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Jüdische Rundschau · 1922-06-16 · Heft 48 (16.6.1922) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVII (1922)
Issue
Heft 48 (16.6.1922)
Date
1922-06-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 314 1 Der Zionismus in Südafrika Von Dr. S c 11 m a r j a L c v i 11. Herr Dr. Schmarja Le v i n , der 011011 von einer äußerst erfolgreiche» Reise;ms Südafrika /wrüektfckchrt ist, hat imscrcr Redaktion folgomle Schilderung der südafrikanischen Juden und ihres Zionismus gegeben. Das südafrikanische Judentum stellt wohl die nuntcriscli kleinste jüdische Gruppe vor, der ich auf meinen Wegen begegnet bin. Es gibt in Südafrika auf einem ungeheuren Territorium ungefähr 45000 Juden. Sie leben fast alle in den Städten, und größere Gemeinden findet man mir inT ransvaal und der Kapkolonie. In den Städten des Oranje-Frei- Staates und Natal überschreitet die Za 111 der Juden nirgendwo ein Tausend. Zwischen den einzelnen Städten sind oft Entfernungen von 2-1 und 3b Stirnden Eisenbaiinfahrt. Es hat mich vor allem der Gedanke gereizt,׳ wie dieses mimerisch schwache, von den jüdischen Zentren so weit entfernte Judentum sein jüdisches Gcfüiil bewahrt hat, und wie in 'ihm bewußt oder unbewußt das tausendjährige Erbe unseres Volkes fortlebt. Die an Zahl ebenfalls geringe jüdische Bevölkerung, die man in den Ländern Mitteleuropas findet, ist doch in einer völlig andern Lage, weil sie ständig den von den großen jüdischen Massen im Osten ausgehenden lebendigen Einfluß erfährt. Mich hat der Gedanke gereizt, wie weit der jüdische Geist stark genug ist, um sich selbst in diesen entlegenen Winkeln zu bewahren. Ich bereue cs nicht, daß ich die Reise gemacht habe. Sie hat mir noch einen Beweis gcgeben von der ungeheuren inneren Kraft, welche im Judentum lebt und wirkt, und welche Raum und Zeit zu überwinden scheint. Fast 00 «0 der Juden in Südafrika sind N a c 11 - kommen von russischen J u dv* 11, insbesondere von litauischen Juden. Es gibt nur wcnige tausende englischer und ebenso deutscher Juden. Man kann liier die gleiche Erscheinung beobachten wie in Amerika, nur im kleineren Maßstabe. Die Elemente aus Osteuropa tragen in sich noch eine abgerundete jüdische Welt und die Sehnsucht nach ihrer Verwirklichung; die andern sind fast ganz taub für den Ruf nach nationalcr Wicdcrgcsundung. Aber noch ein weiterer interessanter Umstand ist liier ebenso zu bemerken wie in Amerika. Während z, B. in Deutschland in den letzten 30 Jahren im jüdischen Bewußtsein eine ungeheure Revolution vor sich gegangen ist, während die jüdische Jugend Deutschlands immer mehr dem Judentum zustrebt und begierig ist, aus seinen tiefen Quellen wieder zu trinken, bemerken wir. daß die deutschen Juden in Südafrika von diesei Erscheinung völlig unberührt und auf jenem Standpunkt geblieben sind, auf dem sie zur Zeit ihrer oder ihrer Eltern Einwanderung vor 40 öder 50 Jahren gestanden haben, nur daß hier alle Farben blasser und lebloser sind; das Fetter der Assimilation ist ebenso erloschen, wie sie von dem Feuer der jüdischen Wiedergeburt weit entfernt sind. Die osteuropäischen Juden in Südafrika fühlen dagegen immer noch jüdisch-national. Sic begreifen die zionistische Idee in ihrem Wesen und sind gerne bereit, au ihr aktiven Anteil zu nehmen. Sie sind weit von der Welt der Intngue und beschäftigen Leo Baeck, Das Wesen des Judentums*) Betrachtet von M. Wiener. Stettin. Unter den neueren Darstellern und Beurteileni der jüdischen Religion heben sich deutlich zwei Gruppen voneinander ab: Diejenigen, welche mit Leidenschaft versichern, daß das Judentum Religion und nur Religion bedeute, gar nicht anders verstanden und gewertet werden könne, und daß es darum ein Frevel, ein Abfall von seiner wahren ״Idee“ sei, wenn man danach strebt, gewisse im* Gesamtkomplex seines Lebens möglicherweise verborgene nationale und kulturelle Keime oder Rudimente ausz.usondcm und zur Entfaltung zu bringen; und zweitens die, welche diese Streitfrage — eine Sache des Willens, nicht des Intellekts! — auf sich beruhen lassen, dafür aber sich in die wirklich gelebte und heurkündete Religion mit Liebe vertiefen. Da beobachtet man nUn eine höchst auffällige Sache. Die ausgcsprochenen Religkmsenthusiasten künden uns so gut wie nichts von Religion, sondern setzen au ihre Stelle die Moral und suchen zu zeigen, daß jüdische Frömmigkeit ,.beinahe“ so vollkommen wäre 'wie die Forderungen einer philosophischen Ethik. Die anderen, die aufiiicrksam und geduldig auf das horchen, was die wirklichen jüdischen Menschen gelobt und geahnt haben, graben nicht minder erhabene sittliche Güter aus den Schächten der Seele, aller sie offenbaren sie in ihrer unlöslichen Verwobenheit mit wirklicher menschlicher Hingebung au die Erfahrung des Göttlichen. Sie weisen das Religiöse als tatsächlichen Kerngchalt jüdischen Wesens auf,’ als Bestand einer Seclenhaftigkeit. Darum geben sie. was sie versprechen. ' •) Das Wesen des Judentums von Leo Baeck. Zweite neubearbeitete Auflage. Verlag I. Kauffmann, Frankfurt a. M., 1922. JU EDI SC! II E RUNDSCI H*A U Nr. 48 sich nicht mit fruchtloser Kritik, weiche niemals zu einer schaffenden Kraft werden kann. Wenn ich sie mit einem richtigen Ausdruck bczeichnen soll, möchte ich sagen, sie sind einfach und unverdorben. Vielleicht trägt dazu auch die Jugend Südafrikas bei, das heute ein Land ist, das erst im Aufbau begriffen ist und an dessen Gestaltmig verschiedene Elemente, verschiedene Rassen tcilndimeri. Vor ihren eigenen Augen wird ihnen ein Beispiel lebendig, wie eine Wüste in verhältiiLsmäßig• kurzer Zeit in ein blühendes Land verwandelt wird. Da sic bei diesem Aufblühen initgcliolfen haben, da auch sie zu den Elementen gehören, die es geschaffen haben, gewinnen sie Vertrauen zu ihrer eigenen Kraft. Und weil die weiße Bevölkerung Südafrikas aus verschiedenen Elementen gemischt ist lind noch keine eigene starke Kultur hervorgebracht hat, fehlt ihr auch das Objekt einer bcgeistcrungsvollcn Assimilation. Icit war 5 Monate dort. Meine Haupttätigkeit habe ich den Hauptzentrcn Johannesburg und Kapstadt gewidmet, denn ich glaube, daß man nur von ׳den Zentren aus auch die Provinz erobern kann, und erst nachher bin ich, isa weit als möglich, in die Provinzstädtc gefahren. Obwohl ich für einen bestimmten Zweck nach Südafrika gekommen bin, nämlich für den Keren Hajessüd, hätte icli es doch für eine Beleidigung für die Juden Südafrikas betrachtet, wenn ich zu ihnen nur mit aktuellen Ideen, nur mit den Problemen, die gerade auf der Tagesordnung stellen, gar vom rein geschäitlichen Standpunkt aus, gekommen wäre, ohne mich zu bemühen, zu ihnen zu reden wie ein Bruder zum Bruder. Ich wollte diesem Zweig des jiidischeu Volkes, der sieh abgerissen hat vom Stamm und über weite Meere fortgetrieben ist, das Bewußtsein bringen, daß sie nicht abgerissen sind. Ich habe über die Größe der jüdischen Ideen und Güter gesprochen, die alle unsere Generationen und alle unsere Volksteilc verbinden. Ich habe versucht, das Ewige im Judentum zu berühren, woran wir alle gleichen Anteil haben. Denn wer den Wert des Judentums an sich innerlich erlebt, der weiß, daß cs in ilrnv lebendig ist, und in ihm erhalten werden muß, der begreift auch ohne weiteres, daß materielle Opfer nötig sind, um es zu erhalten. Ich glaube, die südafrikanischen Juden haben ni.icli verstanden, und die Beziehungen,-die zwischen uns entstanden sind, waren nicht die, wie zwischen einem, der aus der Ferne, zu den reichen Verwandten kommt, sondern wirklich brüderliche Be- Ziehungen. . Auch mit den materiellen Erfolgen kann die Zionistische Organisation sehr zufrieden sein. Wenn man die Zahl der südafrikanischen Juden in Betracht zieht, so kann 1man die Bctciügang dieser kleinen Gruppe mit 100 000 £ jährlich am Keren Hajessod ein führendes■ Beispiel nennen. Es wäre wünschenswert, wenn sich die andern Juden daran ein Beispiel nähmen. Dabei besitzt die Südafrikanische Förderation noch eine zweite nachahmenswerte gute Eigenschaft. Es ist beinahe noch nie vorgekommen, daß die gezeichneten Stirnmen nicht schnell und sicher in Bargeld verwandelt worden wäre«. Aber in der gleichen Zeit haben dieselben Leute, die für den Keren Hajessod gcarbeitet haben, eine Gesellschaft ״B inj an“ oder South A f r i c a 11 P a I e s I i 11 e E111 e r p r i s c c<I gegründet mit einem Kapital von £ 100 000, ון (icsellschaft ist bereits registriert und die Häl;* der Aktien bereits abgeset/.t. Die Direktoren erwarten mit Bestimm;^,, daß bis Ende dieses Jahres eins ganze Aktienkapj! aufgebracht sein wird. Daraus ist zu ersehe wie falsch die Ansicht ist, daß jj. Keren H ajessod!■ A k t io 11 auf die En! Wicklung der Privatinitiative |!jc dern 11 wirke. Aus meiner Erfahrung kann k nur das gerade Gegenteil behaupten. Aus der großen Reihe von Eiiizelnamcn, d. ich nennen könnte, will ich nur einen hervorheb״ Es ist dies Herr Jeiunla Idel 'Sch wa rz aus Ka staclt, der den ersten Lehrstuhl für neuhebräisd Literatur an der Jerusalemer Universität gegründ! hat. Er bat zu diesem Zweck eine Stiftung e £ 5000 gemacht und dabei dem Wunsche Av. druck gegeben, daß Bialik als erster den Lehrstu; cimiehmcn möge. Dabei ist Herr Schwarz kt! reicher Mann. Er gehört zur Mittelklasse, m; sein Vermögen hat er sich durch harte Arbeit!; worben. Er gehört aber noch den alten Maskil!׳ Er ist ein vorzüglicher Kenner der hebräisch Literatur und ein begeisterter Anhänger der naii nalcn Kultur. Audi für die hebräische Verlag gescllschaft ״D ’ b i r“ ist es mir gelungen, 1> vielen Sympathien zu erwecken, die sich in ein, ziemlich beträchtlichen Beteiligung ausgedrüd haben. Ich kann nicht umhin, unseren südafrikanisch Freunden das höchste Lob auszuspreclien. Ah. scheu von der persönlichen Freundschaft, mit ik sie mich von meinem ersten Tag aufgenomnn haben, glaube ich, daß sie der Sache sehr sein gedient haben, und obwohl sie selber gerne 4 Platz, den sie in der Bewegung einiiclinicn, «im zahlreicheren Landsmannschaft abtreten wolle weiß ich doch, daß sie sich bemühen werden, ih zu behalten. Nr. < Zu dieser zweiten Art gehört Baeck. Sein Buch ist jüdisch und religiös. Sa löst sich die von ihm selbst empfundene und auch einmal zum Ausdruck gebrachte Tatsache, daß es an vielen Punkten als eine Apologie aufgefaßt werden könnte. Was beiläufig auch keine Schande ist, wenn die Apologetik nicht harten Tatbestand ins Wesenlose verflüchtigt. Vor solcher ״Idealisiermig“ in den blauen Dunst hinein, welche so viele Autoren mul . Rhetoren für den vernünftigen und sauber empfindenden Menschen ungenießbar macht, bewahrt den Verfasser das eigene starke instinktsichere jüdische Gefühl. Die von ilnn bekannte und bescliricbene Religion kommt nach de!11 universal-humanen Gehalt ihrer Ideen zu ihrem vollkommenen Recht. Aber immer spürt man,' wie eine fest bestimmte, wenn auch schwer darstellbare seelische Art bei dieser Ausladung und Umkehr zur Unendlichkeit des Güttlich-Mcnschliehen sich offenbart. An zwei Beispielen sei das klargemacht. In dein li.uiptkapitel des Buches, das von den Ideen des Judentums handelt, kommen die Forderungen der Sitten Ich re zn Wort. Einer außerordentlich fein nünncicrciidcu Cilicdenmg glückt cs, jeden Schematismus der Tugend- und Lasierkataloge zu vermeiden; die ״Ideen“ werden nicht als logisch ableitbare Ausstrahhmgen irgendeiner Gnmdwesenheit auseinander gefaltet, sondern sie erscheinen als die Wege, welche jüdisches Menschentum tatsächlich beschritten hat. Sicherlich — wie nicht anders denkbar — ein idealisiertes Menschentum; aber zwischen einer kicaUsieitmg, die nichts ist als der schroffe Ausdruck ausgedaditer Begriffe, und einer, die sieh immer und überall •darüber ausweisen kann, daß sie nur Fortführung, Auswirkung'der im geschichtUtihcn Leben tatsächlich auffindbaren Keime und Anlagen bedeutet, ist ein großer Unterschied. Baeck h K D Sokolows Arbeit in Amerika Sokolow begann in der Mitte des Mai eine Tour!: in den Oststaaten und den N e u -1: n g 1 a n!׳ Staaten. Er besuchte Washington, Bost׳ und Philadelphia. In der letzten Stadt nahm an den Sitzungen des a m c ri k a 11 i s c 11 - j ii disch! Kongresses teil. Im Laufe des Juni wird S״k״l eine Reihe weiterer Orte besuchen und an der du jährigen Convention der Zionistisch! O r g a 11 i s a t i 0 11 in Philadelphia tcilnehmen. A 27. Juni wird er dann nach Canada gehen 1! an der dortigen Convention der Zionisten in Otta« tcilnehmen. Am 4. Juli wird Sokolow nach 1' u r 0; abreisen. Jabotinsky ist bereits auf der Rückr! begriffen, Japan für das Palästina-Mandat Schanghai. (J. C. B.) Der japanische Minides Auswärtigen richtete einen Brief an den Redakn des liier erscheinenden jüdischen Wochcnbls!' ״Israels M c s s e n g c r“, Ezra, in welchem er klärt, Japan billige das Ziel der zionistischen 1 wegung, und die japanische Regierung sei bereit, c 2ali ^*tUc baldige Ratifikation des palästinensischen Mandat■ durch den Völkerbund zu unterstützen. (1aß (ן 111 I limfle I!110 jiin! -;immelt über dii geleistet /lüllistisi l.du•1 ״ doch Ta 1u׳rt, da imtefnan -amer A ״!•!eistet Der Bericht l.cß mit sich in daß die Arbeit 1 wissen daß die leiten 1 rationell *eit, de wuchs ücnerati Hs war Ende d Iram, s wurde, liehen f hißte u bildende K.J.V., getreten will den Gehalt des Judentums schildern. Aber über scheu wir, wie bei dieser Beschreibung uns wohb׳! traute, wirklich zu erfahrende, seelische Natur ans Li!' tritt. So erst wird die Idealisierung glaubhaft. Und tritt, wenn auch nur als Hintergrund, aber als um׳ bchrlicher, die Geschichte des Volkes in die Darstcll» | des religiösen Geistes ein. Und damit hängt das and! zusammen. Baeck betont unermüdlich als Grund!’«" jüdischer Religiosität ihren Tat-, BewährungscharaM■ Das ״D u sollst“ blieb nicht am Himmel ha«4 sondern stieg zu den Menschen herab, oder die Mensch‘ stiegen zu ihm empor. Hier begegnet sich Barr׳ Kritik am protestantischen Christentum mit dcr l' katlioüsierenden Max Sehe ler. Mail muß sich in Tat vor jener ״Innerlichkeit“ hüten, die so tief drim1׳ im Herzen sitzt, daß kein noch so starker Wille11;! stände ist, sic hervorzuholen und in die lebendige lichkcit umzusetzen. Die Stärke der jüdischen Uc» zeugungskraft und der Ucbcrzcugungsvcrwirklicliung so möchten wir das formulieren — ist ein Stück, 111 zwar das entscheidende, der jüdisdum Religion sei' Die Form ihres Lebens — das größte Martyrm״ der Weltgeschichte - - zeugt von den Menschen, es auf sich genommen, macht diese Menschen und 1,1 Art zu sein und zu tragen, zu fordern und zu erfui« zu einem nie zu übergehenden Moment des Judcntni j£des, aiteh des religiösen. Der jüdische Mensch in sc" Idealgcstalt, in seiner nicht z.u entwurzelnden *rc zum eigenen Volk und seiner Selbstdarrcichung P-fh über dem humanen universalen Geist, seine Erhalt und Erhöhung, das ist jüdische Frömmigkeit, m 1 Seele liegen die Quellpunkte des mensciiheitumspan!» den Willens; darum konnte er in diesem Stamme wein׳ so ganz •verschüttet sein wie anderwärts. Der w"B־ ' nische Gedanke schlummert im Gemüt des Volkes, de״

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