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Jüdische Rundschau · 1922-08-11 · Heft 63 (11.8.1922) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVII (1922)
Issue
Heft 63 (11.8.1922)
Date
1922-08-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 412 JUEDISCHERUNDSCHAU Zu fast derselben Zeit hat der politische Kampf xtm beide Forderungen des jüdischen Volkes bcgönnen. Jn den damals, in den letzten Jahren des .Weltkrieges, so populären und wie cs seiden, von allen Seiten als unbczweifplbar ancrkannten Losungen des Sclbslbcstiinmungsrcchts der Nationen, hat er den überaus günstigen Nährboden gefunden. Und so kommen die Festlegungen in Fi'icdensinstrunicnten und in Erklärungen neuentstandener Staaten — ai^li in der Pariser Erkliirung der Litauer im Jahre 1919, — die dieVerpflichtungen für Durchführung des großen Prinzips zum mehr oder weniger feierlichen Ausdruck brachten. Außer diesem allgemeinen Faktor haben im Fall Litauen auch andere Momente mitgewirkt, um die volle Durchsetzung des Prinzips scheinbar mit I absoluter Sicherheit zu garantieren. Der neugegründete litauische Staat hatte alles, aber auch wirk* lieh alles, besonders auf dem Gebiete der eigenen nationalen Kultur, von neuem aus nichts zu schaffen. Infolge jahrhundertelanger politischer Unterjochung und kultureller Knebelung durch die Russen konnten die Litauer nicht eine fertige nationale Kultur aufweisen, die die Kultur des neuen Staates werden und sidt den anderen Nationen, imponierend durch ihren besonderen inneren überragenden Wert, sozusagen natürlich und spontan aufzjwingen könnte. Der litauische Staat ging aber auf eine, nach seiner Ucbcrzcugung, in etluragraphisehen und kulturellen Verhältnissen begründete und deshalb gerechte Erweiterung des Gebietes aus, die von ihm zugleich eine Regelung der Beziehungen zu vielen bedeutenden andcrsnationalcn Bcvöikcrnngsschichten entsprechend ihren gerechten Wirschen — d. 11. im Sinne der weitgehenden Autonomie — forderte. Diese inneren Notwendigkeiten der litnuisehen Politik ließen eine freundliche Haltung den Axitonomieforderimgcn gegenüber als im Interesse des litauischen Staates liegend erscheinen, und diese Erkenntnis wurde durch die Anerkennung eines spezifischen politischen Werts eines des Kontrollenten, des litauischen Judentums für den inneren Aufbau des litauischen Staates und des gesamten jüdisehen Volkes fiir die Schaffung einer günstigen internationalen Atmosphäre für den neuen Staat, ganz besonders gestärkt und erhöht. Die Bcdctitung des Comitc des delcgations juives in Paris dürfte bei dieser wie bei allen ähnlichen Betrachtungen wahrhaftig nicht unterschätzt werden. — Wie das palästinensische Mandat, so: hat auch die ״litauische Autonomie“ in einer viel ungü״- stigeren politischen Konjunktur ihre Erledigung 1'inden müssen. Der litauische Staat ist als ein souveränes, erstarktes, in vorläufig wenigstens abgcschlosscnen Grenzen sich erstreckendes Gebilde inzwischen entstanden. Die objektiven Umstände und das gesteigerte Sclbstbewußtscin suggerieren leicht den Gedanken, daß man, jetzt weniger auf die Hilfe und Mitarbeit anderer angewiesen, die gemachten Versprechungen und eingegangenen Vorpflichtungcn eigentlich revidieren müßte. Dies umsomclir, da auch in der großen Welt der Weit der großen Losungen sehr gesunken ist, und man sich mit der Nichterfüllung der grundlegenden und ״heiligen“, in der Not des Krieges und in der Begeisterung der ersten Nachkriegspcrkxlc zu* standegckomnicnen Abmachungen so ziemlich abgefunden hat. Dementsprechend« ist cs midi um den außerpolitisclien Wert der jüdischen Bczie- Innigen augenblicklich scheinbar anders bestellt, als es noch vor ein paar Jahren zu sein schien. Trotzdem ist es gelungen, ebenso wie den Mandaf, so auch den Autonomiegedanken zu retten. In erster Linie haben die bis zu Ende dpeh aufrecht- I erhaltene jüdische Einigkeit und der Umstand zum Siege verholfen, daß dasjenige, was die Konstüutbn staatsrechtlich festlegen und sichern sollte, de facto schon im Leben durchgeführt worden war. : Die höchste Bedeutung hat auch' in dieser staatsrechtlichen Verdichtung und Sicherung der Schon entstandenen Lebensformen nicht so sehr der Inhalt der statutarischen Formeln, sondern die im Grundgesetz nicdergclcgtc prinzipielle Anerkennung, nicht, für die einzelnen Angchörigen der in der Minderheit befindlichen Bcvölkc* rungsschichten, sondern für die nationale! Einheiten, durch gewählte repräsentierende Körperschaften —'Nationalrat und Gemeinden — ihre wichtigsten A'ngelegenheitecn autonom zu regeln und zu verwalten. Auf das gesamte Gebiet des Volkserzichungswesen, der Wohltätigkeit und der sögenannten ״Selbsthilfe“ (die Termin! ״Wohlfahrt“ oder ״Soziale Fürsorge“ wurden im Text nicht akzeptiert), erstreckt sich diese Autonomie. Ein weitgestedetes Budgetrecht garantiert die Ökonom isehe Grundlage der autonomen Entwicklung: ein doppeltes! Recht — der B e s te u c r u n g der An gehörigen der nationalen Gemeinschaft und der A ntcilnahmc! an denjenigen Posten der allgemeinen Staats- resp. Gemeinde!)udgets, die die atlgemeinen Ausgaben auf den oben bczeicluietcn Oebietcn zu decken haben. Zum erstenmal hat ein Staat in 'diesem Um* fange ־— wenn wir von der leider ziemlich ephemeren Verkündigung in der ukrainischen Republik absehen — und in diesem Sinne das Autonomicprinzip in seinem Grundgesetz anerkannt und fcstgeicgt. Die litauischen Staatsmänner, die dies durchgesetzt haben, erwiesen dem neuen Staat einen historischen und dauernden Dienst. Mit richtigem staatsmännischen Weitblick haben sie neben den inneren Stantsnotwendigkcitcn auch den dauernden politisehen Wert der weit außerhalb den Grenzen des Staates reichenden bestimmten Sympathien und den aus ihnen entsprießenden Beziehungen anerkant. Im Lichte dieser Errungenschaft verliert zum Teil an Bedeutung der Umstand, daft bei weitem nicht alles Erstrebte auch crrcidit worden ist Die Konstitution bringt keine definitive Regehing der Sprach enfrage und der Frage des jüdischen M i n 1 s t er i u m s. Es wurde verabredet,. die Frage des Ministeriums noch vor Verabschiedüng der Konstitution durch ein besonderes Gesetz zu regeln. Ein Gesetzentwurf wurde vom Ministcriunr ausgearbeitet und vom Kabinett einstimmig angenommen. .Audi in der Sejm - Kommission fand t er Annahme. Zu einer sofortigen — außer der chronologischen Reihenfolge der cingebrachtcn Gesefzesvoringen — Behandlung im Sejm konnte er aber nur dann gelangen, wenn vier Fünftel des Hauses sich dafür ausgesprochen hätten. Diese vier Fünftel Majorität zu gewinnen, ist nicht gclungen, und so mußte die Beschlußfassung darüber späterer Zeit Vorbehalten werden. Die zwei größten Parteien im Sejm, die Volkssozialisten und die Christlichen Demokraten,, haben sich verpflichtet, das Gesetz noch in dieser Session durchzubringen. Die Sprachcnfrnge soll gemäß der Konstitution durch ein besonderes Gesetz geregelt werden. ' (Es handelt sich dabei um eine Erweiterung der sclion in Paris festgelegtcn Spradienreditc -der Minoritäten.) j In mancher Hinsicht ‘darf man atso jetzt nur von einer Schaffung der Grundlagen für eine Autonoiriie sprechen. An die berühmten Worte Hcrzls — über Uganda — anlehnend, darf man wohl sagen: die Autonomie, die volle und xmcingeschränkte Autonomie, ist cs nicht, es kann aber eine solche werden! Es ist zum' Teil nur eine allgemcipe Aufschrift für ein neues Kapitel der jüdischen Diaspora-Geschichte gegeben. Dieses Kapitel mit einem reichen Inhalt.zu füllen, die noch weißen Blätter mit schwerwiegenden ,Ausführungen der angenommenen prinzipiellen ' Entschließungen zu beschreiben, bleibt der Zukunft, bleibt der jüdischen Arbeit In der Zukunft Vorbehalten. ln erster Linie — neben der Tätigkeit der litaxiischcn Judenheit und anderer nichtlitwinischcn Elemente l itaucns! — wird dabei natürlich die allgemeine Entwickelung der WeltnoÜtlk wirken, aber mich nicht minder die Entwickelung der jfiliischcn Hcimstäite in Palästina und der׳ damit vorknüpfte Ausbau des jüdisch-nationalen Gedankens und der jüdisch-nationalen Einstellung des gesamten jüdischen Volkes. Das gilt für die Zukunft. Heute aber dürfen wir mit aufrichtiger Befriedigung den neuen großen Erfolg der jüdisch-nationalen Sache, der unter anderem auch die unzertrennbare innere Verknüpfung der beider! Teile 'des palästinensischen und des ״nlKveltlichcn“, des jüdisch-nationalen politischen Programms — verzeichnen lind alle nationalen Elemente im Judentum —• das jüdische Volk — zur weiteren Arbeit auf 'dem siegreichen Wege aufrufen! Zusammenstoß zwischen Arabern and Juden In Haifa Jerusalem (J, C. B.)'. Im Hafen von Haifa kam es 7.11 einem Streit zwischen Juden und Arabern, der in eine ernste Schlägerei axisart etc, 5 Juden trugen mehr oder weniger schwere Verletzungen davon. Eine Anzahl Araber wurde in Haft genommen. Ausweisung von Zionisten aus Beirut Jerusalem (J. C. R.). Nach hier eingetroffenen Berichten sind drei angesehene Zionisten' aus Beirut (französisches Mandatsgebiet) ausgewiesen und mehrere andere wurden verhaftet. Ermordung eines CSialuz Jerusalem ff. C. B). Letzten Donnerstag abend wurde ein Chaluz namens Salkcr von einem Araber 'ermordet Nr. 63 An Frischmanns Grab Von ZwISchweld. Wenn uns heute das unbeugsame Schicksal zwing! am Grabe David Frirtdimatms Worte des Gedenkens sprechen, so geschieht cai in einer Stunde, die uns mit doppelter Trauer erfüllen muß. Vor einigen Tagen hat der hebräische ״Beth Waat!" in Berlin einen Aufruf an die gesamte zionistisch; Ocffcntlichkeit erlassen, mit der Aufforderung, mit größerer Energie die hebräische Kultur zu fördern, l'nit es ist nicht schwer festzustcl'cn, daß in der letzten Zeit eine große Ebbe im hebräischen Schaffen cingetrcten ist. Es wurde zu weit führen, hier auf die näheren Ursachen um) Umstände dieser traurigen Erscheinung cinzugehcn. Eine Tatsache ist es, daß die modern» Bewegung im Judentum nicht vom hebräischen Geiste durchdrungen ist und es mangelt and» a!1 dem auf rieh, tigen Willen und an der nötigen Kraft, das Ziel der Hcbraisierung der modernen Jüdischen Bewegung m erreichen. Der qualvolle Zwiespalt in unserem gesamten nationalen Leben, der tragische Gegensatz zwischen dem hochgesteckten Ziele und der ohnmächtigen, bruchstiickhaften Wirklichkeit, die Fülle der zu erledigenden Pro. blcmic, von denen das eine wichtiger ist als das andere, alles das hält uns unseren Atem in Stockung, es fesselt unsere Energie und erstickt im Keime jeden schöpfe, rischen Funken. So verödet der kaum begonnene Bau einer auf vollkommen neuen Grundlagen basierten jü. dischcn Kultur, die ein friedlich in seihen politischen und wirtscbaftlidien Bedingungen lebendes Volk und tatkräftige, schaffensfreudige PcrsönFchkcitcn voraussetzt. Und solch eine cncrgicstrahlcndc, kraftstrotzende Persönlichkeit, war Er, der uns heute körperlich r.t:r verläßt; aber wenn wir bedenken, diß Er der einzige war, der die Parole des unaufhörlichen Schaffens uncr. müdlich aufrediterhielt, und bis zu seinem letzten Atem, zuge scinen Kampfruf erschallen ließ, wahrend 1L jüngeren sich in unproduktiven Grübeleien verloren, und die ehemaligen Kampfgenossen, auf ihren Lorbeeren au:, ruhen; wenn wir hin sehen, was durch seine Übermensch, liehe, fast litauische Arbeit die liebräischc Sprache pc. worden ist, so bemächtigt sich unser eine Trauer, die fast an Verzweiflung grenzt. Denn cs soll hier frei und mit ruhigem Gewissen ausgesprochen werden: D P, Er €9 war, der die größten Werte in die hebräisch; Sprache hercingebradit hat. Es soll .damit nicht gesagt sein, daß Er die Großen der hebräischen Literatur in jeder Hinsicht übertraf, aber Er hat cs intuitiv gefundm, woran cs der entstehenden hebräischen Kultur am meisten mangelt, wag uns am schwersten nottut, 1!n׳J sn ist das Werk Davvid Frisclunanns der Ausdruck unserer schwer, sten Kampfperiode, das Symptom der rum Lichte dran, genden jüdischen Seele, der vorgescliobcnste Posten der um die Zukunft kämpfenden hebräischen Kultur. Denn genau betrachtet ist die erhaltene Gedankenwelt Achad Haamss, das gewaltige dichterische Werk Bialiks, ihr ästhetisch und philosophisch durchdrungene Bau der gedankenreichen und fcinempfmdendcti Essays Bcrdy• czevvskis nicht ohne das ungeheure Werk David Frisch. xnanns zu denken, mag es auch den obigen chronologisch nicht im Ganzen voran gegangen sein. Er ist gegangen und Itatwns verwaist stellen lasrett, und auch ilutt mag das Sterben schwer und tragisch gewesen seit», wenn Er sah, daß es keinen gibt, der Sein Werk fortsetzen wird, das niemals vollendet werden kann, weil cs das ewige Kulturschaffei! umfaßt; der Abschied von seinem Werk, dem Er seine ganze Leben:• kraft widmete, mochte ihm vielleicht verzweifelt seit», wenn Er nicht dessen gewiß sein konnte, daß cs eine Schar begeisterter Jünger zum Schatten nnsparneit wird. Aber mag 09 kommen, wie cs will; das Werk, das Er geschaffen hat, steht tte aU eine Tatsache, die' durch die Macht ihrer Wirklichkeit selbst schaffen und wirken wird, und wenn einst die Monumente der Größen von heute in Stau!) gesunken sind, so wird jedes von Frisch mann geschaffene Werl;, jedes Wort au; S in :n kongenialen Uehcrsetziingcn, mag deren Urheber Niet;• sehe, Ta,gare oder der seinem ironicsjtrübemlcn Geiste am meisten verwandte Oscar Wilde sein — sie alle werden ein Denkmal ihrem Meister errichten, das härter denn Erz und unvergänglicher als jegliches Menschen• werk sein wird. Und wir, die wir die Pflicht haben, den Toten zu ehren, wir körnten cs am schönsten tun, indem wir geloben, mit aller Kraft dahin zu arbeiten, daß Sein Wort sich in die weitesten Winkel des jüdischen natio aalen Lebens Eingang verschafft, daß Sein Wort ans dein Munde des Kindes wie des Mannes, des Gebildeten wie des Bauers und I lawlwerkcrs ertönt —• denn dies war Sein seit langem ausgesprochener Wille. Denn nur von uns ist es abhängig, ob das jähe Hinsinkon Seiner unermüdlichen Hand für uns ein Schlag mitten ins Herz, oder eine Parole des neuen Kampfes werden 90U. Die Beerdigung Das Leichenbegräbnis Dawid Frisclunanns fand Mittwoch, den 9. d. M., in Weißensee statt. - Eine überaus große Menge hatte sich cingefunden, um dem Toten das letzte Geleit zu geben. Selten wohl hat Berlin ein solches Begräbnis gesäten, wo natiirtich dicht die Repräsentanten der jüdischen Oberschicht Berlins, woM aber die Ausläufer der jüdischen Volksmassen, die sich bis nach Berlin erstrecken, vertreten waren. Die Trauer« halle war bis auf das letzte Plätzchen so dicht gefüllt, daß noch der zweite Vorsaal hinzugezogen werden mußte, um die Menge der Trauergäste zu fassen. An der Bahre hielt zunächst Rabbiner Dr. Arthur Levy die .Trauerpredigt, ßr wies darauf hin, daß Nr Friscl hat, t zu bt die S dem des La״* ,;roßt über Verw ] nstit in di «.;< hc von ausg nta nt daß lkzi< und ratur in lx sofot nisse zu b< unve Spra< kum Werl und der Scbri Tote soh Frist zu t! Oäs helcl Orgl dr׳,־:! feilt( eine die Cu 01 SJ11C Frist Sehr Bet Trat Die ang< die * gast ünai 5 ritt H 3 uhi rieh den« dir cnmj wah beiß ka ,15 auf! mes Leit ii bi 1 ien Judi Ul c I Ordj! sc• ח ' Jud* I?

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