Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVIII (1923)
- Issue
- Heft 56 (13.7.1923)
- Date
- 1923-07-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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I H.;f Seite 554 IUEDISCHC RUNDSCHAU Nr. m tkr landwirtschaftlichen Bevölkerung und eine Erhöhung ili.er Kaufkraft htrbeigi’iüiirt werden kann. Von den in Jaffa ge- Zählten Betrieben besaiten 50 ״/״ ein Kapital von unter 50 Pfund, das sind also 1000 Goidinark, Nur 10 “,0 der Betriebe hatten ein Kapital von über 1000 Piund. In Jerusalem gar (ratten 81 ״״׳ der Bclriebe ein Kapital bis zu 2000 Goidinark (100 Phmd) lind nur 3 <Vn der Unternehmungen eines von über 1000. Da eine industrielle Kreditbank ebenso wie eine Handwcrkcrbaiik derzeit noch nicht bestellt, können diese Kapitalnöte auch nicht auf dem Wege des Kredites behoben werden. So kommt es, daß auch die heute schon bestehenden industriellen Betriebe kümmerlich dahinleben, viele in ihrer Existenz bedroht sind, die grollten von ihnen auf Wochen und Monate im Jahre ihre Produktion stillegen müssen. Die hohen Schuldzinsen drücken, die AbsatzaussieSrten sind infolge der gegenwärtig gegebenen «charfcn Verknappung der Zahlungsmittel im Lande besonders Ungünstig. Aber ziehen wir gar nicht so sehr die Gewerbe in Betracht, dfe sich in einer sehr schwierigen und ungünstigen Situation befinden, sondern betrachten wir vielmehr gerade die beiden Zweige der städtischen Wirtschaftstätigkeit in Palästina, die verhältnismäßig erfolgreich in den letzten Jahren gearbeitet haben und in denen das Privatunteriichmcn scheinbar Fuß gefaßt hat ,das Importgeschäft und die Bauuntcrnehiuung, so werden wir doch, indem wir sie nationalwirtscliaftlich Iwwerten, im großen ganzen zu keinem positiven Urteil kommen können. Was zunächst das Importgeschäft anbettifit, so ist es im Verlauf dieser Jahre im wesentlichen auf dem Valutadtimping basiert, wobei der sehr hohe Wert der ägyptischen Valuta, die• für Palästina Zwangskurs hat, als Einfuhr anreizender Faktor zu bewerten ist. Aus diesem Grunde wird ein Import möglich, der allein der Menge nach über die nationalökonomisch begründete Aufnahmefähigkeit des Landes hinaus aufgebläht ist. Wenn man liiimifügt, daß es sich qualitativ *um Teil uin einen Sclileudcrimport schlimmer Sorte, wie er auch in irgend welchen kvantiiiischeit Küstenstadtea nicht schlimmer gedacht werden kann, handelt, so wird man in der Rentabilität des Importgeschäfts nur einen schwachen Trost finden, Die Profite der Importeure sind allerdings zum Teil sehr groß gewesen. Selbst die liberal eingestellte ökonomische Zeitschrift ״Mis'char Wetaassijah“ spricht von Importpiofiteii von 50 bis 150 0/0 und darüber. Diesen Profiten steht seibstverstündlich auch ein hohes Risiko gegenüber. Außer den verhecrenden Wirkungen, die teilweise durch einen derartigen Import auf die Konsumgewohnheiten des jüdischen Jischuw ausgeübt werden, werden überdies dadurch viele Versuche, die einheimische Produktion von wichtigen Bedarfsgütern zu schaffen, im Keim erstickt. Die jüdisene Kaufmannschaft Paläslinas weigert sich bisher in weiten Kreisen, die Produktion der inländisdien Gewerbe in ihre Bestände aufmtichmcn, weil sie bei ihnen nicht so bah «Profite erzielt, wie am Ramsclvimport. Ich hübe in meinem neuen Buche mehrere Beispiele aus der Möbelindustrie, Seifenlierstellung, Sticfelwichscn-Produklion angeführt, die zeigen, daß die Rentabilität des Importgcschäfts־ tcilwrire durch die Ausschaltung der inländisdien Er- Zeugung, die beinahe einem Boykott glcidikommf, d, h. aber durch eine Zurüekrängung der Produktivkräfte des jüdischen Jischuw, erkauft ist. Danach wird man die nationahvirisdiafthdie Bedeutung dieses Gesdiüftszweigs zu beurteilen haben. Die Bauurtteriiclnming andererseits hat auf ihre Weise den Wohmmgsbedart, der in ilcn palästinensischen Städten gegeben war, befriedigen wollen, aber auch liier fragt sich welche volkswirtschaftlichen Wirkungen sie am Ende erzielt hat. Stellt man diese Frage, so wird man auch hierin nidit zu eindeutig zustimmenden Resultaten gelangen können. Wenn man bedenkt, daß im städtischen ßaugcschäft in den letzten Jahren viele hunderttausend׳ Pfund — man spricht von lJ/8 Millionen — investiert worden sind, so wird man sich fragen müssen, ob diese Anlage wirklich die national-wirtsdiaftlich dringlidiste gcwesen ist. Wenn man, wie Ruppin mitgeteilt hat, nach den gegenwärtig gegebenen Kolonisationskosten mit Hilfe von 700 Pfund eine Familie in der Landwirtschaft und eine Familie im Handwerk in einer dauernden ökonomischen Existenz ansetzen kann wozu gleichzeitig nach den bisherigen Erfahrungen die Möglichkeit tritt, daß zwei andere Familien mit demselben Kostenaufwand als Lehrer, im Transportwesen usw. Bcschäftigung finden, so wird man unschwer begreifen können, wieviel wichtigere Aufgaben auf dem Gebiet der Kolonisation an anderer Stelle im palästinensischen Siedlungswerk hätten geleistet werden können, mit den Mitteln, die in dem städtischen Hätiscrbau investiert worden sind, wenn diese Mittel m der Hand der nationalen Kolonisation dnstanzen xonzentriert gewesen wären. Man muß dabei ja im Auge behalten, daß die palästinensisch-jüdischen Städte nur zu einem geringen Teil PvoJuktins-Stanodorte oder Erwerbsmittelpunkte darstellen, zu viel größeren Teilen Rentnerstädte, Beamtenzentren Und Schulorte sind. Vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus aber ist es etwas grundlegend anderes, ob man für die Arbeitermassen des Ruhrgcbicts Wohnhäuser bereitstem oder auch nur in Hamburg oder Rotterdam!« Kapital in die Wohnungs- Produktion investiert oder ob man in Tel-Awiw und aut dem Karmel Villen und Beamtenhäuser für emc Million Ptund errichtet. Zudem kommt, daß das ui dem Häuserbau investierte Kapital für relativ lange Zeiträume fcstgelegt ist und nur in den kleinen Quoten der MietpreiseNtrnd Hypothekenzinsen in die Zirkulation zurückströmt. Endlich ist die beabsichtigte Verbilligung der Wohngelcgcnheit in den Städten auch nicht in nennenswertem Maße eingetreten. Die Spekulationswut der Hausbesitzer und iiire monopolistische Mietpreispoliiik hält ziemlich unvermindert an. Um so deutlicher tritt auf der anderen Seite das Bestreben zutage, die Löhne der Bauarbeiterschaft, die sowieso schon auf den Grenzen des Exisienzminimums balancieren, noch mit aller Gewalt tiefer herunterzudrücken. Das ist das Bild, das die sogenannte städtische Kofonisation vom nafionalkolonisatorisclien Standpunkt aus betrachtet, in der gegenwärtigen Stunde bietet. Das sind die Wirkungen, die von ihr bis zum heutigen Tage auf die Entwicklung des jüdischen Jischuws in Palästina ausgegangen sind. Hier wer- . den positive Fortschritte nicht eher erzielt werden können, insbesondere wird nicht eher die jüdische gewerbliche Produklion in Palästina einen weiteren Umfang und Produktionsradius erreichen können, als nidit ein weitgehender Wandel in den Markt- und Kaufkraftbedingungen eingetreten ist. Eine!Verdichtung des inneren Marktes ist eine conditio sine qua non dieser Entwicklung, Diese!Verdichtung kann nur von einer stärkeren jüdischen Ein wänderang nach Palästina kommen, die aber heute eben nidit von der Stadt, sondern nur von der Urproduktion und den auf dis Ur- Produktion sich stützenden Erwerbs zweigen autgenommen wer* den kann. Bedenkt man, wie eng der Bezirk der jüdisch-palästincnsischcn Wirtschaft zur Stunde noch ist, daß er den Kreis einer deutschen Mittelstadt kaum überschreitet, so wird man verstehen, daß eine Einwanderung und Verwurzelung von auch nur einigen Tausenden von Juden in der palästinensischen Landwirtschaft in ihren Wirkungen auf die palästinensischen Marktbedingungen von relativ großer Bedeutung ist. Dazu muß der städtischen Industrie und aem Handwerk eine zureichende Kreditorganisation geschaffen werden, ohne die sie sich auch unter verbesserten Absatzbedingungen nicht leistungr-fähig erhalten kann. Selbstverständlich muß mit dem Boykott der jüdischen Kaufmannschaft gegen die palästinensische Produktion zugunsten der billigen importierten Ware ein für allemal gebrochen werden. Qje Haifaer jüdische Handelskammer hat in einer ihrer letzten Sitzungen beschlossen, eine ״Liga nun Schutz der heimischen Produktion" ins Leben zu rufen. Aber wir fürchten, daß es doch hieße, den Bock zum Gärtner zu ■ machen, wenn wir uns mit diesen Proklamationen der Handelskaimuer begnügten. Der jüdische Jischuw als Ganzes muß bei den Händlern seinen Willen zur eigenen Produktion durchsetzen, selbstverständlich darf es sich dabei nidit ura schlechte oder überteuerte Erzeugnisse li.itidcln, sondern um diejenigen Produkte, die in Preis und Qualität zufriedenstellend und daher der Unterstützung wohl wert sind. Erst wenn diese Voraussetzungen —- Verdichtung des inneren Marktes, Stärkung der inneren Kaufkraft, Krcditorganisatton usw. — gcgeben sein werden, wird aucii die städtische Kolonisation in Palästina die volkswirtschaftliche Basis besitzen, die sic heute noch entbehrt und dfe allein sie In Stand setzen kann, Grundlage der nationalen Kolonisation und einer erweilerfcn jüdischen Einwanderung zu bilden. Unicrdcs liegt nach wie vor das ausschlaggebende Gewidit unserer ganzen ökonomischen Politik aut der landwirlscliaftliehen Kolonisation, der von jeher das besondere Interesse der zionistischen Kolonisatoren gewidmet war, Was die jüdische Landwirtschaft in Palästina anbetriilt, so muß natürlich dabei zwischen den allen Kolonien, den Großkolonicn, den Plantagcnsiedtuiigcn in Jcluuta und Schomron und den .,alten“ Baucriiko’omcn im Cialil einerseits und den neuen Siedlungen der Arbeiter, die im wesentlichen das Resultat der zionistischen Kolonisation der letzten 15 Jahre sind und die über das ganze Land von Beer Towija bis Tel Chai verstreut liegen, sdinrf unterschieden werden. Die Lage in den alten Kolonien ist unverändert schlecht und schwierig, und es dürfte schwer sein, Rezepte zu finden, die in der nächsten Zeit eine Heilung der Krebsschäden dieser Siedlungen herbe!führen können. Die Achirsot, Poria wie Ruchama, wie die von Agudät Netaim befinden sich in ungefähr dem gleichen Zustand. Die Kolonicn stagnieren innerlich vollkommen, sic zeigen kaum Spuren von sozialer und kultureller Aktivität. Ihre ökonomische Situation zeigt eine permanente Depression, die Kolonien sind zum grollen Teil stark verschuldet und die Zinsen, die häufig keine stabilen Bankzinsen, sondern übermäßige und uncrträgliclic Wtichcrzinsen sind, Listen schwer auf den Betrieben. Es ist ein trauriges Symptom, von dem Sagoixxlski in einem seiner letzten Aufsätze im ״Haolam“ gesprochen hat, daß in einer unserer Großkolonicn die Dinge so weit gediehen sind, daß ein großes bepflanzles Areal, welches unter großem Aufwand nationalen Kapitals kultiviert worden ist, in niditjüdische Hände übergegangen ist. Durch die Aklionsimfähigkeit und llliquidität unserer bestehenden Kreditinstitute verschärft sich naturgemäß noch diese schwere Lage. Daß nach wie vor die vielen Zehntausend« von Dnnam, die im Besitz der alten Kolonien sich befinden, nur wenigen Dutzend jüdischen Arbeitern Lcbcnsmögliclikcit zu geben imstande sind, bedarf keiner besonderen Betonung, Daran haben auch die Schwüre, die 1921 an den Gräbern der Maigefallenen von Pctadi-Tikwah geschworen wurden, nidits andern können. Auf einer Bodenfläche, die imstande wäre, eine breite Alijali von vielen Hunderten selbst arbeitenden Siedlerfamilicn aufzunclimcn und ihnen eine Existenz zu ermöglichen, und die nach wie vor tatsächlich vielen Hunderten von arabischen Arbeitern Lohn und Brot gibt, kann die jüdische Arbeit auf keinen Falt Fuß fassen. Wenn die iüdisciicn Arbeiter niditsdestoweniger den Kampf um den Kibtisch Haawodah noch nicht aufgegeben haben, sondern ׳nach wie vor mit ziihcr Energie bemüht sind, in die Kolonien cinzttdringcn, so haben sic doch dabei nicht mdir die dauernde Eroberung dieser Lohnarbcilspositioncn im Auge. Für sie haben vielmehr die alten Kolonien heule die große Bedeutung von Lchrstätten: in ihnen wird, wo cs vorübergehend gelingt, Fuß zu fassen, der junge Chaluz in die palästinensische Landwirtschaft eingeführt, um dann auf Grund dieser Durchbildung in die auf Selbstarbcit begründeten Siedlungen, die Kxvuzot, die Moschawim oder den Gdud überzugehen. Der Markt für die auf den Export eingestellten Kolonien, vor allem also die orangen• pflanzenden, Ist nach' wie vor nicht günstig. Zwar kann man ein Ansteigen der absoluten Exportziffern fcststcllen. S׳o betrug der Orangenexport via י Jaffa im Jahre 1920/21 insgesamt 801830 Kisten, 1921/22 1 222000 Kisten, im Jahre 1922912 1 39 1 23׳ Kisten. Es ist anzimehmen, daß der jüdische Anteil an diesem Export ungefähr in dem gleichen Verhältnis gestiegen ist wie diese absoluten Ziffern (obwohl der Bericht von ״Pardcs" cl!1 Sinken unseres Anteils zeigt), Dagegen sind die Preise, die in Liverpool und Glasgow erzielt wurden, nicht günstig, sodaß das wirtschaftliche Endresultat dadurch stark beeinträchtigt wiixf. Einerseits spielt dabei die Konkurrenz der übrigen Mittetmeerländer, besonders Spaniens, eine Rolle, die dazu noch den Vorteil besserer Verkehrshedingungen und niedrigerer Frachtkosten nach den englischen Märkten genießen, andererseits ist die Aufnahmefähigkeit des Marktes für diese Produkte überhaupt nidit sehr weit gcsteckt. Es zeigt sich, und besonders deutlich nach dem Kriege, daß Produkte, wie Orangen, Mandeln, Wein, auch w׳enn sie ihrer Qualität nach Monopolprodukte sind!, nur einen relativ engen und unsicheren Absatz haben, weil sic Güter relativ niedrigen volkswirtschaftlichen Grenznu'zms sind. Wo eine Krise das Wirtschaflsleben der Markiiämlcr bedroht, werden diese entbehrlichen Einfuhrgüter am schwersten von ihr bctroffen. Wo die Krisis so schwere Formen annimmt, wie gegenwärtig in Zentral- und Osteuropa, tritt beinahe eine Airfnahmcsperre ein. Zuweilen legt sich sogar der Staat ins Mittel, um, wie in den ersten Nachkriegszeiten in der Tsdiccho- Slowakei, diesen, entbehrlichen Luxusimport gänzlich zu unter, binden. Die Getreidebau-Kolonien wiederum sind gegenüber der Einfuhr nadi Palästina nicht konkurrenzfähig. Sogar die australische Produktion ist trotz der hohen Frachtkosten im letzten Jahre Monate hindurch imstande gewesen, die einheimische palästinensisch-jüdische Erzeugung zu unterbieten. So kommt cs, daß in fast allen alten jüdischen Kolonien heute Land käuflich zu haben ist und daß viele der Kolonisten, die sowieso nidit durch ihre eigene Arbeit mit ihrem Betriebe verbunden sind, bcreitstchen, ihr Leben in der Kolonie mit einer kleinbürgerlichen Existenz in der Stadt zu vertauschen. Damit konzcnlriert sich unsere Aufmerksamkeit für unsere zukünftige Kolonisations-Politik atnd die Betrachtung der nächsten Aufgaben des Palästfna-Siedlungswcrkes auf die neuen Siedlungen, das heißt also: die kolonisatorischen Positionen der jüdis-hen Arbeiterschaft, die im Verlauf der letzten 15 Jahre a״s Der I! itiative der jüdischen Arbeiter heraus und unter tatkräLiger Mitwirkung der zionistisdien Ko- Ionisations-Instanzen entstanden sind. Ucberblickcn wir das gesamte jüdische Paläsliimvcrk, das nun etwa ein halbes Jahrhundert hinter sich hat, so sind diese auf jüdischer Arbeit basierten Siedlungen wohl als die einzigen Punkte z»1 betrachten, die man als Krisitallisationskcme gesunder natiomlwirtsdhaftliriV« r Fnhvickhm״ der Juden im Lande werten kann. In seinem tr 11 endlich! schweren Kampf um die Durchsetzung seiner nationalen und sozialen Befreiung sbestreb 11 ngen hat der jüdische Arbeiter in Palästina zugleich die Positionen geschaffen, die einzig und allein die tragfähige Grundlage unseres ganzen Siedlungswerks in Palästina sein können. Was die Lage der Arbeitersiedlungen nun, der Kwuzot, der Moschawim, dos Gdud angelte, von der wir auszugehcit haben, um die Aufgaben zu erkennen, die unserer Kolonisation«• Politik in den nädhsten Jahren harren, 90 ist es wohl klar, wie gerade diese Betriebe, die auf nationale Kapitalien angewiesen sind, unter der akuten Finanzkrisis, die gegenwärtig den Zionismus beherrscht, in ihrer Entwicklung gelitten haben. D'e Stimmen, die aus den Siedlungen unserer Genossen dringen werden umner ernster und erheischen unsere volle Aufmcrk* samkclt, Vor wenigen Wochen ist in der palästinensisch«, [»resse ein Brief der Zentrale der landwirtschaftlichen Arbeit״. Organisation an die Zionistische Exekutive vcsoffcntlicht worden, in dem auf die Folgen der unzulänglichen Keren Hajcssod-Resiiltatc und der andauernden Rcduziciutigen landwirtschaftlichen Budgets aufmerksam gemacht wird. nur, daß die ökonomische Entwicklung der Betriebe selbst schwer darunter Iti let, es stellen sich vielmehr Wirkungen ein die vielleicht noch ernster beachtet werden müssen, In dem Brief wird darauf hingewiesen, daß bei den Arbeitern merkliehe Spuren von Unterernährung auftreten. De Kinder in den Siedlungen müssen beinahe vollständig ohne Milch und Fleisch aufwacliscn. Auf diese Weise wird das kostbarste nationale Kapital gefährdet, das das jüdische Volk überhaupt gegenwärtig besitzt, die ungebrochene, den harten pilästinensischcn Bedingungen gewachsene Arbeitskraft des jüdischen arbeitenden Menschen. Wenn es auch die Not ist, die uns dazu zwingt, so bedeutet das doch, objektiv gesehen, eine Verschwcmlung nationalen Kapitals, die zu den schwersten Ver• lüsten di.־.er Kriscnjalirc gezählt werden ׳miß. Sie wird sidi nicht nur in der Gesundheit, sondern aucif in der Arbeite, fäliigkeit dieser und der kommenden Sicdlcrgeneration des jüdischen Jischuw zeigen müssen. Den hier angouarteten außerordentlich «־Doveren Verhält rissen zum Trotz befinden wir uns doch in den Siedlungen der jiidisdien Arbeiterschaft in einem, wenn auch langsamen und durch viele Hindernisse anfgclinltcncn, so doch sicheren kolonisatorisch-wirtschaftlichen Aufstieg. Der 12. Zionistenkongreß im Jahre 1921 hat mit Hilfe des Budgets, über das er disponiert hat, in Bezug auf die Arbeitersiedlungen ein Sicrilimgsprogramm aufgeslell;, das in zwei Teile zerfiel. Einer« scits sollten die bestehenden!»or.itionen ausgebaut, konsolidiert und ihrer endgültigen ökonomischen Unabhängigkeit entgegengeführt wertlcn, wozu bestimmte letzte Zuschußkapitalien für Bauten, Wassrranlagcn und dergl. notwendig waren. Andererscits sollte über die bestehenden Betriebe hinaus die nepe Kolonisation, die sidi vor allem auf die Emek-Böden konzentriert, kräftig einsclzen. Ungeachtet aller Schwierigkeiten, hat die nationale landwirtschaftliche Kolonisation seit dem Kongreß in der Durchführung dieses zweiteliigen Programms wichtige ,׳'Schritte vorwärts getan, ln der verhältnismäßig kurzen Zeit von anderthalb fahren hat sich z. B. die nationale landwirtschaftliche Kolonisation quantitativ verhältnismäßig sehr stark erweitert. Gab cs vor dem Kongreß in diesen unseren Betrieben im ganzen etwa 690 Arbeiter, die eine Fläche von ungefähr 20 005 Dnnam in Kultur hatten, 90 sind heute schon nahezu 1800, (He ein Areal von 45 000 Dunam bearbeiten. Das ist die ganze wirtschädliche Festung, die der jüdische Jischuw in der gegenwattigen Stunde besitzt und die Differenz zwischen’ de« Zahlen von 1921 und den heute gegebenen ist das ganze Plus an realer Macht, das wir im Lande seit dem letzten Kongreß erworben haben. A'iWii der zweite Teil des Karlsbader Programms ist zum Teil durchgeführt worden. Aber alles hat natürlicherweise unter den stetigen Einschränkungen des Kolorisationsbudgcts, die häufig alle Dispositionen der Betriebe über den Haufen warfen, schwer gelitten. So lange nun das Budget, über das wir verfügen, sich in den Grenzen hält, die wir aus den letzten Jahren keimen, so lange das Ko'.oimationsprogramm des 12. Kongresses nicht vollständig verwirklicht ist, die bestehenden Betriebe nicht endgültig konsolidiert, die neuen Sicdlimgsprojckte genügend fundiert sind, hat es keinen Sinn, großartigen neuen Entwürfen und Programmen nachzujagen. Halten wir den Blick fest auf die nächsten Ziele gerichtet, die der zwölfte Kongreß gesteckt hat, und die wir noch nicht haben erreichen können. Wird unsere Kraft in der nächsten Zeit weiter reichen, als diese Ziele uns führen können, so haben wir dann unsere Energie konzentriert in den weiteren Ausbau der nationalen landwirtschaftlichen Kolonisation, auf die Schaffung neuer Arbcits- Siedlungen, gleichviel in welcher Form, seien es Kwuzoth oder Moschawim, cinzusetzen. Betrachtet man die Entwicklung der schon längere Zeit hindurch bestehenden Arbeitersiedlungen, so findet man sie heute vor allen Dingen von dem Bestreben beherrscht, die ökonomische Selbständigkeit dieser Wirtschaften endgültig sicherzustellen. Alles, was auf dem Wege zu diesem, von den Arbeitern selbst heiß herbeigeschntcn Ziel zu führen geeignet ist, ist getan worden und wird getan. Die Wirtschaft Ist durch Hinzuftignng weiterer wichtiger Betriebszweige bereichert und erweitert worden. Var allem hat man dabei auf die Anlage und die Ausgestaltung der Milchwirtschaften, die Herstellung von Molkcrciproduktcn und auf die Geflügel- und Bienenzucht Wert gelegt. Diese neuen Zweige sollen dazu dienen, die Absatzmöglichkeiten des landwirtschaftlichen Betriebes zu stet* gern. Daß dieses Ziel nicht in dem gewünschten Maße erreicht worden ist, liegt wiederum zum großen Teil an den ganz engen Kaufkraftbcdin1״mgen des palästinensischen judischen Marktes, der, wie Wilkaiisky neuerdings klar nachgewiesen hat, auch für Milch, Eier u. dergl. keinen iveitgesteckten Bedarf befriedigen kann. Zudem drückt die arabische, und neuerdings auch die ägyptische Konkurrenz sehr schwer. Die Träume, die man einst bei uns z. B. über die Belieferung von Aegypten mit Frübgemiise geträumt hat, sind in der Wirkliclikeit ins Gegenteil unigcschiagcn. Seitdem die Bahnvcrbindung zwischen Aegypten und Palästina besteht, wird das Land mit billigem Gemüse überflutet, sodaß die Preise so stark gesunken sind, daß ein Gemüsebau für den Markt überhatipt nicht mehr lohnend ist und unsere Betriebe sich darauf beschränken, ihren eigenen Gemiisebedarf zu decken. Das gleiche ist von dem ägyptischen Import von Molkcreiprodukten zu sagen. Dennoch hat die Differenzierung der Wirtschafts• zweige im Betrieb dazu beigetragen, die Entfaltung der Betriebe zu beschleunigen und ihrer Rcntabilisierung näherzuormgen. # Aut dem Wege zu der sc'nließlichcn Verselbständigung Ist auch die Frage der Budgets der Betriebe, der berüchtigten ״Takziwim“ ihrer Lösung einen Schritt naher gebracht wollten, Schon die Beratung der landwirtschaftlichen Arbeiter, die im Jahre 1921 getagt hat, hat beschlossen, mit dem System der Budgets, wie cs bis dahin bestanden hatte, das die Arbeiter der Betriebe als Angestellte der zionistischen Exekutive, die unabhängig von der Wirtschaftsführung ihres BetiiT'es Anspruch auf feste Entlohnung zu erheben hätten, ansah, zu brechen. An die Stelle dieser Budgets ist einerseits die Befriedigung eines Bedarfsminimums getreten, über das hinaus die Arbeiter nur dann Anspruch auf weitere Entlohnung erheben können, wenn die Wirtsdvaftsibiianz ihres Betriebes diese Ansprüche rechtfertigt. E« ist damit ein Uebergangszustand vom Budget-System zur völligen ökonomischen Unabhängigkeit der Betriebe geschaffen. Andererseits ist beschlossen worden, nur noch Zu9chußkapifalien als Kredite für den Ausbau der Wirtschaft, für die Komplettierung des Inventars, aufzunehmen. Tlese Neuregelung des Entlqlwungssysteins in den alten Kivirzoth ist selbstverständlich wiederum nur dadurch möglieh geworden, daß die Arbeiter in den Betrieben ihre Be* ׳1׳ürfnlsse soweit wie möglich eingeschränkt haben, sodaS sie ihre Existenz mit Hilfe de9 festen Minimums fristen konnten. Außerdem haben sich die Kwuzoth stärker als vorher bemülit, ihren Bedarf an Nahrungsmitteln, an Oetreide, Oemüsc usw, durch Lire eigene Produktton zu decken, um 1