Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVII (1922)
- Issue
- Heft 89 (10.11.1922)
- Date
- 1922-11-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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!׳. SU» f.c"־isse | rrnucti, Pra:vi■'1 »eimi! |c׳! wlr,| iS* 1 |H’eu für ׳ imc der Üteill;!. |M11 cns l». tV־t\, I!1■'plant, l> wird, f n, der selb;!, [וחיי men, I VCill », f it's'.ainl It-Mrlxit |"'(rdtn, jtcrkoHc• I werden jbsehc:» [können, ften fJr jedem!unseren |r unser Kraft, | cs tat. cn 5c II. tri, wir tünnen; |1q des Frei•!fehlen. j־e hat,!kennen stellt. Jisitioi» |1t vor• 10־ de* Idina“,!Förde• m Kr. 00 K k. L. auf sc1״e wirksam werde, so hat tatsächlich der K. K. L. bisher nur eine Anzahlung von 2000 Pfund (mpfm1ße״ •״^‘,,lici־ muß *lc־f K. K. L. vorläufig die für seine ynifpabeM lU'tigeii Mittel aus eigener Kr^ft «auf-!,rinn«"• V*’”"* CfSribt sich mit zwingender Notwendigkeit fine Intensivierung der Arbeit, die wieder voraussetzt, daß die Arbeitsgebiete beider Organisationen genau abgegrenzt werden, mul zwar mit grolltet lksebleuuigun״. per eingehenden Besprechung der Satmnclcrgebnissc im ,^gelaufenen Jahr geht in dem Bericht eine kurze, ni• fimnicnf.issciKle Darstellung voraus, Das Hauptbüro bczcich• litt efen Erfolg der Spcndeiisamuihiiigcn im ahgelaufcncn Jahr ,1s durchaus unbefriedigend, ein Urteil, dem sich eine fhjeklive Betrachtung nnschließeii in 11(1. Die Jahrcsstimmc von 1:$00ß PfiiiKl (hiervon entfallen 2000 Pfund auf die An• ulilnug des Keren Hajcssod) stellt gegenüber <lcr Jahrcssuimnc ,1 הס‘K’O einen Rückgang von 20 •’ י dar. bin so erheblicher Rückgang war seit Begründung des J. N. F. noch ficht zu verzeichnen, so daß ernsthafto Schlüsse aus dieser Tatsache gezogen werden müssen. Als Begründung für das tctlaucrlichc Ergebnis des Icl/len Jahres wird von dem Haupt- >,uro die fortschreitende Valu'.i verschlechte! ung in weiten Gesietert Europas, die Wirtschaftskrise in der ganzen Welt, und insbesondere die Betätigung für den Keren Hajcssod, von der >;!1011 vorher erwähnt wurde, daß sie die Tätigkeit des K. K. L. 1״I die Sammlung von Ciclcgeiiheitsspcndcn verwiesen hat, ,aan dazu führen, daß die Rentnbdilät der K. K. L.-Sanmilungen!ich fortlaufend stark vermindert. Es ist eine bekannte Tat• uche, daß gerade diejenigen Sammlungen, die sich aul kleine •pcndcnsunimen beziehen, unverhältnismäßig hohe Unkosten haben müssen. Erfahrungsgemäß folgen in den niedrig-!aliit.irischen Ländern die Organisaliousunkostcu notwendiger•!!eise der Geldentwertung, während der Spender die Vcr•!;Mcchterung des Geldes nicht entsprechend berücksichtigt. [5 wird demgemäß eine der wesentlichsten Aufgaben des Hauptbüros sein, die einzelnen Sammelzweige auf ihre Ren• nbilität hin zu prüfen und seinen Einfluß bei den einzelnen ümniclstcllcu dahin geltend zu machen, daß die Arbeit bei;,.len Sammclntitteln, deren Unkostenkoeffizicnt über ein bc•!:immtes Maß hinausgeht, einzustcllcu ist. Der Bericht des Hauptbüros gibt in Tafel I eine Zu- »nmcnstellung der jährlichen Sanitiiclergcbnisse in Pfunddhrung umgcrcehnct, die deutlich die aufsleigcnde Tendenz Kit Gründung zeigt. Diese Aufstellung, die nachstehend »iedergegeben wird, enthält die Bruttoziffern der gesamten {;zielten Spenden, von denen einerseits die Vcrwaltungs•;־.tosten, andererseits die seit Kriegsausbruch entstandenen, cht unerheblichen Kursverluste abgehen: 1016: pirzcm ■׳eben, 1, daß I durch tischen Itional• lseincr kann!voran• 11t des litliclia [igimg ladung |s der [1 des man |f gent• 2«־ i : £ 41.300 1919: £ 21.200;505: 9.500 ״ ״ :1911 27.100 :m: 10.100 ״ ״ :1912 29.500 m: 9.700 ״ ״ :1913 40.600;008: 13.700 ״ 19t4: ״ 29.800 »39: 20.200 ״ ״ :1915 25.300 ln zwei weiteren Tafeln sind die K atise geordnet, für 1921 und 1920 1017: 1018: 1019: 1020: 1021: 37.300 64.503 86.300 130.700 161.300 128.000 )ihre nicht nur in Pfundwährung, sondern, wie ich an gleicher :alle im Vorjahre empfohlen hatte, auch in den Landes• dhrungen. Die beider! Tafeln sind außerordentlich instruk• r und lassen sowohl einen deutlichen Rückschluß auf die Tätigkeit der einzelnen Sammelstclicn wie auch auf den sbjektiven Wert des Sammlungsergcbnisses zu. Es zeigt sich;entlieh, wie in den Ländern Mitteleuropas selbst die eifrigste ai erfolgreichste Arbeit durch die Valutacntwcrlung in» •ehr bedingt zu materieller Auswirkung kam. So hat z. B, Polen seine Erträgnisse im Jahre 1921, in polnischen Mark wchnct, um 729 */# vermehren können, bei Umrechnung י englische Pfund jedoch einen Rückgang um 12»/» auf- :»eisen. Auch Deutschland kann in Mark eine Steigering von 18 *0 in den Vergleichsjahren 1921 und 1920 auf- ׳‘■־eisen, bei Pfimdberecfinung ergibt sich aber ein Minna von ho. Für diese durch die Valutacntwertung bedingten Mindertrträge sind die betreffenden Sammelsicllen selbstverStänd- A nicht verantwortlich zu machen. Dagegen muß es die Kritik sehr bemängeln, wenn in hod! valutarischen Ländern Rückgänge cintrelcn. Bedauerlicherweise trifft dies gerade •d die Länder mit bester Valuta am meisten zu: England hat ein Minus von 57 ס/י Argentinien ס/י 71 ״ ״ ״ Holland ס/י 40 ״ ״ ״ Schweiz ס/י 35 ״ ״ ״ Frankreich 7,» 67 " ״ ״! Verein. Staaten von Amerika ס/י 13 ״ ״ ״ vom Hauptbüro häufig in sehr rücksichtsvoller Weise l'ltbenen Begründungen für diesen Rückgang erscheinen niclit | hdihallif׳, E« wäre zweckmäßig, eingehend zu prüfen, ob!!*זז bedauerliche Rückschritt durch eine mangelhafte Arbeit m LaiKkcsammclsle'le oder auf die bereits vorher mehrfach ,r*ät1nte Beeinträchtigung durch den Keren Hajcssod zurückj 1־‘führen ist, ׳ Die Tatsache, daß einzelne Länder ihre Erträgnisse auch iי Pfumlwährutig sehr erheblich steigern konnten, wie z. B.: Me&opotamien Rumänien Ostgalizien Ufauen-Kowr.o Bukowina Schweden Ungarn Norwegen um 53 «/o 0׳,״ 80 <» 25 סיי 220 5,״ 205 159 */o 102 «/« 69 ס/״ ujw. j1 whi den Schluß zu, daß der Rückgang in den Erträgnissen 1 "vorher erwähnten Länder auf mangelhafter Arbeit־beruht. . ^cr Bericht des Hauptbüros gibt auch in diesem Jahre 2 ".ן^tr «ine Berechnung der Kopfquoten der einzelnen Länder 1It!11 V). Diese Tafel könnte zwerkmäßigcnve'sc in Zukunft j/;fal!rn> da sfe zweifellos ein falsches, verzerrles Bild von •'■1 f Artung der einzelnen Länder vermittelt. EH« Kopfquoten ' in der Weise errechnet, daß das Sanvmckrgebnis durch dcr d<:m betreffenden Lande lebenden Juden er* wird, Es wird hierbei übersehen, daß es bei dieser 'f י’״■•'! auf die Zahl der Juden, sondern auf die Zahl pj״,. Spender ankommt, um eine 11 Wcrtmaßslnb für die!ן ,v1'. der Einzclspendcn zu gewinnen. Selbstverständlich |^dtn bci dtr *0יי Hauptbüro vorgcnomnicnen Berechnung 11!b .1''*5,י m*t geringer jüdischer Bevölkerung am besten * Sf'*1e denn a!1eh an erster Stelle in dieser Quote Straß* lemenfs niit 500 Juden, an zweiter Stelle China mit 2500 C\«״ driller Stelle holl. Jndien mit 200 Juden, an vierter jj« NciiseelatKf mit 2500 Juden und an fünfter Stelle Film- I "1)250 1יי Juden steht. Wenn es technisch durchführbar i «״l.**6״ Kopfquote, bezogen auf die Zahl der Spender, *״•ch festzustellen und auf diese Weise die Höhe der JUEDISCHE RUNDSCHAU einzelnen Spende 11 summen ln den verschiedenen ländern nt vergleichen, so wäre eine derartige Tabelle außerordentlich wertvoll. Die in dem Bericht aus der Kopfquolc gezogene Lehre, nach welcher unser Volks*chatz eine Jahrcscinnahme von etwa 40 Millionen Pfund erhielte, wenn sämtliche 16 Milli• oiven Juden in der ganzen Welt die gleiche■ Kopfquolc opferten wie die in dem fernen Straft Settlements, hat doch wohl nur den Werl eines interessanten Reehcnkuiiststücks. Russland Kämpfe in der Moskauer Kulturliga Der Sonderberichterstatter des J, C. B. in Rußland meldet über den Zusammenstoß zwlichen den jGd Irschen Kommunisten und den linken Poale-Zl 0 n in der Moskauer Kulturliga; Die jüdischen Kommunisten bildeten die Mehrheit der Versammlung, von den linken Poalc-Zloriisten war bloß eine kleine Gruppe anwesend. Während die Poale-Zionlsten aus dem Saale lilnausgcdrringt wurden, kam es zu gcwalt• samcn Szenen, indem mehrere Männer geschlagen, ihre Kleider zerrissen und Frauen von den Treppen hinuntergeworfen wurden. Die jüdischen Kommunisten hatten zu dieser Versammlung alle Kräfte mobilisiert, Es waren zuerst Versuche gemacht worden, die Poale-Zion aus der Versamm• 11111g aus technischen Gründen a 11 sz 11 schließen, cs gelang aber 40 Ponte-Zionisten, der Versammlung beizuwohnct!, Zu Beginn der Versammlung erklärte der Redakteur der jüdisch-kommunistischen Zeitung ״Emes“, Herr Litwa* koff, daß das Gebäude des Jüdischen Künstlcrtheaters, in dem die Versammlung stattfand, unbeschädigt bleiben inuß, geschehe, was wolle. Diese Worte dienten den jüdischen Kommunisten als Signal zum Kampfbcglun. Die Poale-Zionisten versuchten zu protestieren, cs wurde jcdoclt ihren Vertretern das Wort nicht erteilt. Da• gegen wurde der Antrag, den Poalc-Zlouislcn das Recht der Teilnahme an der Versammlung abzusprechen, mit einer Mehrheit von 3C0 Stimmen angenommen. Der darauf entstandene Tumult dauerte zirka eine Stunde. Die Poalc-Ziouistcn wurden in Haft genommen, aber bald darauf frelgclassen. Die Juden in der Roten Armee Moskau. (J. C. B.j Die soeben hier veröffentlichte offl• zielte Statistik des Bestandes der Roten Armee und der Flotte teilte interessante Zahlen über die Teilnahme der Juden in der Roten Armee 1md der Flotte mit. Laut dieser Statistik macht die Zahl der Juden 1,9 ״>, die der Tataren 3״/# und die der Ukrainer 0,1 ס/י des gesamten Bestandes der Roten Armee aus. Im Jahre 1021 bildeten die Juden 0,8 To der Roten Armee. In der russischen Sclnvarzc-Mccr-Flottc isl der Prozentsatz der Juden 2,0 ס/י, in der Kaspischcn-Mecr* Flotte 1 go, in der Baltischen Flotte 5 «;*. ln der ukrainischen Roten Armee machen die Juden 4,7 "A aus, ln den Junker• schulen ist die Zahl der Juden 2,8 *A, in den höheren Militärschulen 3,4 ״/». Die jüdischen Kommissare ln diesen Schulen machen 5,0 "b der Gesamtzahl der Kommissare aus. Die Statistik stellt lest, daß unter den jüdischen Soldaten kein Analphabet zu verzeichnen ist. Kredit des Joint na Idgcskom Moskau. (J. C, B.) Joint D. C. hat beschlossen, dem Idgcskom größere Kredite zu gewähren, in erster Reihe werden die folgenden Kredite In Aussicht genommen: 40 Milliarden Rubel für Holzbeschaffung in Odessa und Niko'ajcw, 2000 Dollar für das jüdische pädagogische Institut in Ch.־ykow, 50 000 Dollar für Versorgung der Bevölkerung mit Kleidern und Schuhwerk, 5000 Dollar regelmäßiger Kredit für die Schulen, 30 000 Dollar für die Wiederherstellung der durch das Idgcskom erhaltenen Anstalten, 12 030 Dollar als monat* licher Kredit für die Ernährung der Bevölkerung in Er* gänzung der Ernblmingstätigkcit der ״ARA“. Oesterreich Akademischer Antisemitismus Wien. (J.C. B.) Die sozialdemokratischen Abgeord* neten der Provinz. Steiermark haben im österrciejaischen Par• lament wegen der Niehtaufnahme von Juden in die Bergakademie zu Leoben (Steiermark) eine ln• Icrpcliatioi! oingchracht. In dlc'cr wird ausgeführt, die Universitiitsprofessoren und •behürden von l^ohen dächten gar nicht daran, daß nie Beamte der österreichischen Regierung sind, sie fühlten sich nur als Angehörige dcutscluiaSionalantisemitischer Vereinigungen. An der Montanlioelisdwlc zu Leoben studiert kein einziger Jude, ein jüdischer Studierender wurde mit seinem Inskriptionsautragc bereits zum dritten Male abgewiesen. * Antisemitische Tumulte auf dem ״Hakoach“• Sportplatz Wien. (J. C. B) Während eines Fußballmatch zwischen dem jüdischen Sportklub .,Hakoach" und dem österreichischen Meisterschaflsklub ״Rapid“, der auf dem ״Hakoach“-Snortpfatz in Anwesenheit von mehr als 200ß0 meist christliclien Zu• schauem abgchaltcn wurde, kam cs zu antisemitischen Dcmon• stratiouen gegen die jüdischen Spieler. Nach Schluß des Match überfiel die antisemitische Masse die jüdischen Sportler I und mißhandelte sic schwer. Audi die jüdischen Zuschauer wurden auf dem Sportplatz und auf den! Nachhauseweg bc- I schimpft und mißhandelt. Der Sportplatz: selbst wurde zum I großen Teil zerstört. Die Polizei mußte Verstärkungen heran* ' holen, um die antisemitischen Massen nuselnandcrzutreiben. Die Wiener Presse drückt über diese unerhörten antisemitisehen Exzesse, die im Wiener Sportlcben ein Novum bilden, ihre schärfste Mißbilligung aus. Kleine Nachrichten Am 18. November feiern Herbert Samuel und »eine Gattin das Fest der Silbernen Hochzeit. Zur Feier des Tages werden verschiedene Ehrungen vorbereitet. Im Regicrung״,:tehli11de soll eine Aufführung des ״Sommernacht»• träum“ statlfindcn. Das neue jüdische Viertel ln Tiberin» erhielt den Namen ״Kirjatli Samuel" nach dem Oberkommissar. Der erste Transport von Maschinen für das Ruten• berg-P rojekt ist in Palästina einaetroffen. Seite 501 Die französischen Juden und der Weltkrieg Von Dt, Paul Am 1 nn, Paris. Der zentraleiirop.'iische Jude fühlt sieh in seinem Nach• denken über den großen Krieg durch ein moralisches Un• behagen gehemmt: er hat sich im Verdacht, auch aus einem gewissen Ressentiment heraus schärfere Kritik zu üben, weil man ihn nicht gefragt, nicht gehört hat. Was geschah, ist ohne ihn geschehen, Es ist noch nicht laut genug gesagt t worden, daß, was Mitteleuropa betrifft, nichts so sehr die Legende vom allmächtigen jüdischen Einflüsse zerstören konnte, als die Art, wie die ־,er Krieg entfacht und geführt wurde. Auf Seite der Zcntralmiietile gab es keinen jüdischen Staatsmann, Diplomaten oder General; man hat trotz, aller Archiv• Wühlereien auch nirgends die Spur verborgener jüdischer Kriegs• hetze autlindcn können. De Treiberdienste der jüdischen Journalisten waren sekundär und erzwungen; erst vom jüdischen Rcsers cleutuaut der österreichisch-ungarischen Armeen abwärts setzt eine aktive Mitwirkung des Judentums ein. Gerade dieses Fehlen jüdischer Umtriebe beim Ausbruch und allen entscheid enden Wendepunkten des Krieges der Zentral• mächte schiebt beim Zusammenbruch das Judentum oder viel• mehr einige ideal gesinnte oder verstiegene oder auch brutal vergettungssiiehtige Juden in den Vordergrund; bei der damals versuchten politischen Neueinstclteng ersehenen gerade Juden als völlig unverbraucht, nicht zu ihrem Heil. Antisemitismus hatte sie von politisch und militärisch leitenden Stellen fern gehalten, ihr Eingreifen nach der Niederlage bewirkte ver• stärkten Judenhaß und die Mordtaten an Eisner und Landauer bis zu Rathenau. Dis französische Judentum hingegen war trotz des Antiscmltismus einiger Royalisten weder in der Armee, noch in der Verwaltung, noch h» der politischen Leitung des Landes von höheren Stellen ausgeschlossen; dieser Umstand schuf von Anfang bis Ende des Krieges eine viel greifbarere Vcr* bundenheit mit allem Geschehen, Zu diesen gewissermaßen materiellen kamen allerlei moralische Faktoren. Das Ressonti• ment der französischen Juden kehrte sich durdvaus gegen Deutschland. Sic stammten größtenteils aus Elsaß-Loth• ringen; dort wäret! sic 1789, 60 Jahre früher als überm Rhein, bürgerlich frei geworden, und auch die Annexion von 1871 bedeutete für sie eine gesellschaftliche Minderung. So hatten viele als Optanten die Heimat verlassen und sich meist in Paris angcsiedclt. Solche Familien, in denen der Vater oder der Großvater oft ein Poilu von 1870 war, wurden natürlieh kein Ort deutschfreundlicher Gefühle. Vor allem aber wirkte da eine ganz positive Kraft: die Dankbarkeit gegen jenes gastfreundlich« Frankreich, das nun in der Not eine Schuld einzufordern schien. Nur «och in einem Lande bin ich bei Juden einer so schwärmerischen Vaterlandsliebe begegnet: in Ungarn. Einige der näheren Umstände mögen in beiden Fällen gleich sein: das milde, azurrcichc Land, in dem״Milch und Honig“ fließt, das südlich lebhafte Volk voll politischer Leidenschaft, eine bestrickende aristokratische Geselligkeit;aber in Ungarn bot die wirtschaftlich-soziale Rückständigkeit des Landes den Juden einen großen, allzu großen Spielraum, auch ließ die Jugend des ungarischen Schrifttums, der ungarischen Kunst den Juden nur die Wahl, kulturell ins Engere und dort auch minder Entwickelt? hcrabzusteigen oder daneben auch an der deutschen Kultur featzutialtcn. Eine gewisse bevormundende Ueberheblichkcit, die sich aus dicter Stdhmg ergab, hat zu der bekannten Katastrophe geführt, die heute das Dasein der ungarischen Jurlcn so trüb macht. Auch in Frankreich trat das Judentum mit einer gewissen UcbcrScgep• heit auf; aber diese beschränkte sich nur auf gewisse wirt• schaftiiche Dinge und entstammte vielleicht eben so sehr deutscher Schule ais jüdischen Gepflogenheiten; niclit ganz ohne deutschen Einfluß ist auch die ausgesprochene philo• logische und soziologische Befähigung einiger jüdischer Sor• bonnsgrößen geblieben. Aber weit wichtiger war der un• gehemmte Zutritt zu hohen Lehrämtern, den ihnen das offlzielte Frankreich gern gewährte. Kamen die Juden auch hier als Gebende, so waren sie in dieser hoch entwickelten Zivilisation mit volle:! Händen Nehmende. Vor allem gingen sie sprachlich rasch Im Wirts• Volke auf und die Aneignung dieser temschattiericn, beweglich sicheren Sprache war eine unvergleichliche Erziehung. Dem Bildungshungrigen eröffnetc sich ein unendlich reiches Schrifttum, das, wenn nicht bedeutender als das deutsche, so doch um Jahrhunderte älter und selbstsicherer war. Diese sfchere Form erstreckte sich bis auf jeden Einzclzug des Alltagslebens, auf die Art zu wohnen, die Betten zu machen, zu sprechen und Mahlzeiten einzunehmen und gesellig zu verkehren. Ein gewisser relativer Abstand zum echt französischen Wesen ist wohl wahrzunchmers, aber jedenfalls hat diese Verschiebung ans französische hier In das Leben der Juden einen Zug gebracht, der Ihnen in den meisten Ländern fehlt: er ist plastischästhetischer, Uchrigcns soll mit alledem nicht absolut gewertet, es soll nur angcdeiJtet werden, wie fest und mannigfaltig unsere Brücken überm Rhein mit einer von der deutschen sehr verschiedenen Kultur verklammert und verwachsen sind. Daß ihr Selbstgefühl von Kind auf dort weniger leidet, daß ihrer Tätigkeit minder engere materielle Schranken gesetzt sind, ist jedenfalls ein absoluter Vorteil. Etas französische Volk kennt keinem Antisemitismus wie der Deutsche. Die Klagen französischer Juden über Judcnfcvndschaft sind wie die der Prinzessin auf der Erbse aufzumehmen. Die niederste, ungehemmteste Literatur an den Wänden der Bedürfnisanstalten ist frei von judenhetzerischem Schmutz. Das scheint mir ein ganz schlagender Beweis bei einen» so gern' schreibenden, impulsiven Volke. Die Gegenprobe auf deutschem Gebiete ist nur allzu leicht. Es läßt sich verstehen, daß sie mit Leidenschaft für das Land cintreten, dem sie das verdanken. Es liegt auch die Meinung nahe, das französische Volk als rin lebhaftes, südliches, witzig schlagfertiges, scharf bcobach* tendes Geschlecht stehe tatsächlich den Juden näher, ich möchte nicht für eine solche Behauptung einstehen. Unser Volk hat zu alten Kulturvölkern Immer Brücken gefunden, von verschiedenen Seiten seines Wesens aus. Es mag nt■! seir., daß die zu Frankreich von flacheren, bequemeren Ufcrstcllcn hinüberführen. Jedenfalls komvten steh während und nach dem Kriege hochstehende Juden mit der bloßen Glorifizierung Frankreich* und dem Triumph über Deutschland nicht zufrieden geben. Gerade aus Ihrer Liebe zum Lande erwuchs ihnen eine kritische Einsicht, die den Weg des offiziellen Frankreichs als verderblich erkennen ließ. Unter den kriegsfeindlichen Autoren, unter den Kritikern der Friedensverträge *iml Juden hervorragend vertreten. Ich nenne nur die Bücher von Leon Werth (Clavel *oldst. Clavel eher le* majors). Aber wenn hier such ur-