Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVII (1922)
- Issue
- Heft 103-104 (29.12.1922)
- Date
- 1922-12-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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I ־ a m. 3 £|| gjליי״ץץ^ ןך*»—>g«v fc*1«./•». llj L’ V r~1״ r—1 r Redaktion und Verla({ W15, Sächsische StraQc 8. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition und den Postämtern vierteljährlichbSG.-M. in Deutschland. Auslandsahonnements werden in der Währung der einzelnen Länder berechnet. Nummer 103104 ־ Jt Berlin, 29. XII. 1922 1 \ \ . -J \1 ן ^וי־י־־״ייין ך*"■-"“«"! j j N I \ Cb L״,\ A L... 1 1 « ‘י l '* . 4 h u ("י-*! 1 י׳ Jf־"'': s IwitKaJi I111Tr 1fr ■ ״*^| Ad zeldca-VcrwrttBungi Jüdische Rnndschau G.m.h.H-, BerlinWl5. Sichsischo | I^T?*u״!״?]!'.\״T”S.t1r״rk,'־Sf ■nftmt ^c?׳ K״״V Nr• 'l&OMb Straße8. - Telephon! Amt Pfalzburg 6697, 6698 u.6699. Anzeigenpreis iür <Ue achlgespalteneNonparcillezeUe 60.-M. Kör hebr.Anzeigen FarAa»U1״t»io«*f»U 16ö5| V«IuU>1)kM«< Anzeigenschluß: Dienstag und Freitag nachmittag 4 Uhr. 9.—״ -----, ע .... Für Tschechoslowakei: Postsparkassen amt Prag, Konto Mr. 156030. RedaktionsschluQ Sonntag . י׳ הבת׳ תרס״ג ״d Mittwoch nachmittag, XXVB. Jalu־g. gar Zionismus •erstrebt für da» iPtfiach« Volk die Schaffung einer CManilkli«r«.thUlch gcsUhertow «elmitatta In Palästina. ״Basalar Programm.« { •j \ | j | i \ ן,׳/'־־/ ן ■1-JL mi\- i» -j.jw 1 n Bialik und Wir . kleinen Anfängen, die In ihrer Fortführung1 sofort ab- ״ brachen) niemals ernstlich gekämpft. Weser Kampf, den Den 50. Geburtstag eines D!.>.54ers als Festtage!1 zu kämpfen vermeinten, er ist aufgespart, begehen, mag dein Gefeierten selbst müßig׳■ cri'Cneincn, | unserer Generation und wohl noch unseren Nachfolgern der, des Gepnesemverdens müde, den äußeren .Anlaß | Vorbehalten. Das1 Ostjndcntum, von dem man sagt, daß nicht gelten hißt und Taten fordert, von sich uml W,J^l,fi,r:.""»Ent\vickl1mg dem Westjudentum um hundert Jahre mideicii. ׳< . «aclifolgt, ist uns in Wahrheit voraus; denn dort ent• lur das Volk aber sind solche Tage eine Notspann sich, aus dem Leben selbst und ln unvcrlorcncr Verbundenheit mit dem Volke, das gewaltige Ringen — nicht ״zwischen" Judentum und Menschentum, sondern auf dem Boden des Judentums selbst. Die Parole der Zwiespältigkeit, ״Mensch draußen und Jude, zu Hause"; zu sein, konnte nur aufgcstcllt werden, um überwun* den zu werden. Die Enge wurde gesprengt, Mauern wemiigkeit. Mag der Anlaß banal sein — Ablauf von soundsoviel Tagen oder Jahren, natürlicher, unaufhörlicher Vorgang —, dieser äußere Einschnitt fordert Verweilen, Innchalten, Ueberschau, Besinnen. Besinnung nicht nur darauf, was wir diesem Dichter schulden, der heute Jubilar Ist, sondern auf unser Verhältnis zu seinem Reiche, zum Reich des Geistes. Wenn im täglichen Ablauf des Volkslebens Eigensucht, Zweckmäßigkeit, Geschäft und lie(rieb, das Bewußtsein bestimmen, und Geist mir von ferne, gleichsam unterirdisch niitrcdet, mitgestnitet, — solche Tage können dem Volke das Geistige bewußt werden lassen, können das Volk herausheben aus dem Alltag. Sie können — freilich im besten Fail — mehr sein als kaicmlarisch-Iiteraturgcschicht* liehe Ereignisse, sie können Besinnung sein, Stunden der Erhebung, vielleicht ein Schritt zur Erlösung. Der Dichter, der in der Strenge des Schaffens steht und dessen Tage nicht vom Kalender, sondern von der Crnatlc bestimmt werden, braucht keine Geburtstagsfeiern. Aber das Voik, das im Alltag steht, der vorsätzlicher Durchbrechung fällig ist, braucht . sie. Darum möge auch der lichter sic dulden. Seien wir uns dessen bewußt: wir feiern nicht für ihn — wir feiern für uns. Bialik weilt ־— wohl nur für eine kurze Zeitspanne — in Deutschland. Unter uns feiert er seinen 50. Geburtstag. Er ist unter Frem• den; losgelöst vom natürlichen Boden seines Schaffens. Aber wo jüdisches Volk ist, da weiß man von seiner Größe; wir Westjuden, die, durch Umwelt und Erziehung jüdischer Sprache und jüdischer Dingwelt entfremdet, uns unser nationales Gut erst zurückcrobcm müssen, wissen doch von der Gewalt dieses hebräischen Dichters. Ahnungsvoll erfassen wir seine Gestalt; diese Ahnung kann fruchtbarer sein als kenntnisreiches Wissen, stärker die Seelen diirchschütteln. Unsere Pflicht, unser Weg ist cs, mühevoll in das feine Gewybc von Sprache und Schrifttum einzudringen, die einzelnen Elemente uns zucigen zu machen, um uns in die Kontinuität des geistigen Prozesses jvictler einzustellen, der durch mehrere Generationen unterbrochen wurde. Aber schon auf den Stadien dieses Weges ist cs uns mifblitzende Gewähr, gewissermaßen eine Eskompticrung der Erfüllung, wenn wir den Mann grüßen, der stärker als irgendein anderer der Träger dieser Kontinuität ist; ein Bauni, voll Saft und Blüten, dessen Wurzeln fest in dem Erdreich wurzeln, das unser Muttcrixxien war. Ais dem Westjudentum die Schranken des Ghetto sicfi öffneten und die Kultur, die Gedanken der Umwelt zugänglich wurden, verlor es sein geistiges Eigenleben. Die neu erkannten menschlichen Werte ergriffen mächtig die Seele des Juden, aber er vermochte nicht, sich sie zu eigen zu machen, er gab sich ihnen hin, indem er sich aufgab. EHe Erstarrung war gelöst, aber um welchen Preis! Der geistige Kampf eines Jahrhunderts vermochte keine schöpferische Synthese zu zeugen, cf ging nicht um die Substanz, er ging um die äußerliche Regelung. Das Kompromiß war besiegelt, niemand dachte daran zu rütteln. Nur um seine Form kämpfte man: ob das überkommene, geschwächte Gebilde, das man für Juden- Dm hielt, den Bedingungen des Lebens und den Erbrdernissen der neuen, als primäre Forderung siel! darbietenden Situation anzupassen ist, oder aber ob ein Schnitt zu machen ist mitten durch das Leben, 5» daß die tine Hälfte ungestört sich anpassen, die andere Hälfte * strengem Festhalten am Lebensrituale das Judentum konservieren kann. Was aber echt und innerlich ge- Rfihiclct ist, verlangt Ganzheit, tritt selbst auf als primäre Forderung, ist Richtung der Seele und Quell des Lebens. Judentum und Menschentum, Befreiung aus Erstarruung, ־־י*" dieser Kampf wurde Im Westen (abgesehen von י־'■, i stürzten unter leidenschaftlichen Stößen; heftige Absage ertönte, aber noch die Verneiner waren unlöslich verknüpft mit dem Judentum, wie der negative Pol undenkbar ist ohne den positiven. Die Weite der Welt strömte in die jüdische Gasse, aber nicht zerstörend war ihr Wirken, sondern aufbauend. Der über Bücher gebeugte krumme Rücken richtete sich auf, wenn auch zögernd und bedenklich; der Mensch entdeckte die Natur, das Lehen, das Wunder — und bücb Jude. Er ließ den Reichtum in sich cinströmcn, aber er vermochte ihn zu halten nur vermöge seines eigenen Reichtums, des Reichtums seiner Secie. Seine Zunge löst sich; unbandiges Leben!wellt in’ seinen Schläfen. Die Fülle der Fragen stürmt auf ihn ein — da vermag er m «nt- Worten, er findet das Wort. Das Volk lebt wieder, der Bann ist gebrochen. Diese LebcusfüIIc ist beinahe inkarniert in Bialik. Wer ihn einmal reden gehört und gesehen hat, hat einen unauslöschlichen Eindruck von dieser Kraft, diesem überströmenden Leben; der hat gefühlt, daß liier nicht einer ״Geist" produziert, sondern daß der Geist mit ihm verfährt, ans ihm spricht und sprudelt. Uraltes Erbe wird hier wach, engster Zusammenhang mit des jüdischen Volkes stärkster Wirklichkeit. Alle Fiktionen, die wir im Westen als Judentum anspredien, alle _ Fiktionen atidi künstlich organisierten Lebensersatzes, wie Parteien und Programme, zergehen vor der Glut dieser Wirklich• keit Darum ist gar kein' literarischer Maßstab hier an- , ־»liegen; es Ist nicht unsere Aufgab« w!4 ,nkjhtttnw* Amt, Blaliks Werk kritisch zu zergliedern: er ist uns jüdisches Volk, er ist ein Führer zu nationalem Leben: Nationalismus ist nicht ein Programm eigensüchtiger Begrenzung, nicht ein System von Maßnahmen und Handlungen zur Einrichtung des Lebens der Nation, son. dem ein Inncwerden eigener, tiefster Kräfte und de« Versuch ihrer schöpferischen Entbindung. Er ist nicht Beschränkung unserer Menschlichkeit, sondern ihre Ent■• faltung. Nur wenn wir losgelöste Juden unsere Mensch• lichkcit wieder als Ganzheit ergreifen, werden wir zu nationalem Werk berufen sein. Aber wenn wir diese Menschlichkeit isoliert bewähren wollen, wird sie uns trügen — mögen wir ihr noch so schöne national« Etiketten geben; mir wenn wir sie wieder cinstcllctt in die Kontinuität, wenn wir Volkstum und Me lisch eu tum zu einer Einheit zu machen vermögen, wenn auch für uns das Volkstum lebendig wird, dann wird unser Nationalismus jene Macht sein, die zu schaffen vermag. Alles Geschaffene ist Werk des Geistes; ohne 'litt errichten wir Schein-Gebäude, denen der Kitt fehlt, der die Teile zu einem Ganzen ver* schweißt. Bialik ist uns ein Symbol des Nationalis* mus als geistiger Macht und ein Symbol geistiger Macht, die aus nationalen Quellen gespeist ist. Er ist in dieser Zeit mehr als irgendein anderer der Repräsentant der Nation. In unserer für die Zukunft des Judentums so entscheidenden Zeit, in der das Volk nun Be• wußtscin der Krise kommt, hat er das Fühlen! des Volkes aus seiner Stummheit erlöst, ln kritischen Zeiten haben Völker ein feineren Ohr für ihre Dichter. Gilt die* allgemein* י so besonders für das jüdische Volk, das stets' vor geistigen Führern sieb geneigt hat. Trota , Zerrissenheit in Parteien und trotz geographU ( scher Zerspaltung ist das jüdische Volk an dieser Stelle einig. Von der Linken bts zur Rechten, von Jerusalem bis New York und Warschau neigt es in dankbarer Verehrung! sein Haupt vor dem Dichter. * Der geistige Weg des Ostjudentums Ist für uns Westjuden nicht mehr gangbar. Ent• Wicklungen lassen sich nicht zurückscbraubcn. Aber cs gibt ein Vorwärtsschreiten. Das Ziel unseres Schreitens ist Ercz-lsracl. Wenn wir 1״Erez-Israel" sagen, so denken wir nicht an Geographie und auch nicht an politische Vorherrschaft. Wir denken an ein Leben des Volkes, i.t dem Menschentum und Judentum nicht nur in der Seele, sondern aucH in der Realität eins geworden ist. Das Leben des Volkes kann nicht nur ״geistig" sein, sonst fallen alle anderen Verrichtungen, ohne die Leben nicht möglich ist, ln einen fremden Bereich. Menschentum und Volkstum mu® sieh an der Wirklichkeit der Dinge, der Natur^ der Mitmenschen bewähren. Weder Romantik noch Politik schafft nationales Leben, sondern nur di® Arbeit in der Gemeinschaft. Bialik hat das selbst ant stärksten ausgesprochen. Volles jüdisches Leben, schaf• fendes Leben, in dem unsere Menschlichkeit sid* auswirkt, das ist uns Ercz-lsracl. Das heutige jüdische. Palästina, gestehen wir es uns), ist noch weit entfernt davon, Ercz-lsracl zu sein. Noch' ist die schöpferische Synthese nicht vollzogen, wir stehen noch vor der Wiedergeburt. Die nationalen Kraftzentre® sind heute noch in der Galutb. Die Schechina ist noch nicht heimgekchrt. Aber wir wissen, daß nur dort die Wiedergeburt kommen kann und kommen wird. Und Bialik weiß es'. Er ist auf dem Wege dorthin. Palästina braucht kraftvolle Gestalten, die aus eigene* Fülle Leben schaffen; denn auch dort ist die Kontinuität (unterbrochen; die Seele des Landes ist noch nicht geweckt. Möge es Bialik gelingen, Steine aus dem Felsen zu brechen, Gestalt zu meißeln. Möge er, der nicht nur Dichter,׳ sondern auch Lehrer, Volkscrzieher ist! dem werdenden Volke helfen, die Einheit von Geist und Arbeit zu finden. Möge ihm vergönnt sein, einen zweiten Lebensabschnitt mit freiem Volk auf freiem׳ Boden zu durchleben, in der ungebrochenen Schaflenskraft seines jugendfrischen Genius. Das wünschen wir, zu diesem seinem Festtag, «*> diesem unserem Festtag, ihm -1־ und uns. Robert Wtltiefi'.