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Jüdische Rundschau · 1922-12-29 · Heft 103-104 (29.12.1922) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVII (1922)
Issue
Heft 103-104 (29.12.1922)
Date
1922-12-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Kr, 103/104 dumm die Ware, wir seien von Haus mn Literaten; unsere lictstc Dekaden; äußert sich in unserem Literatentum.) Höchster Repräsentant unseres Volkes ist der groß Lebende. Vor großer Leistung beugen wir uns nicht; den ״rollen Mensehen verehren wir. Den großen Menschen 1 Nicht den Vollkommenen, Der Heilige ist uns kein Ideal, denn er ist kein Ideal vom Menschen her geformt, sondern vom Jenseitigen her. Nicht Vollkommenheit, — Ortille ist unsere Sehnsucht, Orotl im Outen, groß im Hosen, Moses, der an seiner Sünde ׳•*.irbt, die Propheten, die als Siiiiticr berufen werden, sie sind unsere Repräsentanten, Noch unsere Größten waren und blieben Menschen, und darum auch nicht frei von kleinen Stunden. Was war Moses vor seiner Ilcriiiung? Lin Hirte., Was die Propheten? Schäfer, Berufstätige, Menschen des Werktages, und blieben cs auch. Menschen wie wir alic im Werktag; aber hinter ihrem Werktagslun ruhte latent der Funke ihrer Grolle, der in den grollen Augenblicken, da sic aktuell wurde, zur ziinrtcmlen Flamme wurde, Darum die intime Lczichuug unseres Volkes zu seinen Hilden. Wir kennen keine 1 kldcnverdirimg und keine Anbetung von Heiligen. Durch ihre l eider und Mängel sind unsere ürodcu uns nabe und vertraut. Weil sie sundiglen, sind sie Fleisch von umercin Heisch, Noch unser Ciott vergibt sich und zürnt mul schilt. Größe quillt für um nur aus dem diesseitigen Leben mit seiner Oespaltcnhcit und Dualität. Flialik ist ein grober Mensch und als solcher ein grober Jude. Grob und jüdisch in seiner Vitalität, in seiner Zähigkeit, in seiner Vielseitigkeit, in seiner Ungebiindenheit durch eine bestimmte Eigenschaft. Groß und jüdisch in seiner Menschlichkeit, in seiner Unvollkommenheit, in dein steten Zwiespalt von Gut und Hose, in dem ewigen Ringen mit den Versucliungen seines Herzens, mit den Verführungen seines Lebens. Grob und jüdisch in der Schlichtheit und Natürlichkeit, in dem Mangel jeder Pose, in dem Fehlen jeder ״Würde“, in seiner Art zu leben, zu wirken und sieh zu geben wie jeder andere. Fragt die Vielen, die ihn näher kennen, die ihn umgeben. Gibt er sich nicht täglich wie ihresgleichen? Ist er nicht vertun in Geschäften und Sorgen und in den kleinen Dingen des Alltages wie sie? Wie viele kenne ich, die als sie zum ersten Male Bialik sahen oder ihn sprachen, ihre Enttäuschung nicht verhehlten. ״Das ist er? Aber man merkt cs ihm ja gar nidit an, daß er Bir.Lk ist?“ Nie ist er mir liebenswerter erschienen, als wenn er so enttäuschte. Uns Juden ist Große nie ein sichtbares Dekorum gewesen, das sch ständig in Haltung und Geste ausdrückt. Vor nichts hüten wir uns mehr als vor einer Anbetung großer Mensdien. V'aium ist Moses Grab Bis heute unbekannt? Nicht umsonst sind wir das Volk, das die wundersame Legende schuf von den 3ö unbekannten Geieclitcn, die die Welt tragen. Schlicht und unkenntlich sind unsere Großen; einfach und enttäuschend wie einer von der Menge, Bis plötzlich — und wer, der das Glück hatte, öfters in der Nähe Bialiks zu sein, hat cs nicht ciVhti' — ein Wort fäll!, ein Biiek, eine Geste, und man weiß, hier stellt ein großer Mensch vor uns, dessen Größe ihn aber nicht wie ein weithin sichtbarer Mantel umflattert — v.ic leicht fällt ein Mantel! — sondern still und verborgen in der Tiefe seiner Seele ruht, schamhaft verwahrt im Alltag, dafür aber umso zündender in den Gewitterstunden seines Lebens, wenn sie überwältigend losbricht. Darum ist er uns so nah, ist er so populär! Kein Volk hat eine so nahe und vertraute Dc/ichung zu seinen Großen wie wir. Andere Völker liegen vor ihren Großen auf den Knien und beweihräuchern sie. Wir sind ihnen näher; wir kritisieren sie, wir tadeln sie; wir dürfen es, weil wir sie lieben. Fragt den Juden auf der Gasse nach Bialik; fragt vor allem die Vielen, die ihn keimen. Sie werden euch tausend Fehler von ihm erzählen, tausend Mängel nennen. ״Na also!“ werdet ihr mm Schlüsse fragen. Ja, wird er euch antworten, ״aber er ist doch Bialik!“ Dies zeugt von seiner Popularität im höchsten Sinne. Einen Menschen bewundern, ist nicht viel, (meist kennt mau ihn nicht). Einen Menschen blind anbeten, ist sehr wenig (meist mißversteht man ihn). Aber einen Menschen kritisieren und tadeln, durch die Kritik und den Tadel aber nicht das Geringste an der Verehrung Ihr ihn mindern, das ist etwas sehr Großes. Denn dies bedeutet, daß man ihn — liebt. Künstler, nicht Proplic: Von David F r i s c h m a n, . ,achstchcnde Worte, die der mm verewigte Frischan über Bialik schrieb, sind hier erstmalig ins Deutsche .׳.bcrsel/t. Ich kenne ein Gedieht von Bialik, das mich nicht seiner dichterischen Bedeutung wegen, sondern aus einem ganz anderen Grunde interessiert. Wenn wir jemals am Ende der läge -- sagt er in dem Gedicht -- die ״Rolle“ seines Herzens in irgendeinem vergessenen Winkel finden werden, so bihct er uns, folgendes zu sagen: ״Es lebte ein einfacher, girader, schlichter und müder Mensch. Er lieble die bc-! elieidenc Finsamkeit und nahm ohne Segen und Fluch worth 1s alles entgegen, was von selbst auf ihn zuka 1. Er wich den kleinen Dingen nicht aus, strebte nicht nach Großem und suchte nichts Ungewöhnliches. Wenn er auf der Straße ging und mit der Menge in IkrülumiR kam, wich er nicht!zur Seile, sondern ging seinen geraden Weg. Merkwürdiger- Weise aber kam zu ihm das Große und Ungewöhnliche schließlieh imgerufen, mit Geräusch und Getöse. Dieser Mensch versiand fast nicht, was die Straße von ihm wollte, wozu all dieser Lärm und Klang, der ihm entgegenschlug, und was die Straße gegen seinen Willen mit ihm tat. Da pflegte er für einen Augenblick anzuhaltcn, die erstaunten Augen weit zu öffnen — zu «ehweigen und sich zu wundern. Was will man von ihm? Und er tat das,' was man meist in solcher La ge tut, er neigt! den Kopf gegen die Menge, aus Ilüllkhkeit, und ging fort, fn der Tiefe der Seele aler verachtete er sie. Fr hatte ein kleines Kämmerchen mit einem kleinen FciiStcrchcn, das ihm allein gehörte und mumm war. Fr hafte ein Gebet, und in schweren Augenblicken seines Lebens zog er sich in sein Kämmerchen zurück und betete still am Fenster. Dieses Gebet dauerte sein ganzes Leben lang, wurde aber nicht der Erhörung gewiudigt. Das, worum er nicht betete, ist ihm gegeben wurden, aber das einzige, was er suchte, fand er nicht. Und trotzdem verzweifelte er nicht bis zum letzten Tage seines Lebens, und sein Herz betete und betete, bis er mitten im Gebet starb.“ Haben wir es hier mit einer Beichte zu tun? Ist dies etwa Autobiographie? ״ Holt hat den Dichter schlicht erschaffen. Aber ea wurde Jnm zugcsclirieben, was nicht in ihm ist und das, was _JVEPTSClfE RUNDSCHAÜ j in ihm wirklich war, sein großes und stilles Gebet, wurde . nicht verstanden. Fs wurde heftig gelärmt und die Trommel gerührt, seine wunderbare Stille aber verstand man nicht zu würdigen. Und es ist begreiflich, daß sein reines und heiliges Gebet mit *1er Zeit überlaut, seine stille Träne, die im Kämmerchen am Fenster schimmerte, unterdrückt worden ist. Auf der einen Seite — ein 111 unserer Litern tu r beispiellos großer Dichter. Wie jeder innige Dichter ist er gerade und schlicht, gegen sielt selbst und gegen seine Umgebung. Als Kind seines JahrlnmBerts ist er etwas müde und ge- ,schwächt, und als Mensch, der im praktischen Leben stellt, geht er den kleinen Dingen nicht aus dem Wege. Auf der anderen Seite — t'inc Menge, die Im Leben nichts sucht als ein Idol. Auf der einen Seite — ein feiner Künstler mit weichen Tönen und Ilalbtöucn, ein Mensch, der von der kosenden Zartheit der Zephirc umweht ist, ein Zauberer voller Pracht, ein Virtuose der Sprache; mit einem Wort, ein Dichter, der uns bald mit dem Glanze des Wortes bcrauscht, bald mit der graziösen und gleichsam lässigen Bevvegnng, bald mit dem Klang eines ausgelassenen Lachens, bald mit vier eigenartigen Macht einer stolzen, starken und stürmischen Sprache, die die Kraft von Jesaja und Jecheskiel erreicht. Auf der andere»! Seite — eine Menge, die nichts sucht als das Wort — um Gottes willen, gebt mir ein für alle Male ein bestimmtes, mit Nägeln beschlagenes Wort, damit ich etwas Klapperndes in der Hand habe! — Diese Menge mit ihrem fertigen Stempel bidt «Ich für verpachtet, ihn dem Dichter aufzudrücken. Auf der einen Seite — Bialik mit seinem erstaunlichen Verständnis für alle Erscheinungen der Natur, für die vielfältigen Bewegungen und Ocriiuschc der Luft, mit seinen unzähligen Variationen in der Schilderung des Zaubers der Strahlen und des Lichtes, mit seiner stillen, lyrische» Seele, mit seinen herrlichen Wintcrllcdcrn, mit seinen ewigen llvmucn an das Licht, mit seinen Arbeit»• und Waülliederi!, Liebes- und Lcidcnsgcdichtcn, mit seinen köst* liehen Volksmotivcn und dem bis zur Vollkommenheit durch* geführten künstlerischen Schliff, der all seinen Werken eigen ist. Und auf der anderen Seite — dieses liebe Publikum, das im Grunde nichts versteht, das immer irgendeine Phrase bereit hat, das Publikum, das nichts anderes tut, als an allen Ecken und Enden die Glocken läuten: Ein Prophet, ein Prophet! Wie aber, wenn Ich sage, daß er «n e h r als ein Prophet ist, — ein Künstler des Wortes und des Ocfühlsausdrucke»? Wie, wenn ich sage, daß das Pronhetentum bc* rcils ein ״überwundener Standpunkt“ Ist? Daß es nicht mehr dem Geiste unseres Jahrhunderts entspricht, daß wir nicht mehr das Bedürfnis vergangener Zeiten nach Prophetentuin empfinden, daß wir statt dessen jetzt einzig und allein die Kunst brauchen, und zwar eine Kunst, die für uns alles ist; *laß Bialik vielleicht der einzige echte Künstler ist, der unserer jungen Poesie geschenkt wurde? Wie, wenn ich sage, daß dieser Künstler höher als ein Prophet steht, und statt ihn zu preisen, daß er manchmal im Qcistc der Propheten und im Stile ihres Leides und Zornes schreibt, wir ihm dankbar sein sollten für seine Wintcrlicilcr, für seine Licht- «nd Liebesgedichte, für seine Volkslieder und seine stimmungsvollen lyrischen Qedlchtc, die von beispiellosem Können durehtr.inkt sind? Keiner von uns beherrscht das Wort und seine An- Wendung in solchem Grade wie Bialik. Das Wort aber ist alles. Außer Bialik haben wir keinen, bei dein der Stil der heiligen Schrift nicht nur auf den Uppen, sondern auch in allen 'seinen Gedanken und Gefühlen liegt, so daß er nicht mehr imstande ist, sich von ihm zu befreien. Und sogar das Einfachste ui d Alltäglichste muß er uns so ausdrückcn, wie cs c'.wa Jesaja und' Jeremia getan haben. Keiner von uns kennt die Kumt eines so feinen Schleifen» seiner Edelsteine, eine solche Fiiigraiikunst an jedem Wort, jedem Buchstaben und ')(׳!fern Punkt, einer solch raffinierten Ausfciiuiig jedes einzelnen Verses, einer solch glatten Vollendung jeder Stroph», eines solch kunstvollen Polieret!» und Amemandcrrcilicns von Worten, Versen und Strophen, wie Bialik. Aber außer all diesem besitzt er noch ein sehr feines lyrisches Gefühl und das Innenleben eine» großen Dichters. Wenn er die Straße und das Oetöse der Menge verläßt, sich in sein Kämmerchen zurückzicht und dort am kleinen Fcnstcrchch still betet, — dann weiß Ich, daß »eine Lippen eiu heilig-stilles Gebet flüstern, *laß seine Träne wortlos und bescheiden ist, daß er die Stimme eines lebendigen Ootte» vernimmt. Aus den ״Volksliedern“ von Bialik Soldaten in der Stadt (,,O’dud bair“) Alle Straßen brausen, brausen, Alle Tore sausen, sausen, Schau, der wackere Soldat Hat betreten unsere Stadt. Mannschaften und Offiziere, Stramme Kerle, Füsiliere, An der Spitze, siehe da: Musikanten mit Trara: Tra-ra-ra bläst die Trompete, Li-li-li die zarte Flöte, Und die Trommel voller Macht Bim, bim, bim, bom kracht I Mütter, Kinder, Volk in Menge, Schuster, Schneider In! Oedränge Sind gekommen, um zu schauen, , An dem Fest sich zu erbauen. Der Friseur noch beim Rasieren, Schlächter noch beim Massakrieren, Alles klatscht in, lautem Hall ' Zu dem I nstnnnenfcmschwaJI: Tra-ra-ra bläst die Trompete, Li-li-li die zarte Flöte, Und die Trommel voller Macht Bim, bim, bim, bom krachtI Die ganze Straße schüttelt sich, Der Boden liebt iukI rüttelt sich, ״Hurra“, ״Hum“ wird gelärmt, ' Wem! die Rotte sich entfernt. Mit Geklingel, mit Gebimmel, Mit Gcblitz lind mit Getümmel, liutrumcntcnstbmncn schrillen Wie die Rinder, wie die Grillen: Tra-ra-ra bläst die Trompete, Li-li-li die zarte Flöte, 1 '15*1 die Trommel voller Macht Bim, bim, bim, bom kracht I (Freie iJchertragumr von Artto NadtU Seile «73 Ein neuer Brauch (Minhag cliadasch) Ein neuer Brauch ist aufgekommen, Ein neuer Brauch: Ein Bissusklcid und ein Hemd von Linnen, Und allsabbatlich Im Gehölz Blühen Küsse auf und Birnen, Blühen Küsse , , , Ein neuer Brauch ist aufgekommen, Ein neuer Brauch: Scidcnschühlein, bamduinwunden, Und am Halse jedes Mägdleins Hängen sich zwei Burschen an, Zwei Burschen . . . Ein neuer Brauch, ein neuer Brauch! Ein netter Brauch Ist aufgekommen, Ein neuer Brauch: Gestern Hannah, morgen Pnlnah, Aher Chczkcle, mein Liebster, O, mein Ist er, einzig meiner, Mein, mein Ist er! (Uebertragen von Arno N a d ei.) Bekenntnis zum Neid Mögen über Bialiks Gestalt Unterrichte«: reden als jemand, der sie allein durch die Schleier der Uebersetzungen groß alter nur undeutlich zu sehen vermag; jemand, dem sich vor das Erleben seiner Schöpfungen außer dem allgemeinen Problem, aus übersetzten Gedichten den ursprünglichen Wuchs und die allein vom Dichter verantwortete Spraehgestalt zu erschließen, noch das besondere drängt, wie diese originale Gestalt •us der» werdenden Dichtersprachcn des Jiddischen und des Nculiebräischen in die den meisten Uebersetzern völlig ungcläufige Sprache des wahren deutschen Oedidites getreu hlnübcrzuforincn sei. Was der westjiidischc Dichter, der sein Werk In deutscher Sprache formt, an einem Tage wie diesem dem ostjüdiseber» zu sagen hat, ist im wesentliehen ein Geständnis: das eines etilen Neides. Wie hegen die Dinge? Von welcher Seite auch immer wir dem deutschen Leser entgegentreien, haben wir diesen Leser uns gegenüber nicht als Teil eines Volkes, dieses organäschcn Gebildes, sondern als Teil eines Publikums, das nach den Gesetzen der Bildung und des Geschmackes sich systemlos und willkürlich aus tics'in Volke, ja aus allen *kutschsprechenden Völkern Europas herausschncidet Dies ist das allgemein*: Schicksal des heutigen deutschen Dichters; wir schaffen es nicht, wir haben nur daran teil; ein Blick auf die augenblickliche deutsche Dichtung lehrt, daß Ocorge zu einer völlig anderen Leserscliaft spricht als Hauptmaiin, und Stclir zu einer anderen als Heinrich Mann — zu schweigen von den breitesten Schichten lesender Deutscher, deren Drang, Dichtung zu erleben, von den unter literarischen Schichten des deutschen Schrifttums allein befriedigt wird. Dieser Zustand, Symptom der kulturellen Lage der Deutschen überhaupt, denen ihrem Wesen nach heute eine zentrale Gestalt zu ertragen unmöglich wäre, weil sic in antipodische Lager auseinanderstreben, hat seine Wurzeln In der Vergangenheit und wird seine schlimmste Frucht erst ü! naher Zukunft entfalten, wenn cs siel! hcrausstcllen wird, daß ein einheitliches deutsches Ideal bis auf weiteres essentiell unmöglich ist. Wir jüdischen Dichter deutscher Sprache, wir deutsch-jüdischen Dichter, haben unser Publikum in einer etwas anderen Zusammen- Setzung als unsere ran deutschen Kameraden und Vorbilder, aber auch wir haben nur ein ,Putblikum‘. Der ostjüdisdre Dichter hat, außer dem Publikum sich gegenüber, hinter sich ein ganzes Volk. Er spricht sich aus, er formt seine persönliche» Nöte, er gibt in immer veränderten Gestalten sein, individuelles Schicksal ans Werk fort, und indem er dies tut, spricht er zu gleicher Zeit und um willkürlid! aus dem Herzen jener großen Gemeinschaft, deren Sohr» und kleiner Teil er ist und die, sowohl in der Zeit, von der Vergangenheit in die Zukunft, als auch im Raume; von Sibirien bis nach Amerika, ausgebreitet ist. Um trägt nicht der Geschmack einer gcbikletcn Leserscliaft allein, 8 m Jern die Wucht, die Leidenschaft und *las Schicksal eines Volkes, *las keinen anderen Repräsentanten und Anwalt hat als ihn, dem kein Präsident, kein König und kein überpricster, noch weniger ein General oder Industrie!!!agnat als symbolische Gestalt ge• gehen werden kam», das sidi vielmehr ausschließlich in seinen geistigen Führern und am reinsten in seinen Dichtern wieder• erkennt. 111 ihnen findet es sein tiefstes Charakteristikum wieder, die Erlösung durch den Traum und die Leidenschaft zum Geiste. Aus ihnen laßt es seine wilden Leiden und magischen Hoffnungen in die Welt strömen, ihnen gibt es die Verantwortung für die ganze jüdische Sache, aber dafür auch die grenzenlose Dankbarkeit, wenn cs sich von ihnen vertreten, ausgesprochen, gestaltet, erlöst findet, An dem Tage, da Chajim Nach man Bialik seinen 50. Oeburtstag feiert, gedenkt deiner in Warschau wie in Yokohama, in New York wie in Jerusalem nicht ein Publikum, nicht eine Schar von Einzelnen, sondern ein Volk. Das Bewußtscin dieser Wirklichkeit muß ihm ein Oe fühl davon geben, was er jenen! geschenkt und was er vor um voraus hat: die Bürgschaft der Dauer. Arnold Zwei•; Ikm Fünfzigjährigen Von Heinrich Locwc. Wir erleben Im Zionismus jetzt die Zeit der Fünfzigjährigen. Eine ganze lange Reihe der bedeutendsten Führer der national- | jüdischen Bewegung In! weitesten Sinne hat in der allerletzten Jahren die Grenze der Fünfzig überschritten. Andere weiden demnächst das fünfzigste Lebensjahr erreichen. Das ist kein Zufall. Das Geschlecht, das vor rund 30 Jahre!» auf des! Universitäten und in ihrer Umgebung den Grund zu der jetzigen Bewegung in sich gelegt hat, steht auf der Höhe des Lebens und ist das führende geworden. Zu ihnen gehört Ch. N. Bialik, der große hebräische Dichter. Das nationale, politische und wirtschaftliche En wachen des jüdischen Volkes ist von seinem kulturellen Aufstiege keinen Augenblick zu trennen. Wo wir die Minner wk: .Weizmam! suchtet, müsse« ,vir «ueh Bialik finden. Sie sind

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