Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVII (1922)
- Issue
- Heft 103-104 (29.12.1922)
- Date
- 1922-12-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 674 JUEDISCHERUNDSCHAU Nr. 103/104 Söhne derselbe« historischen Schicht im jüdischen Volke. Heute gehört Bialik nt der» Fünfzigjährigen, und bald werde« wir Chajim Wci/m.mns fünfzigsten Geburtstag feiern. Aber den Politikern wurde cs doch leichter, bei den deut;dien und westlichen Juden ein Echo zu finden, als den Trägern der neuen Pliare jüdischer Kultur. So schwer der Kampf des aufstrebenden Nationaljudentums war» die Assi■ milationsbcwcgimg in Deutschland zu überwinden, viel schwerer war cs noch, das Verständnis für neue kulturelle Bahnen im westlichen Judentume zu erwecken. Denn man hatte noch int politischen Lehen der umwohnenden Völker Analogien, die cudj lieh das Verhältnis für die neuen Wege anbahnen mußten, . während für die Erkenntnis neuer jüdischer Kultur die Vor- J bedingung fehlte, da ein Verständnis für solche Kultur eine; gewisse Kenntnis von! Judentum und von der hebräische« Sprache voraussetzt, die ein EinstcUcn auf neue jüdische Kultur• werte überhaupt erst möglich macht, Um so tiefer aber wirkte das Auftreten Bialiks auf die ganz kleinen Kreise, die hier in Deutschland der hebräische« Sprache weniger fremd gegenüberstanden. Da erschien endlich ein Dichter, der nicht bloß die Macht über das Wort, sondern über die Gedankenwelt besaß, wie kein zweiter. Das war wieder einmal nach Jahrhunderten das unmittelbare Natur• empfinden, das von der souveränen Beherrschung' der hebräl• sehen Sprache begleitet war. Aber längst ist seitdem Bialik zum Beherrscher überhaupt der hebräischen Gcisteswclt, zum ( Mittelpunkte aller kulturellen Bestrebungen im nationalen Juden• turne geworden. Die mittelgroße, derbe Gestalt, die 90 recht eigentlich den ukrainischen Klckistadttypus ausprägt, ist der anerkannte Führer nicht bloß auf dem Gebiete der hebräischen Dichtung geworden. Die urwüchsige Kraft, verbunden mit der allerfeinsten Form, die Beherrschung der Gedankenwelt, die fest in der Wirklichkeit wurzelt, die umfassende Phantasie, unzertrennlich von dein klaren Sinne für die Dinge, haben Bialik zu der Stelle erhoben, zu der wir alle mit Ehrfurcht aufblickea An seinem heutigen fünfzigsten Geburtstag feiert datier nicht mehr ein enger Kreis von Gleichstrcbcnden, sondern das ganze jüdische Volk begeht festlich den Tag, an dem ihm vor 50 Jahren sein größter neuzeitlicher Dichter geschenkt wurde. Die Zeiten haben sich seit der Geburt Bialiks geändert. Man beginnt auch in Westeuropa wieder Verständnis für hebräischen Geist zu bekommen. Und der, der durch sein« Bedeutung am meisten mit dazu beigetragen hat, ist die dichterische groß« Persönlichkeit Bialiks. Berlin, zum 10. ,Tebeth 56S3. Bialik und der Ruhm des Ungekannten Vielfach bezeichnet nichts dcirtlicher die Bedeutung Bialiks, als sein Ruhm imtcr den westeuropäischen Juden, die sein Werk selbst nicht kennen. Ich habe lange Zeit diesen Rulim gering geschätzt, weil er mit dem imgewissen Vokalen- und Konsonantcnklamg eines Namens Selbsttrug zu spielen schien, Es sollte einzig der Ruhm gelten, der aus der Liebe zum Werke nufsteig-t, Allein ich fand allmählich, daß der Ruhm des ungekannten Bialik in einem viel ticfern Grunde ankere. Durch eine denkwürdige Absonderlichkeit der westjüdischen Geschichte konnte nämlich hier ein Ruhm vorweggenommen werden, der sonst nur einem symbolhaft gewordenen Dichter gebührt, Symbolhaft aber wird ein Dichter, warn sein Werk die Seelen aufgcbrochon Imt und dabei da» Werk icllvrt »0 mifgebrochem scheint, daß die Seele eine« Volkes oder einer *Sittichen Ge• meinschaft hindurchsrfiaut Daß man in Westeuropa Bialiks Existenz aus solchem symbolischen Gefühl heraus erlebte, gehört nicht nur zu den kostbarsten Geheimnissen unserer doppelten Galuth im Westen —■ der Galuth vom Land und der Galutli vom Volkskörpcr — sondern auch zu der sendhaften Größe dieses Dehters, Es gibt im Bewußtsein jedes Westjude!» eine abgrundlose Stelle, die durch einen geheimen Kanal mit dem Osten kommuniziert. Keinerlei Umlagerumg kann sie verschütten, denn sie hat Quellen, die außerhalb unserer WUlenssphiirc licgeni im Historischen, im Oeworden-Scln. Nur die Gegenwart schafft den schmerzlichen Riß zwischen östlichen und westlichen Brüdern. Aber in der Existenz Bialiks erschaut der Westjude die Versöhnung: er freut sich seiner Brüderlichkeit, weil er an die Vaterschaft des eine« Judentums glaubt. Die anderen östlichen Dichter, die Jargondiehter, die gelehrten Dichter, berichteten dem Westjuden nur von seinen fremden Brüdern, Bialik bedeutet für ihn die wiedergewonnene Stimme des viel• leiciit sehr fernen, aber ungeteilten, nur in der langen Stummheit zerrissenen Judentums. Denn in Bialik ist gegenwärtigste und das ist zugleich alle Vergangenheit entschließende jüdische Ursprache lebendig, nicht humanisierend, sondern vital. Und selbst wen« der Westjude alles Jüdische durch irgendeine Ideologie oder aus irgendeiner Sorglosigkeit abgetan hat, im Angesichte dieser dichterischen Existenz glaubt er an die Kontinuität des Judentums, dem er entglitten ist. Ja, diese bloße Tatsache einer Existenz ist das Machtvollste an den! Ruhme des Ungekannten. Man nimmt nicht Stellung zu Bialiks Problemen, man nimmt nicht Stellung zur Aestbetik seiner Verse; er wirkt als Existenz wie ei« Stück Natur, wie ein Stück Bibel: er ist einfach da, und schön oder gut zu sagen, bleibt unzulänglich. Und ist nicht dieser Ruhm des Ungekannten getreuester Verkünder des wahren Sinnes seiner dichterischen Bedeutung? Man vergleiche ihn, da ihm kein ähnlicher seit der spanischen Epoche voiangcht, mit dem jüngern großen Zeitgenossen Tschcrnichowski, dessen Kämpfe um ein neues allmcnschlidies Judentum in einem geistigen Sinn revolutionärer sind! Und doch ist Tschcrnichowski nur eine Erscheinung innerhalb des Judentums, Bialik aber ist die Erscheinung des Judentums selbst. Es ist unter alle« seinen Gedichten kein einzig«, zu dem nicht die ganze Vergangenheit und die ganze Gegenwart des Judentums ״Ja“ sagen könnte. Gelehrtentum und Lebensergriffeivheit, Prophctismu9 und Rabbinismus, Palästina und die Diaspora sind in ihm. Er ist nicht ein einzelner Weg, er ist der Platz, zu dem die vielen Wege streben. Vielleicht, daß wir westlichen Juden, weil wir über die doppelte Galuth hinwegsetaen müsst», die beschwingtere Intuition des Glaubens und der Liebe brauchen, um uns im jüdischen Gleichgewicht zu erhalten. Wir wandern vom 2kl aus in die Wirklichkeit. Wir wählen nicht unsere Führer, wir erkenne« sie. Wir erkennen sic daran, daß sie uns selbst erkennen lassen. Darum ist gerade der ungekannte Bialik einer der großen, noch heimlichen Führer. Und er wird es in keinem andern Sinne sein, wenn einmal die Westjuden auch zu seinem Wehterlschen Werke finden werden, Friedrich Xhleberger (Prag). Bialiks ö״cat 1 ■f י : liWtr ,a *1 Iäi.ä4 in M Im Gegensatz zu manchem anderen ״Edn-Ititclektitefkn“, war Bialik nie bloß ein Mann seiner Schreibstube gewesen. Er war immer ein Mann des vollen Lebens, immer bereit, wo cs sich um eine reale Arbeit handelte; ebenso auf dem Gebiete der Kulturarbeit, wie auf allen anderen Gebieten de* nationalen und gesellschaftlichen Lebens. Diese seine Tntlrereitschaft «fitzten auch die Initiatoren von allerlei Gründungen und Organisationen aus und zogen Bialik zur aktivsten Mitarbeit heran. Es gab in Odessa (seinem. Wohnorte in den letzten 20 Jahren) keine Organisation, keine Gesellschaft von irgend einer allgemein-nationalen Bedeutung, wo nicht Bialik am der Spitze, oder zumindest bei der Spitze gestanden wäre. Das gilt für die reinzionistischc« Institute, wie Palästina-Comitd, ״CJiowcwc Späth Ewer“ u. dgl., und auch für allgemein-jüdische Organisationen, wie ״Jüdische Literarische Gesellschaft“, ״Hilfsconiitd für Kricgsfliichllingc“, ״Politisches Comitd“ «3w, Man trieb es manchmal schon zu weit und überbürdete den Dchtcr mit ״Pflichten“ dieser Art. Es ging aber eben nicht anders: Man hatte sich so daran gewöhnt, überall Biatlk unter den Späten zu sehen, daß man ihn nicht mehr missen konnte. Zu Beginn der Revolution, als die zerstreuten Kulturkräfte des rußländischcn Judentums sich in Moskau zu sammeln schienen, begab sich Bialik mehrere Mal dahin, um Aktionen zu Gunsten der hebräischen Literatur und des hebräischen Schulwesens nnzurcgeit. Mit seiner Hüte kam der große Tarhuth-Kongreß (1917 in Moskau) zustande, unter seinem Einflüsse stand die Oründung der ,Tageszeitung ״Haam“, der Verlags-Gesellschaften ״Hatchla“, ״Achicwer" und ״Omonath“, Er beeinflußte das in Odessa glorreich wirkende Hebräische Lehrerseminar und d 1s Fröbcl-fnMitut, dabei entwickelte er eine rege Tätigkeit in seiner ״Moriah“ und unternahm eine Reihe von neue« Ute rarischcn Ausgaben und Sammelbüchern (״Kneseth, Rcschumoth“). Zu gleicher Zeit sehen wir Bialik auch bei allen größeren Unternehmungen auf dem Gebiete der sozialen und nationalen Tätigkeit beteiligt. Er schuf einen Hilfsfonds zur Unter- Stützung notleidender Schriftsteller und Künstler, wirkte bei den Tarbuth-Aktionc« mit, leitete neben Ussischkin die riesige zionistische Demonstration gelegentlich der Baifour-Erklärung, beteiligte sich an Deputationen u. d gl.; bei den Wahlen in die erste demokratisch organisierte Gemeinde-Repräsentanz führte er neben Ussischkin die siegreiche Zionistische Liste und beteiligte sich nachher audi an der ״Nationalen Versammlung14 (dem ״Vorparlament“ der autonomen Jutenschaft). Nach der bolschcwistisdicn Umwälzung sehen wir ihn immer wieder ander Tat. Als man noch glaubte, mit Argumenten der Vernunft und des Gerechtigkeitsgefühls auf die bolschewistischen Machthaber einwirken zu können, unternahm cs Bialik, eine Deputation zu den neuen Herrschern zu führen, um die Aufrcchtcrhaltung der hebräischen Schuten zu erwirken, Der öffentliche Disput mit den Jewsektionisten vor einer Ver- Sammlung behördlicher Funktionäre der Scliulorganisntioncn ist ein denkwürdiges Blatt in der Geschichte des jüdischnationalen Kulturkampfes. Späterhin half Bialik den hebräischcn Schulen auch ln ihrer erzwungenen ״unterirdischen“ Existenz und beteiligte sieh zugleich an der hebräischen Volks- Universität. Nachdem aller Buchhandel unmöglich gemacht! die Blbllo theken ,,nationalisiert1׳ und jede Ansammlung von Büchern bei Privaten strengstens untersagt worden war, während In den bolschewistischen Büros hebriiischc Bücher zu Heizmaterial verwendet wurden, bestand die ernste Gefahr, daß das hebräische Buch in Rußland völlig aus der Welt verschwinden wird, Bialik gelang es, mit Aufbietung seines ganzen Einflusses, wenigstens eine Stätte des jüdischen Buches zu retten — die Büchcrsammlung der ״Jcschiba“, die als ״öffentliche BiNio• tliek“ unter der Protektion von Bialik ihre Existenz und ״Unberührbarkeit“ sich sichern konnte. Diese Bibliothek (״Sepher") war die letzte Zuflucht des hebräischen Buches ln Odessa; ihre Existenz ist den Bemühungen von Bialik zu danken. War Bialik schon vor der Revolulion das Zentrum, um das sich die kleinen Gruppe« der Schriftsteller in Odessa immer geschart haben, so wurde er es ganz und gar nach Ausbrudh der Revolution und ®!och mehr in den düsteren Zeiten des Bolschewismus. Es war eine Zeit der größten Schwierigkeiten für die jüdische Bevölkerung im allgemeinen, ln viel größerem Maße aber für die hebräischen und jüdische« Schriftsteller, die ohne jede Existienzmöglichkclt dastanden, nachdem samt• liehe jüdischen und hebräische« Zeitungen, Verlagsanstalten und ׳sogar Druckereien, zum Teil ״nationalisiert“, zum Teil einfach aufgelöst waren. Man war auch von der ganzen Webt abgeschnitten und konnte auf keine Hilfe von außen rechnen, Da übernahm Bialik die Fürsorge für dies« unbeholfenen Opfer der Zeit. Sein Haus wurde zu einer PilgcrstäUe der jungen Schriftsteller und Künstler, aber auf sein freundliches Mitgefühl und weitgehendste Hilfeleistung konnten auch die Acltercn rechnen. Zu dieser Zelt waren auch die hebräischen Schriftsteller allen möglichen Schikanen seitens der bolschewistischen Macht haber ausgesetzt. Hebräisch ist bekanntlich von den Jcwsektlo• nisten als konterrevolutionäre Sprache proklamiert worden• die hebräischen Schriftsteller gelben, wenn nicht direkt ah konterrevolutionär, so doch als Diener der Bourgeoisie, Fahnen■ träger des Klerikal!smus und Imperialismus und noch so manches andere. Sic genießen also keines derjenigen Privilegten, die die bolschewistische Herrschaft den Intellektuellen zugcbilligt hat. Sic durften zu Zwangsarbeiten hcrangezogen werden, durften keine Rationen erhalten und liefen Oefahr, zu jeder Zeit mit der ge samten konterrevolutionären Bourgeosie identifiziert und denselben Verfolgungen, Hausdurchsuchungen und Expropriationen ausgesetzt zu werden. Einzig und allein gegen Bialik wagte« sic nicht diese Art der Behandlung. Die Autorität Bialiks auch in den russischen Kulturkrciscn und sogar bei manchen der bolschewistischen Größen war so überragend, daß die jüdischen Jewsektionisten cs nicht wagten, ihm nahe• zukommen. Diese Autorität benutzte aber Bialik, um für seine Kollegen einziitrcten. Auf diese Weise wurde er nicht bloß der geistige Führer, sondern in der Tat der eigentliche Vertretcr und Protektor aller hebräischen Schriftsteller im Sowjetlande. Durch seine Bemühungen wurden in der jüdischen Bevölkerung Fonds geschaffen, um die notleidenden Schriftsteiler zu unterstützen, und zwar in der Form, daß man ihnen die Möglichkeit gab zu arbeite« und daß dann ihre Arbeiten verkauft wurden. Aus dieser Aktion entsproß später die Gründung der Verlagsgesellschaft ״Dwir“, die neben ihren großen Verdiensten als Sammelstclle für das hebräische literarische Schaffe» «och das große Verdienst für lieh in Antoruch nehmen kann, mehrere Familien der hebräischen Schriftsteller im Laufe der Zeit ernährt uikI ihnen die Möglichkeit ungestörten Arbeiten} verschafft zu haben. Andererseits aber war es auch das Verdienst von Bialik, daß ein überwiegender Teil der hebräischen Schriftsteller cud lieh in die Reihe der akademisch rationierten Intellektuellen aufgeuomiucn wurde und ihnen fa bezug auf Immunität der Person u:1J Wolmung gewisse Pri\> legien eingerämnt wurden. Die letzte große Tat von Bialik war, daß er sich unter unsäglichen Schwierigkeiten und persönlichen Gefahren von Odessa «ach Moskau begab, um dort drei Monate lang un• crmüdlich unter Demütigungen und Kränkungen von Tür zu Tür, von Behörde zu Behörde zulaufcn.um für 12 Familien von hebräischen Schriftstellern die Erlaubnis der Ausreise aus Rußland zu erwirken, zu einer Zeit, wo eine solche Genehmigung russischen Bürgern nicht erteilt wurde. Doch die Erlaubnis allein genügte nicht, um die Ausreise in die Tat umzusetzen, sondern es mußten auch beträchtliche Geldmittel beschafft werden. Auch dies besorgte Bialik und setzte dafür seinen ganzen Einfluß ein. Und so geschah cs, daß an einem Junitage 1921 die Stadt Odessa mit Verwunderung und zum Teil mit Freude sehen konnte, daß 33 Seelen sieb, nachdem der Schiffsverkehr im Odessacr Hafen drei Jahre lang geruht hatte, dort einschiffen konnten, um Rußland zu verlassen. Dis waren die 12 Familien der hebräischen Schriftsteller mit Bialik an der Spitze. M. Klein m ann. Bialik auf dem XII. Kongreß Der 50. Geburtstag des Dichten wäre so recht dazu geeignet, den deutschen Zionisten ihre tiefe Volksfrcmdhcit zum Bewußtsein zu bringen. Was wissen wir von Bialik? Kenner versichern, daß er der bedeutendste lebende hebräische Dchtcr sei; ein Mann wie Rabbiner Nobel sagte mir einmal, daß er ihn für den größten Sprachkunst!er halte, den das jüdische Volk seit Jcliuda HaJevi hervorgebradit. Aber was kennen wir aus der eigenen Erfahrung unserer Herzen eigentlich von Bialik? Bitter wenig: b:-.tc11f.1ls einige leicht sangbare Gedichte, ein paar Agadoth aus dem ״Senher aggada“, urvd vielleicht noch den aus dem Hebräischen ü 11ersetzten, im ״Juden“ deutsch erschienenen Aufsatz ״Halacha um! Aggada“. Selbst wer von uns sein Gcdichtwcrk näher kennen sollte, wird kaum die Kategorien haben, es künstlerisch zu werten und es frei von allen Schwierigkeiten der Sprache und den unsachlichen Verlockungen ihrer fremdartigen Exotik, rein zu genießend In dieser Lage befindet rieh der junge und erst recht der ältere deutsche Zionist gegenüber der Jubelfeier ״seines“' Dehters; er kam sidi zwar über Gerhart Hauptmaivns Bedeutung ein eigenes Urteil bilden, über die Bialiks nicht Da. ist er auf Hinrehmen und auf Glauben angewiesen. I Diese Situation, die — nie manche ähnliche — die Tragik unserer Absplitterung und Volksentfrcmdung deutlich macht, verlangte eigentlich nichts als schweigendes Lernen,; als Bereitung der Rückkehr und Umkehr. Wenn trotzdem: in dieser Fcstnummer, die cs unternimmt, einige Seiten] Bialikseher Wirksamkeit durch kundige Menschen würdigen zu lassen, wenn auch hier die Stimme der noch sehr unkundigen Rückkehrer mit ertönen soll und kann, so ist das nur meglieh geworden durch Bialiks Auftreten auf dem letzten Zionistenkongreß. Dort war auch für die A«si1rtlliertes'en ־— wenn de nur »dton ein wenig Hebräisch verstauten, es genügte sehr viel weniger, als zur Würdigung de* Gedichtwerkes gehören mag •— eine Gelegenheit gegeben, dem Dichter und Menschen unmittelbar näher zu kommen und etwas zu spüren von seiner Bedeutung für den Wiederaufbau unseres Volkes. Der XII. Kongreß war für die heutige zionistische Jugend der erste, den sie erlebte. Wer mit der Erwartung nach Karlsbad gekommen war, dort eine Manifestatiort besten jadisdien Volkstums kennen zu lernen, mußte in vielem enttäuscht werden. Nicht daß der Kongreß ״nüchtern“ war und seine wesentliche Arbeit in den Kommissionen leistete, verstimmte den Suchenden, sondern gerade itn Gegenteil: der Mangel au echter Würde da, wo man feierlich sein wollte, die offizielle Oedheit der hebräischen Eröffnungssitzung, die innere Dstanzlosigkeit, die den ganzen Kongreß — Delegierten wie Zuhörer — zu einem großen Publikum machte, das in der sinnlosen Abnützung der ״Hatikwa", in seiner naiven Ghettofreude an ״richtigen“ Sitzungen und Parlamcni-spicten, in *einen wahllosen Helatl auf Wetz mann und King George, den Klausenburger Ravv und Lord Balfour, vor allem aber in seinem Ghettoc.T,husns;nus für Hel Je ח rose und leere Demonstration, die im Tiefste« ungeistige und daher unpolitische Haltung eines kindlichen und noch verspielten Volkes sichtbar machte. Der einzige Augenblick, der diesen Ein :!ruck eines schlcchtcuiopäischen Parlamentes verwischte, war der, in dem Sokoknv den anwesenden Bialik als den Dichter unseres Volkes begrüßte und damit einen Beifallssturm auslöste, der fühlbar echt war und die Schablone durchbrach. Statt des verbotenen Rausches der Normalität, des ״Wie-die-andern- Seins", spürte man für wenige Minuten den echten Rausch der Volkswerduivg, der eigenen Art: den des AmterS'Seins, De i Tatsache, daß die politische Vertretung des jüdischen Volkes / in dieser Weise den repräsentativen Dichter des jüdischen j Volkes begrüßen konnte, gab auch den schwer Enttäuschten/ wieder die Hoffnung auf eine Verjuvlung des Zionismus, diej allein seine Rettung sein kann. J Dies war am ersten Tage des Kongresses. Darm folgt cif jene Verhandlungen, in denen sich der ökonomische Chauvinismus de Liemes, der nationalistische Chauvinismus Jahatinsi kys, der religiöse Chauvinismus gewisser Misrachisten und der maskiliscbc Chauvinismus mancher Arbeitervertreter deutlich entfalteten und aufeinnnderstießen, Von einer andern als der einleitend betrachteten Seite her wurde der Galuthcliarakter unseres Volkes offenbar: in de.« Mangel an Heftigkeit. Scholastisches fünfzehntes Jahrhundert und nationalistisches achtzehntes — beide gleich fern dem lebendigen Menschen einer neuen Zeit — stießen auf diesem Kongreß aufeinander. Keine Fitimme erhob sich, um den Streit für unsere nationale Zukunft fruchtbar zu machen. Da — ganz am Ende des Kongresses, zu ׳ dessen Delegierten er nicht gehörte •— sprach Bialik, Viele fürchteten sich vor dieser Schlußrede. Würde mm alles in süßem Mus zusa mm entließen, was doch so verschieden war? Würde jene üble Versöhnungsstimmung erzeugt werden, die jede echte Auseinandersetzung und damit jede echte Einigung verhindern mußte? Gleich Bialiks erste Worte beruhigten. Er wandte sich zum Misrachi, sagte ihm Mussar und lobte ihm die Chaluzim, ihre Leistung und ihre Not, er, der selbst Aussicht wie ein russischer Bauer und von dem mas soürt. daß er der Landschaft, ihrer Harmonie und ihre*1 Tragik,