Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVIII (1923)
- Issue
- Heft 90 (19.10.1923)
- Date
- 1923-10-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 532 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 60 Der Zionismus als Rcatfle» pn! den toHscnlllsr.as Von Dr. jur. et päiil. Felix WieHsch, Prag. Es gehört zu den wichtigsten tksfandstückcn aus dem Inventar der Gegner des Zionismus, diesen als Reaktion auf den Antisemitismus zu bezeichnen, Sie wollen damit sagen: der Zionismus ist keine spontane Bewegung, keine Innerlich notwendige Entwicklung des jüdisclven Volkes. Es ist nur eine Reaktion, nur eine Verteidigung gegenüber dem Antisemitismus, oder sogar eine Konzession an den Antisemitismus. Also der Antisemitismus hat den Zionismus hervorgemfen. Hätte Herz! nicht als Korrespondent der ״Neuen Freien Presse•‘ in Paris den Dreyluspnozeft miterlebt, hätte ihn nicht jener durchdringende Judenhaß, den er hier mitten im freisinnigen Frankreich erlebte und in aUcn seinen Details beobachten konnte, im Innersten aufgewühlt, so wäre nicht in ihm jene innerliche Revolution, jener grandiose Umschwung vor sich gegangen, der aus einem typischen Wiener assimilierten jüdisehen ״Neue Freie Pressc“-Litcraten den großen Führer des jüdischen Volkes machte, so wäre in ihm nicht die übermenschliche Kraft gewachsen, die dazu gehörte, aus dem jüdi- «dien Volke, das 2000 Jahre lang ein hin und her geschleudertes Objekt der Geschichte war, ein Subjekt der Gcsdiichte und der Politik zu machen. Aus dem Individuell-historischen ins AUgemeine gehoben heißt das: Oäbe cs keinen Antisemitismus, so gäbe cs auch keinen Zionismus. Dieses antizionistischc Argument enthält sadilidi manches Richtige. So wie cs nicht zu leugnen ist, daß Hcrzl durdi sein Erlebnis des Antisemitismus zum Zionismus gekommen ist, 60 gilt dies für viele Einzelne und in großem Maße für die Gesamtheit Es ist keine Frage, daß diese unfreundliche Außenweit die Juden zu sich selbst zurückführt. Der gcsellsdiaftiidie Antisemitismus treibt die Juden zueinander. Der politisdie Antisemitismus läßt sie sich organisieren; der geistige Antisemitismus lenkt diesen Blick auf Sinn und Wert des eigenen Seins. Es ist also richtig, daß der Zionismus zu einem wesentliehen Teil Reaktion auf den Antisemitismus ist. Und nun kommt das Wesentliche. Ist das ein Gegenargument? Ist das tatsächlich nur im geringsten geeignet, den Zionismus herabzusetzen, seine Bedeutung, seinen Wert zu mindern? Man braudite nidit allzu tief in die Bctraditung des Weltgeschehens und des menschlichen Tuns eingedrungen zu sein, um zu erkennen, wie kindlich, ja wie kindisch cs ist, aus dieser Tatsache ein antizionistischcs Argument zu machen! Denn genau betrachtet, sind die herrlichsten Dinge, welche die Menschen geschaffen haben — Reaktionen. Die unendliche Mannigfaltigkeit des Lebens, die Entwicklung des unübcrschbaren Rcidies der Natur, die Entfaltung des menschlichen Geistes, geschieht, indem ein göttlicher Antrieb auf Hindcrnisse stößt» und auf diese Hindernisse Widerstände, Hcmmun■ gen durch Schaffung neuer Wege, Umwege, Auswege reagiert. Und 90 kann man die größten Kulturschöpfungen der Menschheit als Reaktionen auf Hindernisse der menschlichen Werdensrichtung bezeichnen. Die Religion ist die Reaktion des Menschen auf die großen Rätsel des Seins, des Werdens und des Todes. Ehe Wissenschaft ist die Reaktion auf die Fragen und Zweifel — das sind die Widerstände — welche die Welt unserem Einheit suchenden Geiste entgcgengestcllt Unsere Verkehrsmittel, Eisenbahnen, Dampfschiffe, Automobile, Flugzeuge, Telephone, Telegraphen sind Reak- " Honen auf die Hindernisse, welche die räumliche Entfernung dem menschlichen Zusammenleben bietet. Ja unsere ganze Wirtschaft, Ackerbau, Handel, Industrie sind Reaktionen auf Hindernisse, welche die Erde dem Streben, den Hunger mit ihren Gaben zu stillen, entgegengesetzt Man kann diese Aufzählung noch lange fortsetzen. Immerhjn geht schon daraus hervor, daß die Beurteilung einer Hand■ lung, Tätigkeit oder Bewegung als Reaktion, sie noch nicht herabzusetzen imstande ist. Der Wert des menschlichen Tuns hängt nicht davon ab, ob eine Reaktion oder eine spontane Aktion vorliegt, sondern davon, ob es eine mechanische oder eine schöpferische Reaktlon ist und welche Kraft in ihr steckt Es kommt also nicht darauf an, daß man reagiert, sondern darauf, wie man reagiert. Wenn ein Mensdh von Hunger geplagt wird, 80 kann er verschiedenartig reagieren, und diese Reaktion kann einen verschiedenartigen Wert haben: Er kann stehlen, einen Raubmord begehen, oder auch eine ungeheure Entdeckung machen. So gibt es denn auch verschiedene Arten der Reaktion auf den Antisemitismus. Da gibt cs vorerst die Flucht; und zwar die einfache Flucht aus Opportunismus. Der einzelne Jude leidet unter dem Antisemitismus; in seinem Selbstgefühl, Wirtschaftlieh, gesellschaftlich, vielleicht auch körperlich, er leidet als Jude. Was ist da einfacher, um diesen Leiden zu entgehen, als das Judentum einfach wegzuwerfen? Um dem Antisemitismus seine Angriffsmöglichkeit zu nehmen, sucht man aus dem Judentum zu {liehen. Man läßt sich oder seine Kinder taufen, oder treibt Mimikry, assimiliert sich so gut und so intim es gellt. Man wird eventuell noch Helfershelfer der Antisemiten. Das kt auch eine Reaktion. Es gibt noch andere Arten von Flucht vor dem Judentum: Flucht, nicht aus Opportunismus, sondern aus Ueberzeugung. Man kann sich durch die Argumente des Antisemitismus von der Minderwertigkeit oder Nichtswürdigkeit des Judentums überzeugen lassen. Wenn man daraufhin ans dem Judentum flieht, 90 geschieht das nicht nur um sich 1 selbst zu retten, sondern weil man solches Tun für die Menschheit als förderlich ansicht. So also sieht die Flucht als Reaktion auf den Antisemitismus aus. Es gibt aber auch Kampf. Di gibt es die berühmte : ״Abwehr des Antisemitismus“. Es ist ein Klein- ’ krieg ohne führende Idee. Man kämpft gegen Symptome. Es ' ist eine gut gemeinte, brave, aber typisch unschöpferische ׳ Art der Reaktion auf den Antisemitismus. Man wehrt sich . von Fall zu Fall mit kleinen Mitteln, sucht die Meinen Hiebe aufzufangen, ist bestrebt aufzuklären, zu verteidigen, auzuklagen; aber ohne eine einheitliche große Idee. Daneben steht noch der große blinde Kampf. Man antwortet aut Haß mit Haß, auf Voreingenommenheit mit Voreingenommenbeit, auf Unobjektivität mit Unobjcktivitit Es ■ ein richtiger Revanchekampf; wohl einheitlicher als der Abwchrkampi, aber einheitlich im Gefühl und nicht in der Idee, und noch erfolgloser wie dieser. Auch er ist ünscliöpfe- * risch, denn der große Haß schafft sich keine ihm adäquate Idee. All diesen Reaktionen minderen Oradcs, steht eine andere gegenüber, weiche nicht Flucht, nicht Abwehr, nicht blinder Haß bedeutet, sondern schöpferische Erneuerung: d&a ist dec Zloai&auil, BekämpfiuigtJi und Taten dc3־ AsikemUFmus werde» bloßer Anstoß, Ansporn, Anlaß, Füngcrze’g. Wie wirkt der Antisemitismus auf uns? Wir werden gehaßt wegen unserer Eigenschaften, wegen unseres Tuns. Wir werden verachtet wegen ו in?;eres parasitären Daseins, das keine eigene Kultur mehr schafft, sondern sich an fremde Kulturen, an fremde Wirtschaften ansdilicßt. Es wird unserer Eigenart der Wert abgesprochen. Dies alles lenkt den Blick auf uns selbst Ist unser Tun, sind unsere Eigenschaften so haxscnswert? Wir betrachten unser Sein; lernen und kennen, unser Wesen, unsere Art, unsere Vergangenheit, unsere Gcsdiichte. Da erkennen wir denn unser Unglück. Wir sind ein Volk in Zersetzung, eine ganze Mcnsdrcngruppe im Niedergang, unbillig geworden, die seinem Wesen, «einer Art, seiner Vergangenheit entsprcdicndc eigene Kultur zu schaffen. Und indem wir diese Krankheit erkennen, ahnen wir bereits das Mittel zur Genesung; sehen wir bereits den Weg zu neuem Leben, spüren wir die Kraft zu neuer Gesundheit. Wir sehen unser kostbares Volksmaterial; wir erkennen die Richtung, die uns unsere Vergangenheit weist und die wir verlassen haben; wir erkennen unsere unerhört reiche Begabung an Willen und Geist. Wir merken, daß wir nodi nidit tot sind, sondern nur krank und verirrt, daß noch alles da ist, und nur auf den Willen wartet, daß er sich an seiner Möglichkeit entzünde, auf die schöpferische Kraft, daß sie in Bctraditung ihres göttlichen Materials erwache. Und der Wille entzündet sich, und die schöpferische Kraft erwadit. Dis ist das Positiv« an dieser Reaktion. Wir wollen wieder; und wir wollen uns zu unserer Vergangenheit wieder ein« ihr zugeliörige Zukunft bauen. Wir fliehen nicht vor uns, und wir sdilagen nicht um uns, wir zersplittern und zerstreuen uns nidit mehr, wir sagen uns ein einheitliches großes Jal Das ist das Wesentlichste am Zionismus, alles andere Ist nur Folge. Wollen wir unsere Möglichkeiten wieder sdiöpfcrisch machen, wollen wir unseren Wert zur Entfaltung bringen, so müssen« wir Vorbedingungen schaffen. Wir müssen wieder einen Ort des Zusammenlebens haben, ein Zuhause für das Volk, unsere eigene Sprache, als die geistige Heimat unserer altneuen Kultur und eine neue Gemeinschaft, als den Boden für neue Kulturtaten. Das will der Zionismus und alles, was er unternimmt, sind Wege zu diesem Ziel«; seine ganze Tätigkeit auf dem Gebiet der Propaganda, der Werbung, der Gcldcrauibringung, der Organisation, der Politik, der Diplo« matic, sie sind nuT als Mittel zu betrachten für das eine Hauptziel, durch das dieses ganze Getriebe einen Sinn bekommt: Unser Volk wieder kulturschöpterlsch zu machen. Diese Reaktion läßt sich mit den früher angeführten über■ haupt nicht vergleichen. Sic ist um ein Unendliches wertvoller als diese; ja sie schafft den hödisten Wert, den wir Menschen überhaupt schaffen können. Betrachten wir das Geschehene in der Welt, die Richtung des Fortschrittes, jene Aenderung ira Aussehen von Welt und Menschheit, die man ganz objektiv, mag man von welcher Weit- und Wertanschauung immer kommen, als eine Wert erliöhung bezeichnen muß: 90 ist cs die Schaffung höherer Einheiten, höherer Formen, höherer Gestalten, Stets handelt es sich darum, aus einem Material Komplexe zu schaffen, die eine innere Einheit haben. Je reicher das Material, das so ver■ einheitlich{, vergeistigt wird (denn Einheit ist das Urwesen des Geistes), je einheitlicher das Gebild bd aller Mannigfaltigkeit ist, desto wertvoller die Gestalt. So entstehen Gebilde höheren und niederen Grades; je nach dem Material und seinem Ursprung, je nach dem Rciditum dieses Materials und je nach der erreichten Einheitlichkeit des neuen Ganzen. Es entstehen technische Werke, wissenschaftliche Systeme, Sprachen, Reif ginnen, Weltanschauungen, und als deren größte Vereinigung, hödistc Gestalt und wunderbarste Leistung menschlicher Kratt, Kultur Systeme, Das sind die großen Gebilde aus dem Leben-, Geist- und Ocfühlsmatcrial eines Volksganzcn erbaut, die Kunst, Wissensduft, Sittlichkeit, Religion, in hödister Einheit auf dem Boden der Sprache und im Medium mensdviichcn sdiöpferisdicn Zusammenwirkens enthalten. Das sind die hödisten Gestalten, das wertvollste, was die Mensdien bisher geschaffen haben: Vo 1 k3kuituren. Es ist die schwerste Entwertung der Welt, wenn eine Volkskultur zu leben aufhört; es ist eine Wertsteigung und Bereidierung ohnegleichen, wenn eine Volk&kultur neu oder wieder neu entsteht Es wäre eines der größten Ereignisse der Menschheitsgeschichte, aber nidit der äußeren Kriegs- und Handelsgeschichte, sondern der weit widttigeren, der inneren und wahren Menschheitsgeschichte, der Geschichte des Geistes und der Kultur, wenn cs gelinge, einer der größten Werte, welche die Menschheit überhaupt hervorgebracht hat: die jüdische Kultur, wieder zu neuem Leben zu erwecken. Das ist das Ziel des Zionismus: Geist und Kultur; ein neues Oanzes aus altem heiligsten Material; ein unendlich kostbares Geschenk für die Menschheit (Aus dem ״Jüdischen Nationalkalender für die Tscheche- Slowakei“, der eben im Verlage des Jüdisdien Nationalfonds, Prag, erschienen ist) Dr. Weizmann, der zur Wiederherstellung seiner ״, egriffenen Gesundheit mehrere Wochen in Meran gtweili; rat, hat nunmehr die Rückreise nach London angetreten : Unterwegs hielt sich Dr, Weizmann in Mailand und in P»ri'i auf, wo er eine Reihe von Konferenzen in den Aufbau P־* lästin.v. betreffenden Angelegenheiten hatte. Ende November soll Weizmann nach Amerika abreis en, um die Aktion für Keren Hajesrod wieder aufzunchmcn. 0 Die beiden Oberrabbiner der aschkenasischcn und s*. pbardischen Gemeinden Palästinas, der Chiel-Rabbiner Kook und Rabbiner Jakob Mcir, besuchten dieser Tage Sir Herbert Samuel und besprachen mit ihm ver. achiedenc in ihr Ressort fallende Fragen. Wie der ״Jcwish Chronicle“ mittcilt. soll Dr. Nathan Birnbaum um die Pcßachzcit sich nach Palästina bt. §' . .. ‘ ' Am 12 Oktober beging in London der Baron Nathanit! Rothschild, der Sohn des ersten Lord Rothschild, n einem Anfall geistiger Umnachtung Selbstmord. ״Ans einem Jerusalem«* Ktaflerprlen“ Wir erhalten folgende Zuschrift: Die ״Bilder aus einem Jerusalemer Kindergarten“ von Dina C. Mayer können, scheint mir, selbst, wenn sie nichts als harmlose Schilderungen von Kindertypen sein sollen, doch nicht so ganz kritiklos aufgeuommen werden. Die Kinder Jerusalems sind sicherlich ein außerordentlich schwieriges Element, durch die Einwirkungen von Elternhaus und Umgebung nicht immer günstig beeinflußt; und die Aufgabe für den Pädagogen ist eine sehr erhebliche und verantworhingsvolic. — In dem zweiten Artikel der Dina Mayer sind Kinder mit stark chauvinistischem Gepräge geschildert und die Frage liegt nahe: wie stellt sich der Erzieher dazu? Fast scheint mir, daß hinter diesen Zeilen eine gewisse Bewunderung dieses: ״damit wir die Gojlnt totschießen können“ steckt, und daß auch sonst Dinge wiedergegeben sind, die pädagogisch wohl nicht ganz einwandfrei sind, z. B. einem Kind den Beinamen ״die Schöne“ zu geben. Es wäre gerade von Interesse, diesen Schilderungen die Stellungnahme des Erziehers deutlich bclgcfügt zu sehen. Man muß sich davor hüten, sich von dein Nimbus der Immer noch den palästinensischen Angelegenheiten anhaftet, .berauschen zu lassen, sondern man soll gerade an sie den höchsten Maßstab legen. Kate Baer-Freyer. Dclcglcrtcntaonng des deutschen Mlsrachl (Communiquö des Mis r a ch i bü ros.) Am Sonntag und Montag, 14. bis 15. Oktober, fand im Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde in Berlin «ins Dclcgicrtcntagung des deutschen Misrachis statt, die zahl• reich’besucht war. Zu Leitern der Konferenz wurden dje Herren Gemeinderabbiner Dr. Hoff inan n (Frankfurt a. M, 1 Rothschild (Lübeck), Alexander Adler (Hamburg), Do! zent Dr. Rabin (Breslau) und Dr. Aron Barth gewählt. Namens der Z. V. f. D. begrüßte in Verhinderung des Vor• sitzenden R.-A. Gronemann die Versammlung. Das Thema ״Der Misrachi auf dem XIII. Kon• greß“ referierte Dr. A. Barth. In Karlsbad, so führte er aus, wurde im wesentlichen um zwei Fragen gekämpft: um die Bildung der Agency und den Weltkongreß einerseits, die Zusammensetzung der Exekutive andererseits. Während Redner in jedem Provisorium ein Hindernis für den Weltkongreß gesehen hatte, habe trotzdem der Misrachi seinen in Abwesenheit der meisten polnischen Delegierten gefaßten ursprünglichen Beschluß abgeändert und dem Provisorium zugestinimt. Der Weltkongreß sei nach seiner Auffassung damit erledigt. — In der Frage des Mißtrauensvotums stimmte B. der Haltung der Kongreßfraktion zu und wies energisch den Vorwurf nichtmisracliistischer Kreise zuruck, als habe man sich bei diesen Abstimmungen von parteitaktischcn Frwägungen leiten lassen (allgemeine Zustimmung). Aber R«. ferent hätte es für richtiger gehalten, nun konsequent zu bleiben und die Leitung auch nicht wieder zu wählen. Er sehe aber keinen Grund datür ein, daß die Fraktion verpflichtet gewesen sei, Pick nicht wieder in die Exekutive zu schicken, in der er auch gute allgemein-zionistische Arbeit leiste. ln der lebhaften Debatte stellte Lazarus Barth fest, daß auch der offizielle Referent der Tagung in beides Fragen nicht die Haltung der Kongreßfraktion gebilligt habe. Seine Einstellung sei vom dogmatischen Standpunkt unangreifbar, aus politischen und praktischen Gründen sei aber ein Provisorium nötig gewesen. Ebenso sei auch die Kritik gegen die Exekutive berechtigt gewesen. Wenn aber ein Mißtrauensvotum ausgesprochen werde, so hätte man eine anaere Exekutive Vorschlägen müssen, entweder nach Umbddung der alten oder durch Zusammenfassung der Oppositionsgruppen. Der Fraktionszwang müßte beschränkt bleiben aut rein misrachistische Fragen und dürfe auch dort nur mit äußerster Vorsicht angewandt werden. Dr. M i c h a e l vermißte in den Reden der Misrachifraktioa auf dem Kongreß das höhere Niveau. Ihre Opposition, die berechtigt war, hätte aus der Idee des Misrachi heraus begründet werden müssen. Von diesem Standpunkt aus hätte man auch zu den sozialen Fragen Stellung nehmen müssen, gegen Bodenwucher, Ausbeutung von Arbeitskräften im Sinne des historisch <ln Judentums. Es habe keinen Zweck, an der Exekutive Kritik zu üben, man müsse vielmehr aui die Organisation Einfluß nehmen, nach der sich jede Lei• tung cinsteilcn müsse. Denselben Standpunkt vertritt Obcrre• gicrungsrat Goslar, der den geistigen Einfluß des Misrachi vermißt hat, weil man sich nicht bemühe, alle Fragen aus dem jüdischen Ideengang heraus darzustcllen. Er bedauert sehr lebhaft das Eingehen der ״Jüdischen Presse“, die für diese Dinge immer anregend gewirkt habe und wünscht, daß man bald Mittel und Wege findet, sie wieder erscheinen zu lassen. — Man dürfe nicht einseitig nur die Paiästinalrage behandeln, dem Misrachi dürfe nichts Jüdisches fremd bleiben. Auch das Galuth fordere sein Recht. Der Misrachi habe auf dem Kongreß zuviel Kraft auf die Taktik und zu wenig auf die Verbreitung seiner Idee verwendet. Im weiteren Verlauf sprachen Schragenheim, Dr. Rabin. Dr, K n o 11 e r und Dr. Rau ebenfalls scharf gegen die auf dem Kongreß cingeschlagcne Taktik, während Hermann Struck das Auftreten in Karlsbad billigte und betonte, daß sowohl früher, wie auch diesmal die Redner ihre Anscbauungen aus der Misrachiidec heraus begründet hätten. Es sei nicht richtig, daß man ״negativ“ gearbeitet habe, aber die ״Kasch ruUP'-Rcsoiution auf dem Xlll. Kongreß sei eine Notwendigkeit gewesen, denn niemand könnte mit verschränkten Armen zusehen, wie es unsern Chaiuzim unmöglich gemacht wird, an den von den Linken verwalteten Küchen teilzunchmen, in denen auf Kaschruth nicht im geringsten Rücksicht genommen wird. ln seinem Schlußwort trat der Referent den Opponenten entgegen. Auch er habe gesagt, daß man seine Stellung• nähme aus der Idee des Judentums heraus motivieren müsse, doch müsse er Goslar entgegnen, daß z. B. die Frage, ob das Weißbuch hätte unterschrieben werden sollen oder nicht nur von praktisch-politischen Gesichtspunkten aus beurteilt werden könne. Was den Fraktionszwang anbetrifft, so ist er auch der Ansicht, daß er nur in besonderen Fällen .־״!׳ gewendet werden dürfe. Auf diesem Kongreß sei es nicht geschehen, es habe vielmehr eine freiwillige Unterordnung der gegen eine starke Mehrheit unterlegenen Gruppe stattgefunden. Das zweite Referat hielt Dr. Rabin über die Arbeit des Misrachi in Deutschland während der nächsten Kongreß• Periode. Im Mittelpunkt der Ausführung stand die Frage, ob wir bei unsern beschränkten Mitteln die Möglichkeit haben, sowohl die Misrachi-Institution.cn in Palästina zu unterstützen, wie auch für die Hachscharah genügend zu tun. Die Erziehung und Vorbereitung unserer lugend für Palästina sei aber 80 wichtig, daß sie keinesfalls ver״ nachläasigt werden dürfe. Der Misrachigaricn in Breslau habe auch in diesem Jahre wieder sehr gute Erfolge gehabt, Parallelinstitutionen müßten geschaffen werden, lir schildert die Projekte, die in der letzten Zeit aufgetaucht sind und deren Realisierung er wünscht. Er bemängelt, daß man nicht nach Möglichkeit gemeinsamer Arbeit mit Blau-Weiß-Gruppen gesucht habe, wenn aber eine solche Zusammenarbeit nicht möglich sei, so müsse man auch auf dem Gebiet der körperlichen Ertüchtigung unserer