Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVIII (1923)
- Issue
- Heft 44 (1.6.1923)
- Date
- 1923-06-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Diese Entwicklung war von den Statuten vorgesehen, darum bestimmte man dort als Ziel des Keren Hajcssod die Verwirklichung der Balfour-Deklaration. Die Schaffung des Council durch allgemeine Wahlen in allen Ländern ist nichts indcrcs als cm Kongreß mit einem gewissen Zensus, hei dom der Schekel ersetzt wird durch das Pfund-Zertifikat, das Baseler Programm durch die Denkschrift des Keren j.l.ijos.xl mit ihrer Erwähnung der Balfour-DcklaVation. und ru welchem der Eintritt für Nichtzionisten offen ist infolge der Unterbrechung des Zusammenhanges mit der zionistischen Vergangenheit. Auch dies ist ein Weg, aber wenn wir ihn feiten wollen, müßten wir uns klar bewußt sein, daß dadurch der Keren Haiessod zur Jewish Agencv wird. Entweder der Keren Hajcssod wird ein Werkzeugin der Hand der Jcwish Agency oder er selbst wird die Jcwish Agency. Einen anderen Weg gibt es nicht Dem heutigen Zustand der Verwirrung müssen wir schon darum ein Ende machen, weil wir ein Programm für den!!!gemeinen jüdischen Weltkongreß aufstcllcn wollen. Ich hin überzeugt — so schließt Solowcitschik —, daß eine Klinnig dieser Frage in hrrer Zeit zu einer Gesundung unserer gesamten Arbeit führen wird. , SicliBncpa’yKe der Rambr.rgcr Zionisten Aus Hamburg wird uns berichtet: Die Hamburger Zionistische Vereinigung kielt am 28. Mai eine stark besuchte Mitgliederversammlung ab, tun zu den dringenden Fragen des Kongresses Stellung ru nehmen. Zunächst wurde vom Vorstand die Wichtigkeit und Notwendigkeit eifrigster Schckclpropayanda hervorgehoben, weil gerade dieser Kongreß den Einflußkreis des zionistischen Gedankens der ganzen Welt gegenüber, aber insbesondere auch der bevorsichenden Kencssio Gedavloh mit ihrer Konkurrenzschekelsammlung gegenüber aulzeigen muß. Schon jetzt kann gesagt werden, daß unser Schckebingang den vorjährigen 11m mindestens 50 °/0 übersteigen wird. Darauf referierte Herr A. Adler über die Stellung des Misrachi zu den Kongreßfragen. Er betonte, daß der Misrachi durchaus für eine Erweiterung der Jcwish Agency eintrete. Aber er verlangte, daß dein Misrachi Gelegenheit gegeben würde, seine eigene Sammeltätigkeit zugunsten seines besonderen Scliuhmks in Erez-Israel wieder aufzunchmen. Und weiter forderte er die strikte Beachtung der auf dem Karlsbader Kongreß angenommenen Beschlüsse, welche die Achtung vor dem jüdischen Gesetz zum Gegenstand haben. Sodann refezierte Herr R.-A. Dr. Victor, der hervorhob, daß die neue Weizmamische Politik unterstützt werden müsse, da sic eine Verbreiterung der Arbeitsbasis für Palästina schaffen wolle. Die Mittel der Zionistischen Organisation hätten sich trotz aller Aufrufe und aller gemachten Anstrengungen als unzulänglich erwiesen. Diese Erkenntnis müsse zur Einsetzung einer kleinen geschlossenen Leitung führen, welche der jüdisehen Politik auf der Basis der großen Jewish Agency neue Impulse geben müsse, ln der Diskussion legte Herr Lcop. Landau eine später angenommene Resolution des Vorstandes vor und begründete sie. Herr Cohn-Schächter (Jerusalcin) gab Aufschluß über das Verhältnis des Misrachi-Sciiulwcrks zum allgemein zionistischen Schulwerk. Herr Rcf. Michaelis beiante den Willen der Misrachi-Jugend zur Innehaltung der Parteidisziplin trotz aller Differenzen. Herr Dr. Stiebet forderteden Misrachi zu einer aktiveren Stellungnahme gegenüber der Agudah auf. Als Gast ergriff sodann Herr Dr. Roth• Schild, Vorsitzender der Ortsgruppe Lübeck, das Wort und führte in temperamentvoller Weise aus, wie stark die Ausbreitung des zionistischen Gedankens gehemmt würde durch eine junge Generation von Chaluzira, die vom allgemeinen zionistischen Wohlwollen getragen und mit misrachistischen Mitteln ebenso ausgestattet wie mit allgemeinen, doch durch ihr traditionsloscs Leben in Palästina bei vielen palästinafreundlichen Traditionellen Anstoß errege. Dr. Rothschild verlangte, daß die zionistische Politik unter Vermeidung solcher Erschwerungen geführt würde, denn nur die jüdische Allgcmeinheit, die freudig den Palästinaaufbau bejaht, kann ihn zur Tat werden lassen. Dr. Kalmus stellte mehrere Differenzen zwischen den einzelnen misrachistischen Mcinungs- Äußerungen fest und tritt gleichfalls für die Jcwish Agency ein, in der er ein notwendiges aber gefährliches Experiment sicht. Zum Schluß begründete Dr. Danziger noch einmal die Resolution. Die erweiterte Jewish Agency sei die logische Folge aus der offenbaren Unzulänglichkeit der bisher geleisteten zionistischen Arbeit. Sie könne und werde die Voraussetzung für eine neue Aera der Palästinaarbeit einleiten. Man müsse das Vertrauen zu Prof. Weizmanr haben,;er ersciiciiu ucr riamuuigci /..luinsusuivii v; ■vcitcrung der Jewish Agency, welche bisher durch ). allein ’repräsentiert wird, als dringende und unaufdaß er nach gewonnener Einsicht von der Unmöglichkeit der zionistischen Durchhaltepolitik, die neue Politik der Mitarbeit aller, konsequent durcliuihreii werde. Die nachfolgende Rcsolution wurde mit allen gegen drei Stimmen angenommen. Resolution. ״Die zunehmenden inneren und äußeren Schwierigkeiten, welche sich dem Aufbau Ere/.-lsracIs cntgcgcnstcllcn, nötigen zu der Erkenntnis, »laß es uiuiu'iglicli ist, auf die Dauer aus «!»ווי Kräften der Z. O. selbst die Mittel für die Erhaltung des Bestellenden und den Aufbau in Palästina aufzubringen. Daher erscheint der Hamburger Zionistischen Vereinigung die Erw die Z, O. allem ropr, schielibarc Forderung. Die jewish Agency kann naturgemäß nicht mit ihrer Entstehung ihre Aufgabe lösen, sondern es muß erkannt werden, daß sie erst die Voraussetzung für die Gewinnung aller palästinafrcundlichcn Kräite des jüdischen V»31kcs bildet. So selbstverständlich cs ist, daß die Z.O. als solche erhalten bleiben muß, so deutlich muß verstanden werden, daß eine neue Politik der Mitverantwortung und Mitarbeit aller nicht von vornherein unwirksam gemacht weiden darf durch öffentliehe Diskussionen, welche der Souveränität eines demokratisch gewählten Weltkongresses vorgreifen. Es muß vielmehr Angelegenheit einiger verantwortlicher Führer sein, den Gedanken der Jewish Agency auf dem Wege der Verhandlungen allmählich zur Ausführung zu bringen. Schon aus diesem Grunde erscheint der H. Z. V. die Ein- Setzung einer nur aus wenigen Männern bestehenden Exckutive notwendig, welche von diesem Kongreß Vollmacht erhalten soll, bis zum nächsten Kongreß eine provisorische Jcwish Agency zu bilden und Arbeitsmethoden dieser Körperschaft zu erproben. Erst der nächste Kongreß soll über das Resultat der gemachten Bemühungen entscheiden.“ Die Wahl zum Dclegiertentag ergab als Delegierte: Dr. Danziger, Boris Lcibowitsch, Dr. Max Lcvy, Dr. H. Schwabaclicr, A. Adler, Dr. Rud. Möller, B. Fisclibcin, Dr. Stiebei: Ersatzdelcgierte: Dr. S. Lcvy, Simon Horowitz, Richard Markei, Dr. Kalmus, Dr. Buchholz, Herbert Löwenstein, Carl Michaelis, Erich Michaelis, Dr. Töplitz. , D«r Kongreß der Agudas Jisrocl Wien. (J.C.B.) Das Kongreßbüro der Weltorganisation Agudas jisrocl begann bereits mit den Vorbereitungen für die Einberufung der sogenannten ״Konossiah Godauloh“ die am 19. August d. J. zusarmnentreten soll. Innerhalb der Agudas Jisrocl werden aber Stimmen laut, die dafür eintreten, daß die Konossiah erst nach dem Karlsbader Zionistenkongreß zusamnicntretcn soll. Man will abwarten, was der Karlsbader Kongreß mit Bezug auf die Jewish Agency beschließen wird, . , ׳ ■ . ׳-! ■•-; , Die Lina der britischen Juden und der füdlsche Weltkongreß Auf der Jahreskonferenz der ״Liga der britischen Juden", die etwa 30 Mitglieder zählt und bekanntlich antizionistisch ist, wurde berichtet, daß der Präsident Lioncl de Rothschild am 12. April an den Kolonialminislcr, den Herzog von Devonshirc, einen Brief gerichtet hat, der sich mit den von der zionistischen Jalircskonfcrenz in Karlsbad gefaßten Beschlüssen über Einberufung eines jüdischen Weltkongresses beschädigt, ln diesem Sei treiben, das erst jetzt bekannt wurde, verwahrt sich die Liga gegen den Gedanken, daß der geplante Kongreß das jüdische Volk als eine, durch das intcrnationale Recht anerkannte, besondere Nationalität vertreten würde. Obwohl die Liga der Balfour-Deklaration der englischen Regierung vollste Sympathie entgegenbringt, 80 müsse sie doch allen Bemühungen, die die Acnckrung des Status der britischen Bürger jüdischer Religion bezwecken, aufs schärfste entgegentreten. Die Liga beruft sich dabei auf die Auslegung der Balfour-Deklaration, die deutlich erklärte, daß nichts an dem bürgerlichen Status der Juden in der Welt geändert werden soll Jede Anerkennung dc9 projektierten Kongresses als der Vertretung einer ״anzunehmenden jüdisehen Nationalität" würde daher nicht nur im Gegensatz zur Stellung der Juden in der ganzen Welt sein, sondern auch dem Wortlaut der Balfour-Deklaration widersprechen. De ״Liga der britischen Juden“ spricht die Hoffnung aus, daß die britische Regierung ihre Verhandlungen mit der Zionistischen Organisation bezüglich des geplanten Weltkongresscs auf die ökonomischen Fragen Palästinas beschränken wird, wie dks io Art 4 des Mandate» vargeseltcn ist. In seinem Antwortschreiben bemerkt der Kolonlalminester,. daß er bei Behandlung der angeschnittenen Frage dieses Briefes eingedenk sein wird. .1 1 ן Die Familie 4 Kr deutsche Kunirzwcdte Wie aus London gemeldet wird, Ist die Witwe des Elf Jahre 1909 verstorbenen bekannten englischen Industriellen Dr. Ludwig M o n d und Mutter Sir Alfred Monds, am 17. Mal in London verschieden. Dr. Ludwig Mond hatte in seinem Testament Un i v e r$ Itäten und K u n s t a n s t a 11 c 11 in Deutschland mit größeren Legaten bedacht und verfügt, daß die Legate na dt dem Ableben seiner Frau zur Auszahlung gelangen. Auf Grund dieser Verfügung erhält nun die Universität Heidel« berg 50 000 Plund, die Akademie der bildenden Künste in München 20000 Pfund, der Magistrat der Stadt Cassel ebenfalls 20 000 Pfund. Der Vater Sir Alfred Monds, Dr. Ludwig Mond, war Inf Jahre 1839 in Cassel gehöret.. Er studierte Naturwissen• schaflcn an den Universitäten Heidelberg und Marburg. Nach Beendigung seiner Studien wanclcrte er nach England aus und begründete dort eine chemische Fabrik. Am diesem Unternehmen entwickelte sich dann das bekannte chemische Unternehmen Brunner, Mond ft Co. Er war der Erfinder des sogenannten Mond-Gases, welches jetzt eine große Rolle in der Gasbeleuchtung spielt Schon bei Lebzeiten hatte er deutsche wissenschaftliche Institutionen, sowie seine Vater* stadt Cassel mit ansehnlichen Unterstützungen bedacht Eine wertvolle Schenkung lür die Jerusalemer Bibliothek Die Erben des verstorbenen Präsidenten der Prager jüdisehen Gemeinde Dr. Arnold Rosenbaeher, haben beschlossen, die von ihm Unterlassene Bibliothek der jüdischen Bibliothek in Jerusalem zum Geschenke zu machen. Die Blbäiofhek umfaßt unter anderem zirka 600 Bände aus dem Gebiet der Rechtswissenschaft. Darunter einige sehr alte und wertvolle. Die Bücher werdest in Jerusalem als Dr. Arnold Rosenbacher- Bibliothek besonders aufginridlt werden und sicherlich wird das Studium des Rechtes üi Palästina durch diese Schenkung erhcblich gefördert werden. Bekanntlich ist die Pflege der Rechts- Wissenschaft im Zusammenhänge mit der Erneuerung des alten jüdischen Rechtes eine der aktuellen wissenschaftlichen Aufgaben Palästinas. Der Transport der Büdter geschieht auf Kosten des in Prag gegründeten Vereines ״Pro Bibliotheca Judaica“, der damit Gelegenheit findet, wenige Wodien nach seiner Gründüng da Jerusalemer ,Bibliothek einen hervorragenden Dienst ni tun, י.. 1 ן '.׳.>»...ן׳ י i/G Studentcnslrelk gegen Br. de Daan Jerusalem. (J.C. B.) Die Abneigung der jüdischen Studierenden an der von der Regierung unterhaltenen Hochsdude für Rechte gegen die ‘ Lehrtätigkeit des Dr. Jacob de Haan, die sich sclion einmal in einem Streßt geäußert hatte, hat nunmehr zu einem allgemeinen Streßt an dieser Hodischulc geführt. Die jüdischen Studierenden verlangen seine'Entfernung aus! dem vom ihm eingenommenen Posten. Besonders können sich die Studenten nicht mit der Art der antizionistischen Einstellung »tes Dr. de Haan abfind cn. ‘ Dr. de Haan besuchte den Zivilsekretär Sir Gilbert Claytotl und beklagte sich bei ihm über das Verhalten de» Rektor* »fer Hodischulc, welchen er der Begünstigung der Streikenden bezichtigte. Im allgemeinen wird angenommen, daß Dr, de Haan seine Stellung nicht wird halten können. Kleine Nachrichten Der Verein jüdischer Aerzte in Amerika hat 2000 Dollar, zum Ankauf eines Geländes für den Aufbau der medizinischen Fakultät in Jerusalem gespendet. Der Poiizeihauptmann des Süddistriktes von Palästina Ist ermordet und sein Gehilfe schwer verwundet worden. Die Täter wurden nicht ermittelt. Zahlreiche Araber unterfertigten eine Petition an die Regicrimg, Ruthen berg trotz der Gegenagitation der antizionistischen Araber die Elektrifizierung Jaffas zu übertragen. Achad Haam teilt mit, daß seine Abreise von Palästina nur vorübergehend ist. ft.;111!;(״ Organe 11;■־ c«n• 1״; ist. Ui. liiert .cnmg? aj> ■;sed Denn Wahl־ geltend vi!׳den, .billige, su ■'gen er '׳eilt 11’ in־ . Ent-!11 iir.d Del ,111g er. he- |...;1״;te;1־ noch KE reu ntr ist u;i 11.1s in ihr i t i 1־ t h, ih'il 'S.llUiif feilen Ascb’s ״Colt der Rache“ Im Königsberg»«• Neuen Schauspielhaus Der Jude Jankel Schcpschowitsch betreibt ein unlauteres öeschäft. Er hat eine Tochter Riwkele, die eine ״reine, Mische Jungfrau“ sein soll, ״Mein Haus §011 abgeschlossen iE;;", sagt er. Er will nicht, daß der Schmutz des Freudenlaus es, das er finanziert, an seine Tochter heranreicht. Riwkele »!1 unberührt bleiben. Im Geschäft ist Jankel wohl ein!Wer Mann, zu Hause aber rein und voller Güte. ,(Was הגיי im übrigen oft bei Juden findet.) Was Jankel erwünscht, geht nicht in Erfüllung. Riwkele, *eben der Thora das reine Idol über seinem Sumpfe, bleibt Geht die sanfte Tochter des Hauses, thoratreu und gehör- תזני, die in der Wirtschaft tüchtig und zu ihrer Zeit sich ♦erheiraten läßt Das Leben lockt sie. Sie flieht von den Eltern. Zwar wird sie zurückgcbracM. Aber sic kommt m Trotz fctd nicht in Demut. Riwkele, die Sanfte, ist zur Hetäre geworden, wenn man unter dem Begriff der hetäri sehen fei! die ״freie Frau“, die geistige, verstellen will im Gegen- S3‘z zur ״Gattin“, zur Hausfrau, der ihre Weiblichkeit nicht Problem geworden ist. Jankel bricht zusammen. Es kommt die Stunde seiner froßen Ehrlichkeit, der Rcbbe sagt wohl: seines größten Frevels. ״Riwkele ist mir mehr als die Thora." Es kommt Stunde, wo für Jankel der Trost Rcb Elje’s nicht mehr?•‘t: ״Gott wird helfenI.., Warum 9011 er nicht?“ — Warum soll er helfen?! Wlann wird er helfen?! ^•־ie kann er helfen?! Die Laterne Rcb Elje’s, der gerufen worden, flackert im F'dülichen Zimmer. Jankel steht mit der Thora in beiden Finden und schüttelt sie: Wenn Du ein großer Gott bist, מ41־1י beweise Dich 1 TtF ein Wunder und hilft Tust Du *5 nicht, dann bist Du ein grausamer Gott, der ״Gott der Eiche“, Jankel krümmt sich in der Qual seines Lebens und A'.ütielt die Thora. Aber die Thora bleibt kalt... Immer ' t »f an die Thora geglaubt, und in der Stunde der “öchsten Not versagt sie... ., Jankel bricht zusammen. ״Gott hat nicht gewollt, daß i־» aus dem Sumpf hcrauskonimel ,Warum hat er פ teilt gewollt?" Jankel hat gottgefällig und thoratneu fortlcbcn wollen in seiner Riwkele; Und Riwkde* die Sanfte, wird Riwkele, die Hetäre. Typen, Menschen, Juden wirbeln durcheinander: Schlojme, der Kuppler und falsche Bräutigam, die Mädchen Hindi, Manjka, Bassja und Rcsl, Rcb El je, der Heiratsvermittler, und Reb Aron, der Thoraschrcibcr. Alle leben m i t einander, durcheinander, gegeneinander. Alle leben... Wer hat dieses Drama geschrieben? Realistisch ist es gesehen und mystisch gefühlt Ein Dichter sah Ersdieinungen: sah in der ■Wirklichkeit die Formen, fühlte in dunkler Tiefe die Ursachen. Und schuf ein Werk von unheimlicher Lebendigkeit 1 D, Schalom Aschl & •י''"' Das wunderbare Drama wurde Im Königsberger Neuen Schauspielhause mit großer Lebendigkeit gestaltet. Sein Direktor Richard Rosenheim führte nicht Regie. Ich hätte Schalom Asch gern unter seiner Regie gesehen. Nun: der Regisseur Friedrich Brandenburg hat seine Aufgabe mcistcr-!ich gelöst Er baute dieses Drama in den Bühnenraum hinein, so daß es stand und plastisch war. Aus Wilhelm Bergmanns namentlich im zweiten Akt überaus löblichen Dekorationen ließ er das Spiel fcbcnserfüllt hervordringen. Die Hauptrolle des Jankel Schepsdiowitsch spielte der Jude Justus Paris. Er brachte in reichem Maße fast alles, was diese Rolle erfordert: Grausamkeit mid Güte, Profanic und Heiligkeit. Dein Fräulein Hcdda Berger standen das Keifen und vor allem die jüdischen Hantlbcwcgungen der Frau Sara Schcpschowiisch durchaus natürlich, so, als ob sie nie anders spräche... Sie ist eine Schauspielerin von Format — Rein als die Sanfte, rein noch als Hetäre wurde Riwkele von Ellen Lidielniann d arge stellt. Sic huschte sehr zart über die Bühne, malte Worte mit glockenhaftcr Stimme, hatte tiefe Augen und brachte späterhin auch Auflehnung, Empörung heraus. Dank der Regie Brandenburgs und dem Leistungen seiner Darsteller war »las Zusammcnspicl de» Ensembles überaus gut gestimmt. Das sonst fast überall gelungene Zusammenspiel Störte nur ein Schauspieler, der nicht am rechten Platze war. Der Tliorascltreibcr Rcb Aroa kam durch seine Darstellung leider zu kurz, ׳ In den gefüllten Logen, Im Parkett und auf den Rängen sah man dicht gedrängt die Juden Königsbergs. Es gibt wahrschdnüch eine Kategorie vom Juden, die in ein Stück vod Schalom Asch nicht gehen. Aber die vielen, die da waren, waren noch vielfältig genug. Manchen von ihnen war es wohl peinlich. Es kam so oft das Wort ״Jude“ vor. — Auf manchen Gesichtern sah idi Grinsen:, nämlich auf den Gesichtern derer, die am meisten Golusmcnscben sind. Sie faßten das Drama als Sclbstpcrsiflage auf, sahen ihr eigenes Jüdcln, ihre Rhetorik: ״Gott wiixf helfen... Warum 8011 er nicht?!“ (Karl Knaack, der das als Reb Elje sagte, hat ca vielleicht halb und halb auch so gemeint) — < Ostjüdische Studenten waren da: Kommunisten, Ko#: mopolitcn, Zionisten, Atheisten. Alle' sahen es anders. Itd Zuschauerraum hörte ich viel Jiddisch und Russisch sprechen. — Westjüdische Jugend war da: alle sahen es anders,., Manche, wenige vielleicht, haben mit glühenden Auge® gestarrt, als Jankel die Thora schüttelte und die Thora stumm und kalt blieb. — Wenn die Juden an die Thora nicht mehr glauben..., muß sie dann nicht sterben?! — Und wenn die Juden keine Thora mehr haben, müssen sie dann nicht sterben?! Oder wird eine neue Thora, eine neue Fahne kommen? — Oder ist sie schon da?l — — Riwkele wird keine gewöhnliche Hausfrau mehr werden. Aber sic wird vielleicht nicht ün Freudenhaus bleiben, wohinein sie zu Anfang ihrer Selbstbcfreiung ging. Vielleicht wird sie eine Studentin sein und fallen auf den Barrikaden der russischen Revolution. Vielleicht wird sie in die curopäischcn Städte gehen, vielleicht nach New York, und vielleicht — nach Palästina. Ein seltsamer Abend war es. Grinsende Gesichter sa!» ich Und glühende Augen. Unter den Juden Königsbergs Profanic und Heiligkeit wie im polnischen Juden JankeJ Schepsdiowitsch. Die einen grinsten, und den andern war es peinlich; einigen war w schmerzlich, manche waren tief ergriffet^ Hans Rosenkranz, Königsberg.