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Jüdische Rundschau · 1923-10-12 · Heft 88 (12.10.1923) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVIII (1923)
Issue
Heft 88 (12.10.1923)
Date
1923-10-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 519 י i!C V 44 i<4 _ *$ י ׳״• "י■"" *־׳•™Stj »ך־ « « . «t i ■*::::.41 Au*■ isA JfejL fChr schmeichelhaft und gelten in ihrer Betonung unserer Verdienste weit über das Maß dessen hinaus, was wir besclieidenerweise für uns in Anspruch nehmen dürfen. Wenn wir also trotzdem nochmals darauf zurückkommen, so tun wir cs nicht, um dieses Lob zu unterstreichen, sondern tun die immerhin bemerkenswerte Tatsache zu registrieren, daß die durch die materielle Entwicklung jn Deutschland gefährdete Existenz der ״Jüdischen Rundschau" weit über die Grenzen Deutschlands hinaus Betinruhigung her׳vorgerufen hat. Die ״Jüdische Rundschau“ wird überall als eine der stärksten zionistischen Positionen empfunden. Seitdem die ״Welt“ infolge des Krieges ihr Erscheinen einstcllen mußte, gibt cs kein Zciitralorgan, das sie ersetzen könnte, und die zionistische Presse der einzelnen Länder hat daher eine erhöhte Bedciiiung gewonnen. Die ״Jüdische Rundschau“ zumal ist in einem gewissen Sinne als die Erbin der ״Welt“ angesellen worden, schon aus dem äußeren Grunde, weil sie in deutscher Sprache erscheint. Wir übersehen allerdings nicht, daß sielt in der neuesten Phase unserer Entwicklung die Verhältnisse insofern verschoben haben, als auch die vermittelnde Funktion der deutschen Sprache zurückgedrängt wurde. Denn sowohl in dem neuen großen zionistisehen Zentrum Amerika, als auch im Osten gibt es jetzt schon weite zionistische Kreise, die nicht oder nur sehr schwer deutsch lesen. Trotzdem ist der Kreis noch groß peinig, dem auch außerhalb Deutschlands die ״Jüdische Rundschau“ etwas bedeutet. Das amerikanische Blatt spricht die Hoffnung aus, daß die deutschen Zionisten alles tun werden, uin das regelmäßige Weitererscheinen der ״Jüdischen Rundschau‘1 zu sichern. Der deutsche Zionismus darf nicht wegen einer Notlage, die doch hoffentlich nur vorübergehend ist, eine so wichtige Waffe wie sein Organ zerstören oder schwächen, Es mag vielen unserer Abonnenten ärgerlich sein, wenn sie immer wieder von Nachnahnveforderungcn heimgesucht werden. Aber wir müssen von unseren Lesern schon soviel Einsieht verlangen, daß sie sich über die kleine Störung hin- 1vcgr?tze11 und einmal ernsthaft überlegen, wie ein Blatt wie das unsere, das zumindest für einen Monat den Preis fcstsetzen muß, existieren soll, ohne Nachforderungen einzuheben. Denn die Beträge, die auf diese Weise zu uns gelangen, sind am Tage des Einganges gewöhnlich kaum groß genug, um die Selbstkosten einer einzigen Kummer zu decken. Wenn trotzdem eine ganze Reifte von Abonnenten die Einlösung der Nachnahme verweigert, so sind wir überzeugt, daß dies nur aus Unüberlegtheit geschieht, weil man die geforderte Summe für zu hoch hält, während sie in Wirklichkeit äußerst gering ist. Wir appellieren dringend und ernst an alle unsere Freunde, uns in dieser schweren Zeit nicht im1 Stich zu lassen und unserer Verwaltung durch möglichste Erleichlerung des heute kolossal komplizierten Incassogcschäftcs die Lösung ihrer Aufgaben zu ermöglichen. Gerade in dieser Zeit der meterielien Unsicherheit ist es notwendig, den geistigen Rückhalt zu wahren, den der innige Kontakt mit der zionistischen Ideenwelt und der zionistischen Arbeit bietet. Wir sind überzeugt, daß die deutschen Zionisten die Mahnung, die die amerikanischen Genossen an sie gerichtet haben, ernst nehmen werden. Die Bibliothek des Vaters von Sir Allred Mond in Jerusalem Sir Alfred Mond und sein Bruder haben bckanntlidi beschlossen, einen großen Teil der Bibliothek ihres Vaters, des bekannten Chemikers Dr, Ludwig Mond, der Nationalbibiiotiick in Jerusalem zu spenden. Dieser Tage ist nun, wie uns aus Jerusalem gemeldet wind, die Bibiiotiick in Jerusalem angelangt, und zwar 6 Kisten, enthaltend 326 Werke, darunter die Enzyklopädia Britannica, vollständige Serien zahlreicher Zeitschriften, wie z. B. der von Barth herausgegebenen ״Nation“, sowie sehr viele Werke des chemischen Fachgebietes. Die iciilelelui! der Sinlstlsdiei Froppiila Referat von Dr. Alfred Landsberg, gehalten bd der Sitzung des Zentralkomitees der Z. V. f. D. am 8. Oktober. (Gekürzte Wiedergabe,) Wenn wir die zionistische Propaganda neu beleben und gestalten wollen, so ist am Beginn zu prüfen, woran es liegt, daß wir in diesem Augenblick 11119 in ganz besonderem Maß gelähmt fühlen, daß wir unsicher geworden sind und nur mit einem gewissen Zagen an eine Aufgabe herangehen, die vordem das Wesentliche und das Lebendige im Zionismus war, nämlich die Gewinnung neuer Menschen für itnscrc Idee. Es gibt gewiß eine Reihe äußerer, von »ms unabhängiger Momente, die unsere geistige Position erschweren. Noch immer ist die Zionistische Organisation durch die Folgen des Krieges zerrissen, die Landsmannschaften sind noch isoliert und ohne starke innere Bindung untereinander, <1,19 Zentrum der Bewegung hat in London und von London aus keine Resonanz und 90 kommt cs auch, daß ein zentrales Organ, wie es ״Die Welp“ vor dem Krieg war, nicht mehr vorhanden ist und1 nur unter Schwierigkeiten neu geschaffen werden kann. Das russische Judentum, das stets starke geistige Antriebe gab, ist zerstört, der übrige Osten erschüttert und auch zersprengt, Hinzu kommt «kr Zusammenbruch aller Idee» ln der Umwelt, der eine Atmosphäre der Ungerechtigkeit, des Hasses und der Willkür um uns schuf, der uns, die wir in der Idee lebten, verwirrte und lähmte. Schließlich aber war cs der äußere politische Erfolg, der uns aus dem seelischen Gleichgewicht brachte. Nach einem kurzen R.־u19ch der Begeisterung und des starken An Iridis fühlten wir die Divergenz zwischen diesem äußeren Erfolg und der Schwache unserer Position in I’alästlna. Es drängte dann die Notwendigkeit, ohne jeden Verzug die Position zu sichern und so gingen wir darin, die materiellen Mittel für den Aufbau zu schaffen, Immer mehr gedrängt zu einem rasdien finanziellen Ergebnis und in Wahrheit arbeiteten wir sdiließlicli mit Hintansetzung der Idee. W:r wissen heule, daß der Kcrcu Hajcssod allein der Idee a1rf die Dauer starke Antriebe nicht geben kann. Denn selbst die stärkste ideelle Hoffnung, die wir an ihn knüpften, die M.iasseridcc, hat uns enttäuscht. Wir meinten, die Tatsache, daß cs jedem Zionisten nun möglich sei, durch eine starke finanzielle Leistung, durch ein Opfer in großem Ausmaß, sich mit Erez-Israel zu verknüpfen, werde belebend und ermutigend wirken auf alle Menschen, die vorläufig keine Mägtichkcit sahen, sid» selbst in Palästina zu binden. Wir müssen heute gestehen, daß sich der Maassergedanke nur in kleinem Umfange hat durdisctzen können, daß er auch in Deutschland von vielen Zionisten trotz aller Kongreßbeschlösse als verbindlich nldit anerkannt wird, daß der einmal in seiner Schönheit und Größe aufgenommenc Gedanke nunmehr lähmend auf die zionistische Arbeit wirkt, gerade weil er eine so ernste Forderung war und wir mm erkennen müssen, daß uns bis dahin die Kraft gefehlt hat, sie ganz dirclizusetzcn. Es kommt hinzu, daß der Aufbau Palästinas lange dauert, daß wir plötzlich natürliche Schwierigkeiten sehen, die vor dem Stadium der praktischen Verwirklidmng in diesem Umfang und mit dieser Deutlichkeit nicht gesellen wurden. Es wurde klar, daß der Zionismus den Massen im Osten keine gegenwärtige Hilfe bringt, daß er eine Antwort auf die judenfrage in dem mißverständlichen Sinn, in dem die Frage vielfach gestellt wurde, nicht sein kann. Und so kommt es, daß vielfach zionistische Menschen erschüttert sind, daß für sie der Zionismus nicht mehr die reinigende, befreiende Kraft hat, die sic einst an ihm erlebten und eine weitere Folge all dieser äußeren und inneren Schwierigkeiten ist, daß die Idee, die seit Herzl niemals starr geblieben ist und gerade auch von Deutschland aus wesentlich beeinflußt wurde, in den letzten Jahren dicht mehr 90 lebendig zu sein scheint und daß Lücken empfunden werden. ln dieser Situation sollten wir nicht an eine Propaganda nach außen gehen, ohne vorher wieder die innere Sicherheit ztrrtkkzugcwlnnen, di« den zionistischen Menschen stark machte und die Idee, die er hinaustrug, zum Siege führte. Und nirgends anders können wir die Stärke hcrnclmen, afs daß wir zurückdenken an unser zionistisches Erlebnis, da« einmal den ganzen Menschen erfaßte, und für uns das Erleben des Judentums in seiner Totalität bedeutete, wirklich menschliche und jüdische Reinigung. Ein Erlebnis, das immer wieder in der gleichen Weise neue Menschen erfaßt, auch ohne direkte Beeinflussung durch uns. Wir denken daran, daß z. B. auf dem Bundestag des Jungjüdischen Wanderbundes WO junge Menschen, die ,ms dem neutralen, außerhalb des Zionismus stehenden Jugendverband hcrausgewachscn sind, ein rein zionistisches Programm für sich als verbindlich erklärt haben und zwar nachdem sie in jahrelangem Kampf erkannt hatten, daß keine geistige Bewegung innerhalb uml außerhalb des Judentums ihnen konform sei. So bestreite ich denn, daß in Wahrheit unsere Sache* erschüttert Ist, die auf dem Erlebnis beruhte und unserem Leber» endgültig richtunggebend war. Wenn von mangelndem Glauben gesprochen wird, so scheint es mir, daß mangelnde Fundierung dieses Glaubens durch Erkenntnis gemeint ist, die mehr oder weniger empfundene Unfähigkeit, siel»• heute mit sich oder anderen über die Formulierung der Ziemismus auseinanderzuselzen. Da9 zeigt sich, wie ich glaube, ganz besonders sichtbar in tler Jugendbewegung, die auch heute noch der Prüfstein für unsere Situation ist. Die Jugend» bewegung Ist keineswegs unlebendiger und weniger stark als früher, im Oe genteil, sie schuf im Chal uziuth die Menschen, die immer wieder bereit standen, um trotz allem Palästina aufztibauen, Aber diese Jugend kämpft uni Fundierung, um Abgrenzung, um Sicherung ihre» Glaubens. Und 90 gilt cs, wie cs Kurt Blumenfcld auf dem Dresdner Delegierter»tag in der Jugenddebatte tat, wieder die Frage zu!stellen ״Was ist Zionismus"‘. Es gilt auszusagen, was das Spezifische des Zionismus in menschlicher und jüdischer Beziehung 9ei, es gilt uns vor allem abzugrenzen von anderen jüdischen Gruppen, die wie wir die Erhaltung des Judentum» wollen, und da sie nicht völlig unbeweglich blieben, auch vielfach den Aufbau Palästinas als eine Notwendigkeit erkennen und bereit sind mit materiellen Mitteln daran teilzunchincn. Das wesentliche am Zionismus ist (Me Verneinung der Oegrnwart von Grund auf, der Wille 2ur Umkehr, hinaus aus dem Verwcsungsprozcß im Judentum, den wir zu tiefst empfinden, hinein zur befreienden, reinigenden Tat, die uns verpflichtet, Palästina in diesen Tagen aufzubauen und in und durch Palästina jüdische Menschen zu reinigen. Dieser Wille zur Tat ist das beherrschende im Zionismus, deshalb wird der Zionismus stets radikal sein, auf das Letzte gerichtet und von zionistischen Menschen das Letzte fordernd. So verstehen wir die für uns noch immer vorbildliche Inbrunst Theodor Herzls, seinen auf die Tat gestellten Willen, die Hingabe seiner ganzen glühenden Seele, seinen Opfertod. Das sollten wieder alle die wissen, die jetzt in den Tagebüchern nur das Acußerlichc sehen, das den Alltag umrahmt' und nicht erkennen, daß dieses Acußerlichc nur die Form gab für den nie rastenden Vcrwirklichungswilicn dieses Mannes. Und doch sind wir seit Herzl im Zionismus weiter gekommen, nicht in der Intensität unseres Willens zwar, sondern in seiner geistigen Fundierung. Das Wort, der Zionismus sei ein Geschenk Europas an das jüdische Volk, ist, so erkennen wir, nur bedingt richtig: von einem Darlehen kann man sprechen, das uns die Umwelt gab, das wir nötig hatten und nützen mußten, solange uns eigener geistiger Besitz fehlte, das aber die Umwelt unerbittlich von uns zurückverlangt und das schon jetzt zum guten Teil eingefordert ist oder wertlos wurde und von der Zeit verzehrt. War cs der National!tütengedanken Europas, der im Anfang dem Zionismus starke Antriebe gab, so können wir heute an die Stelle des europäischen Oedankens, den wir in vielfacher Hinsicht sdveitem sahen, die Erkenntnis setzen, daß der Zionismus anknüpft an schicksakgebundcncn jüdischen Gcschjclilsvcrlauf. Wir begreifen dann, daß er in seiner geistigen Haltung nichts einmaliges im Judentum bedeutet, daß er vielmehr auf urjüdischeu Kräften beruht uml daß Bilder aus einem Jerusalemer Kindergarten Von Dina C. Mayer, Jerusalem. II. Die sich lieb und hold sind. יל^ים!לנעימים) Rafael und Estcrina die Schöne sind treue Freunde. Als sic in den ״Gan“ eintraten, war Rafael vier, Este rina ,hei Jahre alt. Sie and Nachbarskinder, Rafaels Vater ist Blcchsclunicd, Estcrlnas Vater Fleischer. Beide Familien sind *hr kinderreich und in beiden herrscht große Armut. Estcrina »hielt den Titel ״die Schöne1' nicht nur, weil sie wirklich 'wunderschön ist mit ihren blonden Locken und ihren schwarzen Augen, sondern weil sie uns anfangs ihren Familiennamen "icht sagen konnte; und so schrieben wir Ins Klassenbuch:; »Estcrina die Schöne“. ' Der Unterschied im Charakter beider Kinder ist sehr?roß, Rafael ist ein wilder Gassenjunge mit viel Lebenserfahm״g, schon ganz selbständig und widerstrebt hartnäckig allen »dchcrischcn Einflüssen; Estcrina ist zart, still, schüchtern Ul|d empfindlich wie eine Mimose. Sie läuft hinter Rafael ,1«r wie ein treues Hündchen und bei jeder Untat Rafaels ver- KieBt sie bittere Tränen. Auch Rafael haut seine Kameraden, ^cr nicht wie Mosche, der ״Nasir", aus übergroßen Tätig- *citsdrang; ihtn macht cs einfach Freude, seine Freunde Ju ärgern und sich mit ihnen zu streiten, und Ester ist angst- ־־ jjjh bemüht, als sein Schutzengel über ihm zu wadien und vor allem Bösen zu behüten. Ralacl sitzt draußen auf der *cranda und schlägt mit seinem Hammer auf ein Stück ein. Alle Kinder gehen in die Klasse zu gemeinsamem ^P'cl und Estcrina soll die Königstochter sein, eine Rolle, “ic von allen kleinen Mädchen heiß ersehnt wird. Aber Rafael rufF. ״Komm, Estcrina, hilf mir die ,Baruta‘*) machen, damit w'r die Goijm lotscliießen können!“ Und Estcrina, die Zarte u״d Empfindliche, verzichtet auf die Königsironc aus Gold- ^Picr und setzt sich zu Rafael, um ihm bei seinem Werk *) Baruta —• arabisch: Revolver. (Anm, d, Verf.) der Zerstörung zu helfen. Als ich einmal genötigt war, Rafael eine Strafe zu erteilen, erhob Estcrina ein solches Jammern, daß ich nicht anders kontc, als dem Sünder, der seinerseits alles mit stoischer Ruine über sich ergehen ließ, für diesmal Absolution zu erteilen. Die Ergebenheit Esteriims nimmt Rafael an als etwas, das sich von selbst versteht. Er ist der Pascha, sie die Sklavin. Aber wenn er Süßigkeiten mit in den 0,111 bringt, Mastika oder ״Pcpitcs“, gibt er ihr immer den größten Teil davon ab, Rafael ist von Natur aus ״Grandseigneur“ und «in Verächter aller Dinge. Für ihn ist ״alles eitel“, außer Hammer, Nägeln und ,,Baruta“. Seine Phantasie ist mit Bildern der Grausamkeit angefüllt, Bildern von Ucbcriällcn, Totschlägen und Verfolgungen, Er ist 'ein Kind der Alten Stadt, der in seinen! jungen Leben schon drei Araberüberfälle initgcmadit hat, die sich ihm unauslöschlich cingcprägt haben. In unserer Klasse hängt ein hübsches kleines Bild, eines der Silhouetten Dicffenbadw aus ״Per aspera ad astr.1“, das einen griechischen Kinderfestzug darstcllt. Rafael steht lange vor dem Bilde und betrachtet es. Dann sagt er zu mir: ״Doda Dina", das nennt man auf Hebräisch ״Pacliad". (Pachacl — Angst, nennt das einfache Volk alle UcberfäUe; die«: beginnen in Jerusalem immer mit einem Umzug der Araber; daher Rafaels Gedanken* assoziation.) — Estcrina und Rafael sprechen unter sich immer nur hebräisch. Das ist eine Ausnahme bei unseren Kindern, die unter sich fast nur arabisch oder spaniolisdi sprechen. Aber trotzdem nimmt Rafael gerne die englische ,,Kultur“ in sich auf. Er steht oben au der Treppe, zählt ״o.tc, two, ihree“, und springt mit einem Satz fünf Stufen auf einmal hinunter, zur großen Verzweiflung Eslerinas, die händeringend unten steht und jammert: ״Rafael, Rafael, fall nur nicht!“ Rafael erzählt mir, er habe zu Hause ein Fox-Trott-Hcft. Was für eine Art von Heft das ist, kannte ich aber nicht aus ihm her.uishringcn. — Voriges Jahr, im Herbst, als Rafael fünf Jahre wurde, nahm inan ihn aus dem Gau und schielte ihn in den Glieder. Von dieser Zeit an linderte sich Estcrina und tim* an, eine sclbsländigc Persönlichkeit zu werden. Sie hörte auf zu weinen und beteiligte sich an allen Spielen und Arbeiten der anderen Kinder, Vorher hatte sic nie nach einem Zeichenheft verlangt; nachdem Rafael den Gan ver* lassen hatte, kam sic von selbst und bat um ein Hett. Ich hatte manchmal den Eindruck, als sei ein seelischer Druck von ihr genommen. Olt, wenn die Kinder nachmittags den Gan verließen, saß Rafael mit einem Stock in der Hand unten an der Treppe und verprügelte seine ehemaligen Karneraden. Nur Ester rührte er nie an, und einmal sah Ich, wie er ihr heimlich einige Bonbons zuslecktc. Nach einem halben Jahr erschien Rafael wieder im Gan, den Tarbtisch (Fez) auf dem Kopf und noch viel selbstbewußter als früher. Der Glieder hatte in seinen Augen keine Gunst gefunden und 90 kehrte er zu ups zurück, Aber die Freundschaft zwischen ihm und Ester hatte scheinbar einen Riß bekommen. Sein Aufenthalt im Glieder hat ihn gelehrt, die Frauen zu verachten, und nun spielt er nur noch mit Jungcns. Auch Estcrina beachtet ihn weiter nicht; sie hat sich scheinbar von seinem Einfluß befreit und spielt zufrieden mit ihren Freundinnen. Nur nach dem Mittagessen, wenn Rafael seiner Gewohnheit nach aus dem Oan verschwindet, um im Bazar herumzustreifen, beginnt Estcrina zu weinen: ״Nach .Hausei“ Mit dem Verschwinden Rataels ist für sie die Sonne im Kindergarten untergegangen. Jerusalem, Tamus 5683. BUcherscliau feie Memoiren der Glückel von Hameln Der ״Jüdische Verlag“ hat eine illustrierte Ausgabe dieses Buches hcrausgcbraciit. Die Abbildungen hat Dr. Töplitz mit Geschmack und Verständnis ausgcwahlt. Es hat einmal eine Zeit gegeben, da Kompcrts Schriften in den jüdischen Familien gern gelesen wurden; man sali in ihnen einen Niederschlag entschwundener Zeiten, deren man sich manchmal gern erinnerte. Line iihnUclic Wirkung, nur viel unmltelbarer, geht von den Memoiren der Glückel aus, und die . beigegebe 1»cn Abbildungen verstärken diese Wirkung betracht- ״lieh. Wer heute wissen will, wie ״altjüdisches Leben »u*•

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