Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVII (1922)
- Issue
- Heft 103-104 (29.12.1922)
- Date
- 1922-12-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 672 , Nr. 103/104 #■ 1 Vergleich nicht eine Ucbcrtrcibimg ein«® Binlikvercltrcr» «1 scii»״ — sagte einmal Baal-Ma chsehowes. Audi Dr. Klausner hat melirere Male auf das Proplie tische an Bialik hi!1׳rc wiesen. *Gab denn Bfialik keinen Anlaß dazu? Dodi. Seine ״Zorn״- Octliditc (über die P0j׳T0r״e von 1905 und andere) rächet so nahe an ״Mcgilatl! Edu“ uni Jeremias zugleich, tmndic erinnern ganz umvill!u"rlld1 an die bekannte ״Tochacha“; manches starke Urwort an Jesaja, manches kltssisdicinfadtkiiulliche — an die Erzählungen des Buches ״Breschith“. Maxim Gorki hat ihn den Hiob des zwanzigsten Jahrhun.lcrls genannt. David Tri sehmann war •es aber, der BialLk den Mantel des Propheten weggerissen hat. Er wollte nie in Bialik mehr seiten, als d״•! grüßten lebenden jüdischen Diditcr. Aber einen wahren Kern hat diese Ansicht dodi! Bialik — der Urbildncr, der das urhebrä i sehe Wort besitzt wie last keiner der lebendigen Juden, der ein Urtemperament besitzt, hat viel Prophetisdics an sich. Er wird niemals einem Bauernsohne sagen können, wo seine verlorenen Esel sielt befinden . . . Aber er weiß das Geheimnis des Gefiihls 111v׳J des Wortes wie nur einer, er kann ein Wort aussprcchc», das die Erde erbeben macht, er kann mit Gott Krieg führen. Himmel und Erde zur Verantwortung rufen, er erhebt sich manchmal' über Zeit und Raum in das Transzendente, in das Sphiirenhafte, wie ein Seher, ein Nawi der antiken Welt. IV. Der Liebling der Musen, der vom! ״göttlichen Wahnsinn" so erfaßt werden kann, daß er in das Urwesen hinübergleitet —• scheint einmal von der Poesie ״weglaufcu“ zu wellen (•Der Dichter von Gottes Gnaden gebärdet sich als ״Fei ml" der Poesie! Ich wäre gerade bd der Fcstgelcgcnheit darauf nicht gekommen, wenn manche es nicht im Ernst meinten. Schon in der oben erwähnten Abhandlung über die lies- .britische lVicsie wirft Bialik die große Frage auf, ob cs zu hoffen ist, daß bei den Juden die profane Poesie der jungen Dichter sich für immer cinbürgcrn wird. In Spanien und Italien waren Versuche zur Sdiaffung einer solchen Poesie gemacht werden, dodi ohne großen Erfolg. Ist jetzt die Zeit gekommen, die die Ausgestaltung einer profanen Poesie bd den Juden ermöglicht? Wichtig ist hier mir die Fragestellung, nicht die Antwort. In seinem bekannten Aufsatz ״Halacha und Aggadah“ bekennt sich Bialik direkt zur ״Halacha" und scheint der Aggadah gegenüber etwas miMraniseli zu sein. Ich habe schon einmal darauf hmg«vic5cn (s. ״Jude“, Febr. 1922), daß Bialik hier wieder einmal als Revolutionär, als Symbol auftritt, und zwar in ganz anderem Sinne als am Anfang. Bialik sucht das Gesetz, das Gesetz im Sintve eines Goethe, das nicht versklavt, sondern das Sinn und Ordnung dem Chaos vorzuschrcibcn vermag. Gerade ein Koloß seines Schlages kann öffentlich sich ziun ״Gesetz" bekennen, sich nach ihm seluicn. Nur die Schwachen fürchten das Genetz, aus Angst, daß cs sic gerade treffen wird. Bialik muß eine geordnete, sinn« solle Welt gegenüberstehen; nur eine solche taugt für ihn, den Eroberer. Aber eine Welt der bloßen ״Aggadah" — was könnte er mit ihr anfangen? Und auch dann, wenn Bialik über du Uebcrhindnchmen ,der ״Aggadah“ bei uns sehr ärgerlich ist und nach der ״jad. chzsikah“ ruft r-. hat .,er seine dichterische Fahne 11'cJ1t' 'verral'm'.. . Im,, selben ״Knesset!!", wo dieser Aufsatz vciöffcn'ilclit wurde, sind eine Anzahl neuer Gedichte von Bir.Lk zu finden, die einen neuen Bialik, einen sich selbst übnkrcffcrKkn zeigen. Wenn Bialik sagt: singen ״wie der Vogel singt“ — das mögen sich andere gönnen, wir :her, die so arm sind, dürfen das nicht, — so wendet er sich 1v.;r gegen den ״W i e - Vogelsang, aber nicht gegen ־ den Vogelgcsang. Er selbst hat mit dem Vogel angefangen. .Möge der echte Vogelgcsang bei uns immer zunahmen und der crs'e Vogel, der ״große Adler“ des jüdischem Dichter«, noch lange an der Spitze seiner Schüler und Mit- *änger Sichen, immer kräftiger, immer stärker. Für den Heute lebenden Juden mag es genügen, daß er in der Generation Bialiks lebt Rabbi Chajim Nachman, der Meister der Aggadah (Aus dem hebräischen Manuskript übersetzt.) Niemals vermochte ich mir eine anschauliche Vorstellung vom Wesen des Aggadisten zu, machen. Es fiel mir Weht, mir das liilcl des Halacliisten vorzustcllen; das war der Lehrer, der in seinem Lchrhaus auf seinem Lehrstuhl saß und das ihm Ucbcrlicfcrlc seinen Schülern vortrug; der Rabbi, der auf seinem Rabbinerstuhl saß und zu dem das Volk kam, um sich Entscheidung in rituellen Fragen zu holen; oder der Schriftsteller, der forschte und das Ergebnis seiner Forschung in einem Buch ntedersclir'eb, — und seine Worte wurden zur Lehre. Aber wie entstand die Aggadah? Wo und wie wurde sie vorgeiragen*)? Woher schöpften die Meister die Quellen ihrer Rede? Wie wurde sie zu Büchern zusammengetragen, bis sie sich uns geschrieben darsteilte? Wer schrieb eie auf? Dies alles war mir stets ein unlösbares Rätsel, bis sich mir Bialiks Erscheinung oflcnbartc. ln ihm wurde Ich den Typus des Aggadisten aus der Zeit des Midrasch gewahr. Er ist der Mann, der unablässig Midrasch und Aggadah vorträgt. Man sieht ihn auf dem Markte stehen und predigen, zu Mause sitzen und predigen, im Kreise von Gelehrten und ira Gespräch mit Freunden, niemals versiegt der Strom seiner Erzählungen und Predigten. Er ist selbst ein leibhaftiger Midrasch. So stelle Ich mir nun vor den Rabbi Jochanan ben Sakkai, wie er den ganzen Tag dasaß ״Im Schatten des Heiligtums" und predigt«, den Raban Gamlicl, der auf der Reise vom Esel aus predigte, den Rabbi Akiba, der ״im Garten spazierte“ und predigte, Ben Asai und Ben Soma, wie sie auf der Höhe des Tempclbcrgcs standen und Ausschau hielten nach Maasse Mcikaba und Maasse Breschith, den Rabbi Elieser, wie er auf tkip Markte von Zipori predigte, und noch viele andere )Veise in Israel, die zu jenem Zeiten auf Märkten und Straßen •) Das hebräische Wort ״darosch", für das es ein adäquates deutsches Wort nicht gibt und das hier und im folgenden mit ״yortragen" oder ״predigen‘" wiedergegeben wird, bedeutet sie erbauliche, mit Gleichnis und Märchen ausgeschmückte, meist an ein Wort der Schrift anknüpfende Rede der Weben, deren literarischer Niederschlag die Aggadah ist. Man darf dabei nicht etwa an ״Predigen" Im protestantisch-moderne« Sinn denken, m A (L Ue. JUEDISCHE RUNDSCHAU zu predigen pflegten, und das Volk ״In״ ihnen nach und neigte sein Ohr, einer ging und einer kam, und die ganz« Straße war ein Lchrhaus de» Volkes. Die Aggadah war da» Alllagsgcspräch der Weiser», deren Mund nicht aufhörte zu lehren und die oidit vier Eilen gehen konnten ohne Thora, die Führer und Lehrer waren, während sie zu li׳n!׳;e saßen und während sie auf dem Wege gingen, und die Schüler umstanden sie d; ־'!. gedrängt und tranken durstig ihre Worte, und jeder notierte sich Irgendein gutes Gleichnis, einen gelungcnen Ausspruch, ein scharfsinniges Wort, und alles, was aus ihrem Munde kam. Denn ihr Alllagsgcspräch war Lehre. Die Aggadah — das sind die Perlen, die so nebenbei von den Lippen der Weisen dem Volke, der Masse zusprangeti, jedem, der sie pflücken wollte. Sie war herrenloses Gut. Jeder, der wollte, konnte• kommen und predigen, jeder, der wollte, konnte kommen und hören. Das Lehrhaus war das Heiligtum der Halacha, das Heiligtum der Gelehrsamkeit, in das nicht jeder, der cs wünschte, ״ingelassen wurde, sondern man stellte einen Wächter an den Eingang und vcrlautbartc, daß ein Schüler, der es nicht ehrlich meint, nicht eingelassen wird, und drinnen verlangte man die Vor- Weisung der ״Studcntcnkaric“. Aber sobald die Türen des Lchrhauscs sich öffneten, und die Schüler herausgehommen waren, umdrängte sofort das ganze Volle die Lehrer und trank durstig ihre Worte, und die Weisen gingen und redeten und predigten und streiken ihre Sprüche und Gleichnisse nach rechts und links. Denn zu jener Zeit war das gesprochene Wort großer als das geschriebene Wort, In unserer Zeit, in der das Buch sich das Lehen untertan gemacht hat, ist die unmittelbare Wirkung der Persönlichkeit geschwächt worden. Zwischen den Weiten und dem Volk,, zwischen den Wirkenden und Empfängern, steht das Buch wie eine eiserne Wand. Es gibt keine direkte persönliche Wirkung mehr, sondern alles muß den Umweg über das geschriebene Wort durchlaufen. Und cs gibt Fälle, wo Bücher um vieles größer sind als ihre Verfasser. Aber in jener Zeit war — ungeachtet der Autorität der geschriebenen Thora — das Zentrum des 0״'steslebcns in der mündlichen Lehre. Die Schüler und das Volk schöpften aus der lebendigen Quelle der Weisen, und deshalb war der unmittelbare persönliche Einfluß des Weisen viel größer als in unserer Zeit, und je größer die Persönlichkeit des Weisen war, desto größer war sein Einfluß. jeder Prophet hatte Piophctcnjiingcr, die ihm nachfolgten und seine Worte gierig aufnahmen, und jeder Weise hatte Schüler, die sich an seine Fersen hefteten, und diese waren die lebendigen Bücher, die die Lehre ihres .Meisters verbreiteten und jedes Gespräch, das sie aus seinem Munde erlauschten, aufschrieben. Daraus entstand die Aggadah. In der Figur Bialiks sehe ich den echten Typu» dieses Aggadisten der Vorzeit, Viele kennen Bialik, den Meister des geschriebenen Wortes, aber wenige kennen Uialik, den Aggadisten. Diesen kennen nur die ihm Nahestehenden, die immer um ihn sind. Der ״mündliche" Biatik (״Bialik sehe b'al pch“) ist vielleicht noch größer als der ״schriftliche“ (״Uialilt sehe bidituw“). Er ist ein unerschöpflicher Quell Alles, was aus seinem Müde kommt, ist ein Midrasch von poetischem Reiz. Alle seine Gedanken sind von philosophischer Tiefe, und manchmal wirft er so nebenbei in flüchtigem Gespräch Gedankcnsplitier hin, mit denen ein anderer ganze Bücher füllen könnte. Ein großer Vorzug Bialiks ist, daß er nicht aus nichtjüdischen Gefäßen schöpft, sondern aus eigener Quelle, aus dem Leben des historischen Judentums, Sogar seine Bilder und Gleichnisse, mit denen et seine Gedanken '!••fir/t■,' sind stets aus der alten Literatur genommen, angclc’hrit an einen Bi'oclvers oder einen Midrasch. Ucberfiüssig zu sagen, daß sein Stil der Stil des Midrasch uiul des Raschi ist. Nicht vergebens hat Bialik sein ganzes Leben ain Sepher Aggadah gearbeitet, denn seine Seele wurzelt in der Aggadali, ganz eingetaucht in ihre Gewässer. Und sogar als Bialik selbst eine ״Predigt" zum Ruhme der Halacha hielt, in seinem Aufsatz ״Halacha und Aggadah“, - auch dieser Aufsatz Ist letzten Endes nichts anderes als ein schöner aggadischcr Midrasch. Wenn seine Schüler und Zuhörer alles atrfschrlcbcn, was er über Judentum und über die Welt vorirägt, tagtäglich Im Kreise seiner Freunde, und sogar seine zufälligen und ncbcnsSchliehen Bemerkungen, würde ln Wahrheit ein schöner Midrasch daraus werden, der Midrasch von Rabbi Chajim Nachman, eine Aggadah-Sammlung, die würdig dem Midrasch der Weisen jeder Generation an die Seite gestellt werden könnte. Möge es um vergönnt sein, ihn zu sehen, wie er im Schatten des Heiligtums ״predigt“, au׳f dem Tempelberg, wie die Weisen der Vorzeit zur Zeit des Tempels in Jerusalem! Bad Soden a. T» Dr. Chajim Tschernowltz (Raw Zair). Bialik und das Volk Von Nshuin Ooldmtnn. Seitdem Ich Bialik von der Literatur her kenne, stelle Ich mir die Frage, worin das Geheimnis *einer beispiellosen Popularität begründet liege. Seitdem ich Uta persönlich kenne, stelle ich mir die Frage mit verdoppelter Intensität, Mir scheint, in dieser Frage liegt der Kern des Phänomens Bialik. Es gibt Fälle, da Popularität eine zweideutige Eigenschaft ist bei einem Dichter: wo ein Autor bei der großem, Masse des Publikums behebt wird. Solche Beleibtheit erregt — mit Recht ■— Verdacht. Irgendwie muß ein solcher Autor das Niveau der Masse teilen, Es gibt nmlero — sehr seltene — Fälle, da Popularität Höchstes in sich clmchließt: wo ein Volk einen Dichter als sein Organ, als seinen Künder erlebt, wo man wirklich von einem nationalen Dichter sprechen darf. Dies ist der Fall Bialiks. In diesen seltenen Fällen liegt die Popularität isn Zentrum der dichterischer» Persömliclikeit begründet. Das Phänomen eines solchen Dichters ist dann mehr als ein individuelles; es ist ein soziologisches, ein nationales, ein historisches also im höchsten Sinne. Das PJaänomcn Bialik ist von dieser . Kategorie. Worin liegt das Geheimnis dieses Phänomens? Warum ward Bialik — als einziger seit langer Zeit — vom ersten Tage seines Auftretens als ״der" nationale Dichter anerkannt, verehrt, geliebt? Warum ist er c3 Ws honte noch unbestritten, und — noch als Lebender — schon zu einer unverrückbaren hlstso• rischen Figur geworden? Die Frage rührt nicht mir an das Zentrum der Wesenheit Bialiks. Sie rührt fast noch mehr an das Zentrum des Wesens unseres Volkes. Liebt das jüdische Volk Bialik, weil er der große Dichter ist? Solche Behauptung wäre grundfalsch; doppelt falsch, weil unrichtig sowohl , von Bialik aus gesehen, wie vom Volk aus betrachtet Mao .Bialik «8s gestfcent Ec ist gar nicht unser größter Dichter, für den ihn viele ausgeben. Wir haben größere Dichter in der hebräischen Literatur von heute, reinere vor altem. Idi denke da besonders an Tschemicliowsid. Vom Volk aus betrachtet: Die Verehrung des rein Dichterischen war nie unsere starke Seile. Welche große repräsentative Gestalt der jüdischen Geschichte war in der entscheidenden Signatur ihres Wesens Dichter? Das Dichterische in seiner reinen Form ist nicht unsere Suche. Wir sind Moralisten, und der Dichter steht —- naiv oder tragisch — diesseits oder jenseits von Gut und Böse, Wir sind Rationaliiten, und der Dichter weiß nichts von vernünftig und unvernünftig. Wir fragen nach Zweck, Sinn und Grund, und der Dichter nährt sich vom reinen Schauen der Dinge in ihrem Eigenrecht, jenseits von der Frage nach Sinn und Zweck. Wir sind Subjektivista! und machen die Welt zum Gefäß und Ausdruck unseres Ich. Der Dichter aber, wo er groß ist, erlebt sich als Künder mul Ausdruck der Welt und ihrer Ftinge, Nur Jude:» haben die falsche These aufstellen könne:!, der eigentliche Dichter sei Lyriker; der primitivste aller Dich!;r ist der Nur-Lyriker. Nicht daß Bialik Dichter ist, auch Dichter ist, erklärt srinc Popularität. Nicht vom Dichterischen aus ist das Phänomen Bialik zu fasse:!. Lieber» wir ihn, weil er unser ״nationaler" Dichter ist: der Künder unserer nationalen Gefüllte, unserer Erinnerungen Und Hoffnungen, unserer Leiden und unserer Sehnsucht?!Diese Behauptung läge näher, sic erscheint einleuchtender. Aber auch sic trifft mir Oberfläche, nicht letzten Wesensgrund. Nationaler Dichter in diesem banaten Sinn ist etwas Primitives, Minderwertiges. Nationale Dichter dieser Art sind meist Rhc* toren, Agitatoren, Pnmphlctistcn, Leitartikler, Weiten trennen sie vom Dichterischen in seiner reinen Form. Wäre Bialik nur dies, er wäre sehr wenig. Es wäre auch alles andere als ein Kompliment für unser Volk, hätte es ihn aus solchen Orunden zu seiner zentralen, dichterischen Gestalt erhoben. Volker trat Instinkt und tiefem Wissen um ihr wahres Wesen tun solche» nicht. Das Publikum tut es, die große Masse, die Menge der Geschmacklosen, niemals aller das Volk in seinem sicheren Wertgcfülil. Nicht, daß Bialik ״nationaler“ Dichter ist in diesem Publikumssinnc, erklärt das Phänomen seiner Popularität in seiner historischen Bedeutung. Das Problem Bialik ist nicht zu erklären von der Literatur her. Die Gestalt Bialiks ist auch gar nicht in der Literatur eingeschlosscn. ich wage die Paradoxie und sage sogar: ihr Wesentliches, ihr Zentrales liegt gar nicht in ihrer literarischen Ausdrucksform beschlossen, Sie. liegt im Leben begründet, in der lebendigen Erscheinung Chaim Nachman Bialiks, in seiner konkreten Gestalt. Daß er nationaler Dichter ist, ist keinesfalls für ihn entscheidend. Idi kann mir vorstcllcii, daß er nie ein Gedieht geschrieben hätte, und er wäre doch Bialik gewesen, und wäre auch Bialik in seiner historischen Bedeutung geworden. Es ist im höchsten Sinne —■ ün Sinne seiner tiefsten Wesenheit — Zufall, daß er Gedichte geschrieben hat. Er hätte auch Essays schreiben können oder gedankliche Bücher oder politische Aufsätze; er hätte überhaupt nicht schreiben, sondern sich als Handelnder, als Aktiver kn jüdischen Leben auswirken können. (Er tut es ja auch zu einer Hälfte seines Wirkons: als Verleger und Organisator der Literatur.) Er hätte tausend andere Dinge tun und sehr viel anderes sein können: Organisator, Kaufmann, Geschäftemacher, Agitator; und er tut ja dies alle9 und ist dies alles auch. Und er ist bei alledem Bialik. Denn das Zentrum seines Wesens liegt nicht in einer seiner — im einzelnen — zufälligen Tätigkeiten, «och in irgend einer reiner — im einzelnen — sekundären Eigenschaften; nicht in einer seiner zahlreichen Tugenden, noch in einem seiner nicht minder zahlreichen Fehler. Vielmehr in der Totalität seines Wesens, in der Gesamtheit seiner Eigenschaften, in seiner letzten mcnschliehen Art. Hier liegt das Geheimnis seiner Größe. Man sage nicht, dies sei bei allen bedeutenden Menschen so. Es ist ein Irr• tmn. Man analysiere die Mehrzahl der sogenannten ״großen“ Männer, und man wird erkennen: sie sind groß auf Grund einer bestimmten Disposition. Ein« Eigenschaft, eine Tugend, eine Fähigkeit begründet iiircn Wert und ihre Bedeutung. Alles übrige ist nebensächlich, belanglos. Sie sind das Gefäß dieser einen großen Veranlagung, um deretwillen sie. leben und wirken. Man nehme ihnen diese chic große Disposition und sie verschwinden. Nur bei den wahrhaft Großen, in den seltenen Fällen, da ein wirklich großer Mensch vorhanden ist, da verhalt es sich umgekehrt. Da ist das Primäre der große Mann. Alles andere sind Ausdrucksfomien, Zusätze, Beigaben, Sie können da sein, sie können auch fehlem Ihr Vorhandensein begründet nicht die Größe ihres Trägers; ihre Abwesenheit vernichtet sie nicht. E9 sind die seltenen Fälle, da einer nicht nur Großes hat, sondern Großes ist Bialik gehört zu diesen. Wer dies nicht versteht, der wird ihn notwendig mißverstehen; denn so reich er an Tugenden int, so reich ist er an Fehlem; so groß seine Fähigkeiten, so groß auch seine Mängel. Wollte man eine Bilanz, vom Inveniar seines Wesens machen, es bliebe nicht viel in den Händen zurück, wäre nicht das entscheidendste eia: die alten zugrundeliegende menschliche Oröße. Diese legitimiert aUcs. Sie rechtfertigt auch seine Fehler imd Mängel. Nur kleine Menschen müssen vollkommen sein; große Männer dürfen Fehler haben. Der Zweitrangige wird durch seine Mängel degradiert; der Erstrangige wird durch sie nur reicher. Groß sein, heißt mehr als jeder andere auch ein Recht zu Fehlern haben. In der menschlichen Größe Bialiks liegt auch das Oehclmnis seiner Popularität beschlossen. Al ehr als jedes andere Volk verehrt da* unsere den großen Menschen. Nehmt unsere zentralen großen Gestalten: Moses, David, die Propheten, unsere Weisen, Maimonides, den Wilner Gaon. Man suche rle zu definieren; cs ist unmöglich. Nicht in ihren Werken liegt ihre Größe, am wenigsten in ihren literarischen. In ihrem Leben ruht der Sinn ihrer nationalen Bedeutung, Es gab größere Staatsmänner als Moses, größere Denker als die Propheten, größere Philosophen als Maimonides. Ihre Leistungen waren das sekundäre. Primär war ihr Stein. Mehr als jedes andere Volk, sagte ich, verehrt das unsere den großen Mann, und tiefste Wesenheit unseres Volks äußert sich darin. Nicht im Schaffen liegen unsere höchsten Leistungen, sondern im Leben. Größere Kräfte und Qualitäten, als wir im Leisten offenbart haben, offenbarten wir stets in! Lebet!. Unser höchstes Heldentum bewährte sich im Lebenkönnen, unsere höchste Kunst darin, Ln jeder Situation 1ms durchzusetzen. Ganz und gar sind wir auf dies Leben gestellt Kein Jenseits, keine Transzendenz, kein Absolutes hat uns je verführt Diese Welt und dieses Lebet», das sind die Pole unseres Daseins, Dänin! ist nationaler Repräsentant unseres Volcsl nicht der große Schöpfer, weniger!als jeder andere der kterarisebo, (Wie