Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVII (1922)
- Issue
- Heft 65 (18.8.1922)
- Date
- 1922-08-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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A 1־ t!1 u r R u p p in, In kurzem weiden 5 Jahre vergangen sein, seitdem Im Dezember 1917 General Allcnbv mit seinen siegreichen Tnippen in Jerusalem c inzog und Palästina 11? ז;ין der Linie Audsch 1־Ra111a!'al1 berefzte. Neun Monate rach diesem riuzuge Iie’,;uu-U der Norden Palästinas in seine 1 lande.!>ic militärische Verwaltung des Landes (furch die Eng',fintier dauerte bis zum 1. Juli 1920 und wirdc durch eine 7.v. i'.vcrwabii.ig unter Sir Herbert Samuel als High Commissioiicr abgclöst. .Es kann als bekannt vorausgesetzt werden, daß Düstina nach den Grenzen des ci'.glisrii-französischcn Abkommens (ohne Traiisjordameii) etwa 18000 km5 um* 113t — eine genauere Bestimmung H noch immer unmöglich, weil die Südgrenze noch nicht genau fest- *•cht. Hie Bevölkerung wurde auf Grund einer von der Regierung durch ihre Verwaltungsorgane gemachten Schatzung für den 1. Januar 1922 folgendermaßen angegeben: ,; Mohamcdaner 585 27t Ö1 risten SR 019 Juden 81 263 andere R־''i־iv-cn 7 213 Zusammen 701 '19b fnwifweit die Resultate d;:!er Schätzung den Refaüaicn einer richtigen Volks;ähiung gleichwertig sind, rüg hier dahingestellt bleiben. — Was die jüdische rccf'lkeniug be'iiif',, so entspricht die Z.if'rr von 81203!!ahrschf injich dem Stand vom Frühjahr 1021, aber nicht eichr von Ende 1021. Inzwischen (bis Mai!022) hat rieh die iikhsrhe Bcvolkeru-g durch Zuwanderung auf zirka 93 000 Seelen vermehrt, die sich wie folgt ver- {elfen: Jerusalem zirka 40 ODO Jaffa und TeKAwiw 17000 Haifa 7000 Tibcrias 5 800 Satfcd 3 600 Hebron , 600 sonstige kleine Städte 200 jüdische lardn i:;r־ha:'.l. Siedlungen 18 000 Chaluzim 01111: fe^en Shz_I 000 1 Zusammen 93 200 Im Finanzjahre 1°20 21 betrug der Import Palistinas zirka 5 200 000 l', während der Export nur KO000 £ betrug. 1,11 Jahre 1021/22, für welches die Endziffern noch nicht veröffentlicht sind, hat der 1111- [wf eine Abnahme und der Export eine Zunahme f־fahren. Zurikkzuführcn ist diese Besserung auf den Export von Orangen, der in diesem Jahre zu sehr tuten Preisen und in großen Mengen vor sich ging lind auf 1!eberfiilliing der Warenlager, die im Jahre 1920 21 cintrat und im darauffolgenden Jahre den Kaufleutci größere Zurückhaltung in neuen Bestellungen auferlegte. Auch der Rückgang der Preise ist natürlich auf den Rückgang der Importziffer von Einfluß gewefeil. — Die Passivität der Handelsbilanz, die trotz, der gesunkenen Einfuhr und gewachsenen Ausfuhr noch immer in hohem Maße bestellt, wird vcUgem.icht durch die Einnahmen aus dem Touristenverkehr, besonders .*bcr durch die Geldsendungen, die aus anderen Laudem iür Verwandte und für wohltätige, religiöse oder rationale Zwecke nach Palästina gehangen. Die Beträge, die auf diese Weise allein aus jüdischen Quellen nach Palästina rlnfliclkn, dürften im Jahre 1021 über eine Million Pfund befragen lnbtn, von denen etwa die Hälfte von der Zi'mistisehen Organisation lind ihren l'i :!i'1!‘:on:n Irrige:■!e.:e ׳( wird, während die amlrre Hälfte?af Ha■; l.Ti-if I)' tribution Committee (für Waisen- ,,fiepe) auf die Alliance Israclite Universelle, Eveline <ic Rofh ,cliild-Schule, auf eine große Reihe von ortlio- G.xen Woli'.iätigkcitsan;(alten (Waisenhäuser, Talmud i!101;!־-, Jeichiboth, Abcnhäu-cr) und auf Geldsendungen '011 Verwandten entfällt. 1 In den folgenden Zeilen wollen wir einen Ucber- Rick über das geben, was auf wirtschaftlichem Gebiete ח Palästina seit der englischen Okkupation geschehen i'l und ein wirtschaftliches Programm für die nächsten Jahre entwerfen. Wir wollen dabei, sowohl beim Rück-!,lick auf die Vergangenheit, wie beim Ausblick in die Zukunft unterscheiden zwischen der Tätigkeit, die von der Regierung, und der Tätigkeit, die von privaten Personen und Gesellschaften ausgeübt wurde, bzw. ausgeübt werden sollte. A. Rückblick". 1. Tätigkeit der Regierung. Der Krieg hatte Palästina wirtschaftlich außerordent- I'ch stark in Mitleidenschaft gezogen. Zwar war direkt durch die Kämpfe relativ nur wenig wirtschaftliches ö«i vernichtet worden. Um so schwerer waren aber die indirekten Verluste. Durch die völlige Unterbinflung des Seeverkehrs, der bis zum Kriege die alleinige Verbindung Palästinas mit den anderen Ländern bildete, wurden Import und Export ',1mit einem Schlage immöglich. Wichtige Dinge de! täglichen Gebrauches wie Reis, Zucke־■. Kaffee, Tcc, Baumwollstoffe, Glas- und tisenwaren verschwanden mehr und mehr. Brennstoffe, |‘!r die Palästina ebenfalls vollständig auf den Import angewiesen war, wurden seltener und seltener und erreichte(! so ungeheure Preise, da() cs in vielen Fallen unmöglich war, die Motoren zur Bewässerung der Orangeugarlrn zu betreiben und viele dieser Gärten, die ein großes Kaplal repräsentierten, zugrunde gingen. Von «len beiden einzigen existierenden Eisenbahnliuicu Jaffa-—Ramlch - Jeru-a'em tmd Haifa-• •Damaskus wurde der Betrieb Jaffa•-Ramlch ganz eingestellt und ihe Schienen zu anderweitiger Verwendung entfernt. Der Verkehr auf der Haifa ■Damaskus-Strecke war für nichtmilitärischen Gebrauch ebenfalls so gut wie völlig gcsperrt. Die Wege wurden mit Ausnahme der für militärische Zwecke gebrauchten Elnppcnstraßcn nicht unterhaken und wurden selbst für die .1ור schlechte Wege gcwohnten palästinensischen Diligencen unbenutzbar. Rcquisitioncu seitens der Militärbehörden von Waren aller Act in allen Ländern und Magazinen verursachten den Kauf]enfen große Verluste. Zwangsweise Heranziehung der Bevölkerung und der Zugtiere zu militärischen Arbeiten machten eine rcgclniälligc lamlvurtschnft’iche Be- Stellung des Lande! umnög'icli. Uiigcniigcmlc Transportmittel erschwerten die ’Zufuhr von Getreide aus drin Ostjordanland, lind die Knappheit von Getreide brachte die Städte Jaffa und Jerusalem mehrmals an den Rand einer Hungersnot. Schlechte I'niähnuig und mangelnde ärztliche Fürsorge, welche dem Flecktyphus nicht Ein- Halt Ai tun wußte, dezimierte die Bevölkerung. Dazu kam noch die mit militärischen Notwendigkeiten begründetc, aber in Wirklichkeit vöPig sinnlose, grausame Evakuienmg von Jaffa im T'nilijnhr 1917, durch welche fast 30 000 Menschen ihrer Wohnung beraubt und in andere Gegenden Palästinas vertrieben wurden. •So sah das Luid ans, das in die Hände der Engläiuler fiel. Fs war keine leichte Aufgabe, in diese verfahrenen und verkümmerten Zustände wieder Ordnung hinciiiz.ubringen. Man muß der militärischen Vcrwaluing nachsagen, daß sie trotz mancher Fehler doch ihre Aufgabe im Ganzen zufriedenstellend erfüllt hat, indem sie mit Hilfe der während des Krieges gebauten Eisenbahn von Aegypten nach Pa'iistina das ausgehungerte Land schnell mit Lebensmitteln versorgte, den Seuchen Einhalt tat und sich bemühte, das in der Kriegszeit völlig zus.unmcngcl'.rndicnc Ei!cfibalinwcsen wieder in Gang zu bringen. Die ersten Tclcphoncinrichtiingcn für privaten Gebrauch wurden bereits in dieser Zeit geschaffen, ebenso wurde das Gerichtswesen, die Polizei, die Finanzvcr.vahung, das Miirr/vvcsen neu eingerichtet. Mit der Ersetzung der Militärverwaltung durch die Zollverwaltung unter Sir Herbert Samuel als High Cominissioncr wurden alle Vcrwaltuiigszwcigc neu ausgebaut. Es begann eine systematische Verbesserung iler Wege durch Bau neuer uild durch die Reparatur der verfallenen, alten Wege, Das Automobil, das vor dem Kriege infolge der schlechten Beschaffenheit der Wege in Palästina noch unbekannt war, ist infolge dieses Wegebaus zu einem vielgebrauchten Verkehrsmittel geworden, mit dem mail in zehn Stunden auf ausgczcichne teil Wegen durch das ganze Land von Roschpinali bis ßerseba fahren kann. Der Eisenbahnverkehr wurde durch Anschaffung neuen rollenden Materials erheblich verbessert, das Tcleplionnetz. über das ganze Land hin ausgebnut. Aus den Aktiven der alten türkischen Agrarbank wurden Darlehen gewährt, um den allen Inventars beraubten Landwirten die Anschaffung von Zugvieh zu ermöglichen und dadurch die Bestellung der Felder wieder in Gang zu bringen. Zur Belebung der Bautätigkeit wurden die Zölle auf importierte Baumaterialien für zwei Jahre (bis 31. August 1922) von 11 »0׳ auf 3 <y# herabgesetzt. Das Tabakmnnopol der türkischen Tabakregie wunle aufeeliohen. Wegen der Aufhebung des Salzmonopols wurden mit der Dette Publique Ottoinane Verhandlungen aiigeknüpU. Gesetze zur Fördenmg des Genossenschaftswesen?, das in türkischer Zeit jeder gesetzlichen Regelung entbehrte, wurden erlassen; 1 landclskaiiiine'u \w!׳׳c!en in allen größeren Städten des Landes geschaffen. Ein besonderes Departement für Com. inerte lk lnd.!stry wurde gegründet, um die Regierung in allen wirtschaftlichen Fragen zu beraten und dem Publikum Informationen wirtschaftlicher Art zu geben. Besonderer Fürsorge erfreuten sich die kleinen lokalen Handwerker von Palästina. 1111t ihre Produkte bekannt zu machen und um die bestehenden städtischen Industrien kennen zu lernen, wurden im Frühjahr 1921 und 1922 Ausstellungen veranstaltet, Während in tiir- Idschcr Zeit ein großer Teil der in Palästina erhobenen Steuern nacli Konstantinopcl wegging und für andere Bedürfnisse des türkischen Reiche? verwendet wurde, wurde jetzt zum ersten Male ein Budget aufgcstelit, in dem alle Einnahmen des Landes im Betrage von etwa 2 Millionen Pfund zur Deckung der Bedürfnisse des Landes verwendet wurden, Dabei werden die Kosten für Militär und die englische Gendarmerie in Palästina nicht aus den Einkünften Palästinas, sondern von der englischen Regierung gedeckt. Aus allen gesetzgeberischen und Verwaltungsakten der Regierung ging die Absicht hervor, alles zu tun, was der wirtschaftlichen Entwicklung dienen konnte. Ein wirtschaftlicher Aufschwung des Landes ist unverkennbar. Die Bevölkerung sicht, daß sie bei der Regierung überall auf wohlwollende Un'.c־s;ütz11ng jedes Wirtschaftliehen Unternehmens rechnen kann. Wo eine Kritik auf wirtschaftlichem Gebiete laut wird (von kleinen Einzelbeiten abgesehen), richtet sic sich nur gegen zwei aller dings grundlegende Dinge: erstens gegen die Aufrechtcrlialtung des Wcrizoütarifs von 11 0'״ auf alle einge* führten Waren, zweitens gegen die Beibehaltung der ägyptischen Wäluung, lieber diese beiden Fragen werden wir weiter unten noch zu sprechen haben. ., 2. Private Tätigkeit. Die landwirtschaftliche Bestellung des Landes ist durch den wachsenden Besinn) an Zugtieren allmählich wieder in Gang gekommen, und im Wirtschaftsjahre 1921/22 ist die l;״:u\vin־u׳ha1du 11 tieddlic Fläche größer als sic jemals vorher war. Allerdings haben ungünstige Ernten die landv irtscha fühlte Bevö’kerimg noch zu keinem Wohlstand kommen lassen. Das gilt sowohl von dem arabischen Fellachen, wie von dem jüdischen Kolonisten. Fiir den letzteren kommt nocli erschwerend hinzu, daß der jüdische Weinbau durch die amerikanische Antialkohol-ücsctzgcbung, welche den amerikanischen Markt verschließt, ferner dadurch, daß Rußland verschlossen ist und die Pandstaatcn durch den niedrigen Stand der Valuta und die allgemeine ökonomische Depression leiden, — einen schweren Schlag erlitt, während dem Matidclbau, der ebenfalls in den jüdischen Kolonien verbreitet ist, durch den Rückgang der italienischen Valuta in den italienischen Mandeln eine ruinöse Kon* kurrenz entstand. Am besten erging cs den jüdischen und nichtjüdischcn < )rangenpfl.wern in der Ihngebung von Jaffa, die sich zu einem Syndikat zusammenschlossen und dadurch eine bessere und billigere Ver* schiffttng der Früchte nach Liverpool,׳ Glasgow und Hüll und eine systematischere Versorgung des englischen Marktes erreichten. Den jüdischen Orangcnpfbnzcrn wird wahrscheinlich auch das in der Kolonie Pefach Tikwah von nincrikanischcn Juden errichtete große Orangen- Packing Flouse eine Hilfe werden, da cs für seine schön sortierten und gut hergerichteten Orangen besonders gute Preise erzielen durfte. Ein gewisser Fortschritt zeigt sieh mich in der Milchwirtschaft, die besonders in den jüdischen Kolonien einen beträchtlichen Auf* Schwung nahm und gute Erträge erzielte. Die Industrie Palästinas, die vor dem Kriege auf die Oel- und Seifcnfabrikatiou, auf einige größere Tischlernen, Fabriken von ZeinenlhUicxcn, auf die Herstellung von kunstgewerblichen und religiösen Artikeln beschränkt war, hat seit der englischen Okkupation durch jüdische Initiative fnkrenden Zuwachs erfahren: n) Zigarettenfabriken sind seit der Aufhchimg des Tabakmonqpols in Jerusalem, Jaffa, Haifa und Saffcd enistanden; sie beschäftigen zusammen mit der in Jerusalem noch bestehenden Fabrik der türki* scheu Tabakregie etwa 290 Arbeiter. b) Im Zusammenhänge mit der Belebung dcr Bsti• tätigkeit ist eine große Fabrik für SUikatziegel in Jaffa gegründet worden. Ferner ist die Herstellung von Zemcntzicgcln und Fußbodcnpl,alten erweitert worden. Ebenso sind neue grolle Tischlereien zur Herstellung von Fenster״, Türen und Möbeln in Jerusalem, Jaffa, Haifa um! Tibcrias entstanden. r) Eine französische Gesellschaft unter Beteiligung des Baron Rothschild baut eine große moderne Mahl* m (i 111 c in Haifa. 1 ׳ d) Die mit einem Kapital von 125 000 £ gegrün* dete Gesellschaft ״Schemen“ baut eine große Fabrik zur Erzeugung von Gelen, chcnfalls in Haifa. Von sonstigen neugcgiündelcn Unternehmungen sind zu erwähnen: , 1 : 1. Eine Schokoladen- und Konfitürcnfabrik in Jaffa; 2. eine kleine SpintuTrenncrci in Jaffa; 3. mechanische Werkstätten für Maschinen-Reparaiur in Haifa und Jerusalem; 4. eine Teppich,-Werkstatt in Jerusalem; 5. eine Woit-Spinucrci in Jaffa; 6. zwei Gerbereien in Jaffa; 1. Frauen- und Kindeiluit-Fabrik in Jerusalem; 8. Lithographische Anstalt in Jerusalem; 9. Papicrwarcn-Fabrik in Jaffa; 10. zwei Stcinbruch-Untcriieiinumgen in Jerusalem und Athlith; 1 ' . 11. mechanische Wäscherei in Jaffa; 12. Mnliimiihle in Semach; 13. Brauerei in Jaffa. Die Bautätigkeit hat seit dem Jahre 1921 einen großen Umfang angenommen. Vorher war das Bauen infolge der exorbitanten Preise für Baumaterialien fast unmöglich, Ihre größte Ausdehnung hat die Bautätigkeit in Tcl-Awiw, wo im Jahre 1021 gegen 150 neue Häuser und große Straiidbadc-Etablisscments gebaut wurden mit einem Kostenaufwand von mehr als 150 000 £. An zweiter Stelle in der Bautätigkeit stand Haifa, während in Jerusalem im Jahre 1921 so gut wie gar nichts gebaut wurde.; Die Bausaison 1922 wird in Tel-Awiw vermutlich nicht geringer sein als im Vorjahre. Audi von nichtjüdischer Seite stehen in Jaffa zahlreiche Bauten in Aussicht, In dem neuen jüdischen Viertel Hadar Hakartuel in Haifa hofft man in der Bausaison 1922 100 meist kleinere Häuser zu bauen. In Jerusalem werden von jüdischer Seite 50—100 Häuser als Beginn zweier neuer jüdischer Stadtviertel gebaut werden. In Tibcrias hat man mit dem Bau von 40 Häusern in einem jüdischen Stadtviertel begonnen. Die beiden neugegründeten Zionistischen HypoÜm1 enbanken haben zunj