Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVII (1922)
- Issue
- Heft 101-102 (22.12.1922)
- Date
- 1922-12-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 662 Nr. 101/102 JUEDISCHE RUNDSCHAU ׳!,rer Eltern, deren sdilcdites Gewissen gerade in solchen Artikeln wieder zum Durchbruch kommt. Diese Angst leitet den Verfasser. Hinweg mit diesen Sdircckbildcrn eines Judentums, das sich seiner selbst bewußt ist und nicht gewillt ist, es aufzugeben, auch in der feindseligsten Umgebung 1 Deshalb schleunigster Grenzschluß, hinaus mit diesen Ostjuden, schärfste Anweisungen an die dcutsehen Konsuln im Ausland; damit cs Herrn Hobrccht, Herrn Naumann und Genossen erspart bleiben möge, immer wieder an ihr Judentum erinnert zu werden, von dem sie doch hofften, daß cs unter der nationaldcutschen Färbung ganz unsichtbar geworden sei. Mau braucht Herrn Hobrecht seinen Artikel nicht übel zu nehmen. Man weiß längst, daß die Angst zu jenen Gefühlen gehört, die schließlich den Träger vollkommen beherrschen, bei ihm zur fixen Idee und zur Psychosc werden, die ihn Erwägungen der Vernunft und der Sittlichkeit gegenüber unempfänglich macht. Diese Erfahrungcn der Psychologie vermögen sein Vcriialten allein zu erklären. Denn wäre Herr Hobredit im Besitze kühler Ueberkgung gewesen, als er seinen Artikel schrieb, so wäre er sich über die Konsequenzen besser klar gewesen. Er hatte sich sagen müssen, daß ln der heutigen Atmosphäre des Judenhasses in einem Augenblick, da uns jeder kleine Zwischenfall die unliebsamsten Ueberrasciui ngen bringen kann, sein Artikel geeignet ist, die antisemitischen Pöbel-Instinkte aufzustaehcln; wenn morgen an irgendeinem Orte unter Führung national-sozialisiischer Helden man über die Ostjuden herfallt, wird man sich die moralische Rechtfertigung aus dem Arsenal der ״nationaldcutschen Juden“ holen. Aber diese Naumann und Hobredit irren, wenn sie meinen, durch diese Denunziation einen Trennungsstrich zwischen sich und ihren Opfern zu ziehen. Kommt es erst einmal dazu, dann wird der Antisemitismus keinen Unterschied zwischen Ostjuden, deutschen Juden und nationaldcutschen Juden machen. Mehr als einmal, erst jüngst wieder in der ״Deutschen Zeitung“, ist konsequent gefordert worden, daß man die ״deutschen Rassegenossen der Ostjuden“ nicht anders behandeln solle wie die Ostjuden selbst. Die deutsche Ocffentlichkeit, vor allem die wirklich national empfindenden Deutschen werden gegen solche würdelose Handlungen wie dieser Artikel nur Verachtung übrig haben. F. L. Die antisemitische Hetze in Ungarn Budapest, 1ö. Dezember. (Fratikf. Ztg.) Im Rahmen der Beratungen der Nationalversammlung filier das Budgetprovisorium berichtete heute der gescltätteführcnde Vizepräsident der Regierungspartei, Abg. O ö m b ö 9, über das von ihm geschaffene ProgrammdesSchutzesder Christliehen Rassen. Seine Rede gab wiederholt Anlaß zu dußerst erregten . .Wortgefechten mit den Sozialdemokraten, die die• von Gömbös entwickelten Tendenzen energisch bekämpften. Gömbös betont«;, er und 9eine Gesinnungsgenossen winden auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens, nicht nur für Schulen, sondern auch für den Bodenbesitz sowie für das Bankwesen den nu- 111erns clausus fordern. Er sei nur geneigt, mit solchen Juden zusammenzuarbeiten, deren Vorfahren vor 1818 im Lande waren. Eine weitere Einwanderung von Juden müsse verhindert werden, um dem christlichen Gedanken allein zum Siege zu vethelfen. Ein jüdisches Papier an der Frankfurter Börse. Die fünfprozentigen Schuldverschreibungen der israelitischen Gerncinde zu Frankfurt a. M. vom JaTire 1921 sind nunmehr zur Frankfurter Börse zugclasscn worden. Die Anleihe in Höhe von 12 Millionen Mark wurde zur Anlage eines neuen Friedliofcs aiifgenainmcn und soll bis zum 1. August 1927 tilgbar sein. Zur Sicherung der Anleihe haftet die israelitische Gemeinde in Frankfurt a. M. mit ihrem Reinvermögen, das Ende 1921 mit 76 Millionen angegeben wurde. Natlonnljudcntiim und \7cÜ! lerrreS Von Rudolf Seiden, Mödling bei Wien. Wir bringen nachstehenden Artikel,' der uni von einem österreichischen Gesinnungsgenossen zugclit, auf Grund des Rechte» freier Di:.km::;lon nun Abdruck, obwohl er, wie unsere Leser selbst bemerken werden, in seinen meisten Teilen in Widerspruch ru den von der Redaktion diese.» Blattes vertretenen Anschaumigen stellt — ungeachtet natürlich unserer posltiven Stellung zu dem in Karlsbad beschlossenen jüdisehen Weltkongreß. Red, d. ״J. R.“. In folgendem soll vernicht werden, dem Ernst und der Verantwortung, die ln diesem derzeit aktuellsten und bedeuts,■misten Problem liegt, unter besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse Im österreichischen Zionismus, gerecht zu werden. Sobald die Karlsbader fahre;׳,konferenz auseinander* gegangen war, begann auch schon in der jüdischen und zioriistisclten Presse die Diskussion über den dort beschlossenen all jüdischen Weltkongreß für Palästina. Entweder der Weltkongreß kommt zustande, oder seine Einberufung wird hinatisgcs eh oben, für Monate, für Jahre vielleicht; —י früher oder später wird er aber doch zusamnicntrcfcn m üssen. Ein großes Ereignis wird es sein, wenn die Juden der verschiedensten Parteien endlich, nach fahrt,mscudcn, wieder bc’isainmcnsitzcn werden, um zu beraten über den Wiederaufbau Frcz-Israels. Eine präzise Beantwortung des zu behandelnden Problems erfordert, daß zuvor eine andere Frage, die damit 111 engstem!Zusammenhänge steht, erledigt wird; wir müssen uns Antwort gehen auf die Frage: Nationa!jüdischer oder jüd tschnatto nalcr Zionismus? Man wird in vielen zionistischen Kreisen die Berechtigung dieser Frage vielleicht gar nicht verstehen; noch viel weniger wird man dort begreifen, wieso sic in Beziehung stehe zur Frage des jüdischen Weltkongresses. Und doch besteht ein sehr inniger Zusammenhang zwischen beiden; denn derAusgangspunkt für das Problem, der Grund, warum es zu diesem harten Kampf um die Einberufung des Weltkongresses kommen mußte, liegt darin, daß im Laufe der Jahre im Zionismus die ״Jüdisclinaiionalcii“ mächtig geworden sind, und zwar in Oesterreich, Rumänien, Litauen, Polen und in der Tschechoslowakei, im östlichen und nordöstlichen Europa, dort, wo die jüdischen Massen leben, wo also Gelegenheit gegeben ist zur Betätigung in der Lau des politik: durch Beteiligung an den Wahlen zu den Parlamenten, Diese!. andcspolitik treibenden, jüdischnationafen Zionisten, die ״Radikalen“, sind die Gegner des Wc 111;on gre ßgeda 11 ke 11 s. Eitics ihrer Hauptorgumentc ist das Schlagwort von der ״Verwässerung“ des Zionismus durch ״Oeffnung der Grenzen“ desselben: cigentlieh ist das ihre einzige, überall und immer vvicderkchrcnde Begründung für ihre Haltung, Ob nicht am Ende die ״Jüdischnationalen“ weniger an Palästina als an ihre Hauptbcschäftigung, an die Betätigung in der Landes- und Mandatspolitik denken: die allerdings ist in Gefahr, wenn Nichtradikale, wenn Niclitjüdischnatiönale im Zionismus mitzureden haben! Der Wiederaufbau und sein Keren Hajessod aber, für die kann die Mitarbeit jedes Juden, welcher Partei Stellung er auch ist, muß erwünscht und von Nutzen sein. Je mehr wir sind, die wir für Ercz-Isracl zu opfern und zu arbeiten bereit sind, um so besser! Es muti heißen: Ihr alle, die ihr Zion authaucn wollet, kommt zu uns, kommt in ,die. ■Zionistische Organisation; ihr braucht darum. nicht-, jüdischnational zu werden; wenn ihr nur national-jüdisch׳,seid'und' Palästina für das Judenvolk wollt, ist alleinige Bedingung. Wer ist national) ü el i r c 11?*1 Jeder, der Angehöriger der jiidisclicn .Nation Ft, gleichgültig, ob er in politischer Beziehung , zu irucmleiner ji'u dischcn oder zu einer anderen politischen Partei gehört, (nur nicht, das ist ja selbstverständlich, zu einer ausgesprochen antisemitischen oder anti/ioulstischen): ihr alle, die ihr irgendwie bürgerlich-demokratisch oder sozialdemokratisch rcld, ihr alle könnt Zionisten sein und werden. Die Parteileitungen zahlreicher derartiger Landesorganisationen haben dem Zionismus ihre Sympathien ausgesprochen; die in politischer Hinsieht vcrschiedcivst «:ingc stellten Juden der Westeuropa!sehen und amerikanischen Staaten können Zionisten sein — in den Ländern, w0׳ der Zionismus als solcher Landespolitik treibt, ist das unmöglich! Zu Zeiten der Wahlen ln die Vertretungskörperschaften hat die Feindschaft — von einer solchen inuß da gesprochen werden — zwischen den *) Siehe meinen Aufsatz ״Neuer Weg oder — Scheideweg“ in Nr. 70, 1921, dieses Blattes. ״JfMIr.rhnnHonnIcn“ und den ״Nlchtzicmistcn“ ihren Höhepunkt erreicht: «Ile österreichische Sozialdemokratie hat gegen die Zionisten und den Zionismus die schämten Angriffe und gröbsten Beschimpfungen in Wort und Schrift gerichtet: kein Mittel war ihr zu schlecht. Warum gegen den Zionismus? Weil sic wußte, daß hinter der Maske der ״jüdischnationalen W ä 111 c r p a r t e 1" sich die österrcichisehcn Zionisten zu decken suchen: beide waren ja identisch: die Führer des österreichischen Zionismus — spreche speziell von diesem, da er mir am besten bekannt ist: in den übrigen oben aufgczähltcn Staaten sind die Verhältnisse wohl nicht sehr verschieden, —- von denen einige sogar im Aktionskomitee sitzen, sind die Wahlkandidaten der liidlschnationalcn; das Wiener zionistische Hauptbüro ist Sitz der liauptwahllcitung: diese druckt Plakate und bei Wahlen ist man ja nichts besseres gewöhnt — heschimpft die Sozialdemokraten und Demokraten und ihre Führer — kann und darf man unter solchen Umstanden erwarten, daß sich der Zionismus neue Anhänger schafft? Bekommt der Zionismus so neue Sympathien? Nein!, Jeder Landespolitik treibende Zionismus ist, seihst maskiert, eine Getalir für Palästina! Er schafft Gegner statt Freunde. Beweis: Im zweiten Wiener Gemeindebezirk haben ge- Icgcntlich der letzten Wahlen über 50 000 Juden sozialdcmokra tisch gewählt: in ganz Oesterreich wurden 13000 S timmzettcl der jüdisch nationalen (sprich: zionistischen) Partei abgegeben — der Erfolg war: kein Mandat, dafür Beschimpfung und Besudelung unseres Heiligsten: des Ziongedankens! von den Kosten der Wahl soll liier nicht gesprochen wcriicn. Ist cs nicht schade um all die nutzlos verwendeten Energien? Selbst wenn, ein! .,Zionist“ ins Parlament /:«?kommen wäre —• ist der Sehnde jemals gutzu machen, den der Zionismus erlitten hat? Alle Juden, die nicht jüdischnational gewählt haben, haben gleichzeitig gegen den Zionismus demonstriert! Von 300000 Juden b Oesterreich haben bloß 18 000 jüdischnational gestimmt Dabei darf man nicht glauben, daß sic alle darum ״radikale“ Zionisten sind: das wir«! man verstehen, wenn man erfährt, daß cs im Jahre 1921 Ln ganz Oesterreich nur — 4000 organisierte Zionisten gab: und die waren wahrlich nicht alle ״jüdisdinationalc“ Radikale. * Ich habe mit den verschiedenen politischen Parteien in Oesterreich verhandelt; teils schriftlich, teils persönlich mit ihren Führern. Iber Schluß war: die jüdischen Parteiangchörigcn können nicht zugleich — um nur von der in erster Linie in Betracht kommenden Sozialdemokratie zu sprechen — rot und blauvvciß sein: der österreichische Zionismus ist jüdischnational; er bekümmert sich in erster Linie tun innerpolitische, österreichische Fragen: dabei ist er natürlieh oft im Gegensatz zu den Interessen der Sozialdemokratie. Daher: unvereuGare Sache! Aber: Gegen einen Palästinazionismus, gegen den.einzigon wirklich wahren, aufrichtigen Zionismus, gegen den Zionismus der ״Gemäßigten“ ist natürlich nichts einziswenden. Folgerung: |eder, der für Palästina ist, der dem Zionsgedanken neue Freunde Zufuhren will, jeder Zionist also muß vorerst (ordern; Schluß mit der Diktatur der ״Jü* dischnationalen“. Wir brauchen den nationaljüdischen, den gemäßigten, den palästinozentrischen Zioni »mus: oder: Zion ist in Gefahr! i Nicht ׳‘fror, daß die ׳ Jüdischnationalcm 'dem- Zionismus keine neuen Anhänger zu werben vermögen; sie sind mit all dem zu sehr beschäftigt, als daß sic Zeit und Geld hätten, sich mit dem reinen Zionsgedanken und seiner Vertiefung und Verbreitung üb/.;: :eben, 111 Zeiten «!er Wahlen, da gibt es oft an einem Tage über ein Dutzend Propaganda- Versammlungen. Dann, i5t die Wahl vorbei, wird cs still — bis zur nächsten Wahl. Wären aber nicht 4000 organisierte Zionisten in Oesterreich, sondern Hunderttausend, dann wäre cs mit der Alleinherrschaft der jüdischnationalcn zu Ende — der ״Zionismus wäre verwässert•-—-— — Warum verwässert? Weil der Zionsjyedankc eben viel mehr Anhänger hätte, weil der Keren Hajessod und der Nationalfonds hundertmal größere Beträge für Palästina bekämen! * Wir wollen zum Schluß kommen. Wie wäre dem oben autgedcckten Mißstand ein. Ende zu machen? Zwei Wege sind möglich. Bmmmnsnem• Theodor lierzls Tagebücher, 2. Band Der 2, Band von Theodor Herzls Tagebüchern erscheint, wie uns der Jüdische Verlag, Berlin NW7, Dorotheenstraße 35, mitteilt, noch im Laufe des Monats Dezember. Der 2. Band wird infolge des Umstandes, daß in ihm die politischen Verhandlungen Herzls einen viel Breiteren Raum einnchmen als in dem früher erschienenen Band, den großen Eindruck des ersten noch bedeutend verstärken. In dem 2. Band wird u. a. über den ersten, den zweiten und dritten Zionistenkongreß, über Empfänge beim Staatssekretär von Bülow, dem späteren Reichs* kanzlcr, bei dem damaligen Reichskanzler Fürst Hohenlohe und über Verhandlungen mit dem Wiener Botschafter Grafen Eulen bürg berichtet. Es folgt dann eine Schi!- dcrmig der ersten Audienz bei Wilhelm II. in Konstanlinopcl, dann Aufzeichnungen über die Reise nach Palästina und den offiziellen Empfang vor Jerusalem durch den deutschen Kaiser. Von zionistischem Interesse sind die Aufzeichnungen über die Gründung der Jüdischen Kolonialbank. Die Eintragungen über die Kämpfe mit den Herausgebern der ״Neuen Freien Presse“ spiegeln die ungeheuren persönlichen Hemmungen und Schwierigkeiten, die Herz! zu überwinden hatte., wieder. Zahlreiche Unter- , redungen hatte Herz! mit dem damaligen österreichischen Ministerpräsidenten' Dr. von Koerber. Auch in neuen Audienzen beim Großherzog Friedrich von Bad e 11 werden öfter weltpolitische Vorgänge und Ereignisse berührt. Sehr amüsant wird die erste Bekanntschaft Herzls mit Professor Hermann V a m b i r ץ geschildert, der Hcrzl den Empfang durch Sultan Abdul Hamid vermittelte. Die Fülle der Personen, mit denen HerzI zusammentrifft ׳ und die er meisterhaft, oft ln wenigen Worten, charakterisiert, j die Schilderungen seiner vielen Reisen und die ununtcrbrochenc Folge der politischen und persönlichen Erlebnisse, Begegnungen und Gedanken des Autors zwingen auch Im zweiten Band der Tagebücher den Leser von der ersten bis zur letzten Seite in ihren Bann. Der 2. Band erscheint in der gleichen Ausstattung und In denselben Ausgaben wie der erste. Ein Bild nach einem bisher fast unbekannten Oclgcmäldc des in den Tagebüchern erwähnten Malers Koppay in farbiger, originalgetreuer Wiedergabe ist dem Bande beigegeben. Als Grundzahl für.den Preis des broschierten Excmplares ist M. 18.—, für die in Ganzleinen gebundene Ausgabe M. 24.— festgesetzt. Diese Grundzahl ist mit der Schlüsselzahl für die Werke des jüiiscbeii Verlages* die zurzeit 300 beträgt, zu multiplizieren. Cüclierscliau Verrat am Deutschtum Unter diesem Titel veröffentlicht Wilhelm Michel im Verlag Paul Steegemann (Hannover) eine Streitschrift zur Judenfrage, die eine leidenschaftliche Kampfschrift gegen den Anti- . semitismus ist. Nicht ab Verteidiger der Juden tritt er auf. j Denn ״der Antisemitismus ist nicht bloß eine Sache zwischen | Juden und Judenhassem, er ist in erster Linie eine Sache ‘ zwischen _ Deutschen und einer Horde von Verrätern aller edlen, geistigen, ritterlichen Ucberlicfertuigcn der Deutschtum-• epoche, die wir als etwas Vcrchnmgswürdigcs in uns tragen, ... er ist die frechste Unternehmung,gegen das Deutschtum, die. jemals ins Werk gesetzt wurde.“ Michel, für den deutscher Geist in Hölderin verkörpert ist, betrachtet den Judenhaß als Eingeständnis der Schwache und1 des inneren Sklaventums <ier heutigen Deutschen. Er verkennt’ nicht die Weser.vmilcrschiede zwischen Deutschen und Juden,,weiß aber, daß gerade die Lösung des Problems des Zusammenlebens verschiedener menschlicher Typen eine unerläßliche menschliche Aufgabe Ist. Allerdings geht er tu E. fehl, wenn er die Existenz einer allgemeinen Judenfragc leugnet und den ״■eingedeutschten Teil“ des (iidisehen Volkes gesondert betrachtet Die Intcrnationaliiät des von ilian bekämpften Antisemitismus könnte Ihn eines besseren beichten. Und wenn er vollends von der ״barbarisehen gheitoistlsdicn Mißbildung der Osljui'cn“ spricht, so beweist er nicht• nur, daß das herkömmlich oberflächliche Urteil i auf ihr» abgcfiirbt hat, sondern zeigt uns auch, daß ',!eitet dem edelsten arischen Bekiimpfer des Antisemitismus das Organ ztmi Verständnis des Problems abgeht. Sein von hohem K11 lurwiüen getragenes Büelücin ist ein schönes Dokument der Abkehr von der iiationalistisdicn Barbarei und des Glaubens an eine Wiedergeburt der deutschen Seele, deren ״ewig«: Zukunft ... die Liebe ist“. *׳W. juucniwn vna iu ‘ lutlic. Klal-Verlag uaai macnsenowes: Mtsmssischcs «lischc Literatur. Eine historisch-kritische _ Berlin 1922 (Band 25/26 dar ״Klal-Bibüothck“ jiddisch). — Da Maciisdiowcs wirft ciie Frage auf, wieso man Ws heute d Bedeutung des siidrussischen Judentums für die Entwicklung d■ )jüdischen Literatur so gern:*;: veranschlagt gegenüber elv dem polnischen und litauisdieu Zentrum. Daß diese Eijtsclüi nmg ,ungerecht ist, zeigt der •Autor, indem er die Linie d literarische» Entwicklung verfolgt von R. Mendel Sainnaw lind R. Nachman Brazlawer bis zu Frag und Dialik und d jüngsten Generation (Bergelsxm, Nisier, Schwarzitvantü. d sämtlich Südnissen (Podolien — Wolhynien — Ukraine) sind. Die Kiewer Schule braucht den Vergleich mit Warschau nidit zu scheuen. Wer dieses interessante und anregende Bächlein liest, wird nicht nur viele wichtige Einzelheiten der jiddischen Literaturgeschichte vom Anfang der Ausbildung des Jiddisch zu girier selbständigen Litcratursprache erfahren, sondern auch den Jammer ermessen, den die Vernichtung dieses kulturellen Kraftzcivtnuns für unser Volk bedeutet und welche nationale Schwächung es ist, daß die noch lebenden «ler genannten Lite* raturgrößen heute losgelöst von ihrem geistigen Mutterboden in Berlin sitzen müssen. W. Salomo Birnbaum: Das hebräische und aramäische Element in der jiddischen Sprache. Gustav Engel, Leipzig 1922. — Salomo Birnbaum, der sich um die Philoloijic des Jiddischen große Verdienste erworben hat (vgl. seine jiddische Grammatik, Verlag llartlcbcn), veröffentlicht hier seine Disacrlation, die das interessanteste Thema der jiddischen Sprachlehre behandelt. Er gibt eine klare Darstellung der Enlvvicldung un׳i Veränderungen, die die hebräischen und aramäischen Wöricr im lebendigen Fluß der jiddischen Sprache dnrdigcmadit haben, und charakterisiert das sonstige sprachliche Material, «las aus dc4n licbräisdi-aramäisdien in die jiddische Formenlehre und Syntax cingednntgen ist. Eine wertvolle Arbeit, die die mich sehr unentwickelte jiddische Sprachforschung bereichert, (Druckfehler S. 32 unten ״Vokalbildung“ statt ״Vcrlulbildung, S. 49, ß: ״ein Titel“ ohne Anfülmmgsslriclic u. a.) Dr. Michael Friedlünder: Die jüdische Religion. Aus dem Englischen übersetzt von ■Josna Friedliiiidcr. J. Kaufbnann, Verlag, Frankfurt a, M., 1922. — Michael Friedlünder, der aus Posen stammt, war seit 1865 Leiter des Jews' College in London 1!rw! wirkte dort 42 Jahre, in «lenen er ganze Generationen von Rabbinern aiisbildele. Das vorliegende Budg das 1693 zum ersten Male 111 englischer Sprache erschien, ist eine Art Handbuch der jiidisclicn Religion durchaus theolo״ise’:c!1 Charakters. Der erste Teil enthält die Dogmatik, die 13 Glaubenssätze des Maimouides, der zweite Teil die PfUditehlchrc, gegliedert in einzelne Abschnitte. Der Verfasser stellt au( streng orthodoxem Boden; das Buch hat mehr ״familicn“- als wissenschaftlichen Charakter und strebt mehr nach theologischer Erbaulichkeit als rwdi Tiefe. _j_ Norbert Peters, Die Religion des Alten Testaments n iiirer Einzigartigkeit unter den Religionen des alten Orients. Verlag Jos. Kose! ft Friedr. Pustel, Kempten. — Diese neuaufgelegte ■Schritt eines katholischen Theologen Ist eine ganz großartige Darstellung der jüdischen Religion. Gegen dfe Versudie vieler ludst urotestantischcc Forschen; die entweder die