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Jüdische Rundschau · 1923-10-05 · Heft 85-86 (5.10.1923) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVIII (1923)
Issue
Heft 85-86 (5.10.1923)
Date
1923-10-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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rke men sscn :rag, itcnercn des ndrirlieli den [«111• dien uitzdien jnkt. das. •ir.'ifr Ver־ II all allen!1 in Itcii. ul erC nach f,Cnmlc 1-ie“ Kien. .־HK, dien den nun :ilies autle III ler I.IIMII die Nr. 85;86 ,X JU ED ISCHE RUNDSCHAU Seite 507 denken, daß sie niclit nur vor dein heutigen in Stücke ״risscnca Europa vcrautwortlidi sind, sondern vor allem v0r jenem zukünftigen Europa, welches abseits vom über- ],ulen politischen und Parteigetriebe wird, und welches bcn![cn ist, die Herrschaft anzutreten, wenn das bestellende System der Unterdrückung• und Gewaltanwendung in sich jisainmengcbrochcn sein wird. 'M Daran sollte auch Herr v. Kahr denken. Kahr hat in feiner Proklamation an die Bewohner Bayerns, eine Pro- Uniiiatioii, weiche weit über die Grenzen Bayerns und puitsclilands von Bedeutung ist, erklärt, er werde ■4eh auf j!!c Männer ״deutschen Stammes“ stützen, um Bayern und das Reich zu retten. Die Juden haben diese Erklärung des Gcncralstantskoniniissars als beleidigend empfunden tuid das ,Münchener ״Jüdische Echo“ hat mit Recht dagegen protestiert, daß 'hc Juden außerhalb der Kreise gestellt weiden, vauf weiche die Staatsgewalt sicli stütze« wolle. Es ist unter der Würde eines selbstbewußten Juden, in einem solchen Zeitpunkt und einer solchen Erklärung gegenüber darauf hinmweisen, was die Juden für Deutschland bedeuten und bcdeutet haben. Aber erklärt muß werden, daß die deutschen Juden diese Kundgebung des bayerischen Gcneralslnatskoinniissars als eine Beleidigung mit Entrüstung zuriiekweisen. Vor der Welt aber hat Herr Kahr gezeigt, daß eine deutsche Regierungsstelle sieh den Rasseiiauüsemitisnuis offiziell zu f •ui gemacht hat. Wie kann mau noch glauben, daß die bürgerlichen und Menschenrechte der jüdischen Minorität von der Staatsgewalt respektiert werden werden? Kahrs Verhalten bringt uns an die Schwelle des Mittelalters. Deutsch-!and hat lange Zeit hindurch als die Heimat des Geistes gegolten, Heute hat hier die Reaktion ihre Heimat gefunden. Auch Herr v. Kahr sollte daran denken, daß er nicht allein seiner engeren Umgebung, nicht allein dem deutschen Volke, ja nicht einmal dem Europa von heute verantwortlich ist, sondern der Gesell iclite. Eine {Udisciic Iiilerpellation an Kahr Das Münchener ,,Jüdische Echo“ richtet an der Spitze seiner Ausgabe folgendes Wort an den öcncralstaatskonmiissar: ״Itt einem ungeheuer schweren Augenblick, in welchem Sic die bayerische Staatsgewalt und die Sfaatsveranfwortung übernehmen, werde« in Ihrer Kundgebung wir Juden außerhalb der Kreise gestellt, auf welche Sic, also die Staatsgewalt, sicli stützen wollen. Die jüdischen Bürger Deutschlands haben seit je am Leben des deutschen Sandes und Volkes mitgewirkt und in allen Zeiten wertvolle Kräfte zur Entwicklutig dieses Lebens gestellt. Eine große Zahl unserer Brüder und Söhne liegt auf den Schlachtfeldern des Weltkrieges begraben (auch darauf muß, so ungern es geschieht, in diesem Augenblick hingewiesen werden). Wie wir Juden uns bewußt sind, von jeher zu den besten aufbauenden Elementen des Staats zu gehören,, haben wir den festen Willen, in dieser schweren Zeit keinem Staatsbürger an Mitwirkung für das Gemeinwohl nachziistchcn. Wenn wir es auch unterlassen haben, auf alle antisemitischen Angriffe immer wieder zu antworten, so können wir nicht mit Schweigen ertragen, daß uns die verantwortlichste Staatsstelle außerhalb des Staats zu stellen gedenkt. Wir hoffen, daß die Schürfe der Formulierung in ihrer negativen gegen uns gerichteten Seile nicht so beabsichtigt ist, wie sie wirkt, und erwarten vom gegenwärtigen Leiter des bayerischen Staates Achtung und volle Gleichberechtigung und demgemäß gleiche Bchandhing wie alle Bürger,“ Eine Aeußerung Kahrs zu dem beanstandeten Punkte ist unseres Wissens bisher nicht erfolgt. I1S111S« Eine Antwort an Felix Rosenblüth.' Von Dr. Aron Barth.! Wir geben im folgenden einem Vertreter des Misraciii Gelegenheit zur Aeußerung. D. Red. Der von Roscnbiüth in der Nr. 77/78 der ״Jüdischen Rundschau" veröffentlicht« Artikel enthält über den Kongreß und filier die Haltung der Fraktionen in Karlsbad so viel Unrichtigkeiten, daß eine Antwort erfordern würde, ihn Satz für Satz zu zerpflücken. Da (lies die Darstellung eines zusanimciihängcmfcn Gedankenganges empfindlich stören würde, soll im folgenden versucht werden, zunächst zu dem in der UÜberschrift angeschnittenen Problem Stellung zu nehmen, und dann soll anhangsweise einiges von dem berichtigt werden, was im übrigen Teil des genannten Aufsatzes gesagt ist. Roscnbiüth beklagt ein Uebergewidit der Fraktionen auf dem Kongreß, das seiner Meinung nach weder ihrer inneren Stärke noch ihrer Stellung im Zionismus entspricht, und kommt zu dem Ergebnis, daß man diesem Ucbclstand durch Gründung einer neuen Fraktion abltclfcn soll. Er scheint sich dessen niclit bewußt zu sein, daß beide Vorschläge, die, wie er mitteilt, auf einer Konferenz von Vertretern der Landsninunschaftcn gemacht wurden, die Bildung oder den Beginn einer neuen Fraktion zum Ziele haben. Denn cs ist ein Unterschied nicht qualitativer, sondern quantitativer Natur, ob man den Zusammenschluß aufbaucn will auf dem ״Primat des palästinensischen Aufbaugedankems vor allen parteidogmatischen Bindungen wirtschaftlicher oder religiöser Natur“ oder auf einer ״Ausarbeitung einheitlicher programmatischer Grundsätze für die äußere und innere sowie für die Finanz- und Wirtschaftspolitik der Zionistischen Organisation". Auch im ersieren Falle müssen in den Zusammenschluß ja nur diejenigen Zionisten einbegriffen werden, die zu den jeweils wichtigen Fragen der äußeren und inneren und der Finanz- und Wirtschaftspolitik der Zionistischen Organisation eine einheitliche Stellung haben. Es wäre sinnlos gewesen, beispiclsweisc auf diesem Kongreß Lewite, Oriinbnum, Ussisclikin, Schemarjahu Lewin, Rosow, Abraham Goklbcrg, de Lieme (um nur einige Namen zu nennen) in einem Verbände zusammcimifassen, der mir dadurch geeint würde, daß sie sämtlich keiner Föderation an gehören. Wenn solche Zusammenfassungen erfolgen sollen, so können sic nur erfolgen auf Grund einer einheitlichen Einstellung zu den jeweils aktuellen Problemen, und wir schätzen unsere nichtfraktkiliierten Gesinnungsgenossen nicht niedrig genug ein (im Gegensalz zu der Unterschätzung, die Roscnbiüth uns angcdcihcii Rißt), um zu glauben, daß sie ihre Stellung zu den Einzelfragen nicht organisch aus einheitlichen zionistischen Grundan ff,asssingen heraus erwachsen lassen. Will inan also mit einiger Avissicht auf F.rfolg einen Zusammenschluß der heute Fr.ikiionslosen versuchen, so ist die klare Konsequenz, daß daraus eine (oder vermutlich mehrere) neue Fraktionen erwachsen, in denen sich diejenigen r.iisammctifindcn, die auf Grund einer einheitlichen Gnmdcinstcllung eine in den Hauptpunkten gleichartige Ucherzcuguiig zu den Einzclfragcn der zionistischen Politik haben. Und das ist gut so, und wir beginnen* mit dieser Fest- Stellung mir deshalb, weil wir glauben, daß cs psychologisch unseren Lesern das Mitgehen vielleicht erleichtert, wenn sie sich dieser Konsequenz des Weges, den mm also auch die Landsmannschaften beschreiten wollen, bewußt geworden sind. Denn sonst könnten sic uns vielleicht übelnchmen, was wir Roscnbiüth iibclnchnicn, wenn wir ihm nämlich die Bchauphing zurückgcbcn müssen, daß auf der Seite der Fraktionslosen ״das allgemein-zionistische Verantwortungsgefühl.... an- .scheinend gelockert ist“. Wir werden auf diesen Satz unten bei der Behandlung der einzelnen zu zerstreuenden Irrtiimer noch besonders zmücknikommen haben. Hier sei nur folgendes gesagt: Woraus sind die Fraktionen entstanden? Zurzeit als der Zionismus geschaffen wurde und noch eine Reihe von Jahren nachher war die Organisation eine völlig einheitliche, weil auch der Aufgabenkreis ein völlig einheitlicher war. Inden Jiigcndjahrcn des politischen Zionismus war, was be/cidineitderweisc Roscnbiüth auch heute noch in den Vordergrund der Aufgaben des allgemeinen Zionismus rückt, die zionistischc Propaganda das hauptsächlichste, was von den Anhängern der Organisation zu leisten war. Politik führte Herzl allein, Finanz- und Wirtschaftsfragen kamen kaum in Betracht, und eine praktische Pnläxtlnaarbcit von seilen der Organisation gab es nicht oder so gut wie gar nidit. Der Zustand der Organisation mußte sich notwendig ändern im Augenblick, in dem sich der Aufgnbenkreis änderte. Es ist niclit ein Minus, sondern — wenn man schon diese häßliche Kampfesweise eint ihren will! — ein Pius des zionistischen Verantwortungsgcfülih, wenn man den Aufgaben, die gestellt werden, so stark innerlich beteiligt gegcnübcrstcht, sie so konsequent zu Ende denkt, daß man sich niclit damit begnügt, sie irgendwie erledigt zu sehen, sondern einen bestimmenden Einfluß darauf zu nehmen wünscht, w׳ie sie erledigt werden. Wer persönlich zu den wirtschaftlichen, sozialen, religiösen und kulturellen Fragen irgendeinen Standpunkt hat, würde ein Minus und nicht ein Phis an zionistischem Verantwortungsgefüllt haben, wenn er sich nicht mit allen Kräften und mit seiner ganzen Persönlichkeit dafür cinsetzte, daß die Erfüllung der zionistischen Aufgaben in Palästina in dem Sinne erfolgt, den sein Gewissen ihm als den richtigen vorschreibt. Es ist gar kein Zweifel, daß die fortschreitende, bis zur. restlosen Durchbildung gehende Fraktionierung des Zionismus nur von zwei Faktoren abhiingt: von der immer weiter gehenden Erfüllung praktischer Paläsfinaaufgabcn und von der steigenden Veibiimlcnlieit jedes einzelnen Zionisten mit den in Palästina zu leistenden Arbeiten. Das Wort vom ״Primat des paliistiiicnsisclien Aufhaugedankens vor allen parleidogtnatischcn Bindungen wirtschaftlicher oder religiöser Natur* ist ein vollkommener Widerspruch in sich selbst. Je stärker das Gefühl der Verbundenheit mit dem Aufbau in Palästina ist, um so stärker muß die Festlegung auf eine bestimmte Tendenz sein. England kann zionistisch schlechthin sein, das jüdische Volk muß über das Wie seiner Heimstätte bestimmte Vorstellungen haben und sic zu verwirklichen suchen. Es ist eine aus reiner Theorie erwachsene und in der Wirklichkeit nicht denkbare Anschauung, als ob man dem Aufbau zunächst nur ruhig seinen Lauf lassen könnte, und wenn er erst gesichert dastündc, dann an den Umbau gedacht werden könnte. Wer überzeugter Anhänger des Kapitalismus ist, muß einem sozialistisclicu Aufbau cntgcgentretcn, weil seiner Ueberzeugung nach hier etwas begonnen werden würde, was vom Anbeginn an zum Scheitern verurteilt wäre, und wer umgekehrt ein Sozialist nicht mir des Wortes, sondern der inneren tJeberzeuguug ist, der muß mit der gleichen Energie zu verhindern trachten, daß ein neues kapitalistisches Wirtschaftsgebilde errichtet werde, von dessen Zusammenbruch er von vornherein überzeugt sein muß. Es bedarf keiner Ausführung, daß für die religiös positiv eingestellten Kreise eine ganz entsprechende Anschauung maßgebend ist —, schon der Psalmist hat cs gesagt, daß wo Gott nicht der Bauherr ist, die Bauleute sich vergeblich ahniüheti. Ich wage daher die Behauptung, daß, wenn es heute überhaupt noch Uebcrbleibsel des landsmannschaftlichen Prinzips auf dem Kongreß gibt, dies absterbende Reste einer alten Zeit sind, die nur dann sich halfen können, wenn — was wir nicht hoffen wollen, ■— politische Ercignisse unsere praktische Arbeit wieder zurückwürfen und wir wieder «ine neue Epoche erleben, in der Verbundenheit mit der praktischen Arbeit nicht möglich wäre. Der Gedankengang stellt sich aber nicht nur so dar: je naher wir unserem Ziele kommen, um so mehr müssen wir notwendig unsere Einheiten sammeln unter ideologischen statt unter geographischen Gesichtspunkten, sondern er geht weiter. Je mehr wir wirklich die föderative Gestaltung des Zionismus durchbilcien, um so stärker werden wir auch unsere Palästinapflichten erfüllen können. Bei der ungeheuren Ueber- Schätzung der Leistungen des ״allgemeinen Zionismus“, die den Roscnhlüthschen Artikel beherrscht und auf die unten noch cinz.iigchen ist, Übersicht er u. a. auch die Tatsache, der Somlcrleistungen der Fraktionen neben ihrer allgemeinzionistischen Tätigkeit. Ohne die Tätigkeit des Misrachi wäre unser Kulturwerk und auch vieles andere nicht im heutigen Stande (ich verweise auf die instruktive, während des Kon- Der dritte Band ״Dubnow“ Endlich ist auch der dritte und Schlußhand des bedeut- Samen Werkes (Dubnow, Neueste Geschichte des jüdischen Volkes, Berlin, 1023, Jüdischer Verlag) erschienen. Aeußerlieh präsentiert es sich nicht völlig befriedigend — bei einem Werk, das mutmaßlich über Jahrzehnte große Bedeutung als Lese- und Nachselilagcbuch haben wird, hätte der Verlag für eine dauerhaftere Ausstattung und der Verfasser für ein Sach- und Namenregister sorgen müssen. Das Werk selbst ist in seinem Schlußbande fast noch interessanter als in den beiden ersten Banden. In diesem Bande zieht alles noch einmal an uns vorüber, was wir in den letzten Jahrzehnten als Tagesereignis erlebt haben, aber gesammelt, vom zufälligen Beiwerk der Tagesberichte befreit — eine sehr nachdrückliche Rückschau wie durch eine Samtucllinse. Eine Rückschau über Teile unseres eigenen Lebens. Die ״Dreyfufi-Affäre“, der Kischinewcr Pogrom und so vieles andere, was wir mit vollem Herzen mitcrlcbt haben, hier wird cs uns durch einen geschlossenen, wuchtigen Bericht erneut lebendig und durch manche uns unbekannt gebliebene Finzelzügc verdeutlicht. Deshalb ist dieser dritte Band für uns ein ״Tagebuch“ ganz persönlicher Art; wer es zu lesen versteht, wird erfüllt davon sein und dem Verfasser tausend- Edien Dank wissen. Der Laie wird aus der Lektüre auch eine allgemeine Erkenntnis gewinnen; der verbreitete Glaube, das ״schwarze Mittelalter“ sei vor 400 Jahren zu Ende gegangen, ist falsch. Der Hauptteil der Judenheit, der ostjüdisclic, hat unter der Zarcnlicrrsdiafl in Verhältnissen gelebt, die bis ins Detail hinein aus dem 14, und 15. Jahrhundert bekannt sind. Da man nun aber das weite Rußland an Umfang und gesellschaftlichem Gewicht mit gut der Hälfte des ganzen Europa gleichsetz.cn kann, kann man auch getrost sagen: die Neuzeit, d. 11. das Zeitalter des Rechtsstaates, hat wenigstens für die Juden bislang noch nicht begonnen. Es ist wahrlich kein Wunder, daß sich so viele Juden um die Heraufführung der ״Neu- *eit" bemühen. Geschichtliches Studium schlägt Brücken zwischen Ver- Dngenheit und Gegenwart, zwischen Wesensart und Politik. Kein deutscher Zionist dürfte -י neben de» wenigen anderen bedeutsamen historischen Werken — Dubnows ״Neueste Geschichte“ ungelesen lassen! Nicht ganz in derselben rückhaltlosen Zustimmung, die der Laie diesem Werke schuldet, kann dt:r Fachmann verharren, und die bescheidenen Mängel sind um so empfind- Heuer, da das Werk eine fast unentbehrliche Matcrialsainmhing ist. In hohem Grade erfüllt es die Funktion wirklich durch seine Matcrialfüllc, Sachlichkeit und Objektivität. D.c Mängel aber, von denen wir sprechen müssen, liegen zum Teil im Thema begründet. Wir haben schon aus Anlaß der Besprechung der ersten beiden Bände seinerzeit Bedenken gegen die Begrenzung des Themas erhoben, Das 19. Jahrhundert ist das leerste Kapitel der jüdischen Geschichte, das cs gibt. Die Juden, aus ihren wirtschaftlichen Positionen immer mehr verdrängt, beginnen ihre Geltung nach außen zu verlieren, zeigen aber ebensowenig schöpferische Erscheinungen in der inner ütlLchcn Welt. (Einzelne Ausnahmen ändern das Gesamtbild nicht.) Die Zersetzung von außen nach innen wirkend und die Erschlaffung von innen nach außen wirkend sind so deutlich, daß ein dreibändiges Werk gerade über diese Zeit erstaunlich bleibt, oder vielmehr erstaunlich bliebe, wenn nicht der Verfasser vielerorts verriete, daß seine letzte Absicht nicht rein wissenschaftlich ist. Schon in den ersten Zeilen dieses dritten Bandes erscheint statt des Historikers der Dogmatiker Dubnow. Er schreibt: ״Als nach der sinnlosen Schlägerei, deutsch-französischer Krieg genannt, 1871 der Friede geschlossen ward , . Aber was ist denn von den geschichtlichen Ereignissen sinnvoll und was sinnlos? Der Historiker wird eine solche Frage weder beantworten, noch sie überhaupt stellen. Zu einer solchen Fragestellung gelangt nicht der Historiker, der berichten, sondern der Dogmatiker, der urlcilcii will, Der Dogmatiker zeigt sich aber auch bei viel wichtigeren Punkten, bei denen wir den ruhig erläuternden Bericht den Historikers schmerzlieh vermissen. Dieses Manko ist 11m so empfindlicher, als im allgemeinen der Ton des Werkes auf eine fast gar zu ruhige Berichterstattung eingestellt ist. Mit fast protokolfarischer Ausführlichkeit wird über irgendwelche Parlaments- oder sonstige Sitzung berichtet und dargetan. was dieser oder jener wenig interessante christliche Politiker zur Judenfrage geäußert hat, Bei manchem solchen langwierigen Bericht denkt man an das schöne Sprichwort von ״der Rede )Kürze", Aber gegenüber dieser sichtlich großen Bemühung um eine objektive Berichterstattung stehen höchst subjektive Bewertun• pen und Uebergehungen. Eine harmlose, aber bezeichnende Probe dieser Art haben wir bereits erwähnt. Anderes ist weniger harmlos. Verzeihlich ist immerhin, daß der Ver* fasser seinen eigenen politischen Anschauungen einen relativ viel zu beträchtlichen Raum gewährt. Der ״Autonomismus“, der nicht zu nennenswerter Parteibildung und entsprechender Bedeutung geführt hat, wie der Verfasser selbst anerkennt (S, 509), hatte sicli — unbeschadet seiner Bedeutung als Programm — in einem Bericht von dem, was ״geschehen“ ist (״Geschichte!“) mit bescheidenerem Raum begnügen müssen. Eine erheblich eingehendere Behandlung hätte dagegen eit» anderes Programm, das zugleich eine furchtbare Wirklichkeit ist, verdient: die Assimilation. Die Assimilation ist seit Beginn der Diaspora, also seit der Zerstörung des ersten Tempels, mit wechselnder Stärke zugleich der entscheidende Zustand wie eine entscheidende Triebfeder gewesen. Aber gerade in der Zeit, die sich Dubnow zur Darstellung gewählt hat, ist die Assimilation als Zustand wie als Triebfeder von größerer Bedeutung gewesen als jemals. Diese Tatsache springt einem am meisten in die Augen, wenn man die Juden des 19, Jahrhunderts betrachtet. Dubnow erwähnt nirgends deren zentrale Bedeutung, und die interessanten Ursachen dieser Assimilation, deren eingehende Betrachtung so tief in das Wesen ckr jüdischen Geschichte hincinführt, erwähnt er mit keinem Wort. Ebenso geht er an allen wirtschaftlichen Tat- Sachen und Zusammenhängen achtlos vorüber. Und gerade die Wirtschaftsgeschichte der Juden im 19. Jahrhundert ist reich an interessanten Begebenheiten und Aufschlüssen. Es sei hier mir an einige wenige Tatsachen erinnert, z. B. die ungeheure Zunahme der freien Berufe unter den Juden und damit zusammenhängend ihr Einfluß in Literatur, Kirnst, Presse und Politik. Oder: die Entstehung der Großbanken, der Warenhäuser, ihre jüdischen Initiatoren, deren langsame Verdrängung. Oder: der universalistisch-kosmopolitische Gebt bei den jüdischen Intellektuellen, dessen Wirkungen nach dem Krieg auch politisch so deutlich gewo! den sind. Aus diesen Wurzeln kommen die Ursachen all der vielen Einzeltatsachen, die Dubnow in chronologischer Tr.ue aufführt; er zeigt aber nur die Tatsachen selbst und nicht deren Ursachen, Wirkungen und Zusammenhänge. Es liegt alles hübsch säuberlich nebeneinander bei Dubnow; wie Deutschland neben Rußland, *a I!1 >41 I >

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