Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVII (1922)
- Issue
- Heft 99 (15.12.1922)
- Date
- 1922-12-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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t Seite 648 JUEDtSCIfE KUNDSCHAU Nr.to Das jüdische Familienleben Bemerkungen zum Erziehung *Problem. ,Von!Gerhard Hold hei nt Der Zionismus ist < 1! c, Rc ח n i ss ,וז ו c cbc wc ו;ין in £ des }Mischen Volkes. In einer Zeit, wo — mit Recht — unsere zionistischen Gedanken vorwiegend auf die Vcrwlrklklumg des PaläsUnahcims gerichtet siiv.l und Fragen praktischer Natur in der zionistisdicn Fresse un i der mürulliclicii Diskussion dominieren, — in einer solchen Zeit ist cs gut, wenn inan mitunter von den geistigen Grumteten der jüdischen Bewegung miteinander redet. Um keinen Preis wollen wir cs zulasscii, daß der Zionismus zur Parteiumsdiine und nun Transportunternehmen entartet und die Probleme der Gefdaufbringung, der Siedhingsformcn usw. das in Vergessenheit bringen, was allein den legitimen Sinn der Pcv>׳cךun.ך bildet. Es besteht kein Zweifel, daß die Not der indischer, Massen, die in Ausweisungen, Verfolgungen, 111aterieller Verelendung ihren tragischen Ausdruck findet, eine *!?«entliehe Bedingung unserer zionistischen Entscheidung darstellte, Wir erkannten, daß die Problematik der Judenfrage in der Heimatlosigkeit begründet liegt und mir dadurch eine radikale Lösung herbeizuführen sei, daß im Lande der Vater ein Zentrum jüdischen Lebens errichtet würde. Was aber'über all diese Erkenntnisse hinaus den Zionismus »nn Urerlelmis unserer besten Menschen gestaltete, das war die brennende Sehnsucht nadi Erneuerung des jüdischen Menschen. I>ic morschen Grundlagen, auf denen das Judentum unserer Tage ruld, wurden unserem Bewußtsein lebendig; das innere Ghetto, von dem keiner von uns sich frei wußte, lastete schwer auf unseren Schulten! und «!achte t«w m Empörern gegen die hergebrachten Formen jüdischen Lebens. Wir zürnten der ■Välcigcncration, aber der Einsichtige lernte bald erkennen, daß hinter all dem Abkhncnswertcn historische Notwendigkeit verborgen lag. Es wäre Selbstüberhebung, wollte mau siel! zum Richter aufwerfen über Menschen, deren ״Schuld“ cs ist, daß sic dem Zeitgeiste verfielen, und die nur das Schicksal des tausendjährigen Ghetto nicht nt meistern verstanden. Mit historisch geschultem Blick haben wir das Sein dieser älteren Generation zu überschauen, und ms:re Wertungen haben rieh frcizuhnlten von den engen Begriffen eines Gut und Böse. .Unabhängig aber von dem Verständnis, das wir diesen Menschen einer — hoffentlich — gestrigen Zeit entgegenbringen, muß in uns der Wille leben, ein erneutes Leben zu gestalten und dem kommenden Geschlechts den Weg zu freieren Dascinsmöglichkcitcn zu bahnen. Es gelte das Niet/• sehe Wort: ״An meinen Kindern will ich cs gut machen, daß ich meiner Väter Kind bin; U11J an aller Zukunft — diese Gegenwart.“ strecken sich neugierig vor ule Lampe. Sie habet! es pst, sie halten sich dunkel, und auf Hin allein fällt mit dem Licht die Schande, ein Ge-lebt zu l)b;:\;n Jungen blieb mir die Wahl, ״das uiigcliihre leb:» nachzuHl :־nt, das de ihm zuschrubcn und ihnen allen mit dem ganzen Gesicht ähnlich zu werden oder es aufzugeben, das zu werden, was denen aus seiner Familie, die nttr noch ein schwaches Herz haben, schaden könnte". Und er ging. Lest dicro Legende, die ein erschütterndes dichterisches Dokument darutcllt für jene grauen• hafte Atmosphäre, Ir» der sieh ,,!-'״milictilcbcj!" vollzieht und Anklage, leidenschaftlichste Anklage licrausuchrcit. Und er• kennt, daß gerade uns, dem׳ r.-cucn Gesdiledite heimkehrender Juden unendliche Aufgaben erwachsen. Was hier in wenigen Strichen gezeigt fit, ist nidit eia beliebiges TcilproMcm der pädagogischer» Wissenschaft, nodi viel weniger ideologische Unlciiialtungsliteratur, sondern es ist für mein Empfinden der Angelpunkt der. gesamten Erzichung. Es ist ein betrübendes Symptom, daß die zionistische• Publizistik sich (nach meiner Kenntnis)!!och nie mit diesem Problem befaßt hat. Unstreitig dürfte sein, daß von der Frage, ob cs gelingt, die jüngste Generation in unserem Sinne zu erfassen, die Zukunft unserer Bewegung nbhiingt. Man sollte nicht so kurzsichtig nein und etwa glauben, daß die Aufnahme jüdischer Inhalte, die man — auch nur brockenweise — vermittelt, eine Zaubcrwirkimg Itcrvorrufcp könnte. So notwendig dies alles sein, mag, entscheidend ist, ob wir fähig sind, unseren Kindern eine neue Form des Lebens vorzuleben. Entscheidend ist, ob wir 'cs fertig bringen, die naturgegebene Prolcsislimnuuvj der Jungen gegen die Alten in gesunde Bahnen z.11 lenken und der Jugend zu ersparen, gegen uns eine ״Jugendbewegung“ zu inszenieren. Wer ist 80 naiv, als daß er nicht mit der Möglidikcit rechnete, daß diese jüngste Jugend uns verlacht, wenn wir ihnen von Judentum und Palästina erzählen? Wer ist 80 dogmengläubig, tun nidit den Gedanken zuzulasscn, daß unsere Kinder den Zionismus 01s reaktionäre Ideologie mit einer Handbewegung abüm und mit weiß Gott was für Ismen }׳egen uns in Rebellion treten? Warum lebt man in unseren Kreisen so gelassen und so unlcbcudi״ dahin, und warum wird wohl hier und da mal die Frage eines jüdischcr» Kindergartens oder einer jüdischen Schule diskutiert, aber nirgends das Problem in seiner Totalität entrollt? Dieses Problem aber heißt: Wie erreichen wir es, den unseligen Kampf der Generationen cin/.udämmcu und endlich, endlich das Elternhaus in den ihm gebührenden Rang zu erheben? Wie schaffen i wir die organische Verknüpfung mit den früheren Geselltet!!* (ein, wie entliehen wir unecre Kinder vo;1 der Losgcldsrlieit, an der wi r krankten, und wie bereiten wir ihnen eine Heimat? Ich bin nicht vermessen ,genug zu wähnen, daß ich diese Frage an-rcicheivd beantworten könnte, Eine eingehende Erörterung des mich viel beschäftigenden Problems verbietet allein der Rahmen eines Zeitungsartikels, Nur einige Gedanken will ich no.11 wahllos ancinanJcrrcihctu In diesen Zellen soll nicht d1׳c Frage erörtert werden,!wie man der hcranwachscndcn Generation jüdische Inhalte vermitteln 90'J, um ihr dadurch das Judentum als eine lebendige Existenzform zu demonstrieren. Es soll vielmehr der Versuch gemacht werden, ein allgemeines Problem der Erziehung aufzuzeiten, daß ul E. seine besondere Bedeutung für die jüdische Erziehung hat. Das Judentum hat eine bestimmte Formt von Gemeinsamkeit entwickelt, für deren Kennzeichnung sich der Begriff ״jüdisches FanrUeiüebcn“ hcratisgcbi'.det hat. Das ״jüdische Paniilien’.eben“ bildet einen Gegenstand des Stolzes unter den Juden und der Bewunderung selbst unter antisemitischen Nichtjuden. In diese fast zum consensus oninium gewordene Anschauung Bresche zu legen und neue Wege zu weisen, ist der vornehmlich sie Zweck dieses Aufsatzes. Id» spreche cs offen aus, daß ich in der Atmosphäre, die die jüdische Familie verkettet, eine ungeheure Gefahr für die seelische Integrität des Menschen erblicke. Niemand wird leugnen können, daß die Gnindstimnmng des ״ko! arcwiir! sch ba sch“ ein erfreuliches Symptom und zu begrüßen ist. Soweit es sich also um die Erzeugung des Gefühls der Gemeinbürgschaft und der Geborgenheit handelt, ist das jüdische Familienleben Vorbildlieh und unangreifbar. Den Angriffspunkt bieten allein die Formen und Methoden, überhaupt der ganze Rhythmus, in dem sich das vielgepriesene Zusammenleben abspiclb Eine Hölle von Dumpfheit und Enge eröffnet sich, eine Atmospliäre, die einen ersticken macht. Die Sorge der Eltern um die Kinder entartet in Angst, das übersteigerte Gefühl der Verantwortung wird zur tmgemerklcn Verantwortungslosigkeit. Daß Gott bchüte sich das ״geliebte Kind“ keinen Schnupfen holt, daß um Gottes ’willen die Töchter an den Mann kommen, — immer die gleiche Verängstigung■, immer die gleiche flehende Anrufung des Judengoltcs, der wahrhaftig wesentlichere Dinge auf seinem allwissenden Kopfe hat. Das Dasein vollzieht sich in einem sclbstgcsehaffcnen Ghetto, kehl kühler Wind, kein herber Luftzug wird hiiieingelnsscn in diesen vergitterten Käfig, wo angeblich Liebe herrschen soll. Was aber ist das für eine Liebe, die den Bezogenen ,Gegenstand zum unfreien Menschen macht und ihn seiner SclbsthcrrHchkcit, seiner Kraflfülle beraubt. Das schöne Ri’.kewort aus dem ״Requiem“ fällt ein: ״Denn das ist Schuld, wenn irgend eines Schuld ist: Die Freiheit eines Lieben nicht vermehren Um alle Freiheit, die man in sich aufbringt. Wir haben, wo wir lieben, ja nur dies: Einander lassen, denn daß wir 1ms halten, Das fällt uns leicht und Ist nicht erst zu lernen.“ Der ״jüdische Vater“ gleicht ganz gewiß nicht dem pater familias des alten Rom. Mazlitwiile fehlt ihm und robustes Gewissen. Er fühlt sich nidit als ‘Herr, sondern als Dienet, Versorger der Familie. Dennoch erzeugt er glcid! jenem den Geist der Unfreiheit, und die Teuren, um deren Wohlergehen er zitiert, werden m Sklaven seiner vermeintlichen Liebe. Lest alle, die ihr sie nidit kennt, die wundcrsdiönc Geschichte, die uns der Dichter des ״Malte Laurids Brigge* tun Schlüsse berichtet, die Legende vom verlorenen Sohne, der die ״Herzwdehe“ des Elternhauses nicht ertragen konnte!11111 darum fortzog. Ein Kiml, dessen Seimen die ״innige I iKliffercnz seines Herzen:»“ war, mußte die ״Liebe“ des Elternhauses erdulden, mußte erkennen, daß die Eltern ״aus seiner kleinen Vergangenheit und ihren eigenen Wünschen ilin! hingst ein Leben gemacht hatten; das gemeinsame Wesen, «las Tag und Nadit unter der Suggestion ihrer Liebe stand, zwischen ihrer Hoffnung und ihrem ׳Argwohn, vor ihrem •Tadel oder Beifall ... Sie nehmen Ihn bei den Händen, sie äelien ihn aa den Tisch und alle, so ,viel ihrer da and, II. Ich habe oben als Forderungen der neuen Erziehung zwei Thesen aufgcstcllt, die sich scheinbar widersprechen. Hieß cs zuerst, daß es zwingendes Gebot sei, in der Jugend das Gefühl der Eigcnpcrsönlichkeit zu erwecken und dem immancnlcn Freiheitsdrang keine Zügel an wiegen, so wurde später als Ziel der Erziehung der Sinn für Dintlung proklamiert. Sind Freiheit und Bindung Gegensätze? Die Frage, ist zu verneinen. Es sind nicht nur keine sich atissrlilicßcndcn scelischcu Kategorien, sondern sie!wüt igen sich geradezu gegenscitig. Was hier unter Freiheit verstanden wird, hat nichts zu tun mit Zugci'o.-'igkeit und rein triebhaftem Sichausk.bcn. Um wahrhaft frei, u:»1 ganz autonom leben zu kömiun, bc darf cs des ruhenden Poics in der Erscheinungen Flucht. Die westjüdische Jugend hat dies begriffen, als sie sich aus der Heminungslosigkeil ihres bisherigen Lebens in den Zionismus flüchtete. Instinktiv empfand mau, daß das Fundament fehlt«, auf dem man das Dasein organisch nufbaucn könnte und daß erst durch die Verknüpfung׳' mit der GesriitechtcrkcttC, durch ritvivoües E'«ordnen in naturgegeben: Zusammenhänge geistiges und seelisches Wachstum zu ermöglichen sei. Wie über die nationale Idee der Ausdruck der Erkenntnis ist, daß man dem Volkstum wie seinem Schatten nicht cnlf ichen kann, so verlangt die natürliche Ordnung die Verkettung an die b!uf» verwandten inmgincs der Kindheit. Man braucht wirklich nid!' mit den Erkenntnissen der modernen Psychologie vertraut zu sein, um׳ zu begreifen, welch mächtige Bedeutung die Personcu der Eltern im Leben des Kiml cs bis in dessen späteste Altersstufen haben. All der Protest gegen Elternhaus, den uns Erfahrung zeigt, ist ja nur dadurch zu erklären, daß mau nicht völlig von den Eltern los kommen kann. Aufgabe der Erziehung ist es nun, diese — immer vorhandene — Beziehung nicht durch Abwehr abrcagicrcn zu lassen, sondern in positivem Sinne fruchtbar zu gestalten. Die Frage, wie dies zu erreichen ist, läßt sich natürlich gcuerell nicht beantworten, weil Erziehung ein Akt persönlichster Fähigkeit ist. Notwendige Voraussetzung Ist das Vorbild, das mau gibt, und alles kommt darauf an, daß das Kirnt die Eltern ein wahrhaftiges' und geistig reinliches Leben fahren sieht. Eine große Rolle hierbei spielt übrigen« das Ehelchcn der Eltern. (Es ist sehr verführerisch, hier einige Betrachtungen über Ehe, insbesondere jüdische Ehe ehvzuflcchtcn, doch der Stoff ist zu umfangreich und die Analyse zu bedeutungsvoll, als daß einige Parenthese״ bctncrkur.gcn am Platze wären.) Mit dem Verbilde allein ist es . nicht getan. Um das Kind menschlich an sich zu ketten, ist cs erforderlich, daß man cs nach eigenen Gesetzen entwickeln läßt. Die Erkenntnis muß sich ausbreiten, daß das Kind ein eigenes Leben fuhrt und ernst genommen zu werden verlangt und verdient. Autor'»- tat ist eine Notwendigkeit, aber sie darf nicht von vomherein beansprucht werden, sondern sic will mühsam erkämpft sein. Die Vorbedingungen für ein gesundes Autoritätsverhältnis sind stets gegeben, denn der kleine hilflose Mensch wird ganz von selbst für die Ihn umgebenden ״Erwachsend»“, die ihm gottälmlicli erscheinen, höchsten Respekt empfinden. Wird die Autorität künstlich ertrotzt, so gerät das Kind ia eine Protcststcllung, die sich in dem Maße verstärkt, als es sich iu eine ihm feindlich erscheinende Welt verstrickt fühlt. Der Kampf, den Eltern stets gegen Befriedigung kindlicher Lustbedürfmase führen müsse»! (Fingerlutschen, Fiikalieiikomplex usw.) ist hier natürlich nicht gemeint. Die Notwendigkeit, in dem Kinde soziale Hemmungen zu erzeugen, ist unbestritten, wenn auch ein wirklich bcfriedigender modus procedeudi iu der erzieluingspsychologischen Literatur meines Wissens noch nicht gefunden worden die Seele des jungen Menschen zu schauen vermag, weiß, wie stark ln ihm der Wunsch lebt, seine Kräfte zu erproben, seine eigenen Wege zu gehen und wie sehr ilun die unaulliöiliche Ucborwachung lästig Ist Audi das Kind hat sein Elnsamkcilsbcdürfnis. Die übertriebene Sorge um das Er. gehen des Kindes ist, nicht, nur, wie von ärztlicher Seite oft fcstgcstcllt, der Entwicklung hinderlich, sondern eie führt geradezu zur Entfremdung von den Ellern. Denn der unser, brauchte Instinkt des Kindes fühlt «ehr fein heraus, wie wenig diese ״Liebe“ cs betrifft, wie sehr cs den Eltern darum zu tun ist, sich in dem Kinde zu spiegeln und wie stark in der elterlichen Erziehungspolitik die (ganz nie anszuschaltcndcn) egoistischen Regungen prävalieren. All da; kann hier leider nur angcdcutet werden, und cs muß gelingen, wenn «ins Prinzip erkannt wird. Dies aber lautet: das jüdische Familienleben aus der Dumpfheit herauszuheben und auf Freiheit aufznbaucn. Ein Leichtes ist cs nicht, diese Erkenntnis in Taten timzusetzen, da uns allen, ohne Ausnahme, das Ghetto noch tief im Blute lebt. Aber wenn wir wirklich ernst machen wollen mittler Umgestaltung unserer gesamten Lebensfülirung, wenn wir ein lebensstarkes Geschlecht erziehen wollen, das Freude am Dasein empfinden soll, dum! darf cs keine Bcdenken geben. 'Nur die Eltern werden die Liebe ihrer Kinder gewinnen können, die cs durch die Art ihrer Er- Ziehung ihnen beweisen, daß sic ihren menschlichen Bedürfnisset» Rechnung tragen, wie überhaupt nur «1er einen andern dauernd an sich kettey kann, der selbstlos Licbo vergibt. Freiheit und Bindung stehen in unlöslicher Wechsel- Wirkung miteinander. Wie nur der Mensch ein innerlich freies Leben führt, der Bindungen spürt, so kann umgekehrt nur der zu Bindungen gelangen, der im Hochgefühl freiheiilieber Selbstbestimmung den Erfordernissen seines Daseins ge• recht werden kann. ״Weit icli niemals dich anhiclt, halt׳ ich diel! fest.“ Auf «ir! weiteres sei hingewiesen: die öcxttalerzichung. Wir wissen seit Freud, daß das Neugeborene Sexualität mit auf die Welt bringt und ״lange vor der Pubertät ein bis auf die Fortpflanzung fertiges Licbcswcscn ist". (Freud: Kleine Schriften zur Ncurosculchrc, S. 15L) Selbst der Laie kann das, wen.!! er cs nicht glaubt, leicht aus eigenen Beobacittungen (entstellen. Niemand wird jedenfalls bestreiten wollen, daß die Frage nach der Herkunft der Kinder das große, die Kindcrsecle immer aufs neue beschäftigende Problem des jungen Menschen ist. Wie aber wird dieser natürlichen sexuellen Wißbegierde seitens der meisten Eltern begegnet? Die Geheimtuerei■ ist nllgemein verbreitet, die nur durch dis eigene schlechte Gewissen in rebus scxuaiilms zu erklären i-t. Das Ergebnis derartiger Erziehung ist sattsam bekannt. Zweierlei wird erreicht: Erstens wird das von anderer «ml ungeeigneterer Seite' ,,aufgeklärte“ Kind alles Geschlechtliche als etwas Gemeines und Vcrabscltaiiingswiirdigcs betrachten und wird künstlich in die Neurose liineingctricben. Und zweitens erleidet das Kind-Eltcmvcrhältnis dadurch eine schwere, oft nie mehr gutzumachcndc Schädigung. Das Ver* trauen des Kindes schwindet, Lügnern (Storchfabcl usw.) glaubt cs nicht mehr. Es rächt sich, indem es den Eltern die wesentlichsten Vorgänge seines inneren Lebens verschweigt, Die Eltern werden zu natürlichen Feinden. Es kann nicht gut bestritten werden, daß für die — als krank- ' fjaf{ ,zu empfindende, «veil unnatürliche _~r..Entfremdung von den Elter!» in . erheblichem Maße die unmögliche Sexual- ' crziehinijj die psychische Actiologic bildet. Wer hier ciiiwcmlet: Das mag ja alles' ganz interessant und sogar richtig sein, aber das gehört in die allgemeine Erzicliuiigspsychologic und hat mit zionistischer Erziehung nicht ■ das. mindeste zu tun — nun, diesem Mitbürger ist nicht zu helfen. Der Leitsatz diese?! Aufsatzes lautete: Der Zionismus ist die Rcnaissancebcwcgung des jüdischen Volkes. Was uns den Weg zmn Zionismus finden ließ, war nicht allein das Wart Palästina und die Begriffe der ״Judcimot“ und des 1״ Icbraismus“. Das alles hätte die Sehnsucht, die in uns rumorte, nicht händigen können. Wir wollten mehr: Wir wollten dem neuen jüdischen Menschen den Weg baimen helfen. Wir wollten, daß Gesundheit, Ursprünglichkeit und LebensfüHe ihren Einzug hielten in die kommenden jü• dischcn Geschlechter, daß endlich, endlich die Nacht des Ghetto weichen und das Wort ״Jude“ einen neuen geläuterten Klang erhalten solle. Bietet somit die Aüffassung des Zionis* mus als Streben nach Totalcrneuerung der jüdischen Lebensformen allein schon Grund genug, das Thema der jüdischen Familie in eine zionistische Diskussion einzubezkhen, so erscheint die Veröffentlichung vorstehender Gedanken aus einem eminent praktischen Gesichtspunkt geboten. Die Zukunft unserer Bewegung — so hieß cs an früherer Stelle — hängt davon ab, ob es uns gelingt, der jüngsten Generation die Jugendbewegung gegen uns zu ersparen, die unweigerlich clnsctzcn wird, wenn die Erziehung nicht auf Vertrauen und Ehrlichkeit gegründet Ist. Zwingen wir unsere Kinder zur Rebellion, dann ist das Ende des Zionismus gekommen. Die nationale Idee erblickt in der Nation das notwendige Bindeglied zwischen Menschheit und Individuum. Wir ' assi• milierten Juden wurden Zionisten, als wir erkannten, daß in der höheren Volkspersönlichkeit die Wurzel unseres Individuellen Lebens ruhte. Ohne das Medium des Volkstums ist eine schöpferische Entwicklung des Menschen undenkbar. Doch die Reihe Menschheit — Volk — Individuum ist nicht voll• ständig. Es fehlt der Begriff der Familie, die (len jugendlichen Menschen ziun nationalen Erlebnis führen muß. Daß die meisten unter uns den Sprung zum Volke ohne, ja gegen die Familie tun 'mußten war historische Notwendigkeit. De» Zionismus konnte nur im Protest entstehen. Es bleibt aber zu begreifen, daß die Situation der ersten zionistischen Gene* ration eine einmalige war. Die gewaltsame Ausschaltung der Familie als Erlcbnismittel rechtfertigt sich nur als Ausnahmezustand und wird noch von den Entfremdetsten als Unglück empfunden. Die zweite zionistische Generation muß sich uns innerlich zugehörig füllten, um ihrct-, un! unser- und um des Zionismus willen. ״Sozialismus ist Arbeit an der Menschheit, die, innen und mißen, Wirklichkeit werden soll; und solange Völker, die sie seihst bleiben und doch die Menschheit bilden, andere Völker dulden und siel! mit ihnen zum Bunde vereinen Rollen, gegen ein einziges Volk Unrecht begehen oder begehen lassen, solange ist der Weg zur ist. Was hier zur Erörterung steht, i3t allein der Freiheiutrieb j Menschheit versperrt.“ ׳ des bereits zur Anerkennung der natürlichen Hemmungen Gustav Landauer, am 5. November 1913. fortgeschrittenen jungen Menschen, Wer nur ein wenig in ׳ .