvcifahren wegen Betrugs als Grund angegeben, das gleichfalls unbekannt ist, übrigens als noch nicht abgeschlossen auch kein rechtlicher Grund sein kann. Chain! liojda, verheiratet, 3 Kinder, die in München geboren sind. Begründung: Seine Tochter, die seither verheiratet ist und nicht bei ihm wohnt, sei vor längerer Zeit wegen Preistreiberei bestraft. (In Wirklichkeit handelt Cs sich um eine geringfügige Geldstrafe wegen eines geringfügigen Vergehens.) Der Ausgewiesenc selbst ist noch nie im Geringsten bestraft worden. Emil Boiie, verheiratet, 3 Kinder, alle in München gebereit, lebt seit 34 Jahren in München. Vorwurf: Strafe Wegen Preistreiberei, in Wirklichkeit aber nur geringe Geld, strafe' wegen kleinen Vergehens, wie man cs bei jedem Geschäftsmamie nach dem hrcistrcibcreigcsctz hätte' ieststcllen können. Die einzige Bestrafung des Mannes während 34 jährigen Aufenthaltes. Schein, verheiratet, 3 Kinder, sämtlich in München geboren, lebt seit 12 Jahren in München. Vorwurf: Strafe wegen Beihilfe zu verbotener Ausfuhr. Dies; bestand darin, daß *ein Unbekannter Kunde einen einzelnen Gegenstand kaufte und!diesen darin unbefugt über die Grenze bringen wollte. Einfluß!darauf 'und Kenntnis davon hatte Schein nicht. J eher, 1 cii^cro ft.hc: .;::er.'on in Donfcc״:.las1dl Wir laschen hierdurch darau! aufmerksam, daß nur »Ile diejenigen Abonnenten die Zeitung Im November zugestellt bekommen können, die außer der durch Nach* »ahme erhobenen Vorauszahlung die schon direkt eingeiorderte Nachzahlung von Goldnaarlxi überwiesen haben. Wir bitten dringend, dl■ Einzahlung dieses Betrages, «tngcrachaof zum Tageskurs, unverzüglich aui unser Postscheckkonto Berlin Nr. 17392 vorzunehmen oder den Betrag in Noten im Brie! einzusenden- Bank- Schecks können nicht angenommen werden. Dia ״Jüdische Rundschnn“ ltnnn nur weiter erscheinen, wenn die geforderten niedrigen Abonnemcntst’cbühroa pünktlich entrichtet werden. Allein die Herstellung«* und Versandkoston der Nummer vom 30. dieses Monats kosteten zirka zwei Billionen. Verlag ״Jüdische Rundschau“ Berlin W 15, Sächsische Straße 8 Postscheckkonto: Berlin 17392 Die Sitzung des AeUons-ComUls Unmittelbar vor Rcclaktiorisschluß erhalten wir das folgende Telegraimn: ״Die Sitzung des Actions-Comitds wurde nach einer ausführlichen Diskussion über die Politik der Organisatioti und die Lage der Bewegung abgeschlossen. Es wurde eine Resolution angenommen, die Englands Bentühung um den jüdisch-arabischen Ausgleich anerkennt, aber die Notwendigkeit betont, am Mandat festzuhaltcn, und die Inkongruenz der beiden Agcncys feststem. Obwohl die Organisation den Beschluß der Arab Agency nicht annehmen kann, wiederholt sie ihre Bereitschaft zur Kooperation.“ England und Ifcdfas London. (J. C. B.) Der Londoner Bevollmäciitigte des Königs Hussein von Hedjas, Dr. Naji el Assil, bemühte sich, eine Aenderung des Entwurfes des Freundschaftsvertrages zwischen Großbritannien und Hedjas zu erzielen, wobei er Palästina als die Haupt- Schwierigkeit auf dem Wege zu einer Verständigung betrachtet. Einem Vertreter der Reuter-Agentur erklärte Dr. Naji el Assil: ״Unser neuer Vorschlag, den wir augenblicklich in London unterbreitet haben und der hier der Prüfung unterliegt, sicht die möglichst rascheste .Errichtung einer Regierung Ju ,Palästina voraus! die: die einheimische Bevölkerung repräsentieren und •das größte mit der bekannten Politik Großbritanniens vercinbarlichc Maß an Unabhängigkeit besitzen soll. Ich bin der Meinung, daß der Vorschlag in gleicher Weise den Wünschen der Engländer, Juden und Araber ent• spricht.“ Die palästinensisch - arabische Delegation Arabische llnzulricüenhclt Jerusalem. (J.C.B.) Die arabische Zeitung ״El Carmcl“ gibt in einem Leitartikel einen Uebcrblick über die Lage in Palästina seit dem ersten Araberkongreß. Von der Arbeit der drei nach London entsandten Dclegationen wird behauptet, sie hätten keinerlei praktisches Resultat erzielt. Für die Zeitung ist die Tatsache überraschend, daß die Mitteilung über das Inkrafttreten des Palästinamandates von allen Teilen der arabischen Bevölkerung so ruhig hingenommen worden ist. Sic fordert die Absetzung derjenigen Führer, die diese Tatsache ohne Protest hingenommen haben. Es sollen an ihre Stelle andere, die arabischen Interessen besser schützende Führer treten. Die Zeitung schließt: Wenn die Balfour- Deklaration nicht durch eine offizielle Bekanntmachung zurückgezogen wird, wird sic in allen ihren Absichten und Zielen durch gewisse politische und wirtschaftliche Maßnahmen der erstarkten arabischen Nation ungültig gemacht werden. ״Moraat el sliork“ bemängelt cs, daß unter den in der Angelegenheit der Arab Agency zum Oberkomtnissar beorderten arabischen Notabcln sich kein einziger Christ befunden habe, abgesehen von dem Sekretär der arabischen Exekutive, Khalii Sakakinl, dem Sekretär der Delegation Wadis el Bustani und den Herausgebern des ״Sut el Shaeb“ und des ״Moraat el Sliork“, die als Journalisten eingeladen worden waren. Das Blatt betrachtet es als eine Nichtachtung der christlich-arabiselten Bevölkerung, daß, abgesehen von den Sekretären und Journalisten, keine wirklichen christlichen Notabein bei der Vorbringung eines so wichtigen Vorschlages durch den Oberkommissar anwesend waren. Die Lage der Juden in Rumänien Bukarest. (J.C.B.)), Der gegenwärtig in ׳ Rumänien weilende Delegierte des Völkerbundes, Graf Saint Croix empfing die jüdischen Vertreter Dr. ׳Filderniaiiii und Dr. Mogtkr und informierte, sich, bei ihnen <*ibcr die jüdische Lage in Rumänien. Ein Jade Bürgermeister von Tiberias Jerusalem. (J. C. B.). Der Jude Zaki Hadef ist intcri• mistisch zum Bürgermeister von Tiberias ernannt worden. Der bisherige arabische Bürgermeister Hussein! Zamyl mußte wegen Beschuldigung eines Mißbrauchs der Amtsgcwalt seinen Pasten verlassen. Nach der letzten Volkszählung betrügt bei einer GesamtbcvölkerungsziiM von </)50 Seelen die jüdische Bevölkerung von Tiberias 4127. Somit bildet die jüdische Bevölkerung 64 0/» der Gesarn teinwohincr6e haft von Tiberias. 'י 11 Eridchuiigskonlercnz Von Lullt Treu, Essen. Da» bedeutendste Ereignis der Jüdischen Erziehung, konferenz war ihr Zustandekommen. Vor 20 Jahren, noch vor 10 Jahren, wäre sie unmöglich gewesen, weil man sic nicht gewollt hätte, weil der Gedanke, eine jüdische Erzlchungs. konferenz abzuhalten, geradezu feindselig aufgenommert worden wäre. Vergegenwärtigen wir uns nur den Anblick, den die deutsche Judeiihcit bot, als der Zionismus zum erstenmal ehe Gemüter mit seinen Forderungen erschreckte. Da war ein Liberalismus, der seinem kosmopolitisch-humanitären ideal zuliebe bewußt «alles ausgesprochen Jüdische abdiimmte. beherrschte die Bildfläche; für ihn war Oesetzestreue als Zeichen von Altersschwäche rührend, sonst aber ein tmlrlij. lieber Beweis für geistige Rückständigkeit oder Heucheln. In Ecken und Eckchen saßen Gemeinden der Frommen, über deren Denken und Tun nur die Fama erzählte, daß $ic c9 unter allen Umständen für-sündhaft hielten, am Sdtabhes! einen Regenschirm zu tragen. Wie hätte der ״Ulk“ geulkt, j wie hätten alle Leser de» ״Berliner Tageblatts“ und änderet ’• Tageblätter diese Betonung des Trennend-Konfessioneilen ver• abschcul, wenn damals eine Jüdische Erzichungskonferenz an• gesagt worden Wäre 1 Was ist denn gescheiten, daß es heute nicht mehr so ist? Wie ist es möglich, daü die deutschen Juden das Bedüritiis fühlen, sich im geschlossenen Kreis über die Erziehung ihrer Nachkommen auszusprechen? Daß es so ist, erkennen aut einmal alle an; aber wenn sie sich über den Grund dazu Rechenschaft geben wollten, müßten sic zugeben, daß es eine Vcrluststimmung ist, die sie zusammentreibt. Und so wenig hat man sich daruber Rechenschaft gegeben, daß ntan im Gegenteil das Verlorene als Fackel anstecken möchte, wenn man sich auf den Weg begibt, das Neue zu suchen. Der Glaube an eben jenes herrliche kosmopolitisch-humani״ tärc Ideal ist's, der abhanden gekommen ist, jener schöne, feste Glaube an die Wcltcrlösung durch dieses Ideal, dem wir zunächst einmal alles, was uns andern machte als die anderen, bereitwillig zum Opfer gebracht haben, soweit es unserem Willen erreichbar ist. Zum Glück ist der Kern unseres Wesens ihm entzogen; zum Glück hat unsere Seele die merkwürdige Fähigkeit, sich zu besinnen auf Dinge, die der Verstand ihr nie nahcgcbracht hat, und so steht es jetzt auf einmal vor der Seele des liberalen deutschen Juden, daß cs ״das Jüdische“ sei, wonach sie sich sehne — obwohl sie es dem Zionismus bis heute noch nicht verziehen hat, daß er dasselbe behauptete. Wenn diese Situation fruchtbringend seht soll, dann tut vor allen Dingen Klarheit not. Es hätte eine gute Grundläge gegeben, neben Frau Fraenkel-Ehrcntreus Referat über ״Elternhaus und Erziehung“ eins zu setzen, das die ernste, anfordernde Bedeutung des ״ncuerwachtcn jüdischen Interesse»“ von dieser Seite her gezeigt hätte. Was Frau Fracnkcl» Referat schilderte, war d»c Erziehung zum Juden im gesclzc»• treuen Haus, unter Hervorhebung der psychologischen Momente, die eine solche Erziehung für das Kindesgemüt ersprießiieh machen, — eine Idylle, in sich abgeschlossen und unantastbar, aber auch unberührt von den inneren Kämpfen, in denen die Erben der Emanzipation stecken und aus denen sic schließlich doch noch anderes als Wunden und Beulen mitzubringen hoffen. Jenes Erfüillscin von Gegebenem, das sich in den ״Gemeinden der Frommen“ gerettet hat, zeigte sich bei dieser Gelegenheit wieder als lebende wirkende Kraft unter uns, und es ist eins der besten Zeichen unserer Zeit, daß wieder solche tiihrcnd unter uns stehen können, die nie aufgehört haben, jüdische Geisteshaltung, jüdische Lebensfülirung zu verkörpern. Wo blieben denn bisher diejenigen, die sich nach cincin festen Halt, nach dem ״Seil von oben“ sehnten? Im Katholizismus. Und doch gibt es immer, vor allem aber in Zeiten großer Bewegtheit, Seelen, deren Glaube erst anfangen kann, wo keine Bestätigung durch menschliche Vernunft mehr möglich ist, oder die sich, müde und enttäuscht vom beschwerlichen eigenen Weg, in die Offenbarung ein* zubetten sehnen. Ohne zu wissen, daß nur ihre Unkenntnis vom Judentum sic innerlich heimatlos macht, sind sie Beute aller Schwärmereien geworden oder im Schoß der Kirche gelandet. Diese, weder Dummköpfe noch Heuchler, im Gegenteil ehrlich sudtende Menschen sind es, für die ein Referat wie das der gcsctzesfrcucn Frau einfach das letzte Wort bedeuten kann. Aber für andere fehlt noch vieles. Wäre jenes: Verlornes Volk, ich weise dir die Wege, Und deines Weges Losung heißt: Zurück! der Weisheit letzter Schluß, dann wäre längst alles befriedigt. Es ist nicht so. Der deutsche Jude, das Kind der Emanzipation, ist nicht nur Irrend durch d,1s tö. Jahrhundert gegangen. Es wäre sicher gut gewesen, gleich von Anfang an klarzumachen, warum der Sprung in die Mitte altes Mensch• liclicn hinein, mißglückt ist, zu dem der liberale Jude des vergangenen Jahrhunderts sidt berufen fühlte, was er der Weit und sich selbst schuldig geworden ist, als. er glaubte, das Ererbte und bis zum Augenblick der Emanzipation Erlebte als Ballast fortwerfen zu müssen, Er wird die neuerw,teilte ״Sclmsuchf nach Judentum“ nicht aus dem Scntimcntalischcn losreißen können, solange er jenes kosmopolitisch ■humanitäre Ideal nidit dadurch in sich überwunden hat, daß er sich dessen bewußt wird, was daran ewig war, was vergängliche Zeitstimmung und was Selbsttäuschung und voreiliger Irrtum• Solange er das nicht weiß, solange sein alter ״Liberalismus“! seine neue ״jüdische Sehnsucht“ und die Eindrücke und Ein• flüsse des Tages in ihm durcheinandcrsdtwitnmeii, kann er keine feste geistige Haltung und damit auch keine sichere Einstellung zu seiner Erziclteraufgabc zuriiekgewinnen. Wie soll derjenige, wie soll diejenige erziehen, die selbst keine Klarheit haben? Die sich nicht aufraffen können, neuen Grund unter ihr Denken und Wollen zu legen, sondern sich ebenso wie ihre Umgebung von einem zum anderen Tages• schlagwort treiben lassen? Schweben wir doch in der un• geheueren Oefahr, daß die deutsche Judenheit, gerade in dem Augenblick, da sic sich zum Judentum zurückzuwenden glaubt und sich in Retten über ״jüdische Form“ ergeht, zu einer abgcschwächtcn Kopie jener dcutschvöikischcn Kreise wird, zu denen sie sich im tiefsten und innersten Gegensatz glaubt: denn mit dem Abtehnen Öes Rassen, und Klassenhasses ist cs nicht getan: damit, die moralische Entrüstung dieser geschlagenen Raufbolde über ihre Gegner halb zu belächeln, halb mitzuniachen, ist es auch nicht getan. Die feste Einstellung, den Gesichtspunkt für uns und damit für unsere Erzieheraufgaben, können wir nur gewinnen, wenn wir das herausarbeiten, was uns aufzudäntmern beginnt: daß wir zu den großen Krisen der Gegenwart als Juden etwas zu sagen