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Jüdische Rundschau · 1922-05-12 · Heft 38 (12.5.1922) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVII (1922)
Issue
Heft 38 (12.5.1922)
Date
1922-05-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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I J Nr '«1* faßt, ■ Ah. wird. Oie Lords zur Verfassung Palästinas London (J.CB.). Im englischen Oberhaus stellte |.01d Raglan, der, wie bekannt, ein großer Gegner der zionistischen Ziele in Palästina ist, dem Regierungs- ,crtrcter mehrere Fragen über das Vcrwaltimgssystem md dir Verfassung Palästinas. In Beantwortung der Frage Lord Raglans über das vorgeschlagene Waldsystcni, führte der Vertreter der Regierung, der Herzog von Southerland, folgende interessante Daten an; Das Wahlsystem in Palästina wild ein indirektes sCin. Die Wähler weiden sich nur!iiittclbar an der fallt ihrer Vertreter in die gesetzgebende Körperschaft der Regierung beteiligen. Es sind besondere Wahlkollegicn für die mohammedanischen, christlichen und jüdischen Gemeinden vorgesehen, die aus den Urwahlen hervorgehen werden. Die Zahl dieser Kollegien wird vom palästincnsischen Oberkommissar nach der Wälilcrzahl der versdiicdcnen religiösen Gemeinden festgesetzt werden, jedes dieser Kollegien wird dann ein Mitglied der ge- *(/gebenden Körperschaft der Regierung zu wählen habe». Die gesetzgebende Körperschaft wird ins 12 Mitgliedern bestehen. Wie sich diese Zahl unter!kn Mohammedanern, Christen und Juden verteilen wird, st noch nicht bestimmt worden, da die Zahl der Wähler jeder Religionsgemeinschaft noch nicht bekannt ist. Darauf erklärte Lord Raglan, er verstehe nicht, *eiche Schwierigkeiten der Festsetzung der Vertreteruh! jeder der religiösen Gemeinschaften im Wege stehen könnten, da die Höhe der Einwohnerschaft Palästinas; ebenso ihre Teilung nach dem Religionsbekenntnis im Jgcnicinen Rahmen bekannt sei. Lord Southerland aber bcharrte darauf, daß eine Verteilung der Vertreterzahl auf die einzelnen Religionsgemeinschaften zurzeit noch unmöglich ist. Professor Duboow in Riga Gespräch mit unserem Berichterstatter. Am 26. April traf D u b n o w aus Petersburg in Riga rm. Im persönlichen Gespräch mit dem Berichterstatter teilte er folgendes mit:. ״Es ist schwer, etwas über die Entwicklung ler jüdischen Literatur in Rußland zu sagen, leim in• den letzten drei Jahren existiert in Rußland iiberhaupt keine jüdische Literatur. Die bolschewistische Regierung Verhinderte während der ganzen Zeit das Erscheinen jüdischer Zeitschriften. Nur seit einigen Mosäten erscheint die Zeitschrift ,Der jüdische Bote‘. Die!üdischen Schriftsteller und Künstler haben in Rußland mit schweren materiellen Sorgen zu kämpfen. Es ist!5 große Heldentat anzurechnen, daß in Moskau noch üe ,Habima‘ arbeitet. Der Zionismus in Rußland ist noch nicht tot. Die letzte Konferenz wurde in Moskau vor zwei Jahren abgehaltcn, die Führer wurden aber arretiert und 5ur unter der Bedingung freigelassen, daß sie sich von kr zionistischen Agitation fernhalteii wiirdeim. Nachher;wiet die zionistische Arbeit ins Stocken," Lieber seine persönlichen Absichten teilte frubnow, der stark gealtert ist, folgendes mit: »Ich gehe jetzt nach Kowno, um das Dekanat an fcr jüdischen Abteilung der Kownoer Universität zu Vernehmen. Ich bin auch als ordentlicher Professor der Wischen Geschichte an dicselbo Universität berufen. W1 habe die ernsteste Absicht, mich zu bemühen, an der Rownoer Universität eine vollkommene jüdische Fakultat zu schaffen. Mein Sehnen ging immer danach, an allen großen Universitäten Europas in der Zukunft jüdische F*kultäten entstehen zu sehen. Ich werde auch nach Berlin gehen, denn ich denke, “trlin wird das große ku'tuielle Zenhum des europäischen Judentums wer- "0״. Ich weiß, daß eine ganze Reihe bekannter f«sisch-j(klischer Gelehrter, die in Rußland weilen, die '“sicht halien, in der nächsten Zeit nach Berlin zu Wen, Ich persönlich werde mit allen Kräften das Enttehen eines national-kulturellen Judentums in Berlin füerstützen. Ich werde deshalb längere Zeit in Berlin '״eiben. Insbesondere hoffe ich bei der ganzen Arbeit ,11' die Unterstützung der n a t i o n a I j ii d i - eben Akademikerschaft Deutschlands, was meine geschichtlichen Werke an- ״?trifft, so bringe ich aus Rußland den dritten Band yer .Neuesten Geschichte des jüdischen olkes‘ mit. Ich werde sie sofort nach meiner Ankunft f Kowno dem ,Jüdischen Verlage‘ nach Berlin einsenden, uch meine zehnbändige ,Allgemeine Geschichte cs Judentums‘ in einer ganz neu dtirchgcarbeiden Redaktion bringe ich mit. Ich habe die Absicht, j,ln Berlin wieder erscheinen zu lassen. Voraussicht- '"י werde ich sie in russischer, deutscher, hebräischer jiddischer Sprache verlegen.. : '011 muß mich nach den russischen Erlebnissen tiiehs ausruhen, will vielleicht aber doch in der nächsten;4«it nach toskaucr jt eine״ iier a־1״ 'an, 0־l) Wung^־ iazu 'teh oiitz will vielleicht aber doch Palästina hinüber, um in der bei der Ent- Unß der Universität in Jerusalem “wirken. Dann will ich nach Litauen zurück- " «n, um an der Universität zu arbeiten,“ ״ rofessor Dubnow reiste am 30. April nach wn0 ab• Boris Silbert. '%cn1T°m ^scb ta Warschau. Schatom Asch ist vor mujj aus Amerika in Warschau cingctnoffen begrüß ״,״״ der ITesamtcai’ jüdischen Presse herzlich! Vtfrtrsi gefeiert/worden. Asch hielt bereits mehrere Qftfa8c in Warschau. tr JOED1SCH E RUNDSCHAU . Seite 243 , . י iä! .0!MJtr .ii««/ r»t יד» י־^ :raianii über den Aufbau Palästinas Herr Direktor Oskar Wassermann, der Vorsitzende des Deutschen Keren Hajcssorf, hatte die Freundlichkcit, dem Ersuchen unserer Redaktion um Gewährung einer Unterredung über seine Stellung zur Frage des Aufbaus Palästinas nachzukominen. Wassermann empfing unseren Redakteur in seinem Büro in der Deutschen Bank und setzte in einem mehr als cinstündigen Oesprach seine'«Anschauungen auseinander. Zunächst äußerte er — wohl scherzhaft — seine Zweifel, ob seine Ausführungen geeignet sein werden, in einem zionistisehen Blatt abgedruckt zu werden. Denn, so erklärte er, er sei Nichtzionist und habe sich der Keren Hajcssod-Bewegung gerade darum angeschlossen, weil er meint, daß der Aufbau Palästinas. nicht Sache der Zionisten allein ist, sondern Sache des gesamten Judentums. Für dieses Werk, eine der größten Aufgaben der jiidisehen Geschichte, müßten sich Zionisten und Nicht- Zionisten allenthalben vereinigen. Diese Neutralität der Sache muß auch durch neutrale Personen zum dcutliehen Ausdruck gebracht werden, und ״gerade, weil ich mich für eine durchaus neutrale Person halte, glaubte ich, der Sache auch nach außen hin dienen und zur Milderung der Gegensätze beitragen zu können. Allerdings — so fuhr Wassermann fort — würde der Versuch erfolglos bleiben, wenn er auf Deutschland beschränkt bliebe. Die Bedeutung dieser Sache liegt gerade darin, daß sie die Juden aller Länder umfaßt und ihnen ein gemeinsames ideelles Ziel gibt. Wenn in anderen Ländern eine Zusammenarbeit nach dem deutschen Vorgang erzielt wird, dann wird auch das materielle Ergebnis, das Deutschland allein nicht schaffen kann, ein befriedigendes sein,“ Unser Redakteur fragte darauf Herrn Direktor Wassermann, aus welchen Motiven er für die Besiedlung Palästinas eintrete, wenn er den Zionismus verwerfe. Herr Direktor Wassermann erwiderte mit lebhaftem Nachdruck: ״Es ist für midi außer Zweifel, daß Palästina fUr jeden Juden einen gewaltigen Gefühlswert darstellt. Freilich wissen wir, daß cs Juden gibt, die diese Tatsache irr Abrede stellen; solche Leute sind aber für mein Gefühl gar keine Juden mehr, ihre Abstamniung ist bloßer Zufall. Ich bin überzeugt, daß bei den meisten Juden die Möglichkeit bestellt, sie für den Gedanken zu erwärmen, in Palästina eine Heimstätte zu errichten für alle Juden, die sidi in ihren gegenwärtigeii Wohnländern körperlich, geistig oder seelisch mißhandelt fühlen. Wenn die Frage entsteht, wo sollen wir solche Juden ansiedeln, dann verdient Palästina unter allen Umständen den Vorrang; sogar, wenn die übrigen Verhältnisse nicht so günstig wären wie in irgendeinem anderen sich darbietciulen Lande, sogar, wenn in Palästina besondere Schwierigkeiten zu überwinden sind, auch dann muß die Wahl auf Palästina fallen. Denn die Verbundenheit der Juden mit Palästina ist eine geistige Realität, die fnichtbar gemacht werden muß. Damm müssen wir auch dafür sorgen, daß die RcsiedclUng Palästinas möglichst viel Früchte bringt. Heute sind die Verhältnisse noch nicht zufriedenstellend, weil die Siedler zu sehr auf die Mildtätigkeit von außen angewiesen sind. Wir dürfen nicht eine Art Armenhaus schaffen, keine Bettlerkolonie, sondern wir müssen die Grundlagen schaffen für die Entwicklung einer gesunden Erwerbstätigkeit, für ein wirtschaftliches Aufblühen und gesunde Möglichkeiten für eine Gesellschaft von Juden, die «ich aus allen Ländern als Juden dort zusammenfinden, um ein jüdisches Leben nach eigenen Grundsätzen zu führen. Idi glaube, so weit können alle Juden Zusammengehen. Nicht Zusammengehen werden wir, wenn es sich darum handeln .sollte, die weitergehenden Aspirationen der Zionisten anzucrketmeti. Ich halte cs z. B. für unmöglich, in absehbarer Zeit eine Majorität im Lande zu bilden, weil die Geldmittel für die An- Siedlung so vieler Juden absolut nicht aufzubringen sind. Mein Hauptargument gegen den Zionismus ist aber die Befürchtung, daß die Juden selbst, wenn sie unabhängig wären, sofort miteinander in mörderischen Streit geraten müßten, denn in einem jüdischen Laude wären die Fragen der religiösen Lebensführung und der Gcmciuschaftsinstitutiosien nicht mehr so eine akadcmischc Sache wie hier und würden zu wilden Kämpfen führen.“ Unser Redakteur wandte ein, daß in einem jüdischen Palästina das jüdische geistige Leben aus seiner Erstarrimg befreit werden und sich seine neuen Formen selbst schaffen wird. Gerade diese Hoffnung auf eine schöpferische geistige Entwicklung ist eines der Hauptmotive des Zionismus. Natürlich laßt sich die Entwick- 11mg nicht mit Sicherheit v’orherschen, Herr Direktor Wassermann zeigte sich diesem Gedankengangc zugänglich. Er sagte: ״teil glaube wohl, daß in einem Lande, wo die Juden zwai* auch nur einen Teil der Bevölkerung ausmachcn, aber eine Autonomic haben, also tu Jüdischen Dingen nicht bedrückt werden und an der Verwaltung des Landes ihrem wirtschaftlichcn Einfluß entsprechend teilndimcn, — in einem solchen Lande, zumal, wenn es Palästina Ist, werden die Juden nicht aufgehen in der landwirtschaftlichen Arbeit oder in der Arbeit an Cliausseebauten, sondern es wird auch ein geistiges Leben erwachen, das einen ganz anderen Charakter haben wird als das religiöse Leben beider heutig cm C h a 1 u k k a h. Man wird rasch ein geistiges Leben erblühen scheu, und ein solches geistiges Zentrum ist auch nach niemer Auffassung durchaus zu wünschen. Vielleicht werden wir wieder emmaS Propheten haben, aber — setzte Wassermann lächelnd hinzu — ich selbst bin kein Prophet, und daher kann ich auch nicht voraussehen, was in hundert Jahren sich geistig oder politisch entwickeln wird. Die Angst vor den Resultaten nach einer so langen Zeit braucht heute keinen Antizionisten abzuhalten, sich an dem Werk zu beteiligen, das, heute wenigstens, die von den Zionisten gewünschten Früchte nidit tragen wird. Was wir heute wollen, ist nichts Politisches, sondern etwas Praktisches. Wir wollen aus Palästina eine Heimat machen für die jüdischen Menschen, die aus ihrer Umgebung weg wollen, weil sie nicht menschenwürdig ist. Für eine solche Sache einzutreten, ist unbedingte Pflicht eines jeden Juden, Dazu kommt aber noch ein wichtiger Gesichtspunkt. Niemand kann sich der Beobachtung verschließen, daß das Judentum im Westen in starkem Rückgänge sich befindet. Das Gemeindeleben bröckelt ab, das jüdische Wissen verschwandet. Mit dem Aufstieg zur höheren : wirtschaftlichen und sozialen Steilung hat das Judentum in Westeuropa und Amerika auch rein physisch beträchtliche Verluste, infolge der Kinderarmut dieser Kreise und der bei ihnen häufigen Uebertritte. Früher war im Osten das sichere Reservoir des Judentums, aber heute kann man nicht wissen, wie sich diese Verhältnisse in dem Chaos, das durch die neue politische Gestaltung im Osten entstanden ist, entwickeln weiden. ' Wenn wir daher uns ln Palästina einen Jungbrunnen für das Judentum schaffen, dann tun wir etwas Großes für das Judentum. Dabei möchte ich betonen, daß ich energisch dafür eintretc, daß durch unsere Beteiligung am Palastinaweik unsere kulturellen und humanitären Bestrebungen im ׳ Inland in keiner Weise leiden dürfen. Unsere Krankenhäuscr, sozialen Fürsorgestätten usw. dürfen nicht verkümmern. Aber wir dürfen uns nicht auf solche Objekte beschränken, wir müssen darüber hinaus ein Mehr tun, denn wir müssen uns bewußt sein, daß alle derartigen humanitären Werke, so wichtig sic auch sind, nur für den einzelnen Juden eine Hilfe bedeuten, aber keine Hilfe für das Judentum. Heute brauchen nicht nur die einzelnen kranken Juden Krankenhäuser, sondern das ganze Judentum ist krank und braucht eine Hilfe. Ckirch die Schaffung einer freien Heimstätte für Juden, die nur als Juden in das Land kommen und dort jüdisch leben wollen, tun wir etwas Wichtiges für das ganze ׳ Judentum, denn aus diesem Leben muß sich,ein jüdisches Kraftzentrum entwickeln.“! Unser Redakteur fragte dann, wie sich Wassermann ׳ in großen Umrissen den ökonomischen Aufbau Palästinas; vorstelle. Wassermann sagte: ״Durch den Keren' Hajessod müssen meiner Ansicht nach Mittel beschafft werden, um im Lande die nötigen Vorbedingungen für ein Wirtschaftsleben schaffen zu können. Wir müssen Möglichkeiten für individuelle Betätigung bieten. Das Wichtigste ist also die Unterstützung großer kommunaler Unternehmungen, z. B, die Unterstützung von Ge-׳ meinden in Stadt und Land bei der Herstellung von Straßen, Anlagen für Kraftgewinnung, Bau der Häfen' usw. Dies alles sind Sa eiten, die von Einzelnen oder von Erwerbsgesellschaften nidit gcmadit werden können, weil sie nicht direkt privatwirtschaftlich rentabel sind. Aber dennoch sind gerade diese Dinge notwendig, um . eine Wirtschaft entstehen zu lassen. Außerdem müssen wir mithelfen. beim Aufbau der eigentlichen landwirt-, schaftlichcn Kolonisation, die die Grundlage der ganzen Siedlung bilden muß. Diese Hilfe soll aber weniger in Gcklunterstützung bestehen, — die vielmehr, wenn überhaupt, so nach meiner Ansicht landsmannschaftlich organisiert werden könnte — sondern durch Ausrüstung und Ausbildung der Arbeiter, Bei- Stellung des Reisegeldes, wo es nötig ist, Anschaffung von Geräten und Maschinen. Dies ist gerade für uns in Deutschland wichtig, weil wir hier ein Betätigungsfeld haben, bei dem wir unsere deutsche Valuta am wenigsten in Mitleidenschaft ziehen. Ich glaube auch, daß cs für Deutschland kein Schaden sein wird, wenn ostjüdische Palästinawanderer eine Zcitlang in Deutschland ausgcbiklct und hier ausgerüstet werden. Das hierfür aufgewendete deutsche Geld ist zugleich eine für Deutschland werbende Kapitalsanlage.“ Schließlich fragte der Interviewer Herrn Direktor Wassermann nach seiner persönlichen Beziehung zum Judentum. Herr Direktor Wassermann erklärte: ״Eine solche Frage läßt sich nicht in der hier zur Verfügung stehenden Zeit beantworten. Ich kann Ihnen nur einige mehr äußere Andeutungen machen. Ich bin streng jüdisch erzogen, habe von frühester Jugend jüdisches Leben vor mir gesehen, ich liebe das Judentum und kenne das jüdische י Schrifttum, die biblische, talmudische und zum Teil auch die rabbinische Literatur. Ich bin zwar in keiner Weise selbst orthodox, habe aber vor der Orthodoxie große 1* .. *'•י־־,,■ י” ,־ ־,־־-־^*״״“ * ki" *י״•

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