Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVIII (1923)
- Issue
- Heft 49 (19.6.1923)
- Date
- 1923-06-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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r JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 299 n-־v - . > ^U1 der ■ ■(«er ..uch n , i.Cta. ‘ 1 unc A,;.i. x des .;5 vor, .,vater- .;.,Hiiirc ung;׳׳;:i 11t die Xoclicn scheu!״ -preuili scher!״׳ spann•׳; an; als ן liehe!״ e- ■״ 1er■ ,;blicks- Staats• i warum I •'.eisfrei der •j ״1111 1 ■ nisinus er Vor-;■ wencral ,:d Poli-;riit auf i'üdiselie leiulrein;; ■clieti;;eis an •■a deut ich in״׳ Misch!״■ ie Luden• Ls ist machen,!,eschen? Klee der iancl nicht ie, son-;־;:!cutsclui e.issc ihre;an in der Fehlern e, mulh'!!;aschtiM 1 in einer ie demoversebul- «CM. Di; für die besteht nicht ״iilii :r gegen r-״ stark die oliiiv'• oigen an 11 fesiigen talinalunc, ciirent lieh c;> S1 nts-!h Kill Li n 11 c Sc F ׳st- Dul ';mg m:ire aus, k;;. Karl on bezug- ־■־•icht sieh N’aiur cK'f e u c n s t e t e s sein einer!doe re.■der 1 vdoneli rs ne enVilli-' die st .'!1י■ i!;;en Bin• und?׳י;•;rhnüpD’11. n nis /mH sircli per־ e;111(1;•’ daß aixli die (k 11t■ hlstiscacn ,i teil von mul •Vor-;11 Staats• l!1 diesem 50 ebenso?11,1011 "■|C oiivjiiihlih iiattlk'her, 4C״ensatü ist kein Zufall, daß der deutsche Antisemitismus ,.ן! fast ausnahmslos antidemokratisch ist. Beide 0ümu5״c1' widersprechen sich, ihrem Wesen nach. ist der Kampf gegen den Antisemitismus gleich*;eilig auch c'n Kampf für den kulturellen und politisclien Fortschritt des deutschen Staates. Grundsätzlich müssen wir daran festhaltcn, daß der ^taatsgedanke niciit das letzte Ziel menschlichen Zu- 5j‘nm1c;1lcbc11s ist. Vielleicht ein vorletztes. Ucber dem 5!aatc sicht, was logischcnvcisc nicht nur für die V'alicH'alitätensianten, sondern auch für den Nationalsfaat gilt, das Volk. Vor dem deutschen Reich war das deutsche Volk und wird aucli nach ihm unzerstörbar 11!1d unvergänglich dauern, selbst wenn das Reich wieder u'nlergclicn müßte. Das Volk kann nicht vergehen. Die staatliche Einheit wird wohl stets das höchste Ziel der nationalen Sehnsucht bleiben. Ohne Volkstum jedoch j.an״ es weder diese Sehnsucht noch deren Erfüllung ,*eben. Nicht Staatlichkeit, sondern Volkstum ist das Erste und das Letzte im geschichtlichen Geschehen. Dies ivjrd in bezug auf die jüdische Nationalität und die deutschen Minoritäten der östlichen Nationalitätenstaaten riebt gesagt, bloß um eine!Rangordnung zu statuieren, ülciclnvolii kann freimütig zugestanden werden, daß wir u!1scr jüdisches Volkstum ebenso über die jüdische Staatlichkeit wie über den deutschen Staat stellen. Doch 'kommt es hier viel mehr und vor allem darauf an,;;!nächst plttzipicll die Ablehnung der Oinnipotcnz des Sfaatsgedankens zu begründen. Damit ist auch gleich- Kjtig jene assimilatorische Antwort auf den antisemitisehen Vorwurf mangelnden Patriotismus abgelehnt, die jn der Forderung einer um so höher gesHgcrten Vaterlandslicbc der deutschen Juden bestellt. Es wäre eine sonderbar« Logik, wenn die antisemitische Bezweiflung der staatsbürgerlichen Treue der Juden den Erfolg hätte, daß diese sich zu erhöhten patriotischen Anstrengungen veranlaßt sähen. Das hieße implicitc die Berechtigung der antisemitischen Vorwürfe zuzugeben. Wir müssen ruck wie vor an dem Standpunkt fcsthaltcn, daß cs dem Wesen des Staates widerspricht, aus der staatsbürgerlichen Anhänglichkeit seiner Angehörigen eine Gewissensfrage zu machen und ihnen ständig die Gretchenfrage vorzuhal'.cn: ״Wie hältst du’s mit der Republik?“ Ein Notstand, wie der heutige der jungen deutschen Republik, der diese notgedrungen zu einem | anderen Verhalten zwingt, ist etwas Vorübergehendes. Gegenüber der rigorosen, extrem rationalistischen Staalsauffassung, die z. B. Hermann Cohen leinte und die die irrationalen Kräfte ■und Werte des Volkstums abersah oder vernachlässigte, vertreten wir das Ideal der Freiheit der Individualität (auch der nationalen) und der Gerechtigkeit gegen alle Bürger. Die Idee der Gerechtigkeit ist es auch, welche die Achtung vor einer Eigenart verlangt, wie es unsere jüdische ist Diese Eigenart, die eine nationale, d. h. körperliche und seelische, nicht bloß eine rein gesinnungsmäßige ist, ist unzerstörbar wie die Eigenart des deutschen Volkes. Weder fremde Gewalt noch der Versuch der Selbstaufgabe konnten sic unterdrücken. Da wir sie aber weder ablegen können noch auch sittlicher und vernünftiger Weise ablegen dürfen, muß sie der Staat, indem wir leben, als eine Gegebenheit hinnehmen v.ni sich mit ihr auseihandersetzen. Die Freiheit, die dem demokratischen Staatsgedanken zugrunde liegt, muß eine Forderung.wie die antisemitische auf Auslöschung dieser Eigenart oder auf tatsächliche oder rechtliche Deklassierung ihrer Träger um dieser Besonderheit willen, ablehnen. Damit ist auch die Stellungnahme des Staates am Antisemitismus gegeben. Die schwierige Frage, inwieweit deutschen Juden; Anteil an der Verwaltung des Staates gewährt "erden soll oder von ihnen in Anspruch genommen "erden darf, ist allgemein und theoretisch nicht Vi beantworten. Vielleicht lassen sich durch die Betrachtung einer solchen Ausnahmeerscheinung, wie «der tragische Fall Walter Rathen aus ist, einige Anhaltspunkte zwar nicht zur Lösung, aber zur Verdiutlichung der Frage gewinnen. Durfte Rathenau vom tatschen und vom jüdischen Standpunkt aus die Leitung ta deutschen Außenpolitik übernehmen? Diese Frage so abstrakt nicht zu beantworten, sondern nur tah den besonderen Umständen des Einzclfails, die fcr in den persönlichen, sachlichen und menschlichen Qualitäten des Mannes, seiner Erforderlichkeit in einem bestimmten Augenblick liegen. .Vom Standpunkt des jüditacn Volkes aus bedeutet eine solche Berufung ein Opfer Kui einen Verlust. Unsere ernste Auffassung der staatsärgerlichen Pflichten kann allerdings gar nicht anders ‘k sieb mit diesem Verlust einverstanden erklären, ebenso ta sie die noch schwerere Verpflichtung, an der Ver- ,taigung des Staates teilzunehmen, nicht aus dem äußeren j «"ang herlcitctc, sondern in ihrer inneren Kcnscquenz! 0־erkannte. Im übrigen ist die Frage eine rein persönl «he und eine solche der Tatsächlichkeit. Daß die Bctaing eines seiner Abstammung und Eigenart sich "rchans bewußten und sie auch betonenden Mannes zur | *taung des Staates oder seiner auswärtigen Politik an j |,c11 möglich und für den Staat von großem Vorteil sein | tan, beweist der Fall Disraeli in England. Vielleicht 5' ןtaber das in England Mögliche für Deutschland uti- . tagÜch. Darin liegt jedoch ein Fehler und Verschulden Landes, in dem statt der politischen Vernunft unj Politische Instinkte regieren, nicht aber des Juden, der j tadem für eine solche Aufgabe gewählt wurde. Es : ta Rathenaus Tragik, sich über den Unterschied j?*‘sehen dem konservativen, aber demokratischen Eng- Jil(i des neunzehnten Jahrhunderte und dem rejntbli- (Aiiisdien, aber innerlich unfreien Deutschland nach dem Weltkrieg getäuscht zu haben. Die Aufklärungsarbeit, die den deutschen Zionisten gegenüber dem Antisemitismus obliegt, muß also mit einer walirliciisgclreuen, nichts vertuschenden und den Dingen ins Auge blickenden Darstellung der jüdischen Situation im deutschen Staate beginnen. Wir sind üb;rzeugt, daß wir bei dem freiheitlichen, toleranten, chauvinistisch nicht verzerrten Teile des deutschen Volkes auf Verständnis für diese durch tauscndjäluigcs ScH'ksal gegebene, komplexe und eigenartige Situation des deutsehen Juden rechnen können. Vor c'nim Gewissenszwang aber, der von uns die Seibstentäußcrung fordert, indem er eine M״eht als höchstes und letztes 'Gesetz statuiert, die wir als solche nicht anerkennen können, werden w ir nicht kapitulieren, ebensowenig wie wir durch zwei Jahrtausende uns anderen, stärkeren Mächten gebeugt haben. emifisiMis, Ziomsaras uni f Cenfraiverein Von Rechtsanwalt Focrdcr, Breslau. Verfasser legt Wert darauf, fesizusteTIan, daß die ,f.ßgcmlcn Ausführungen keinem offiziellen oder offiziösem ,Aufträge, sondern nur seiner eigenen Initiative ihre Ent- Stellung verdanken. Die Ausführungen über die Abwehr des Anti'einltismus und die Tätigkeit des Ccntralvcrcins in Nr. 43 und 46 der ״Jüdischen Rundschau“ lassen den ehrlichen Willen erkennen, die Kräfte der deutschen Judcnheit auf einer gemeinsamen Plattform zu einigen. Alles, was ,der Erreichung dieses Zieles im Wege ist, muß hinweggeräumt werden, wenn dies ebne Aufgabe einer inneren Ucbcrzcugung geschehen kann. Dann sind aber vor allem Irrtümcr über die grundsätzliche Stcllir “nähme der Organisationen, die sidi der jüdischen Politik widmen, zu berichtigen. Hierzu ist sowohl auf seiten des Ccntralvcrcins wie des Zionismus Anlaß gegeben. Unnütze Arbeit wird geleistet, wenn sogar die geistigen Häupter zweier so großer Bewegungen aneinander vorbeireden, der vielen Mitglieder und Mitläufer nicht zu gedenken, die nur Schlag Worte auf fangen, oder, sei es aus mangelndem Willen, sei cs aus Unfähigkeit, die Probleme selbständig zu durchforschen, sich auf die extremsten, weil am leichtesten faßliehen, Sätze nur allzu gern festlegcn. Zu den Sclilagwortcn nun, mit denen der (nicht genannte) Autor des leitenden Aufsatzes in Nr. 43 argumentiert, gehört vor allem die programmatisch feindliche Einstellung des Central- Vereins zum Zionismus. Statt längerer Darlegungen seien hierzu einige Sätze Holländers aus der Zeitschrift ,,Im deutschen Reich“, Jahrgang 1921, wiedergegeben. Seite 115 heißt cs dort: ״Wer die Tätigkeit des Ccntralvcrcins verfolgt hat, wird wissen, daß der Ccntralvcrcin der tatsächlichen Sachlage entsprechend immer unterschieden hat zwischen jenem radikalcn jüdischen Nationalismus, der sich in Deutschland als fremd bezeichnet, und jenem Zionismus, der in treuer Erfüllung seiner staatsbürgerlichen Pflichten in der Gründung einer ölfcntlich-rcchtüch gesicherten Heimstätte in Palästina sein Ziel erblickt, ohne deshalb irgend welche Konzessionen in bezug auf sein deutsches Empfinden zu machen. Man mag die Zahl der so denkenden Zionisten größer oder geringer sdiät/.cn. Unser Vaterland braucht jeden Mitarbeiter. Als deutsche Juden dürfen wir niemanden, der ehrlich in unserem Sinne arbeiten will, zurückstoßen.“ Hieraus geht hervor, was in den letzten Jahren von leitender Stelle des Ccntralvcrcins wiederholt betont wurde daß die Befolgung des Baseler Programms mit der Mitgliedschalt im Ccntralvcrcin durchaus vereinbar ist. (Ebenso ״Im deutschen Reich“ 1913 S. 194), Tatsächlich umfaßt der Centralverein unter seinen zirka 80 000 eingeschriebenen Einzelniitglicdcrn auch heute noch eine ganze Anzahl Zionisten (? — Red. ,,J. R.“), die zuweilen in kleineren Städten seine Hauptstütze bilden und keinerlei Gegensatz zwischen ihrer Betätigung für seine Ziele und ihrer zionistischen Gesinnung erblicken. Die große Spaltung, die vor zehn Jahren jene Resolution von 1913 bewirkte, über deren taktische Bcrcchtigung heute niciit mehr zu diskutieren ist, erstreckte sich eigentlich nur auf einige größere Städte, umfaßte aber frciüch gerade die tätigsten'zionistischen Kreise und entzog so dem Ccntralvcrcin eine Reihe wertvoller Kräfte. Indessen hat sich in den zehn Jahren, die seither ins Land gingen und so unendlich viel Erschütterndes brachten, viel geändert. Auch der Zionismus hat sich gewandelt. Sein Ziel der Gewinnung Palästinas hat greifbare Gestalt angenommen. Als Utopie kann es nicht mehr bezeichnet werden, wenn auch freilich leider — und dieses Bedauern erfüllt jeden bewußten Juden, gleichviel welcher Richtung er angchört — die Erschließung des Heiligen Landes noch viel Zeit und Arbeit in Anspruch nehmen dürfte. Zu dieser fundamentalen Acnderung tritt noch das Erlebnis des Weltkrieges an sich, in dem die deutschen Zionisten ihre Blutopfer brachten und mit Aus- Zeichnung kämpften, ebenso wie alle anderen Juden. Hans Goslar sagt hierüber in der ״Vossischen Zeitung“ vom 18, November 1921 in seinem Aufsatz gegen die antisemitischen Angriffe Ludcndorffs: ״Im Hirn des deutschen Juden hatte damals gleichviel, ob er Zionist oder etwas anderes war, außer dem Gedanken, das Vaterland zu schützen, kein anderer Platz.“ So sank der Radikalismus, gegen den sich allein die Resolution von 1913 richtete, zur Bedeutungslosigkeit herab. Damit ist die Resolution im Grunde gegenstandslos geworden. Denn das, wogegen sic sich wandte, besteht nicht mehr. Die so oft gehörte Phrase vom ,,Gast im fremden Wirtsvolke“ oder der Uninteressiertheit an dem politischen Schicksal Deutschlands ist verklungen. Abgelchnt werden die Bcstrcbungen, die Juden in Deutschland als nationale Minderheit anzusprcchen (Löwenstein in ,,J. R.“ vom. 8. 12, 1922). , Dinter fälscht in seinem neuesten Machwerk ״Dic Sünde wider die Liebe“ die Tatsachen, wenn er für die gegenwartige Stellung der deutschen Juden zum Deutschtum das Wort eines Studenten aus dem Jahre 1911 zitiert: ״Ich bin kein Deutscher, ich bin ein Jude, cin Nationaljude; ich bin kein Deutscher, denn ich erfasse ihre Art nicht, es gibt überhaupt keinen Juden, der jemals ein deutsches Volkslicd tief empfunden hat oder cs empfinden kann." Hicmcbcn stelle man folgende Sätze aus dem Leitartikel der ״J. R.“ vom 16. 2. 1923: ״Audi er (der junge Zionist) wird in deutsch''־ Landschaft und Sprache groß, in deutscher Kultur gebildet, und mehr a's das: er wollte ja diese Dinge nidit aufgeben.“ ..,.,,Er♦ li-utc findet man jene jungen Juden, die deutsche Landschaft und deutsche Gotik, deutsches Volkslicd und deutsche Natur so tief verstanden und empfunden haben, wie cs niemals deutschen Juden eher möglich gewesen Ist.“ Kann man sich eine größere Wandlung denken, als sie sich in der Gegenüberstellung dieser Sätze ausdrückt? Und doch, vielleicht ist der Geg atz niciit einmal , so groß, wie ihn der mit den Dingen Unbekannte empfindet. Man muß nur auf der einen Seite die Besonderheit des jüdischen Schicksals und die den Juden hierdurch aufgeprägte Eigenart und auf der anderen die Notwendigkeit berücksichtigen, für alles dies eine Terminologie zu wählen, die der modernen Zeit entlehnt, auf moderne Siaatenbildungen zugcschmtten und damit unfähig ist, das auszudrücken, was im Grunde genommen so viele aller Kreise fühlen. Wieviel Versammiungsgetöse, welche Haarspalterei hat die Definition des Nationalitälsbegriffes in seiner Anwendung auf das Judentum verursacht! N. B. in Deutschland! Gibt es cin treffenderes Beispiel für die Eingcdcutschthcit der deutschen Juden als die emsigen Bemühungen, diese Dinge doktrinär zu bchandeln und in cin gründlich durchdachtes System zu pressen? Was übrig bleibt, ist wohl nur die Unterscheidung in den oben charakterisierten national-chauvinistischen Radikalismus von einst, dessen Hauptvertreter Kintzkin ist, und den Zionismus, wie er heute herrscht und in Deutschland so wenig wie in anderen Ländern einen Gegensatz zum Empfinden des Volkes darstcllt, in dessen Mitte die Juden wohnen. Und nur gegen den nationalistischen Radikalismus hat sich der Ccntralvcrcin gewendet, und würde er sich auch weiterhin wenden. Nidit aus Furcht vor dem Antisemitismus. Wer gegen ihn seine Haut vorbehaltlos zu Markte trägt, steht ohnehin auf der ״schwarzen Liste“ irgend einer völkischen Vereinigung. Sondern aus ehrlicher Uebcrzeugung,'aus innerem Empfinden, das jedoch in allen vorurtcilsfreien zionistischen Kreisen heute mehr denn je Widerhall findet und seinen besten Ausdruck in dem von Fuchs geprägten Wort der Synthese von Deutschtum und Judentum findet, die in gleidier Weise das Herz des deutschen Juden erfüllen wie das des Kindes die Liebe zu Vater und Mutter. Mit dem hier Gesagten erledigt sidi bereits der Einwand, als ob der Ccntralvcrcin jemals die Gleidiartigkcit von Juden und Deutschen schlechthin behauptet habe. Ein derartiges Prinzip aufzuslcllen, wäre angesichts der Grund- Verschiedenheit der einzelnen Individuen in allen möglichen psychischen und physischen Beziehungen ohnehin unsinnig. Unzählige Male ist cs betont worden, daß wir uns wahrhaftig nidit einbiiden, unseren Stammbaum auf Herrmann den Cherusker zurückführen zu können, daß den Juden sdion kraft ihrer Religion und deren gewissenhafter Beobachtung sowie durch seine Jahrtausende alte Gcsdiiditc eine Sonderart aufgepragt wurde, die, soweit sie wert ist, erhalten zu werden, niemanden zu Liebe künstlich ausgerottet oder verleugnet werden soll. Alles ״Assimilantcntum“ im schlechten Sinne ist dem aufrechten Mitglied des Ccntralvcrcins genau so zuwider wie dem aufrediten Zionisten. Daß cs abci; eine Assimilation in gutem Sinne, weil naturnotwendig, gibt, leugnet auch der Zionist nicht (vgl. den sciion erwähnten Aufsatz in der ״J. R.“ vom 16. 2. 1923). Die Rasscntlicoric, die alle scelisdicn Eigenschaften der Menschen auf den bloßen Zufall der Abstammung zurückführt und wegen üircs Materialismus dem jüdischen Geist schnurstracks zuvvidcrläuft, hatte früher unleugbar im Zionismus eine große Anhängerschaff. Hier hat wohl die antisemitische Agitation mit ihren ״Rassenfimmel“ — diesen Ausdruck gebrauchte jüngst cin zionistischer Führer — so mandiem die Augen geöffnet. Damit sei das einigende Band, das auch der Gedanke gemeinsamer Abstammung um die Judcnhcit'allcr Länder sclAngt, keineswegs geleugnet, noch weniger die Universalität des Judentums in Abrede gestellt, die cs ähnlich den Christliehen Religionsgesellsdiaftcn ,,übernational“ im besten Sinne des Wortes erscheinen und wirken läßt. Hat demnach die Zeit für die Milderung der geistigen Gegensätze gearbeitet, so ist auch auf dem speziellen Arbcitsgebiet der Bekämpfung des Antisemitismus die Annäherung fcstzustellcn. Zunächst muß es mit Freude begrüßt werden, daß der Zionismus sich der Einsicht in die Notwendigkeit, den Judenhaß und seine Acußcrungen zu bekämpfen, nicht mcl r verschließt. Audi hier las und hörte man es früher anders. Dem Radikalismus, der ob des ewigen ״Ihr seid fremd“ den Willen zur Fremdheit auf seinen Schild schrieb, mußte natürlicherweise jede antisemitische Regung in gevvissem Sinne willkommen sein. Denn sic lieferte ihm den Beweis für die Riditigkcit seiner These. Deshalb erfuhr die Abwehrarbeit des Ccntralvcrcins beim Zionismus mit der Begründung Ablehnung, cs sei widersinnig und zwecklos, natumotwendige Dinge bekämpfen zu wollen. Heute herrscht höchstens über die Methode der Abwehr eine Meinungs- Verschiedenheit. Die Aufklärungsarbeit wird vom Zionismus mitunter in einem Atem als wirkungslos abgelchnt und gefordert (vgl. Löwenstein im Leitartikel der ״J. R.“ vorn 8. 12. 1922). Anscheinend waltet hier cin Irrtum über die Objekte dieser Arbeit. Der Ccntralvcrcin denkt nidit daran, verbohrte oder gar böswillige Antisemiten eines Besseren belehren zu wollen. Hier hat nur der Stiafrichter oJer der Nervenarzt zu walten. Die Aufklärungsarbeit wendet sich vielmehr an das ungeheure