Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVIII (1923)
- Issue
- Heft 26-27 (30.3.1923)
- Date
- 1923-03-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Izii.11 ttlandi• umerus , einen < 1 den ehrten, dischcn min• rein- ־ unter־ illighe.t 1t d c r ' der d c r;1! doli c. e!1!üie und it ver-?t'i’Mcu IS m.ri flU'Cht :lielictn Eine Reihe auffallender Erscheinungen in der sozialen Geschichte des jüdischen Palästina im letzten Jahre bc• weist, daß im inneren Leben der palästinensischen Arbciterschaft eine Wandlung vor sich geht, die angesichts der großen Rolle, die die Arbeiterschaft iin Wirtschaftliehen und gesellschaftlichen Leben spielt, von eminenter IJcdeutiiiie für die künftige Gestaltung 'der Verhältnisse in Palästina werden kann. Die ziemlich lange 'Reihe von Streiks in dem letzten Jahre, der heftige Kampf, der um die Aufnahme des Klassenkampfgedankens in das Pro- (,׳ramm der allgemeinen gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter (der Histadruth klalit) lobt und schließlieh der große Wahlsieg der sozialistischen Partei Achduth-Haawodah bei den jüngst vorgekommenen Wahlen zu der zweiten Delegiertenkonferenz der Histadruth, dies find alles äußere Anzeichen dieser Wandlung in den Anschauungen der Arbeiterschaft. Die krampfhaften Verfliehe, die von mancher Seite unternommen werden, diese Entwicklung־ zu leugnen und die erwähnten Tatsachen sozusagen als Entartungserscheinungen hinzustellen, nützen nicht viel und werden von ihren Autoren selbst widerlegt, wenn sie in demselben Atemzug zugleich die Forderung nufstcllcn, zur landwirtschaftlichen Arbeit zuriiekzukehren und die Arbeit in der Stadt gewissermaßen als minderwertig und schädlich abzubaucn. in dieser Sache darf keine Vogelstraußpolitik getrieben. werden. ^V/ir stehen vor ganz bestimmten Erscheinungen im• Leben (1ןף palästinensischen Arbeiterschaft und wir müssen uns darüber klar werden, was sie verursacht hat und welche Konsequenzen daraus für die Zukunft gezogen werden 'können : ׳ Vielleicht beginnen wir damit, daß wir uns die innere Struktur der palästinensischen Arbeiterschaft vor dem Ausbruch des Weltkrieges, oder sagen wir richtiger, bis zum Einsetzen der neuen (dritten) Alijali vergegenwärtigen. Dies kann an dieser Steile nur in einigen Worten geschehen. Die palästinensische Arbeiterbewegung war bis dahin mit ganz geringen Ausnahmen erstens eine nationale Pionierbewegung, zweitens eitle Landarbeiterbewegung und drittens in der Hauptsache eine Bewegung freier, auf nationalem. Grund •und Boden auf eigene Rechnung wirtschaftender Arbeiter. Und dabei war sie, was natürlich auch nicht vergessen werden darf, eine, was ihre Zahl betrifft, wenig bedeutende Bewegung. Die Zahl der im Lande befindlichen Arbeiter konnte kaum mehr als in Hunderten angegeben werden. Aus allen diesen Tatsachen ergeben sich schwerwiegende Konscquciizen. Der Arbeiter kam ins Land mit der Losung der Eroberung der Arbeit. Die Umstände, unter denen er arbeiten sollte, waren ihm gleichgültig. In der Stadt war keine Arbeit zu linden, da cs dort weder eine Inilustrie, noch einen hochentwickelten gewerblichen Betrieb Jab. So warf man sielt aufs Land, das ja ohnehin mehr lockte, mußte aber nach einigen Jahren schweren Kampfes die Arbeit in den Kolonien, wo man zu der so ziemlich aussichtslosen Konkurrenz mit dem spottbilligen arabischen Arbeiter gezwungen war, fast ganz aufgcbcn und ging dazu über, eigene Betriebe auf nationalem Grund und Boden zu gründen. Diese freie Arbeit war cs, die die Veitanschauung des palästinensischen Arbeiters cntschci- (leacj bestimmte. Aus ihr ergab sielt die hohe Wert- Schätzung der Arbeit, als eines nationalen Werkes, ohne welches der Besitz des Bodens allein wertlos ist, aus ihr ergab sich der hohe Idealismus, als Ausfluß seines harii onischcn Lebens in Gemeinschaften, die oft als nrustcrgültige zu bezeichnen waren. Es ist unmöglich, den Gedankenaufbau des Hapocl-Hazair, der bedeutendsten Organisation der palästinensischen Arbeiterschaft zu jener Zeit, zu verstellen, wenn man nicht die Lebens- und Arbeitsbedingungen kennt, unter' denen er entstanden wer und sich entwickelt hat. Dies alles hat-sich nun mit dem Einsetzen der dritten Alijah von Grund aus geändert. Sowohl was die Zahl G׳-r Arbeiter, als auch was ihre Zusammensetzung, als 1'1«di schließlich, was die Arbeiteart und die Arbeiisbcdintungen betrifft. Die Zahl der Arbeiter ist auf das Viel- '«die der Vorkriegszeit gestiegen. Während sie knapp '°r dem Ausbruch des Weltkrieges kaum mehr als 4000 damt den Familienangehörigen) betragen haben dürfte 0|;1ä. einer Zählung im März 1015 gab es in Judäa 23S1 •*•!heiter, in Galiläa und Samaria dürfte die Zahl etwas tüdiigcr gewesen sein), ergab die von der Arbeiter- 01!־:anisation Mitte 1022 durchgeführte Zählung über 16 00O Arbeiter im Land. Die Zahl hat sich also ver- F. rschcint in swang loser Folg! f־? _ f * jul C Sr k j* TT « הדי»rrr?»E5c:״ SSE*Ii zsradl vferfacfit. Für diese nach den Maßstäben des heutigen jüdischen Palästina gemessen, sehr große Zahl der Arheiler gab es von Anfang an keine Gelegenheit zur landwirtschaftlichen Arbeit, wem! auch die meisten mit der Absicht kamen, sich ihr zu widmen. So begann denn das Eindringen des jüdischen Arbeiters in alle möglichen Arbeitsgebiete. Zunächst in die öffentlichen Arbeiten, die lange Zeit hindurch vielen tausenden Arbeitern Bcschäftigung gaben, teilweise bis auf den heutigen Tag geben. Es folgte die Eroberung der Baiiarbcitcn, das Eindringen in die neuentstehcndcii Fabriken und gewerblichen Bctriebe, in die Balinarbeitcn usw. bis hinab zu den Arbeiten der Träger in den Häfen und der Kamel- und Eseltreiber. Begünstigt wurde dieses Eindringen durch das sich nunmehr viel rascher als vor dem Kriege entwickelnde städtische Leben, durch die rege Bautätigkeit, das Entstellen von ziemlich vielen neuen Fabriken und gewerbliehen Betrieben, die den bisher fast unbekannten Typus eines jüdischen städtischen Unternehmers schufen. Gegenüber dieser großen Entwicklung der städtischen Arbeit trat die landwirtschaftliche rasch in den Hintergrund. Nach der bereits erwähnten Statistik*) betrug die Zahl der in der Landwirtschaft beschäftigten Arbeiter 2003, also kaum ein Fünftel der Gesamtzahl. Es bestellt aber noch ein großer Unterschied zwischen der heutigen Arbeit und der vor dem Ausbrueli des Weltkrieges. Hatte cs sich bei jener in überwiegendem Maße um nationale Arbeit, Arbeit in freien Gruppen auf nationalem Grund und Boden gehandelt, •so ist diese fast ausschließlich private Arbeit, Arbeit, die fast immer auf Rechnung eines Privaten und sehr oft auch (sofern nicht die Kooperative für öffentliche Arbeiten die Ausführung in eigener Regie übernimmt) unter der Leitung eines Privatunternehmers ausgeführt wird. Dabei macht es natürlich keinen großen Unterschied, ob dieser Privatunternehmer auch derjenige ist, dem ,das Produkt der Arbeit Zufällen soll oder ob er, wie cs bei den Banarbeiten, aber auch bei den öffentlichen Arbeiten zicin-!ich oft passiert, bloß ein Zwischenglied ist, das die Arbeit auf Rechnung eines anderen ausführen läßt und dabei einen Profit zu erzielen sucht. So tauchte denn in Palästina die bisher (vom Verhältnis zwischen dem Kolonisten und dem Arbeiter abgesehen) fast unbekannte Arbeiterfrage, als die Frage des Verhältnisses zwischen dem Arbeiter und dem Privatunternehmer auf. Dabei hat das retardierende Moment der nationalen Opferfreudigkeit, das seinerzeit das Verhältnis des Arbeiters zu der Arbeit in der Kolonie entscheidend bestimmt hatte, viel von seiner Bedeutung eingebüßt. Denn es gehört bereits ein ziemlich weiter Blick dazu, in der für den Privaten ausgefiilirtcn Bauarbeit oder der Arbeit in dem dein Privaten gehörenden gewerblichen Betrieb (um nur die zwei der wichtigsten Beispiele zu nennen) ein nationales Werk zu sehen. Dieser Blick fehlte .von vornherein bei einem bestimmten Teil der ncueingewanderten Arbeitersciiaft (und gerade dieser ist in den Städten sehr stark vertreten) und wo er doch vorhanden war, begann seine Kraft zu erlahmen in dein Moment, wo cs sicii zeigte, daß auch der jüdische Unternehmer sich in seiner Unternelimertätigkeit nur selten durch nationale Momente entscheidend bestimmen ließ. , So war schön durch' diese Tatsache, daß es sich b.eutc im Gegensatz zur vorhergehenden Epoche im überwiegenden Maße um Arbeit bei Privatunternehmern handelt, der erste Ansporn zur Aendcmng der Haltung der Arbeiterschaft gegeben. Das weitere tat dann der vollständige Mangel einer Arbeilcrsdiutzgcsctz.gebutig in Palästina. Es mutet einen merkwürdig an, heute, wo die Vorschriften über Arbeitszeit, Lohnzahlung, Schutz von Frauen und Kindern, Schutz der Gesundheit und Sittlichkeit der Arbeiter in allen Ländern Europas und in sehr vielen Ländern außerhalb Europas zu ganzen Gesetzessammlungen erwachsen sind, in Palästina fast keine Spur davon zu finden. Dieses Ueberbleibsei der alten Herrschaft im Land, das sich, solange es sich im wesentlichen um landwirtschaftliche Arbeit (deren sozial- ן Kritische Regelung ja auch in Europa noch viel zu wünschen übrig läßt) handelte, die übrigens zum großen Teil freie Arbeit war, nicht allzu sehr (was die jüdischen Arbeiter betrifft) fühlbar machte, wurde mit dem Moment, wo die Entwicklung der städtischen Arbeit begann, zu einer Quelle zahlreicher Ucbcrgriffc seitens der Unterneliincrschnft. Audi dies mußte naturgemäß das Verhalten der Arbcitersliaft sehr beeinflussen. Es kommen heute in Palästina Fälle vor, die für uns einfach u 11 verstündlich sind und die nach europäischen Begriffen manchmal vor das Strafgericht gciiören würden. So darf es ein Unternehmer in Palästina wagen, von den Arbeiter» die Unterfertigung einer Erklärung zu verlangen, daß sic für den Fall der Verunglückung bei der Arbeit keinerlei Ansprüche gegen ihn erheben würden und den Arbeitern, die dies nicht tun wollen, einfach zu kündigen (vorgekommen in der großen Packanstalt in Pctach- Tikwah, die über 60 Arbeiter beschältigt). So darf ein ,Unternehmer durch Außerachtlassung jedweder Sorge für die Sicherheit der Arbeiter Unglücks?,alle geradezu provozicren (im Laufe des Jahres 1022 sind deswegen bis August drei Todesfälle bei der Arbeit vorgekommen, zwei *) Von uns ln Nr. 1 und 2 der Beilage wiedergegeben, 1 . , ■ , Di* bei den Bauarbciten in Jaffa und einer in den Kellereien׳ in Risciion le Zion) und sich hierauf jedweder Haftung, gegenüber den Angehörigen des Verunglückten entziehen (besonders berüchtigt ist der Fall bei der Gesellschaft Hnboncii, in deren Vmvaltungsaussäiuß mehrere pro״ niincntc Führer der zionistischen Bewegung sitzen). So darf es Vorkommen, daß dein Arbeiter der Lohn für diejenigen Stunden, in denen die Arbeit ganz ohne sein Verschulden unmöglich wird (z. B. plötzliches Versagen der Maschine u. tlgl.) überhaupt nicht gezahlt w׳ird oder daß die Arbeiter ganz, willkürlich entlassen werden (derartige Fälle sind an der Tagesordnung). Natürlich! kommen auch Fälle übermäßiger Arbeitszeit und Untercntlohming vor. . » , Unter solchen Umständen ist cs erklärlich, daß de!» unter der städtischen Arbeiterschaft ein Gefühl der Verbitterung zu regen begann. Die radikaleren Elemente begannen die Oberhand zu gewinnen. Die allermeisten der Arbeiter halten ja ohnehin die sozialen Umwälzungen in Europa mitgcmacht und hatten von dort die Empfanglidikeit für radikale Schiagwortc und vielfach auch ein aiisgcbikietes Klassenbewußtseiu mitgebraclit. Selbst der, kommunistischen Partei .gelang cs, in Palästina Fuß z« fassen. Sie zählt ihre allerdings sehr wenigen Anhänger, fast ausschließlich unter der städtischen Arbeiterschaft. Aber auch außerhalb ihrer begann sich das Klassengefiilil rasch zu entwickeln. In zwei Richtungen zeigten sicii die Wirkungen. Einerseits gegenüber den Arbeit« geberu, anderseits im inneren Leben der Arbeiterschaft selbst. i ׳ ■; , , j Was nun das Erstcre betrifft, so suchte man sieff zunächst zu schützen Und bessere Arbeitsbedingungen: zu erkämpfen. Es begann die Periode der Streiks. Man darf sicii das allerdings nicht so vorstcllcn, als ob diese Streiks systematisch von einer Stelle aus organisiert worden wären. Die offizielle Arbeiterorganisation als solche hat mit den Streiks nicht» zu tun und hat soga* viele von ihnen als voreilig und zwecklos scharf mißbilligt. Und doch sind sic ein ziemlich getreuer Ausdruck der Stimmung, die sich unter der städtischen Arbeiter* Schaft breitzumaclicn beginnt. Es wäre zwecklos, diese ziemlich lange Reihe von Streiks, deren Schauplatz in der Hauptsache Jaffa war (cs kamen aber auch einige außerhalb Jaffas vor) nach dein beliebten und doch' wenig zweckmäßigen Unterscheidungsmerkmal in Angriffs- und Verteidigungsstreiks zu teilen. Insofern, als! fast immer die unmittelbare Ursaciie der Streiks Uebcr* griffe seitens der Unternehmer waren, sind die meistert Streiks wohl als Verteidigungsstreiks zu bezeichnen. Jedoch hatten die Arbeiter immer ein bestimmtes Ziel vor Augen, das sie zu erreichen suchten. Charaktcristisclierweisc bandelte es sich bei den meisten Streiks darum, gegen ungerechtfertigte Entlassungen oder Entlassungsabsichten aufzutreten oder aber der Organisation einen Einfluß auf die Aufnahme und Entlassung der Arbeiter, zu sichern. Doch kanten auch Streiks zur Erzielung! besserer Arbeitsbedingungen oder einer kürzeren Arbeitezeit vor (z. B. der Streik der Bückcrciarbciter in Jaffa Februar 1022 oder der Druckcreiarbcitcr daselbst März 1022). Im allgemeinen avaren die Streiks erfolgreich So endete der große Streik der Industrie- und Bauarbeiter in Jaffa Mai 1922, der in mehreren Betrieben (darunter auch in der großen Silikatfabrik) zugleich ausgehrochere war, durch ein Abkommen zwischen der Vereinigten: Arbeitgcbcrorgnnisation und der Arbeiterorganisation, in der sielt die Erstcrc zur Einhaltung bestimmter Kündigungsfristen verpflichtete und den Arbeitern das Recht ciuräunitc, gegen die Kündigung an ein Schiedsgericht zu appellieren, das auch über etwaige Entschädigungsansprüche der Arbeiter zu entscheiden hätte. Zur Vorbaigung künftiger Streitigkeiten wurde gleichzeitig be« stimmt, daß jede Meinungsverschiedenheit in Hinkunft einem Schiedsgericht zur Entscheidung vorgelegt werden solle. Und auch in den anderen Fällen gelang es den Arbeitern zumeist, ihre Forderungen durchzusetzen. So zeitigten denn die Streiks, obwohl sie eine Zcitlang viel böses Blut verursachten, und wie gesagt, von den Arbeitcrfiihrern selbst mit sehr gemischten Gefühlen aufgenommen wurden, doch manche gute Folgen. Sic erzwangen manches, was in anderen Ländern den Arbei fern durch die Arbeiterschutzgesctzgebung ohnehin garantiert ist. , . , . : Noch bedeutender sind vielleicht die Wirkungen dieser Acnderung der Anschauungen auf die Verhältnisse innerhalb der Arbeiterschaft selbst. In drei Richtungen macht sich (las auftretende Klassenbcwußtsein Luft. Es macht sich erstens das Bestreben geltend, den Wirkungskreis der Arbeiterorganisation durch Aufnahme auch eines politischen Aktionsprogramms zu erweitern. Es wird zweitens die Forderung laut, die Arbeiterorganisation offiziell als eine Sozialistische, auf dem Boden des Klassenkampfes stehende Vereinigung der Arbeiterschaft tu erklären. Und als direkte Konsecpienz daraus ergibt sich auch die Forderung der Annäherung an das um seine Befreiung ringende Proletariat der anderen Völker und des Eintrittes der palästinensischen Arbeiterorganisation in eine Gcwcrksdiaftsintcrnationale. Bleiben wir zunächst bei dem ersten Bestreben. Seine Verwirklichung würde eine wahre Revolution im Lieben der palästinensis.dten Arbeiterschaft bedeuten. Die 1 ö t 1'