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Jüdische Rundschau · 1922-12-29 · Heft 103-104 (29.12.1922) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVII (1922)
Issue
Heft 103-104 (29.12.1922)
Date
1922-12-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 670 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr.!03/104 Cliajim Nacliman Bialik f (Za seinem 50. Qeburtstag) Von Simon Bernfeld. I!: frühen Jahren hat Bi.ilik die Aufmerksamkeit der hebräische״ Lcserwelt auf sich gelenkt. Es waren nur wenige Gedichte von ihm in hebräischen Zeitschriften erschienen, und wir erkannten freudig, daß uns ein großer Dichter erstanden ist. Zu den schönsten Erinnerungen meiner litc• mischen Wirksamkeit gehört es, daß ich noch vor etwa 25 Jahren in einer hebräischen Abhandlung über den Stand unserer Literatur In bezug auf Biatik die Worte schrieb: Ein neuer glänzender Stern ist am Horizont der hebräischen Poesie erschienen. In einem literarischen Kreis, in dem außer mir niemand Hebräisch verstand, hatte ich in improvisierter Prosaübersetzung einige Gedichte Bialiks vorgclcscn, und *clhst in diesem unzulänglichen Gewand riefen lie einen starken Eindruck hervor. Alle waren von dem lyrischen Gehalt der Dichtung ergriffen. Seitdem hat sich Bialik immer in aufsteigender Linie befunden. Es ist dies ein merkwürdiges und überaus erfrcuüchcs Dichterschicksal, auf das wir jetzt zurückblicken. Soweit mir bekannt ist, hat Bialiks Dichtung nur ungeteilte Anerkennung gefunden und niemals selbst den leisesten Tadel erlab ׳cn. E.s Ist nicht meine Art, einem genialen Dichter durch Uebertreibungen zu huldigen ׳— selbst wenn ich mit ihm durch eine Reihe von Jahren In persönlicher Freundschaft verbünden bin, Alan hat Bialik als den einzigen Dichter bezeichnet seit dem Verstummen der biblischen Leier. Diesem Urteil wird niemand mit größerer Entschiedenheit entgegentreten als Bialik selbst, dessen Genialität von seiner Beschcidcnhcit übertroffen wird. Die hebräische Poesie hat im Mittelalter einen Salomo ibn Gabirol und einen Jehuda ha Levi auf zu weisen: ln neuerer Zeit einen Mose Chajjim Luzzatto und einen Jehuda Loeb Oordon. Unser Dichter hat sich immer bemüht, seinen Vorgängern gerecht zu werden. Aber zweifellos Ist Bialik, wie jeder große Dichter, in seiner Dichtung einzigartig. Seine Stärke ist die Lyrik, in der sich ein großer Reichtum an Gedanken und Empfindungen mit der unvergleichlichen Schönheit der Darstellung vereinigt. Der eigenartige Zauber « * -"-־י1 m Ü *,י «ר" * י %z ך ׳׳ 10. ובס׳ Das Vorherrschen der rationalen Climmungcn über die individuellen charakterisiert die Poesie von Bialik unter den anderen Dichtem der Gegenwart, ln einer ganzen Reihe von Gedichten bildet er die rationale Weltanschauung morc poctlco, wie sein Meister, der Schöpfer des geistigen Zionismus, Ac'iiad Maoni, dieselbe Weltanschauung mono philosophico gebildet hat Aus diesem Zyklus Bialikschcr Gedichte möchte ich drei aus sondern, in denen die Apotheose des jüdischen Geistes mit der größten Tiefe und Kraft aus,gedrückt ist! על סף בית־הטדרש (1808) 1804/05) אס יש את נפשך לרעת) und 1) המתמידB04). Durch diese poetische Trilogie, die sonderbarerweise ln den früheren Ausgaben rmüeut Ist, zieht eich wie ein roter Faden diejenige tiefe Sehnsucht nach Ganzheit und Stärke des Geistes, die charakteristisch ist für die besten Leute des Geschlechts, das zwischen zwei Welten stellt, zwischen der alten und neuen jüdischen Kultur. Der alte Bct-hamidrasch, die alte Jeschiwa, das ist.die Feste des Geistes, nach der sich der Dichter sehnt, nachdem er sich auBerhalb ihrer bcfindet und im Wirrwarr und dem Schwanken der neuen Welt um herirrt. Der Drang nach dm ehrwürdigen alten Orundpfeilcrn der nationalen Kultur durchbricht im sehnsuchtsvollen Ausruf des Dichters, .als er nach einer langen Trennung wiederum ״den Tempel seiner Jugend, den alten Bet-hamidrasch erblickt בתלי בית המדרש, קירות הקדשים,־ טחבא רוח איתן, מקלט עם עולמיס, למה כה חעטרו דומם וכנואשים. תטו צללים שחורים, צללים נאלמיפן... Deshalb möchte er leidenschaftlich an das Wiederaufbau- .Zufluchtsstätte des mächtigen Geistes“ glauben״ leben dieser ..עוד אבנך ונבנית, מערמות עפרך אחיה הכתלים, עוד חבלה היכלות באשר בלית ביום הרם רב בנפול מגדלים... Indem er dem traurigen Singsang des Matmid in der Jcschiwa über dem Taimudfoüanta» ziiliört, erhebt er sich zu einer ungeheuren Höbe der geistigen Schönheit: ...הסה בית היוצר לנשמת האומהן... טי צפן הקסמים בגוילים הבלים?.., התשטע החחוש אן! ב^יו. dieser Lyrik besteht darin, daß sie alt und zugleich neu ' «Ate* KiKtler'Isn Ph! rh 41 »ra rr tinll «fl fltf יו 4•• <o!a «rinrinxf*#! האם לא תורקך יד גדולה נאדרה אל גבה לא נחקר, אל מרחק לא גורע! Ist; sic erinnert an die biblische Dichtung und an die großen Lyriker unserer Zeit Bialiks Lyrik, ist ein treues Abbild der hebräischen Dichtung überhaupt, deren erste Anfange mehr als drei Jahrtausende zurückreichen, und die sich seitdem in einer ununterbrochenen Fortsetzung und aufsteigenden Entwicklung befindet Dazu kommt noch seine Sprache, deren Schönheit kaum mit Worten geschildert werden kann. Bialik verfügt in dieser Beziehung über einen unermeßlichen Reichtum, von dem er den besten Gebrauch zu machen versteht. Bel allem Reichtum ißt seine Sprache bezaubernd schlicht; die Bilder von großer Natürlichkeit, Klarheit und Lebendigkeit. Vor allem ist alles wahr. Bialiks Poesie ist reich an Gedanken und sie verschmäht deshalb das prunkhafte glitzernde Gewand. Da werden wir tatsächlich immer an die biblische 1Diehlung erinnert, der Bialik die Sprache abgelauscht hat. Außer seinen lyrischen Dichtungen, die einzeln anzuführen und zu analysieren, ich mir hier versagen muß, hat Bialik noch eine Reihe von Erzählungen in Prosa geschrieben. Auch auf diesem Gebiet hat er sich als Meister bewährt. Seine Erzählungen zeichnen sich durch einen gesunden Rcalisrmis und durch psychologische Wahrheit aus. Sie sind in gewissem Sinne Kulturbilder und menschliche Dokumente zugleich. Bialik schildert in ihnen das jüdische Volksleben. Im Juden erblickt er aber auch den Menschen, und Zwar den Menschen mit den ihm eigenen natürlichen Regungen in ihren Höhen und Tiefen, aber in der Färbung, die sic im jüdischen Milieu und durch die jüdische Tradition erhalten haben. Und auch die Prosa Bialiks zeigt den Sprach Künstler. Vor allem ist ihr Reichtum und ihre Mannigfaltig Reit hervorzuheben, wodurch sie vielfach an dramatische! Lebendigkeit gewinnt. Jedes Wort, das er die Träger seiner Erzählungen sprechen läßt, trägt den Stempel der Natürlichleit und der Wahrheit. Ueberhaupt verdient Bialiks Sprache besondere Aufmerk• eamkeit Man hat bei ihm über dem genialen Dichter den Sprachmcister übersehen. Die Meisterschaft, die wir ihm auf diesem Gebiet zuerkennen müssen, beruht nicht bloß auf Begabung; sie ist vielmehr auch die Frucht seines großen! Fleißes. Unser Dichter beherrscht nämlich das gesamte hebräische Schrifttum von seinen Anfängen bis auf die Gegen-! wart. Er hat sich, abgesehen von dem mannigfaltigen Inhalt unserer Literatur, in die Tiefen der Sprache versenkt und alle ihre Wandlungen, die sie in den Jahrtausenden genommen hat, mit dichterischer Intuition erfaßt. Ei sind wenige unter uns, die «ino solche vielseitige Kenntnis der hebräischen Sprache besitzen, wie der Dichter. Aus allzu . •großer Bcacticidenheit »~» Bialik meint, es fehle ihm dazu die philologische Schulung 1~ lut er es bis jetzt unterlassen, aus seinen großen Schätzen der Welt mltzuteilcn. Im engeren Freundeskreis ergeht er sich oft über dieses inhaltsreiche Thema, und ich muß sagen, daß es für mich immer ein großes Vergnügen bildet, ihm in seiner sprudelnden Unterhaltung zuzuhören. Da ist cs keine philologische Wortklauberei, vielmehr erhält das hebräische Wort, deren Wandlungen durch die Jahrtausende Bialik nachspürt, frisch pul- «icrcndcs Leben. Bialik befindet sich zu unserer großen Freude auf der Hölie seines Könnens.1 Wir dürfen von ihm noch vieles erwarfen. Wenn man mich fragen sollte, nach welcher Richtung hin ich den größten Wunsch hege, so möchte ich, auf die Gefahr hin, als Banause zu erscheinen, darauf antworten: vvenn nicht zugleich in allen Provinzen seines Genies, so in erster Reihe auf dem Ocbict der hebräischen Sprachforschung. Im übrigen ist vielleicht der Ausdruck Sprach- Forschung nicht glücklich gewählt »-> es wäre besser zu sagen: der Sprachkunst Brauchen wir einen Beweis für die unvergängliche Kraft des jüdischen Volkes, so gewinnen wir diesen in unseren großen Schriftstellern und Dichtern, die dessen Geist lebendig ln dl esem wunderbaren Poem verblüfft die Verkoppelung von Pathos mit feiner kritischer Analyse desselben ״Labora• toriums der nationalen Seele“, vor dem der Dichter steht; er »ieht die praktische Unfruchtbarkeit der alten Scholastik, ist aber gleichzeitig bezaubert von der Geisteskraft, die zwar in einer abgelebten Form erscheint, die aber an und für sich ein Beweis ist für die unerschöpfliche Gcistescnergic der Nation. Dem Scclcnkampf zwischen den zwei Welten entnimmt der Dichter die nationale Synthese, die im dritten Stück der Trilogie mit ungewöhnlicher Kraft historischer Intuition ausgedrückt ist. אם יש את נפשך לדעת אח הטעין ממט שאבו אחיך המומחים בימי חרעח עוו כוח, תעצימוח נפש... לעלות על המוקד" לקפוץ אל ה מדורה וב״אחד* למוח מוח קרושים,- . ..אל בית המדרש סור, הישן והטשן" בלילי סבת הארוכים השוממים" בימי התכוו הבוערים הלוהטים. אז יגדך לבך ני רגלך על מפתן בית חיינו תדרוך ועינך תראה אוצר גשלתט. Hier ist die Apotheose der Geistigkeit bereits die GrtuvJläge einer ausgesprochenen historischen Ideologie. Diese Ideologie hat der Dichter in eine Form gegossen, die in der Kraft ihrer Schönheit (עבורה שבתפארת in unserer Literatur einzig dastcht und diese Trilogie zur schönsten Perle in der Dichterkrone Bialiks macht Mar! darf mvnchmcn, daß dieser dauernde Drang ״nach der Schwelle des Bet-hamidrasdi“ Bialik, in der Zeit der langen Ferien seiner Muse, dazu gebracht hat, die nationale Legende zu bearbeiten, die er um in seiner systematischen Encyclopädie der Agada geschenkt hat. Seit 15 Jahren surfst er in diesem ״Geistes-Laboratorium" die Elemente derjenigen nationalen Weltanschauung, die er als Dichter und Denker in seinen Dichtungen bildete. Er entnimmt den ״verwelkten Pcrgainenten“ diejenigen Zauberkräfte, vor deren Bann er an der ״Schwelle“ jenes Tempels Malt macht. In der aller, letzten Zeit kehrt er zu diesen ״legendes des sicclcs“ zurück mit der Absicht, das monumentale Werk umzubauen und zu erweitern. Wollen wir hoffen, daß mach diesem neuen Besuch In seinem Bet-hamidrasch der Dichter zu 1ms mit neuen Dichtungstafeln, mit neuen Oflcnbanmgcn zurückkehrt, das ist auch das beste, was ihm die Freunde zu seinem fünfzigjährigen Geburtstag wünschen können. Das Herz Israels (Zum 50. Geburtstag Ch. N. Bialiks.) Wir waren jung. Die alte Schule der hebräischen Dichter gab uns zu wenig. Und was sie tms gab, was sie auszusprcclicn vermochte, sprach sie in einer für uns veralteten Weise aus. So empfanden cs auch die, welch« aus dem großen Ghetto kamen, um» mehr die, welche das Ghetto nicht erlebt hatten. Alle sehnten stell nach der Verbindung 1n.it der Natur, mit dem Weltall, nach dem freien Sein mit allen seinen großen Freuden, die dem Galullijuclen vollkommen fremd blieben. Unsere Lieder klangen ganz anders oder wollten ganz anders klingen. Wir glaubten die Jugend für uns gewinnen za! können, und gierig Bebauten wir nach jedem neuen Talent aus und jubelten jedem ucttauüaucheiidei; Namen zu. Das alte Geschlecht, von dem wir uns abwandten, sah nicht, was uns das Wesentliche schien. Es wollte nichts wissen von dem uralten Heidenjudentum, von dem auf allen Gebieten des Lebens schaffenden Volkstum. Sie glaubten von jeher als ein tief demütiges Volk in Peoth und Tefilin int Bct-Hamidr.asdi bei alters Folianten existiert zu haben. Für uns, die eine neue Literatur für die noch sich jüdisch fühlende Masse schaffen wollten, kamen die, welche sich von der Masse getrennt hallen und zum großen Teil assimiliert waren, nicht mehr in Betracht. Zwar bebte schon damals das jüdische Herz an einigen Stätten, wenn cs Zions gedachte, und blutete auf anderen Wegen, indem cs den Triumph des russischen und Wcltbolsclicwismtis bahnte. Aber die tiefen Schichten des Volkes blieben unberührt, betrübt schauten sic auf die einen wie die anderen und aut den rasch leer gewordenen ״Bct-Hatnidrasch“. Und so klangen unsere Lieder nur für uns selbst und für wenige. Da kam der junge Chajim Nacliman Bialik. Auch einer der unsrigen. Er sang dasselbe, was wir sangen, seine Träume waren unsere Träume. Nicht waren seine Bilder weiter gekommen als unsere, seine Bestrebungen, neue technische Aufgaben in der hebräischon Literatur zu lösen, griffen nicht tiefer *1• unsere, auch hing er nicht mehr alt wir an der Natur. Doch in jedem Wort und jeder Zeile von Ihm strotzte eine unleugbare, tiefe und intime Zusammengehörigkeit mit dem Volke, die große und heilige יניקה von der Urquelle, von der Judentunrsmasse. Und tatsächlich war er unbestritten ein Glied dieser Masse עצם מעצמיח ln ihrer Tiefe geboren, in ihrer Mitte erzogen, in der alten ״Jeschibah“ entwickelt. Der großen Macht Europas fremd, kntirta die Masse durch seine eigene Welt- Anschauung überragend, besaß er das große, zarte, tief empfindendc Herz, das leicht auf die leiseste Berührung Antwort gab, uml die Zaubermacht der Sprache. Und das Volk spürte es sofort und die Masse verstand ihn sogleich und gewann ihn lieb. Niemand von uns anderen, die die Musen anbeteten, hätte es gewagt, an die ״Schechirvah“ uns zu wenden; die ruhte auf ihm. Aus der weiten schönen Fremde wollten wir das schönste, das wir dort fanden, unserer Masse bringen, und damit gingen wir zum Volk, er aber kam aus den tiefen Schichten dieses Volkes, und sein Herz schlug in Harmonie mit dem Herzen des Volkes. , Das Sehnen des ״Matmid“ der ״Jcschlbah“ war einmal auch sein Sclvncn, und daher konnte er, mir er allein, die öden Treppen des Bet-Hamidrasch beweinen, und ,nur seine erhalten, dessen Geistesleben fortwährend bereichern. Unter Seele konnte sielt wiederfinden ln den alten Talmudfollaniten #1 * ■ All «H1 (,«I Uli fllflltl. mfu__ I_ ____- I fln.il . _ .! _ _ *’• diesen nimmt Bialik einen hervorragenden Platz ein. Seine Dichtung bleibt unsterblich wie die hebräische Sprache und das jüdische Volk selbst. , ^jCr ^cr Jödiichen Geschichte hat es dazu gebracht, daß das Ghetto, die jüdische Gasse, zuit» allzuengen Käfig wurde, für jede stärker, entwickelte Persönlichkeit, für jedes Streben, das sielt nicht nur den Bedürfnissen• des Ghetto an* passen w.oUtev ,־ - ••-..־ *■••.•■ Derselbe Gang der Geschichte brachte es dazu, daß jedes Ideal, jeder Neubau im Leben durch jüdisches Blut zementiert sein muß. Und das Herz des Volkes blutete unter diesem großen Fluch, es blutete viele Jahre, bis es endlich den besten Ausdruck in der Elegien Ch. N, Bialiks gefunden hat. Uml itur er wußte die heiße Träne zu vergießen über die, welche כלם נשא הרוח. כלם סחף האור denn ואשר יגדל מבניים גשר ועשה כנף ניקנו חשלחוהו לנצח. In den schrecklichen Tagen der großen Beleidigung der jüdischen Seele in Kischinew, da fand wieder in den ״Liedern des Zorns“ und in der blutträufclndcn Chronik ״Massa Neinirow" das jüdische Herz die treue te Wiedergabe seiner Leiden. Das jüdische Volk fühlte sich gewissermaßen befriedigt, erleichtert, daß wenigstens sein Seufzer zu so einer gewaltigen Aeuße »mg kam. Ein Seufzer, der in solcher Form nur einmal in vielen Jahrhunderten ztmr Ausdruck kommt Die Eroberung des jüdischen Lesers, der jüdisch sich fühlenden Kreise wurde mit einmal vollendet. Das jüdische Volk erkannte Ch. N. Bialik als seinen einzigen und geliebten Nationatdichtcr. Ucbcrsctzungcn in fast alle von Juden ijc* sprochcncti Sprachen vervollständigten den Sieg auch in den Kreisen, die das hebräische Wort nicht verstehen. ln ihm, dem Lieblinge der keuschen und tlefbdrübtcsi ״Schechinah", wollen alte die so verschiedenen und zcrkiüft.ten Glieder unseres Volkes ihren einzigen ״cchtjüdisclien“ Dichter sehen. Sic fühlen, — und auch die nichtjüdische Well fühlt cs — daß sein Herz hi Harmonie mit dem des ganzen Volkes schlägt. Noch eine merkwürdige Tatsache: Unsere Legenden, die in der alten Literatur zerstreut sind, wurden schon vielmals (besonders m der letzten Zeit) bearbeitet und herausgegeben. Bialik hat in seiner Sammlung ״Sepher Hagadah“ nur dasselbe unternommen, wie viele andere. Und doch hat keine andere Sammlung diesen Erfolg gehabt. In wenigen Jahren sind viele neue Auflagen notwendig erschienen. Das große Dichterherz schlug auch diesmal in gleichem Rhythmus, in voller Uebercinstimmtmg mit dem des Volkes und wußte den einzig richtigen Weg zu ihm zu finden. Schon beträchtliche Zeit ist e« her, daß Bialik nichts Neue® veröffentlicht hat. Zwar geschah das auch manchen anderen bekannten Schrift Stellern, deren Werke dem jüdischen Leser teuer sind, doch empfand das Publikum kein Schweigen so schmerzhaft wie das Bialiks. Immer und immer wieder taucht diese Frage ins der Literatur auf. Das große Schweigen der letzten Jahre wird mit Sorge und Angst besprochen. Ich erinnere mich, dicre Frage einmal unter ganz sonderbaren Umstanden gehört zu haben. In den jammervollen Tagen des Weltkrieges wurden auf einmal Tausende und Tausende Juden der Grenzgebiete Rußlnnds aus ihren alten Heimstätten gejagt. Das Elend war groß, und ich glaube — es ist auch allzubekannt, als daß man davor» länger sprechen müßte. Mit einem Mitglied des Oze besuchte ich eine Gruppe dieser Unglücklichen. Ein blasser, tiefbetrübter Jüngling beklagte sich über das große Unglück. Im Militärärzte erkannte er einen jüdischen Schriftsteller, und er fragte mich und wiederholte seine Frage immer wieder: ״Aber was sagt Bialik dazu?“ Der arme schwarzlockige Jüngling wollte nichts von den Gesetzen des Schaffens wissen. Sein Herz jordertc eine Autwort, einen mächtigen Ausdruck für all das Erlebte, und den konnte nach seiner Ueberzeugung nur Bialik allein geben, nur er, der das Herz des ganzen Volkes in sich barg. ״Was sagt Bialik dazu?“ , . . Wenn wir heute den fünfzigsten Geburtstag unseres teueren Poeten feiern, so wünschen wir ihm, es möge sein Herz, dst große Herz aller Judenherzen, noch lange und lange im Einklang mit dem Herzen seines ihn •0 Hebenden Volkes schlagen. BexBii.. ׳ De. Saul Tschernlchowsky.

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