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Jüdische Rundschau · 1923-07-17 · Heft 57 (17.7.1923) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVIII (1923)
Issue
Heft 57 (17.7.1923)
Date
1923-07-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Seife m Oileiicr Brief an den Präsidenten Wcizniann Von J. Grün bäum, Warschau. Wir geben nachfolgend die volle Ucbcrsctzung des Briefes, der in der WalilkampiscJirift der polnischen Gruppe ״Al Hnmisclunar“ erschienen ist und auf den wir an anderer Stelle zurückkommen. Red. d. ״J, R.“ Herr Präsident! Ich ,stelle mir selbst die Frage, warum ich mich denn mit einem offenen Briefe an Sie wende, und es fällt mir schwer, diese Frage zu beantworten. Ich glaube auch nicht einen Augenblick lang daran, daß meine Worte auf ihre Beschlüsse irgendeine Wirkung haben könnten, Beschlüsse, die Sie bereits durchzuführcn begonnen haben, und die — mehr oder weniger — die Zustimmung fast aller Landsmannschäften gefunden haben. Ich habe nicht die mindeste Hoffnung, daß in Ihren Plänen eine Acndcrung eintreten, daß der Prozeß der Kapitulation vor unseren Gegnern aufgcli,alten, daß der Liquidation unserer Zionistischen Organisation Einhalt getan werden könnte, welche Sic mit Ihren letzten Schritten zu verwirklichen begonnen haben. Ich weiß, und gebe mir durchaus Rechenschaft darüber, wie schwerwiegend die Worte sind, die ich gebrauche. Ich Verstehe wohl, wie schrecklich es ist, wenn ich den Führer tinsercr Bewegung, den Präsidenten der Organisation, in solcher Weise beschuldigen muß. Aber ich kann mir nicht helfen. Ich muß es tun, ich halte cs für meine heiligste Pflicht, diese schmerzlichen Worte offen auszusprechen, mich direkt an Sie zu wenden, Herr Präsident. Das ist der eigentliehe Ornnd, der mich zu diesem hoffnungslosen offenen Brief veranlaßt. Ich fühle, daß das gesagt werden muß, daß ich es sagen muß. In den zwei Jahren seit dem XII. Kongreß, aber auch schon vorher, bin ich einer von denen gewesen, welche in!Wort und Schrift Ihre Politik gegen die Angriffe Ihrer nunmchrigen Freunde und Anhänger unterstützt und verteidigt habe. Ich habe in Ihnen die tragische Figur eines Führers gcsehen, der eine große Schlacht gewonnen hat, die entscheidende Bedeutung haben soll und kann, und der nun vor sich die Gefahr sicht, den Krieg zu verlieren, weil das Volk sich nicht mitreißen läßt, und die nötigen Opfer an Leben und Geld nicht bringt. Immer wieder schien mir, daß Sic und Ihre Ocnosscn auf den Gipfel eines hohen Berges vorgestürmt sind, und daß Sic nun, durch die Schwere einer gleichgültigen Masse bergab, immer tiefer! gab gezogen werden, und die übermenschlichen Kräfte, die Sie aufwenden, um auf dem Gipfel zu bleiben und das Volk zu sich emporzureißen, helfen nichts. Voller Zorn und Verachtung habe ich daher die Worte jener vernommen, welche von Ihnen eine kampflustige Politik gefordert haben, welche Sie der Nachgiebigkeit und des schädliehen Opportunismus beschuldigt haben, welche alle unsere Niederlagen in Erez-Israel auf Ihre Schwäche zurtickgeführt haben; ich habe niemals begreifen können, wie man die Führung eines schweren und gefährlichen Kampfes verlangen kann, wenn die Mittel fehlen, wie man einen Angriff fordern kann, während man zu einem Rückzug gezwungen ist, weit die Kräfte fehlen, und ich bin mit Ihnen gegangen, ich habe Sie überall verteidigt, denn ich habe mir gesagt: man muß zunächst die nötigen Kräfte, die großen Mittel schaffen, dann erst wird eine Aenderung in unserer Politik eintreten können, indessen aber müssen wir die eingenommenen Positionen befestigen. Entschuldigen Sie, wenn ich Begriffe und Bilder aus der Terminologie des Krieges verwende. Ich glaubt, ich kann Ihnen so am deutlichsten meinen Gedanken und meine Stirnmung, die wohl auch Gedanken und Stimmung vieler anderer sind, klar machen — und dies ist ja meine Absicht. Wir haben doch einmal zusammen gekämpft, in der demokratischen Fraktion, Sie sind doch einmal mein Führer in der Opposition gewesen. Und sogar damals bei unserem ersten Zusammentreffen, habe ich Ihnen erklärt, daß zwischen meiner Fraktion und der Ihren ein Unterschied besteht, doch sind Sic mein füh« er gebfieh. n. Und nun sehe ich, daß Sie den Prinzipien untreu geworden sind, für die wir zur Zeit Flerzls gekämpft haben und welche in der letzten Periode gesiegt haben. Mit Schmerz und Zorn sehe ich, wie Sie kapitulieren, wie Sie die gewonnene Position verlassen, wie Sie sieh herab?erren lassen, nicht zu unseren zionistischen Massen, nein, viel tiefer, bis zu jenen Gruppen und Schichten, welche für unsere Sache niemals ein Herz hatten, welche uns niemals verstehen konnten oder wollten, welche noch immer Steine auf unsern Weg geschleudert haben, welche uns verschrien haben als Abenteurer, als Demagogen, die die Massen verführen, die die Ruhe stören und Streit und Hader in die Reihen des Volkes säen. Und diese Kapitulation droht eine vollständige?u werden, droht mit einer Liquidation der Zionistischen Organisation zu enden. Die Bewegung, auf einen neuen Weg verführt, verliert ihren befreienden, belebenden Inhalt, wird in ein Unternehmen zum Aufbau Erez-Israels umgewandelt, von verschiedenen kleinen oder größeren Wohltätern unterstützt, welche in Angst vor den Volksmassen leben, die wir erweckt haben zum Dasein und zum Kampf, die wir gelehrt haben, daß alle, die ihnen irgendein Gutes erweisen, vor ihnen verantwortlich sein müssen, daß niemand das Recht hat, in ihrem Namen zu sprechen, der nicht vor ihnen die ,Verantwortung trägt Oder füllten Sie nicht, Herr Präsident, daß Sie all den Prinzipien untreu werden, wenn Sie Ihren Plan der Zusammcnstclhmg der Jewisli Agency verwirklichen? Fühlen Sic nicht, daß Sic vor den Reichen und Großen kapitulieren, vor den ״Geldjuden“ und den ״Großjuden“, wenn Sie das Prinzip des Volksvertrauens und der Verantwortung aufgeben, um sic ״heranzuziehen“? Durch die Kraft des Volkes, durch sein Vertrauen, durch die Kraft der Verantwortung vor seiner Vertretung haben Sie gesiegt, haben Sie die Höhe erstiegen, auf der Sie nun stehen, haben Sie die ״Geldjuden“ und die ״Großjuden“ bezwungen, die sich doch für gottgesalbt halten, und cs nicht verstehen, daß dieser Gott das goldene Kalb ist, daß der Quell ihrer Größe weitab liegt vom jüdischen Leben, in welchem sie oft, allzuoft, sehr klein sind. Und diese haben Sie gezwungen, Sie und Ihre Größe anzuerkennen, trotzdem Ihre Kraft im jüdischen Leben liegt und in den jüdischcn Massen, trotzdem Ihr Gott nicht das goldene Kalb ist Und anstatt sie nun zu zwingen, sich dem Volke zu ergeben, welches Sie vertreten, anstatt ihnen den Weg zum Volke zu versperren, das sie versklaven wollen, das sie mit ihren Wohltaten demoralisieren und desorganisieren — anstatt sje vor die Alternative zu stellen: mit dem Volke, ihm verantwörtlich, oder gegen das Volk, fremd und verstoßen: und anstatt die Besseren unter ihnen doch endlich zur Kapitulation zu zwingen, vor Ihnen, vor der zionistischen Bcfreiungsbewc’ guiig, vor dem aufcrstchenden Volke . . , kapitulieren Sie vor ihnen, vor ihrem Kapital, welches sie wohl verschlossen halten, übergehen Sie in solche Hände die Macht, die das Volk Ihnen anveriraut hat, überlassen Sie diesen Händen die Führung der Aufbauarbeit, die Errichtung unseres nalionalen Heims in Erez-Israel! Und Sic versuchen gar nicht, sie verantwortlich zu machen vor dem Volk, im Gegenteil, man hat den Eindruck, als wären Sie zufrieden, daß Sie zusammen mit jenen das schwere Joch der Verantwortung auch von sich selbst abschütteln werden. Sie, Herr Präsident, haben nicht durchgchaltcn. Die schwere, ich gebe es zu, die unerträgliche Last der Führung der zionistiseiicn Bewegung und Arbeit bei der verschhchterten politischen Konjunktur, hat Sie gebrochen. So wurde cmmal Herzl gebrochen, und er kam zu uns mit dem Vorschlag wegen Uganda, mit dem ״Nachtasyl“. Auch damals ist die große Mehrheit für seinen Vorschlag gewesen, Sie kommen jetzt zu uns mit dem Vorschlag, zur Jewish Agency Menschen und Institutionen hcrmizuzichcn, die das Prinzip der Verantwortung nicht anerkennen; welche weder vor uns noch vor irgendeiner gemeinsamen Vertretung des jüdischen Volkes Verantwortung tragen wollen. Aber Herzl sah, daß er vor einer Mauer steht, daß seine Verhandlungen mit der türkischen Regierung resultatlos waren. Vor welcher Mauer stehen Sie, Herr Präsident? In politischer Hinsicht, das haben Sie doch immer versichert, sind in London die Beziehungen zu uns unverändert, ist der Prozeß unseres politischen Niederganges zu Ende; und wenn die Reaktion nach unseren politischen Erfolgen ihren Endjwnkt erreicht hat, so können wir nun doch einen gewissen politischen Aufschwung erwarten. Die arabische Bewegung hat, wie es scheint, Sie auch nicht allzusehr beunruhigt, — warum fühlen Sie sich also gezwungen, jetzt zu tun, was Sic bisher nicht tun wollten; jetzt vor unseren Gegnern zu kapitulieren, vor den Gleichgültigen, obwohl Sic seinerzeit mit B r a n d c 1 s und seiner Gruppe, die docli in unserem Lager gewesen sind und die unsere Grundsätze nicht geleugnet haben, keinen Kompromiß schließen wollten? Sie sagen: die Mauer ist die Enttäuschung über das Volk, über seine mangelnde Opferwilligkcit und Bereitschaft, die riesigen Mittel, deren wir jetzt bedürfen, hinzugeben. Auch in dieser Hinsicht ist die Lage vor zwei bis drei Jahren schlimmer gewesen, als sic Jetzt ist. Damals hat man in Phantasien geschwebt, hat man sich leuchtende Bilderr ausgemalt über die großen Kapitalien, welche das• Volk selbst uns darbringen wird; die Wirklichkeit ist dann sehr traurig gewesen. Jetzt sind die Illusionen zerronnen, aber wir haben erkannt, daß wir mit großer Mühe und Anstrengung das notwendige Geld zustande bringen werden, daß wir ,große und starke, ständige Apparate schaffen müssen, welche die Volks- Steuer entnehmen und einheben. Die bisherige Erfahrung hat diese Erwartung eigentlich bestätigt Gewiß sind die Anstrengungen, die wir dabei machen müssen, übermenschlich. Aber verlangt unsere Sache nicht auch übermenschliche Kräfte? In der großen zionistischen Masse ist eine gewisse Müdigkeit und Enttäuschung fühlbar, welche zum Unglauben an die eigenen Kräfte führt, und zu einem unbegründeten Glauben an die großen Kapitalien, welche die ״Herangezogenen“ mit sich bringen werden. Herr Präsident, wie steht es in Wirk- Iichkcit damit? Wir haben bis heute noch nicht ein Wort von den Kapitalien gehört, welche Jene geben werden, vor denen Sie kapitulieren. Es ist schwer zu glauben, daß Sie sich in dieser Hinsicht nicht versichert haben. Aber, um wieder auf die Müdigkeit und Enttäuschung zurückzukommen, — es scheint, daß auch Sie, Herr Präsident, müde .geworden sind und enttäuscht — am Volke. Aber ein Führer darf an seinem Volke nicht verzweifeln; denn seine Müdigkeit und Enttäuschung beweist, daß er die Zügel aus der Hand verloren hat, nicht aber, daß er das Recht hat, im Namen jener zu kapitulieren, die ihm die Führung anvertraut haben. Ich habe keinerlei Hoffnung, auf meinen offenen Brief irgendeine Antwort zu erhalten, es sei denn auf dem Kongresse; aber ich habe es für eine heilige Aufgabe gehalten, aufrichtig und klar diese vielleicht schmerzlichen, aber aus tiefstem Herzen kommenden Worte zu sagen. Zum OrganisatSonsproblem Von Dr. Moritz BileskL Der Mißerfolg zahlreicher Versuche der Verbesserung unserer Organisation kann nicht allein mit der an sich richtigen Erklärung begründet werden, daß unsere anormale, mit mannigfaltigen Unregelmäßigkeiten behaftete Situation eine abgerundete, wirklich befriedigende Lösung des organisatorischen Problems nicht zulasse. Eine Fehlerquelle liegt offenbar auch in einer häufig angewandten Methode: Wir gehen davon aus, daß ganz bestimmte Menschen für unsere leitenden Stellen vorhanden sind. Unsere Einrichtungen werden nach diesen zur Verfügung stehenden Personen ge* staltct. Es soll nun keineswegs verkannt werden, daß die Anpassung der Organisation an wichtige Persönlichkeiten politisch zweckmäßig und wirksam «ein kann. Bismarck hat mit der für ihn gefertigten Verfassung des deutschen Reiches regieren können. Aber, wenn die Kraft der Gesamtheit ausgenutzt und ein dauernder Erfolg erzielt werden soll, erscheint doch das umgekehrte System politischer Organ isation richtiger, für welches die Methodik des englischen politischen Lehens als Typus gelten kann: daß bestimmte Einrichtungen als zweckmäßig fcatgcstcltt und erprobt und diesen die Personen angepaßt werden. Entschließen wir uns zu dieser auf die Dauer berechneten Betrachtung des Organisationsproblems, so erscheint die Frage der Leitung, die wieder einmal als das zentrale Problem der Kräftigung der Organisation bezeichnet wird, keineswegs nur als eine Personenfrage. Die Beziehungen zwischen der Leitung und den wichtigsten Teilen der Organisation, die ihre Kraftzentren sein müßten, erscheinen in auffallendem Maße als unlcbcndig und anorganisch. E» besteht keines* wegs ein Verhältnis des Zusammenhanges, vielmehr fast ein Verhältnis des Gegensatzes oder der Fremdheit. An- Ordnungen, soweit sie überhaupt ergehen, werden kritisch und mit einem Gefühl des Unbehagens aufgenommen. Man empfängt sie zunächst mit der Vermutung, daß Verständnislose Eingriffe Außenstehender nichts nützen könnten. Es fehlt das Gefühl der Beteiligung, keineswegs werden die Handlungen der Leitung als Willensäußerungen der ln der Organisation zusammengefaßten Gruppen betrachtet, für die diese mitverantwortlich sind, lind für deren Verwirklichung sie in gleicher Weise wie für die Ausführung eigener Ent- Schlüsse eintreten müßten. Der Mangel der .Verbundenheit Nr. 57 und Teilnahme, die Quelle aller dieser Uebelstinde, wird 1 bestenfalls einmal ln zwei Jahren mit dem Kongreß fut 1 kurze Zell in gewisser Weise beseitigt. Hier, wenn die ver- I sammelte Gesnmfvcrtrctimg des Zionismus vor die Aufgabe 1 der Wahl gestellt ist, zeigt sich in der Bedeutung, die dieser■ I Aufgabe bcigclegt wird, daß die Leitung als eigene* und 1 zugehöriges Organ des Gesamtzionismus empfunden wird 1 und dieses Gefühl äußert sich in den Kämpfen und Sorgen' I um die Bildung der besten Leitung. Aber mit dem Kongreß I zerstiebt auch das Gcsamtempfindcn gegenüber der Leitung I und gegensätzliche Gefühle breiten sich aus, so weit, wie' I die geographischen Entfernungen, die nunmehr zwischen der I Leitung und den Gruppen der Organisation liegen, I Dieser Vorgang deutet auf die wesentliche Schwierigkeit I Wie kann die Entfernung zwischen Amerika, Palästina, (>0!® I und London überbrückf, wie kann das Gefühl der Verbunden- I heit, ein Gefühl unmittelbarer Beteiligung an den Arbeiten J und der Verantwortung der Leitung hergestellt werden, tr״tz I der geographischen Entfernungen, aus denen allzu leicht I geistige Distanzen entstehen? Die Lösung der Frage erfordert I die Zusammenfassung zersplitterter Gruppen zu gemeinsamen I Wirken in einem Zentrum. Versuche in dieser Richtung *ind I nicht neu, Moderne Staaten haben vor derselben Aufgabe gestanden, räumlich getrennte Groppen an der einheitlichen Regierung in der Weise zu beteiligen, daß die Leitung der ' Geschäfte und die Verantwortung den Gruppen unmittelbar zukam, nicht an die Zuständigkeit einer übergeordneten Behörde fiel. Auf dem Gedanken, den tragenden Gruppen eines Verbände unmittelbar die Leitung zu übergeben, beruht das System des Föderalismus. Ansätze zum föderalistischen System — das aber hier falsch angewendet wurde — sind in unseren Diskussionen über den Einfluß der Föderationen auch in leitenden Behörden zu spüren. Ein richtiger Versuch müßte das Ziel haben, die wirklich tragenden Gruppen an der Leitung zu beteiligen, die Gruppen, die die Möglichkeit und daher die Pflicht hätten, die Hauptkräfte der Organisation unmittelbar und mit Entschiedenheit für che Aufgaben der Leitung einzusetzen. Dieses Ziel könnte auf folgendem Wege erreicht werden: Die Hauptgruppen der Organisation erhalten vom Kongreß das Recht, Vertreter als Mitglieder in die Executive zu emtsenden. Auf delr Londoner Jahreskonferenz ist etwas Aehnliches für Amerika versucht worden, aber in einer unzweckmäßigen Form. Es soll nicht, wie es damals geschah, eine bestimmte Person als Vertreter einer Oruppe vom Kongreß oder der Jahreskonferenz in die Leitung gewählt werden, die ihre Tätigkeit nach eigenem Ermessen zu ge» staltcn hat, und nach der Wahl nur noch als Mitglied der Ocsanitexckiitive angesehen wird, «0 daß sie mit der Oesamtexekutive, lediglich in einem Verhältnis zur Oesamt- Organisation stellt. Vielmehr sollen die in Betracht kommenden Gruppen ihre Repräsentanten selbst bestimmen, ihnen durch Instruktionen bindende Weisungen erteilen, nie auch abberufen und durch andere Vertreter ersetzen können. Der entscheidende Unterschied dieses Systems von dem bisher geübten Verfahren ist ohne weiteres klar: die Verbindung der Leitung mit den wesentlichen Gruppen der Organisation wird sich nicht mehr in gleichmäßigen, not* gedrungen schematischen Berührungsvcrsuchen zeigen, die sidt in Rundschreiben und gelegentlichen Besuchen erschöpfen. Die Gruppenvertreter werden vielmehr für eine kontinuierliche Information sorgen, die ganz individuell gestaltet werden kann. Vor allem aber werden die Entscheidungen der Leitung nicht mehr Entscheidungen der wenigen Männer in London sein. Da die Instruktionen der Delcgationsgruppen einzuholen sind, wird die Leitung in Wirklichkeit zu einem wesentlichen Teile den Delegationsgruppen übertragen. Sie haben nunmehr unmittelbar die Sorge um die Erkenntnis und Bewältigung der wesentlichen Aufgaben. Die Entscheidüngen der Leitung werden nicht mehr als Anordnungen empfunden werden, sondern als Beschlüsse, die unter Teilnähme und Verantwortung der Gruppen zustande gekommen sind. Bei ihrer Ausführung wird man in ganz anderem Maße als bisher auf die Kräfte der Organisation rechnen können. Bisher zeigen die Aufgaben der Gesamtorganisation nur gelegentlich bei Kongressen und in reduzierter Form bei manchen anderen Tagungen ihre fordernde und daher anregende Bedeutung. Sie sind, wenn aus ihnen ein ständig sich erneuerndes Band gewoben wird, geeignet, einen Geist der Gesamtorganisation zu schaffen, dessen Schwäche heute als ein Widerspruch zu der geistigen Bedeutung der Zionistischen Organisation aulfallt Die vorgeschlagene Beteiligung der wichtigen territorialen Oruppcn an der Leitung macht es nicht notwendig, die Führet der Gruppen unmittelbar an den Sitz der Leitung zu ent* senden. Sie werden durch die Beauftragten der Gruppen ihren Einfluß zur Geltung bringen und mit einer wirklichen Verantwortung belastet werden können. Es mag sogar wünsehenswert erscheinen, daß die ״erste Oarnitur“ nicht ausschließlich mit den laufenden Aufgaben der Leitung belastet wird, sondern für die Arbeit an den wirklichen Kraftzentren, zur Verfügung steht. Es versteht sich andererseits von selbst, daß die Vertreter der Gruppen nicht b'oße Figuren, sondern Männer von Format sein müssen. Sie werden erheblichen Einfluß haben, auch wenn sie die isolierende Befugnis zu selbständiger Entscheidung nicht besitzen. Einwendungen, die möglich sind, sollen ln diesem Auf- 8atz nicht erörtert werden. Gelingt der hier vorgesclilagene Versuch, so müßte sich in der Arbeit unserer leitenden Instanzen eine Verstärkung des Verantwortungsgefühls zeigen. Es müßte die schwer zu mißbilligende Erscheinung verschwinden, daß wir häufig Entscheidungen treffen, die dem Wortlaut nach von größter Tragweite sind, in Wahrheit aber nicht ernst genommen werden. Man wird lernen, daß unsere Beschlüsse nicht Demonstrationen, sondern verbindliche Gesetze sein müssen. Der wesentliche Mangel unserer Organ!• sation, auf den alle organisatorischen Einzelfragen zurückzuführen sind, würde beseitigt, wenn das Gefühl ernsthafter Verpflichtung gegenüber der Organisation erzeugt wird. In dieser erzieherischen Leistung und in der Entfaltung de* Gesammelten, zur Einheit zusammengeschlossenen Kraft der Organisation liegen die Kernfragen des organisatorischen Problems. Für ihre Lösung ist die Macht des geistigen Zusammenhanges mit den Aufgaben der Oesamtbewegung nutzbar zu machen. Sie wirkt heute auf zerstreute Einzelne als Druck, dem sie erliegen, sie kann, wenn sie in die Breite der Bewegung verteilt wird, als belebende Energie Früchte bringen.

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