Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVIII (1923)
- Issue
- Heft 41-42 (25.5.1923)
- Date
- 1923-05-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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NJf, 41/42 JUEDiSCHE RUNDSCHAU Seile 24S ,#ו j1־; p fy ■; 1f%:זך מס, י־ P.« gim n 6 I tiüvil m ' V 1 co:׳.i;uc״. jclll hei, crtc;1 i ut;n e r יו der r1 >׳־u!<־ ׳:L 11 .lio. (s F.tniij 1 sein, twischcn sprechen r wegen iru auch wirren, eseltigcn |ih1;<־nlc,1 Jcchb״;,; *ndigkcit Ire: nach lviiisc'3־ an. D' i: c 11 c n d i s c 1: (t, \\'if {!idi mit f.׳־n \v‘־: 1-, Lnrel t Ucberrreicilrew! i! •1'xlica e־; Erch be• t«;1 und ie. renken; jOrckn oifcn;racht sind, reu und könnten, , ur: 3crCt| 1HC»■»?■■*? Von Dr. Grete Turnowsky.! Obwohl an dieser Stelle bereits kurz über die Weit- Ivwifcrcnz jüdischer Frauen berichtet wurde, scheint cs notu-cinii״, noch ci11ir.es 211 ergänzen. Freilich ist cs nicht um:;• [ich, libcr alle Einzelheiten zu bericlitcn. Der Einbcrufcr des Kongresses war — wie bereits mit- ״geilt — der ״Council o f J e w i s 11 W o m e 11“, eine amerikanische Fraucuorganisalion, die ihre entscheidende Auf•!י,ו.י in der Unterstützung der au,wandcrmlc:1 Frauen und ftindcr sicht. Die Idee des Council ging deshalb ursprünglich (!aliin, eine Aussprache über die Wanderung, und zwar speziell /:!er die Amerika-Wanderung Uerbcizufü'nren. Bei der Kon- "rcß-Vorbcrcitung ergab sich die Notwendigkeit, das Pro- Uramiu zu erweitern: ep wurden Referate ' über ״Religion |i;!d Erziehung“, ״Schutz der Frauen und!Mädchen“, , Kinder- ],:rsorge und Voiksgesundheit“ eilige.',;,:1, und die Wand ermiss- Referate wurden durch ein Referat über die Palästina-Wände• rung ergänzt. Trotz dieser Acnderuiig blieb die jüdische jllasscnwandcrung das zentrale Problem des Kongresses. Die Auswahl der zu 11 Kongreß herangezogenen Kreise u׳,tf so erfolg.‘, daß di.: jüdischen übe Koka len F'raucnorganijiiionen aller Länder aufgefordert wurden, Delegierte zu j.nden; dazu kamen eine Reihe allgemeiner Organisationen, öle die Frauen- und Kinderarbeit in* ihr Programm mit auf- ׳•enommen haben. Die zirka 90 Delegierten des Kongresses lammten aus 19 verschiedenen Ländern. Die äußerliche Regejung des Kongresses bestiinMiic, daß das einzelne Referat nicht länger als 20, die einzelne Diskussionsrede nicht länger 4;s 3 Minuten dauern sollte. Diese Bestimmung führte am ersten Tage zu heftigen Ocschäftsordnungsdcbaitcn, in denen sich besonders die östlichen, aber auch deutsche und osterrrichischc Delegierte gegen die amerikanische Leitung auf- Linien, Es war charakteristisch für den Verlauf des Konpesses, daß die Gegensätze von selbst aufhörten: Die Delc- ״Prien gewöhnten sich an kurze und sachliche Diskussions-!,Jen und die amerikanischen Präsfdentinnen horien auf, bei v.cscntlidien Referaten oder Diskussionen auf die Minute 1u unterbrechen. Bei den zuerst behandelten E r zi eint n g sf ra ge n war von den führenden Frauen ausschließlich an religiöse Erziehung gedacht worden. Mrs. Eichholz (England) sprach über die judisclie Frau und ihren Wirkungskreis in der Gemeinde; ihn Rabbiner Eschclbaclier (Deutschland, Elberfeld) über die häusliche Kindcjcrzielutug. Sic ging von der Idee aus, daß die jüdische Familie neu aufgebaut und das Kind — über die Familie hinaus — mit dem Volk verknüpft werden müßte, stellte aber als das einzig wirksame Mittel einer derartigen Erziehung die Sabbatli-1 iemgung und die damit im Zusammen•!״in״ sichende religiöse Stimmung hin. Demgegenüber betonte Frau Nanny Margulies (Berlin), daß die Grundlage jeder Erziehung die Wahrheit sein müßte. Man kam! die nicht- : religiöse aber zu innerst mit dein Judentum verknüpfte Mutier i nicht z.ringen walten, ihre Kinder religiös zu erziehen; man; kann ihr aber auch nicht das •Recht absl reiten, ihre Kinder zu , luden zu machen. Die Erziehung des Kindes im Zusammen• | inug mit der Geschichte und dem gegenwärtigen Leben des j Völker, und die Forderung an unsere Jugend, ihre Kraft 1 für das Volk hinzugebcii, wie die Chaluzim cs tun, sind; ׳ivcicntlidic Mittel der jüdischen Erziehung. — Dies Referat war das erste, das heftigen Widerspruch, aber ebensolche Zustimmung hervorrief. Besonders Dc'.eeierte aus dem Osten betonten immer wieder, daß sic mehr j ״.; alles, was hier von religiöser Erziehung gefordert wird, ן hben, aber anderes brauchen, wenn sie ihre Jugend dem! Volk erhalten wollen. Das Entscheidende ist, daü sie von : Liren Kindern verlangen, für das Volk zu handeln. — Das ׳,vielleicht bedeutsamste Erziehungsreferat war das später ein- :fcsdiobcnc Referat von Dr. Siegfried Lehmann (Litauen). :Er berichtete über den Aufbau seines Kinder 11 auses in . ilowno, in dem Kinder vom ersten Tage an bis zum; Alter von 16 Jahren großgezogen werden. Die Kinder des Kinderhauses sind zum größten Teil die allcrärmsten, verjticniktstcn und heruntergekommensten der Stadt, und wenn; cs gelungen ist, gerade diese Kinder durch ein System von : Gruppenbiklung und weitgehendste Befreiung zu einem Gej hui von Stolz, Sicherheit und Verantwortung zu erzielten, j 4s weit über das Normale liinausgcht, 93 ist cs möglich, 45 die Versuche des Kinderhauses die Grundlage für eine j völlige Reform der Wniscnerzichung bilden werden. Es wirkte; (Jalcud, wenn kurz nach dem Lchmannschcn Referat Be- : ״eine aus verschiedenen Ländern kamen, die ihre eigenen j!׳'nstencrziehungsansialicn priesen, ohne von irgendeinen! Zweifel an deren Güte una Richtigkeit berührt zu werden. I Das Positive an dem Kongreß war jedoch, daß cs immer*; Ha nicht viele waren, die sich selbst kritiklos gegenüberu-.1u.re1 :STISCHfi VEflEINlfiUNG 7s1 <** 1!cn ״ v, Emil Colin: ״Joäentura*4 Besprochen von Hermann Max Weil, Gai'ingen. Es ist mancher der heute lebenden Menschen voll Hin- Kbe, Wille und Kraft am Werk, sein Göttliches zum Auf- ««chen zu bringen. So sehr gerade wir Gegenwärtigen Geschobene und Schiebende im täglichen Notstand sind, ruhe- ■"5׳ Rechnende, so kommen doch inmitten unserer Hetze ׳de Ahnungen: Nur nicht zu viel sorgen, nicht licbetos sein; ö Göttlichen Raum sind Dinge für dich, und nur für dich;!e müssen zu dir, wenn du sie nicht schreiend von dir kheudist. Für die Seligkeit des Geborgenseins entsagen; ׳u der Wollust des schillernden Treibens der Welt, ohne Treiben räumlich zu entfliehen. Es handelt sich nicht um!*iicnsverziclit, sondern um Verdichtung des Lebcnsgcfühls. .Entsagung ist die Maciit, mit den geringsten, durch freien 13bebluß auf das Mindestmaß herabgeschraubten Mitteln (.י Höchstmaß positiven Lebcnsgcfühls zu erreichen.‘• "tickr.) Die Aufgabe, physisch der Gesellschaft eingeordnet Meißen und seelisch außer ihr seinen Grund zu haben, ';'״ließt die Gefaiir in sich, daß in dem Augenblick, da blulwarmc Zusammenhang mit dem vielgestaltigen Lehen )׳™ aufhört, das lebensvoll Göttliche zum verstandesmäßig :'c;iStigcn wird. Der Rationalismus ist da. ״Askese, urspri'sngj n ein Lebensakt, wird zum ritualen Exerzitium, wo der; 'l:,t «ich vom schöpferischen, ewig im Dunkeln nach• •"dlcnden Leben löst“ t1V»Daß Religion... aus ihrem eigensten Kern heraus zur ‘;״'i'.scntfremdung führt und führen muß, das ist ihr tra-; ־״.er Widerspruch. Diesen Widerspruch aber für das Juden- .״•־ unserer Zeit und unserer Welt zu lösen, wenigstens es ‘•'«suchen, kt die Aufgabe, die ungeheure, dieses Buches.“ , wie tt zur Lebensentfremdung kam, behandelt der erste, / Seiten lange, wie sie zu überwinden sei, der zweite, ' גי ebensogroße Teil des Werkes. schicksalsgläubige, im Ewigen ruhende Geistcshal- ..'׳■ früherer Jahrhunderte wurde von der Wende des;1; 1,1'rhunderts an durch den Rationalismus geknebelt, durch '-•s Geistesliaitung, da ״der gottstarke Geist sich voll auf MITTWOCH, DUN 30. MAI, ABENDS 82/י UHR. IM LEU iERVERUNSHAUS AUIXAMTEHSTR. 4t GROS SU M IT GLIEDS" •V £ IIS AMMLDN Gt DHIB.Z.V. ״UNSERE STELLUNGNAHME ZU DEN I£ ONüRES L.i'liO.3 LEHEN" KE0NM: R.-A 1T.UX ItO'ENLM.ÜTH. LAZARUS BARTH, DR. F.OEU.NSCi IER, DR. ARLOSOROFF VOK ANMELDUNGEN ZUR blSSKUöSlON LUWÜNSCüT standen oder ihre Leistungen übertrieben. Die Gefahr hierzu war groß: Die Dclcgicnen, die zu dem Kongreß kamen, waren anfangs zum Teil überzeugt, daß sie durch ihre Dar- Stellungen ausländische Unterstützungen bekommen könnten. Da war zunächst grundlegend wichtig, daß jede Unterstützung aisgdeluit wurde. Daneben aber wirkte das Referat Anilin M ü 11 cr - Co'11 c n׳ s (Wien) befreiend. Sic halte über Kinderfürsorge zu sprechen und sagte das Gegenteil von dem, was man erwartet hatte: Unsere Statistiken lügen; cs sind nicht 3l!Ö 000, nicht 30<K!h, kaum 3000 Kinder, denen wir wirklich geholfen haben. Wir rechnen immer dieselben Menschen in der. verschiedensten Rubriken und zählen sic zusammen, uin Ricsciuähkm zu bekommen, aber wir müssen wenigstens unter uns ehrlich sein, und wir müssen auch einmal in der Arbeit anlialten . und uns fragen, welchen Wert hat das von uns Geschaffene. Wer Kinder aus ihrem Milieu herausreißt, und die Arbeit nach kurzem hinlcgcn muß, der hat Schaden aiigeiichtct und nicht geholfen. Machen wir uns klar, daß wir Pfuschcrarbcit leisten, auch da, wo wir wirklich etwas tun: wir nehmen int besten Fall die äugenfällig Eienden, aber die Massen von Kindern, die lernen sich durchzuschnorren, lassen wir unversorgt, weil wir froh sind, sie loszascin, während gerade diese Kinder zu den Schnorrern und Luftmencchen werden, die das Volk 80 sehr belasten. — Da nun die ״Soziale 1 lilfsgemcinsciiaft“ Anitta Müllers —• bei allen Fehlern, die ihr von vielen vorgeworfen werden — als eine der Organisationen anerkannt ist, die am intensivsten und weitreichendsten gearbeitet hat, war cs nach diesen Erklärungen Aniita Müllers auch für die anderen unnötig, das eigene Hilfswerk zu übertreiben. Man konnte sich einfach über die Arbeit und die Möglichkeit, das Wenige, das man tut, zu erweitern und zu verbessern, unterhalten. Die zweite wesentliche und wiihrcfid des weiteren Ver- Laufs des Kongresses nicht genügend licrvorgchobcne Frage in Anitta Müller-Cohens Rede war die der Oe Id aufb r i n g u n g. Wo cs irgend nngeht, soll man den Staat zur Fürsorge heratiziclicn; wo dies unmöglich ist — cs wurde in anderen Referaten gesagt, daß der Staat die ihm an sich lästigen Einwanderer z. B. nie unterstützen und auch für eine über die Linderung der Notdurft hinausgehende kulturcllc Arbeit fast nie zu gewinnen sein wird — muß die jüdische Gemeinschaft für ihre leidenden und gefährdeten Glieder cintreten. Es ist jämmerlich, wenn diejenigen, die für das Volk arbeiten, als Schnorrer behandelt und mißachtet werden. Soziale Hilfe ist Pflicht, und der jüdische Arbeiter, der die Mittel von den Wohlhabenden aufbringt, um den Armen zu helfen, hat das Recht, zu fordern, nicht zu bitten. Das Referat von Frau Müflcr-Colicn wurde durch ein Referat von Mrs. Modell (England) über Mutterschutz und durch Ausführungen von Frau Buchmill (Ukraine) über das Eiend der Pogroinwaisen ergänzt Anschließend daran berichtete Frau Dr. Korolik (Berlin) über die Arbeiten der Oze, über deren sanitäres Hiifswerk sic wichtiges Material vorlcgtc. Vor der Behandlung der Kinderarbeit waren zwei Referate über den ״Schutz der Mädchen und Frauen“ an• gesetzt. Das zentrale Referat über das Problem selbst hielt Fräulein Pappenheim (Deutschland); das ergänzende über organisatorische Maßnahmen zur internationalen Zu* sanimenarbeit Herr S. Cohen (England). Fräulein Pappenheim sprach über den Mädchenhandel. Sie behielt diesen Namen bei, obgleich sic sich bewußt ist, ,daß er vielfach angegriffen wird und die tatsächlichen Verhältnisse nicht genau bc/eid1net. IVr Mädchenhandel ist gewiß keine speziell jüdische Angelegenheit, gellt aber leider die jüdische Gemeinschaft so wesentlich an, daß es hier mit behandelt werden mußte. Frl. Pappenheim brachte ihre Darstellung auf die einfache Form, daß sic Händler, Ware und Konsumenten nach einander betrachtete. Für den Händler fordert sie strengsten gesellsdiafiliclicn Boykott und noch besser, eine Auslieferung an die Gerichte; dein Konsumenten gegenüber betont sic die Forderung gleicher Moral für Mann und Frau; für die Wate verlangt sie eine prophylaktische Fursorge, die sic einmal in der Eiiiwamlererii.lie, dann in der Umwandlung der Leben»• art der Reicheren, aber endlich und war allem in einer veränderten M.'idciieacr/ichung sieht. Es war seltsam, daß Frl. Pappcnlieiin, die ihr Referat abkürzen mußte, die letzte Minute zu einem Angriff auf den Zionismus benutzte, der an dem Wes ■11 <ie ־■eiben voibrigcbt. Ihr ist die Mission des jirleiitmii';, d!־׳, cdiisc'm■ Gesetz über die Welt zu tragen, nicht sich in eurer Ecke der Welt zu vergraben. Sie hat eine Vors'.elhm; des Zionismus, die seine entscheidende Idee die der Krerit-Lnuüermig und •Konzentration nicht sieht In einem Zusammenhang mit diesem grundlegenden Gegensatz scheint es mir zu stellen, wenn F11. P. in der Bckütnpfimg des Mädchenhandel•; einen der wichtigsten Punkte nicht mit erwähnte; des ist die Bakämpbm;׳ der Assimilation. Diese bedeutet für die Neucingew.imicrten (und diese stellen einen erheblichen Teil der Prosiiluierten), immer eine äußerlich«] ׳Anpassung und die Aufgabe wesentlichster Werte und Wider• slandskräfte. Die Bekämpfung «kr Assimilation kann r ir auf eine Weise wirksam geschehen: wertvolle ansässige Jü!innen müssen zu den eilige ^änderten gehen und ihnen den Willen zu sich selbst Wiedersehen, indem sic von ihnen ebenso nehmen und lernen, wie sic bereit sind, ihnen das beste von sidii zu geben. Was wir unbc.imgt brauchen, sind Settlements. Man darf sich allerdings nicht darüber täuschen, was das Settlement, das Vollrelicim, von dem Siedler fordert. Es gibt immer nur wenige, die das Tovnbcc'sehe Wort trlüUcn können: ״Wir müssen nicht cuvas von uns, wir müssen 1111a selber geben“. Der erste Teil der Tagung sollte durch kurze Berichte über jedes einzelne Land beenJet werden. Diese zogen sich aber in Zwischenräumen auch uber die folgenden Verhandlung*• tage hin. Einige dieser Berichte waren wesentlich, gingen auf Grundsätzliches ein und schilderten interessante und׳ all• gerridn-wichiige Einrichtungen. Im allgemeinen war die Auffori'crung zu den Berichten leider nicht so verstanden worden, daß jedes Land nur das ihm unbedingt Eigentümliche oder besonders Erprobte ausführen sollte, sondern e? wurden in der Mehrheit ziemlich ermüdende Berichte über alle einzelnen Einrichtungen gegeben. Die letzten zwei Tage vor der Schlußsitzung waren für Referate und Aussprachen über die Wandcriingsbe weg ring hestimmt. Das einleitende Referat hielt Herr L>r. Ka h n (Deut ׳,eillaiicl), der die Hauptströme der Wanderung bezeichnet und ■in der jüdischen Wanderung im Laufe der letzten Jahrtausende eine unerkannt wirksame und zu bejahende Kraft sali, welche die getrennten und sich verlierenden Teile des Volkes immer wieder miteinander verband. Im Augenblick fuhrt die Wände* rung die assimilierte westliche Judciiheit mit der jüdischen Masse in Verbindung und bewirkt so einen Emeuerungsprozeß. Da die Wanderung das schwierigste und eigentümlichste Problem der gesamten jüdischen Existenz ausmaclit, war cs viel• leicht gut, der ganzen Debatte eine solche positive Betrachtung voranzuschicken. Die folgenden Referate behandelten einzelne Probleme der Wanderung. Miss Rasowski (Verein. Staaten), die als Referentin für die jüdische Einwanderung in der amerikanischen Regierung arbeitet, schilderte die amerikanische Einwanderung;- Gesetzgebung, die die Zalil der Einwanderer bekanntlich durch Vorschriften, welche tur die einzelnen Personen gelten und durch die Prozciilucrm wesentlich beschränkt. Die Prozentnorm, die zuerst für die monatliche Einwanderung galt, enthielt die größten Härten und Ungerechtigkeiten. Hier gelang es, eine Reform herbei Zufuhren. Unüberwindliche Schwierigkeiten ergeben sich da, wo die Kinder körperlich krank oder Psycho• patben sineLg Diese werden ausgeschlossen und die Mütter müssen mit iliren Kindern zurückkehren, wenn sic die Kinder nicht verlassen wollen. Hier wird nur eine eingehende wieder• holte Untersuchung vor der Abreise und die Einrichtung von Heimen für die zuriickblcibendcn Kinder in den Aus- oder Durchwanderungsländcrn helfen. Das schwierigste — in allen Referaten neu erwähnte — und mit der jüdischen Prostitution in engstem Zusammenhang stehende Problem ist das ׳der zwar religiös, aber nicht staatlich anerkannten — tin Osten sehr verbreiteten — Ehe. Während die reine religiöse Ehe in dem Leben innerhalb des gegebenen Kreises bindet, löst sich der Auswanderer, der nach den staatlichen Angaben ״unverehelicht“ ist, in sehr häufigen Fällen von seiner in der Heimat zurückgebliebenen Frau. Er geht, ohne strafreclitlidi wegen Bigamie verfolgt werden zu können, eine neue Elve ein, und die Frau bleibt mit iliren Kindern nicht nur im Elend zurück, sondern sic ist selbst gebunden und unfähig, wieder zu heiraten. Amerika läßt nun die Frau nicht herein, wenn der Mann sich niciit ausdrücklich verpflichtet, für iliren Unter• halt zu sorgen. Da die in Frage kommenden Männer dies naturgemäß ablehiien, sind die Frauen nicht einmal in der Lage, für iliren und dem Unterhalt iiirer Kinder zu klagen. Es ist ein. Erfolg des Council, daß cs ihm gelang, wenigstens einen Teil der gesuchten Männer aufzufiuden und zu verseine eigenen Füße stellte und das Richteramt der Welt für sich in Anspruch nahm — selbst gegen Gott“. Rationaüsmus und Materialismus bestimmen die ücistosha'.tung unserer Zeit, nicht aber nur als theoretische Konstruktionen unserer Gehirne, sondern als reale Leuker beinahe unserer Gedanken und Taten. ״Nicht allein, was sich droben bei den führenden Geistern begibt, entscheidet über die Geisteslialtung einer Zeit, sondern vor allein die Art, wie sich das, was oben gedacht wurde, in der Ebene des Vulgären spiegelt. Der vulgäre Biklungsrationalismus, das ist unser Feind.“ Was dieser ForUchrittsdünkcl aus Geld, Liebe, Volk gemacht hat, wird in den folgenden drei Kapiteln beschrieben. Geld, an sicli Mittler zwischen Ware und Ware, Liebe, Mittel zmn Kinde, Volk, Mittel, sein Blut aus Urzeiten In sich zu fühlen, sich ״an den Felsen, aus dem er gehauen“ zu lehnen —• sie alle sind durch Geklsuclit, Sexualität, Autarkie des Nationalismus zu Zwecken geworden: Perversion, wie die vorrationalistische Deutung aus dein Leben heraus zur Dcu• hing des Lebens durch die Vernunft wurde. Der zeitbesessensten Vernünftler einer ist der Jude, zu dem das große, nächste Kapitel überleitet. Diagnostisch und ätiologisch wird über ihn nichts Neues gesagt, außer in den Ausführungen über die Ucbcrwmdung des Ressentiments, des jüdischen Grolls. In einem so beengten Volk, wie im jüdischen des Ghettos, mußten Gefühle verdrängt werden, aber der alte Jude, der sclucksalfreudige, ,״sublimierte“ sein Leid hinauf zum Glauben an die göttliche Bestimmung seines Loses. Erst der Schicksals hadernde Jude des 19. Jahrhunderts konnte der Randincnscli werden, dessen Judentum im Abwehrkampf mit steten Blicken auf die andern sich erschöpfte, und dessen Kiddusch hasebeni eine betrübliche und doch lächerliche Fratze war. ״Der Schicksalslose ist ja immer auch der Feige, Schick• sal aber, auch das schlimmste, ja, das schlimmste am ehesten, wofern es nur geliebt und bestätigt wird, gibt Macht und Mut,“ Dem ״Jahrhundert randlaufendcr Flüchtigkeiten“ gegenüber ist TI1. Hcrzl ״ein Symbol, ein Lebenntriiger, der erste große Mensch der Mitte“ seit der Emanzipation. Daß er das ״tiefste und reinste Wort unseres jüdischen Jahrhunderis ׳ sprach: ״Der Zionismus ist die Heimkehr zum Juden* tum vor der Rückkehr ins Judcnland" und cs ״mitten hineinstellte in die phantastischen Berechnungen und Kalkulationen seiner armen und sclnvcrarbeilemlcn Diplomatie, mitten hinein in die organisatorische Betriebsamkeit seiner durchtobten Kongresse, ja, daß cs sein erstes entscheidendes Wort und Werk war, die Heimkehr der Rückkehr voranzusetzen, das allein gesellt ihn zu den großen Propheten seines Volkes.“ ״Wenn aber noch irgend etwas fehlte, das Bild des Mannes zum Symbole zu vollenden und volkhaft zu füllen sein gottbegnadetes Sein, so hat sein Sterben gezeigt, daß er nicht nur ein Jude, sondern Judentum selber war. Das Martyrium von Edlach und seine Vorgeschichte werden noch für ihn zeugen, wenn seines Lebens Wirken längst sich ausgewirkt.“ Aber an Ilcr/Is Werk, «lein ״Auf ilaml der Edlen gegen die Klugen in Israel“, hat sich schließlich die Zeit vergriffen. ״Während die ersten führenden Zionisten alle vom Judentum herkamen und aus dem Jüdischen heraus dem Volke die große Forde• rung übcrbracliten, kam es mit der fortschreitenden Bo wegung zu einem immer stärkeren Einströmen entwurzelter, intellektueller und irreligiöser zeitgenössischer Jugend... sie behaupteten, daß für alle, die neben deni Zionismus und über ihn hinaus noch ein höheres ,weiteres oder auch nur ein anderes Judentum hatten, der Zionismus ״nur eine Provinz ihrer Seele“ sein könne, sie selbst aber sich füglich mit ihrem ihr ganzes Judentum erschöpfenden Ideal als Zionisten letzter Prägung bezeichnen dürften... Die Waffen zu diesem Geisteskampfe aber holten sie sich aus dem Arsenal der zeitgcnössischcn Aktualitäten, vor allem aber aus der bis zur letzten Anwendung geführten Theorie des jüdischen Nationalismus.“ Ihnen gegenüber hat Martin Buber ״seit langem zum ersten Male wieder einfach und groß die Frage nach dem Sinn des Judeseins und des Judentums“ gestellt und durch seinen Ruf zur unbedingten Verwirklichung dem radikalcn Nationalismus der Parteisekretäre seinen Sinn gegeben, ״Das Tragische an Martin Buber ist, daß er in seiner Dcu* timg des Judentums immer nur sich selber gedeutet hat.“ Es fehlt dem Vcrwirkliclter die Wirklichkeit, d. h. ״die religiöse Religion“, Auf der andern Seite steht die Orthodoxie, die zwar durch ihre Formen der Wirklichkeit nahe, durch