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Jüdische Rundschau · 1922-07-28 · Heft 59 (28.7.1922) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVII (1922)
Issue
Heft 59 (28.7.1922)
Date
1922-07-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 384 JUE׳DtS< ME Rti'MÖSC'HÄtJ Kr. S9 Die antisemitische Internationale Bcadtfunc 4- ‘ג L! jüdischen PöHtiir mt wicht1״ crcsclt' Jniüsdre Köeluiüi 131 nciaie• iil all X. י Die deutschen jjolitlschcn Parteien befinden sich, wie cs scheint► int dnemt Zustand der Um- Wandlung. Sie haben ja nach der Revolution im 1Jahre 101S nur ihre Namen gewechselt, während man äm Grunde hinter den neuen Volksparteien mühelos die wohlbekannten Physiognomien der alten Parteien des kaiserlichen Deutschlands erkennen konnte. Jetzt aber scheint ein Wandel eingetreten, zu sein. Die Wiederannäherung der beiden gro ßen sozialistischen Partelen, die zur Bildung einer Arbeitsgemeinschaft geführt hat und vielleicht zur völligen Fusion führen wird, hat die Gegenwirkung gehabt, daß die drei bürgerlichen Parteien mit Ausschluß der Dcutschnatie nalen ebenfalls im Begriff stehen, eine Arbeitsgemeinschaft zu bilden. Damit wäre eine ,Vereinfachung des deutschen Parte Hebens erreicht. Hinzu kommt, daß das Zentrum oder, wie es sich seit der Revolution offiziell nennt, die Christlidic Volksjrartci mit der Absicht umgeht, den katholischen Charakter aufzugeben und zu einer allgemeinen verfassungstreuen demokratischen Partei zu werden, die'bereits bei den nächsten Wahlen nichtkatholische Kandidaten in großer Zahl aufstellen wird, Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß ein so 11mgestaltetes Zentrum auf viele Juden eine starke Anziehungskraft ausüben wird. Rechts vom Bürgerblock befindet sich die Deutschnationale Volkspartei, in deren Mitte ebenfalls umwälzende Kräfte am Werk erscheinen. Ist doch diese Partei keineswegs identisch mit den alten Konservativen. Sie umfaßt vielmehr daneben die antisemitischen und Mittelstandsgruppen, die vor denn Kriege keine besondere Rolle spielten, jetzt aber durch die antisemitische Entwicklung der letzten Jahre sowohl offiziell innerhalb der Deutschnationalen Volkspartei als auch weniger offiziell in Gebeimarganisationcn einen immer fühlbareren Einfluß gewonnen haben. Es macht den Eindruck, als ob der Ausschluß des Abgeordneten Henning und die diesem Austritt folgenden Erklärungen der Herren Griefe und Wulle den Anfang einer Absplitterung der deutschvölkischen Gruppe bedeutet, die dann den Kampf gegen das Judentum noch mehr zum Mittelpunkt ihrer .Tätigkeit machen würde, als es bis jetzt die Rück sichten auf eine große politische Pariei zuließ, Es ist׳' Verständlich, wenn die deiitschnntionnl Presse diese Vorgänge zu verhindern sucht und bei dieser Gelegenheit, wie cs z. B. die ״Deutsche .Tageszeitung•“ am׳ Freitag, den 21. Juli tut, den schroff antisemitischen Charakter der Deutschnationalen Volkspartei unterstreicht, um so die Bil- , düng einer deutschvölkischen 0nippe als überflüssig zu erklären. Wie man sieht, ist die 'Judenfrage wiederum zu einem׳ der wichtigsten Objekte der Politik in Deutschland geworden. Diejenigen Gruppen, aus deren Mitte die Mordorganisationeai hervorgehen, und die die verfassungstreuen Parteien gezwungen haben, Gesetze zum Schutze der Republik zu echaffcti, seinen ln der Bekämpfung des Judentums die wichtigste Frage der heutigen inneren deutschen. Politik. Es besteht auch kein Zweifel daran, daß diese Tendeaz unvermindert beibehalten wird, und daß höchstens eine vorübergehende Abschwächung in der .Vertretung dieser Ideen nach außen sich bemerkbar machen wird. Auch bei den VcrfassungsParteien empfindet man die Bedeutung der Judenfrage in Deutschland. Scheidemann hat im ,,Vorwärts“, Hellmuth von Ger lach in der ״Weit am1 Montag" über die Frage geschrieben, während natürlich Blätter wie das ״Berliner Tageblatt“ ■diesem Problem ängstlich aus dem Weg gehen. Man wird freilich nicht sagen können, daß Aufsätze wie die von Scheidern arm und Gcrlacli der Situation neue Seiten abzugewinnen verstehen. Es ist die übliche assimilatorische Theorie: ein bischen apologetisch und ein bischen Hoffnung auf den allgemeinen Fortschritt. Niemand wagt es, seinen Blick über die schwarz-rot-goldenem Grenzpfähle Hiinauswandem zu lassen und sich ein Urteil über ■die Gesamtlage der Juden und über den Antisemitismus als eine internationale Bewe gung zu geben. Es ist auch unbillig, ein solc!1c3 ,Verlangen an nichtjüdische Politiker zu stellen, für die naturgemäß die Judenfrage nur eine Teilerschcinun״ der heutigen allgemeinen Situation ist, solange in ■denjenigen jüdischen Kreisen, die ihrer Zahl ׳ nach die größte Gruppe im1 deutschen Judentum darsteilen, auch nicht im mindesten ein größeres Verständnis zu finden ist, , Und doA ist es auch vom Standpunkt der deut־ scheu Judeialwit aus lehrreich, das Gesichtsfeld etwas zu׳ erareitem und denjenigen Erscheinungen naüoimf- Die antlse- 11 Ländern dabei, den erworbenen Dcsltatand der Juden toi überschwemmen. Es wird nicht wunder nehmen, wenn in Oesterreich die deutschen Verhältnisse sich getreulich wldersi/tegdti. Die ״Wiener Mor* gcnzejtung“ hat sich das groß: Verrinnst erworben, nachzuweisen, daß die in Deutschland inzwischen verbotenen rechtsradikalen Gehcknorgani« satiönen in Oesterreich ihre Zweigstellen haben, deren Aufgabe es u. a־. Ist, die Entfernung von Juden und Tschechen aus österreichischen Beamtenstellen mit alten erlaubten und unerlaubten Mitteln zu betreiben. Die Mitteilung der ״Wiener Morgenzeitung“, daß der österreichische Minister Dr. Waber den Antisemiten unter Mißbrauch seiner Amtsgewalt Dienste leistet, hat bereits zu einer sozialdemokratischen Anfrage im Parlament geführt. Es steht also zu erwarten, daß wenigstens in dieser besonders skandalösen Affäre etwas Licht gebracht wird, aber cs gehört mehr als Optimismus dazu,! zu glauben, daß eine wirkliche Besserung der Vcrhältnisse erzielt werden kann. , Die antisemitische Bewegung der Neuzeit vcrdankt bekanntlich Deutschland ihre Entstehung und ihre ״fhcorie. Diese Vorliebe der Deutschen für den Judenhaß hat sich bis zu dem׳ heutigen Tage treu bewahrt, ln der T schechoslowakel, wo die Deutschen selbst eine Minderheit sind, haben deutschnationale Studenten der Prager Universität einen Streit inszeniert, weil sie die Wahl des Juden Dr. Stein herz zum Rektor nicht guthießen, ln derselben Tschechoslowakei hat es einer offiziellen Regierungserklärung bedurft, um ein Ritualntord- Märchen zu beseitigen, das jetzt im Zusammenhang unit der Auffindung einer unbekannten Leiche in der Gegend von P 01 n a aufgetaucht war. Wenn so bereits in Mitteleuropa die Stellung der Juden eine immer schwierigere geworden ist, so wird man in Osteuropa, den klassischen Ländern der Judenverfolgungen nichts besseres erwarten. Zu Osteuropa rechnet man wohl 'am besten auch Ungarn, das Paradies des Weißen Terror, das leuchtende Beispiel der deutschen Reaktionäre. Wir haben cs hier erlebt, wie vor wenigen Tagen über■ führte Judenmörder mit der Begründung frelge sprechen wurden, daß HcjJas der Anstifter dieses Mordes amnestiert worden sei und wie die freigesprochencn Verbrecher vom Publikum mit Ovationen empfangen wurden. Derselbe Ttejjas aber hat stolz erklärt, auf seine Amnestie verzichten zu können und das Versprechen abgegeben, daß der Mordbefehl nicht sein letzter gewesen sein soll, ohne daß etwas gegen ihn unternommen wurde, ln Ungarn sind die Juden offenbar vogclfrel. Selbst Poien, das Land, das Jahre hindurch keinen Tag ohne Pogrom gesehen hat, ist heute mit Ungarn verglichen, beinahe judenfreundlich zu nennen, Freilich ist die Stimmung in Oberschlesien durch fortgesetzte antisemitische Hetze eine recht kritische geworden und vereinzelte Ausschreitungen sind vorgekommen, wie es auch in der Provinz Posen eine Rltualmordgesdiichte mit eingcschia gencii Fensterscheiben gegeben hat. In Wilna endlich hat ein richtiger Pogrom stattgefunden mit zahlreichen Toten und Verwundeten, über den der Wilnacr Oberrabbincr Rubinstein gegentlber einer Untcrsuchungskomtnission die richtigen Worte gefunden bat. Er hat dieselbe Forderung aufgestcilt, die man in Deutschland fn absolut unzureichendem Umfange dttrclraifi'thrcn scheint: Auflösung aller antisemitischen Organisationen. Wenn man diesen Rückblick getan hat und nur en passant auf die Steigende antisemitische Bewe• gung in Amerika, die ״Morning Post“ und ihre Freunde in England und die Kreise der Action fran?aise in Paris hinge wiesen hat, li-cgt es nahe, an die Geschichte der letzten Jahrzehnte zu erinnern. Herzl hat Jahr für Jahr darauf hin gewiesen, daß die Wellen des Judenhasses sich immer weiter verbreitert. Er und seine Freunde und nach ihnen die anderen Führer der Zionistischen Organisation haben Inimcr wieder jene Blindheit getadelt, die das Charakteristikum der jüdischen Politik in allen Ländern ist. Es steht heute nicht anders wie damals, als Vor mehr als 20 Jahren über die rumänischen Juden das Unglück hcreitibrach und Herzl von der Köngrcßtribunc dnnuif hinwies, daß wir dies seit langem propliczeiht hätten, ohne daß man auf diese Warnung hören wollte. Es ist noch immer dasselbe Bild: Abwehr des Antbcmi• tistmis, Kampf Um die Gleichberechtigung, Vcr•׳ trauen auf die allgemeine Entwicklung und den Liberalismus, das aiks vertreten von dcaselben Organisationen und mit denselben schon gvniigcr.d als unbrauchbar ciwlcoer.ea Mitteln; dieselbe erstaunte Empörung bei neuem Aufflackern des Antisemitismus und dieselbe' ludve .Ucbcrafcuguhgj'daß' cl'Xa Vcrimmg iifccrwtmdcn cd, wie man sie ln Deutschland 1914 hatte mul wenige Monate nach der judcnrählung ■wiederum 1918. Männer, die seit Jahrzehnten den Kampf gegen den Antisemitismus fultrcti, verstehen bis zum heutigen Tage nicht, was dc.3 für eins Bewegung ist, die sic bekämpfen. Immer glauben sie, daß durch die Mittel der Aufklürung, im Notfall aber durch gesetzliche Maß. nahmen 'die Judenfrage gelöst werden kann. Nicht nur ist der Antisemitismus überall in der \Vdt derselbe, und diese Bewegung allein berechtigt, uns schon, von einer einheitlichen Judenfrage in der ,Welt zu sprechen, sondern der Antisemi:ismu9 selbst ist nur eine Folgeerscheinung einer primären Ursache: der abnormen Situation der in allen Län. dem als cntnationallsicrte Minorität lebenden Juden. Würden jene jüdischen Politiker einmal die Uabc• fangcnhelt auf bringen, die zur Erkenntnis dieser so offenkundigen Tatsachen notwendig ist, fco würden sic sehen, daß die Konzentration eines Kerns des jüdischen Volkes in Palästina und die nationale Zusammenfassung der in der Diaspora verbleiben• den Teile dieses Volkes, die Verminderung der Reibungsfläche also, der einzige Weg Ist, der auf den ehrenvollen Namen Judenpolitik Anspruch er. heben darf. F. L, Presseschaii In Turin erscheint eine Zeitung ״Vox Popu• 10rum“ in englischer, französischer, deutscher, spa• nischef und italienischer Sprache ein politisches Organ, pazifistischen ,Tendenzen nahestehend und ab oifi• zielte Zeitung der Lcaguc pour la defense d* 1 ’ h u ni a n i 16 in Bern. Diese Zeitung bringt in ihrci zweiten Nummer vom Juni 1922 in französischer Sprach» einen ausführliche«, sehr sympatisdi gehaltenen und aus• gezeichnet informierenden Artikel über Palästina unc den Zionismus, Zuerst wird die politische Geschieh‘( des Zionismus von der BaHour-Erklärung bis jetzt vcr folgt ur.d kein Zweifel daran gelassen, daß die Erfüllung der zionistischen Forderungen eine europäische und eine Menschlichkeitsfiage ist. Dann wendet sich der Vcr• fasscr, Jaqucs Caämy, dem Araber-Problem zu Er schreibt darüber; ״Bisher hat man kein Mitle! gefunden, um hier frcundsdraft’Jdie Beziehungen herzustellcn und zwi* sehen Arabern und Juden die fruchtbare Zusammenarbeit zu schaffen, die alte Zionisten und die verständigsten Araber wünsche«. Obwohl Araber und Juden Aestc desselben semitischen Stammes sind, bieten sie im Augenblick sehr verschiedene Entwicklungsstufen dar: die Araber haben sich die Verbindung mit dein Lande und seinen Traditionen erhalten; die t' dazu zu bringen, sich anzucrkcimen, Bich zu grüßen und sich friedlich au einen Tisch zu setzen, genügt nicht nur gegenseitiger guter Wille. Nachbarschaft und dauernde ständige Zusammenarbeit sind crfordcilieh, Unterhaltungen und Besprechungen jüdischer und arabischer Führer, so gut auch der Wille sein mag, werden nicht zu der gesuchten und unvermeidlichen Verständigung führen. Was vielmehr zu dieser Vcr• Standigung führen wird, das ist die bloße Taicacbe der Rückkehr und Ansicdhmg der Juden in Palästina, der notwendige Kontakt, den diese Einwanderung bcwcrkstctligen wird, die materielle Blüte und die durch die Nachahmung bewirkte intellektuelle und moralische Niveauhebung der gesamten Bevölkerung, die diese Einwanderung bedeutet." fm weiteren Verlauf des Artikels Informiert der Vcrfasscr dann über die bisherige jüdische Arbeit im Lands und über die Bemühungen zur Finanzierung des Aufbau• . werks und schließt mit Ausführungen, in denen er den wahrhaft völlrcrverröhncmlcn Charakter tter zionistischen Arbeit festste!!!. Der Schlußsatz des bemerkenswerten, Artikel» lautet; , ״Der uneigennützig idealistische und wahrhaft ottmanc Charakter de» Zionismus ist unleugbar, wenn mau daran denkt, daß die erste öffentliche Handlung, die Wclzmann bei seiner Ankunft in Jerusalem vor• nahm, die Grundsteinlegung für die hebräische Univcr• srtät war, und daß eine der ersten Spenden, die rin Jude für diese Univcrstiät machte, für die Schaffung eines Instituts für Krebsforschung bestimmt war,“ * Der in Hamburg erscheinende Wirtschafts■■ dienst bringt in seiner Nummer vom 21. Juli einen citwehcndcn Pa’flstuubciicUt, der, vom englischen Weiß• buch ausgehend, das gesamte wirtschaftliche Lebe;» dt' La wies bespricht, Die Fragen der Einwanderung, >1« jüdischen Kolonisation, der Bodenkäufe, de» Ruthen• bergProjekts werden neben ailgcmcin-palistinensiucltcii Fraget! (Gesetzgebung, Ein- und Ausfuhr, Zölle, Irin• delsbllanz) erörtert. , ״ * Die ״Frankfurter Zeitung“ vom 14. J»’•* bringt einen Aufsatz von Dr. Manfred Georg öber ״Die Ostjudenfrage in Deutschland“. Der Verlasset \vi(terlc״t die maßtosen Untertreibungen, die von reakiio• nArer Seite über die Zahl der Einwanderer verbreitet werden. Dr. Georg hebt dann die wertvolle Arbeit des Arbclterfüruorgcamts hervor. I * Die von Siegfried lacobsohn geleitete ״Welt• bühne“ brachte einen Aufsatz unseres Gc:innuu£s״>v nosoen Dr. Gcihard Hold 11 eint, ln welchem c» steh mit dem bekannten Buche Wassermanns ״Mci« Weg als Deutscher und Jude“ ln bemerkenswerten Am• führenden beschäftigt iiM poi Pat 11 ah hat vcr Ort ו!ist od sch Zio vor SB« wei d*f dot wh übt nie Oe er* sek siel ß« nnl des ser odt liei ent wis die fln dl de! Lu; wh w« ZUI me W dr H tn< Or vo: firt sic de eit Kf Be ei$ tlo ße 2k ßa pa ge E. v< «I W| arl de «e Ä ti k» VC \v ׳ oc ni! •st׳ O re Ai .et .ni bi hl A dl w ut w ui n «li w ' U a) tr. ייז s

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