Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVII (1922)
- Issue
- Heft 29-30 (11.4.1922)
- Date
- 1922-04-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 188 jUEDISCHE RUNDSCHAU Zionismus, Judentum und Deutschtum Prinzipielles zum Artikel Max Naumanns Von Dr. Siegmund Knznclson. Die Dcimnzinlioii des Zionismus als einer Bewogung; die im Grunde darauf hinauslaufe, die Staatsbürger jüdischen, Glaubens außerhalb <101 vorfassungsgemäß gewährleisteten staatsbürgerlichen Rechte zu stellen, sie zu Fremden zu machen, ist 60 alt wie der Zionismus selbst. Sie war seit jotier das beliebteste Kampfmittel gegen uns, denn nichts fürchtete der vor demütigster Dankbarkeit für die Segnungen der bürgerlichen Emanzipation ühcrflicßcndc 1 iurrah-Ratriotismus des assimilierten Judentums mehr als die antisemitische Argumcntation von der Minderwertigkeit jüdischer Staatsbürgergesinnung. Es muß gesagt werden, daß kaum in einem anderen Lande diese antisemitischanti/ionistischc Beschuldigung, eine der in ihrer ,Wirkung gefährlichsten neuzeitlichen Brunnen- Vergiftungen, so häufig ausgesprochen und geglaubt wurde wie in Deutschland. Daran trägt nicht einmal die Mentalität des antizionistisch gerichteten assimilierten Juden so viel Schuld wie die Atmosphäre, in der jeder politische Kampf in Deutschland sich früher abspielte und deren Folgeerscheinungen sich auch nach der politischen Umwälzung mit der erstarkenden Reaktion wieder dnstcllteu. Es war die politische Methode des monarchistisch-reaktionären Deutschland, sich seines Gegners nicht durch die Kraft seiner besseren und gerechteren Uoberzcugung, sondern durch die Mittel der bürgerlichen Aechtung und der altrömisehen capitis deminutio zu entledigen. Die Soziald cm ok raten waren keine Deutschen, sondern valerlandslosc Gesellen. Sic standen vielleicht nicht formell juristisch, aber doch praktisch außerhalb der bürgerlichen Rechte. Es ist in den letzten Jahren oft genug in deutschen Zeitungen und Zeit- Schriften darüber geschrieben worden, wie sehr diese schon mehr als robust zu nennende Kampfinethode Deutschlands Ansehen in der Welt geschädigt hat. Jeden nicht gerade zaristisch gesinuten Menschen mußte cs mit Empörung und gleichzeitig mit ironischer Verachtung erfüllen, wenn vordem deutschen Gerichtshöfen vernommene Zeugen stets zuerst zu beteuern eilten, daß sie keine Sozialdemokraten seien, uin nur ein ver- Mltnismiißig harmloses, aber bezeichnendes Bei- .sjmcI herauszugreifen. Und wie selbst bedeutende fortschrittlich und human empfindende Geister von dieser mit tausenden Miasmen die Luft des politischen Deutschland durchtränkenden argwöhnisdicu Vcrdäehtigungssucht infiziert wurden, dafür mag die Erinnerung an eine Wahlrede Friedrich Naumanns als Beleg dienen, die ich 1013 hörte und in der dieser doch weltbürgerlich und zugleich tief national denkende Mann zum Kampf gegen das 1111 r am o 11 ta 11 c Zentrum aufrief. Da durch dieses sieb eine ausländische Macht in Deutschlands innere Politik einmische. So ist es auch nicht verwunderlich, daß dieses politisch und national so intolerante Deutschland jahrhundertealten Steinen predigt Buber in allen seinen Werken. Seine Bücher aus der Welt der Gluisudim unterscheiden sich aber von den ״Drei Reden“, ״Heiliger!Weg“, ״Geist des Judentums“ dadurch, «faß sie uns viel unmittelbarer unsere Einheit mit der jüdischen Vergangertheit auf decken, und diejenige Einstellung, die Buber bei uns in anderen Werken sozussagen theoretisch zu erwecken sucht (״Diese Menschen sind Stücke von mir. Ich leide nicht mit ihnen, sondern ich leide. Meine Seele ist nicht bei meinem Volke, sondern mein Volk ist ineine Seele“), riüt er bei uns liier mit unmittelbarer Kraft aus. Und noch etwas anderes; er läßt uns hier, und durch sein letztes ,Werk ״Der große Maggid“ vielleicht noch mehr als durch. Baal Schein und Rabbi Nachmann, die ״grolle Demut“, die Tugend, die seine Helden, die Chassidim, so bochsdiiitztv», lernen. Es ziehen vor «11s Männer vorbei, für welche weiter Gott, noch Israel leere Begriffe oder Kulturgcgai- Stände waren, die an metaphysischer Tiefe unser Zeitalter weit überragten, die auf den Messias mit der ganzen Kraft, deren die menschliche Seele fähig ist, warten, auf sein Kommen warten, dennoch aber wissen, daß Seliofarblasen!»och nicht seine Ankunft bedeutet und daß der Messias nur!nach vollbrachter Erneuerung kommen ,wiid; Miimver, die nur Gott ־woben und Gott alles bringen; und wenn! ihre Gottesgaben manchmal sehr bescheiden sind, wenn es!nur ein Pfeifen ist, so erzittert iimii, wenn man dieses Pfeifen׳ hört, solche Leidetvschaft, solche Ergebung, solches Selbstvergessen liegt darin; Männer, vor deren Weltallgefühl und Liebeskraft der Heilige von Assisi verblaßt. Vor diesen Männer!» neigt man das Haupt in tiefer Demut und man vergißt de.11 ״Sumpf“ des Ghetto, und man wiederholt andere Worte von Brenner: ״Gepriesen sei das sieche, kranke und entartete Volk“, daß in ihm solche Kräfte verborge* sind, lebendig Waren und sind. auch den von vornherein aussichtslosen Versuch der Gcrmniiisvcruug seiner polnischen, dänischen und französischen Landesteile unternahm; hatte es doch von dem Unterscliiod zwischen Staatsbürgertum und Nationalität keine Ahnung oder wollte es keine haben. Damit übersetzte Ironie der Geschichte! י das protestantische Preußen des in den Reformationskricgen und dem 30 jährigen Kriege gegen seine eigenen Angehöriger angewandte Prinzip des ״cuius regio, illius religio“ ins Nationale und versuchte die nationale Taute durch das Mittel der Gewalt einzubürgern. Der Erfolg war der gleiche. Es war demnach nur durchaus natürlich, daß die Antizionisten «las gegebene Vorbild getreulich im Kampfe gegen den Zionismus kopierten und ihn als staatsfeindlich und mit deutschem Patriotismus unvereinbar denunzierten. Der deutsche Zionismus hat diese heute selbst vom größten Teile seiner damaligen Gegner nicht mehr gebilligte Vcrlcimtdtmgsknmpagnc, der er ja nicht viel anderes als seine wiederholten Erklärungen über die staatsbürgerliche und vaterländische Treue seiner Anhänger entgegenzusetzen hatte, überlebt, wie die Sozialdemokratie und das Zentrum, die heute die Regierung des neuen Deutschland bilden. Uno nur noch die extremsten Richtungen und Blätter der Rechten wagen es heute, diese beiden Parteien wie früher allen Ernstes als staatsfeindlieh zu bezeichnen. Selbstverständlich muß wieder ein Jude dieses traurige Kampfmittel einer reaktionären Untertanengesimumg hervorholcn und den Meister an Verzerrung, Ucberspamumg und Ueberbetommg politischen Haßgcfühls und chauvinistischer Gesinnung noch übertrumpfen. Es ist das alte Bild: der in seinem eigenen Gefühl und der Schätzung der Fremden nicht sichere assimilatorische Jude will durch Dcmmzicrung des jüdischen politischen Gegners sein nationales Alibi beweisen. Es ist das Charakteristikum und das Um und Auf der ganzen politischen Konstruktion Naumanns, daß er seine eigene nationale Vollwertigkeit und Zuvcrlässigkeit dadurch beweisen will, indem er vor einem nichfjiklisclien Forum nicht nur auf die Zionisten, sondern auch auf die Majorität der deutschen Juden, auf jene berühmte Zwischenschielit, als die unzuverlässigen Deutschen mit Fingern zeigt und von solch außerordentlich tapferer und würdiger Preisgabe der Mehrheit des deutsehen Judentums einen günstigen Urteilsspruch für sich selbst erwartet. Diese Methode ist ja nun weder neu noch originell. Was an dem letzten Artikel Naumanns in der ״Kölnischen Zeitung“ ״Liegt Berlin noch in Deutschland?“ neu und vielleicht auch begrüßenswert ist, das Ist die unverhüllte Nacktheit und klare Eindeutigkeit der darin ausgesprochenen Denunziation. Dr. Max Naumann, immerhin noch Jude, schreibt, wahrhaftig er schreib’., solche Sätze in einem großen nichtjiidischeu Blatte wie diese: ״Zu den fremden Elementen, die uns von dem Zusammenhang mit dem Heimat baden abzudrängen drohen, gehört auch eines, das keinem anderen an Gef ä It r l i c 1) k e i t für das deutsche Volkstum nadisiiht und trotzdem seltsamerweise gerade nadi dieser Richtung hin noch immer nicht richtig gewürdigt wird. Das jtidischnationnlc Element ist ein F rem cfkörpe z im deutschen Volke wie nur irgendeine Gattimg ausländischer Zuwandcrcr, aber es überwiegt sic alle an Schädlichkeit . . . So erleben wir das groteske Schauspiel, daß Menschen, die sich selbst als Ange- 11 0 r i g e eines f r c m den Volkes fühlen und offen bezeichnen, trotzdem in Deutschland mitneden, als ob sie wirklich Deutsche, nicht nur dem Buchstaben nae'1 deutsche Staatsbürger wären . . . Wir müssen mit ansehen, daß diese fremden Menschen auf unserem eigenen Boden, in unseren eigenen Häusern. Deutsche zu P re m de n zu machen trachten, daß sic skrupellos, besessen von ihrem nationalen Wahn, in deutsche Familien eindringen .... usv. Wer solches liest, kann nach jüdischer (vielleicht nicht ganz, ״fremder“) Gewohnheit die Frage des Herrn Naumann: ״־Liegt Berlin noch in Deutschland?“ mit einer Gegenfrage beantworten, nämlich: ״Schreibt so ein Jude oder ein Antisemit?“ Es ist völlig überflüssig, gegen eine solche Denunziation der Zionisten als Staatsfremde auch nur ein Wort der Polemik zu verlieren. Es müßte gar keines anderen Mittels bedürfen, als den Artikel Naumanns allen Juden, die ihn nicht kennen, zugänglich zu machen, um die politische Karriere, die Naumann auf Kostet! des deutschen Judentums machen will, mit einem Schlage zu beenden und seiner Gründung, dem Verband nationaldeutscher Juden, dieser grotesken Erscheinung einer organisierten Assimilation, das Lebenslicht auszublasen Nicht mehr als ein Anlaß soll der Nau-!nautische Artikel sein, hier die prinzipielle Frage wieder zu erörtern, wie Zionismus und nationales Nr. 20/20 Kr. 20 14 «tit ders atiti Knecht d jeunn a״r Anwandl! sclbstven [putsche ich jüdi seelische K’aumanr M die Judentum mit deutschem Staatsbürgertum uc, Vaterlandsgefühi vereinbar sind. Der Artikel N51 manns ist, theoretisch genommen, nichts als der Versuch einer gewaltsamen LJuifi/ivrun und Reglementierung der in ihrer iksondrtlx״ und eigentümlichen Vielfalt, in ihrer Unvergk^ barkeit und Tragik von ihm kaum verstanden!- oder auch nur geahnten seelischen Erscheine: des deutschen Juden. Man muß sich staunen fragen, wie nach den vielen Dokumenten hm׳n״. ׳(jichci ragender nationaljüdisch oder anti/ionistisch j,f 1“י richtcter jüdischer Geister jemand sich njcL schämt, in solch unglaublich oberflächlicher \X\j:. über das jüdische Problem zu schreiben wir 1iu; Naumann tut, und daß eine bedeutende deutsch! Zeitung einem solchen Artikel Raum gibt. £, ist, als ob Naumann weder die zahlreichen dich!; rischen Gestaltungen jüdischen Zwiespalts!סו;! die persönlichen Bekenntnisse und Wissenschaft liehen Darlegungen, welche der Einzigartigkeit un׳ Singularität der Stellung des Juden in seiner Um weit gcrecht/mverdeii versuchen, überhaupt kenn! Weder die Werke bewußt jüdischer Juden Schnitzlers ״Weg ins Freie“ und Buber ״Reden über das Judentum", Brods, Rickm Beer-Hofmanns und die Bücher mancher an deren noch etwa Jakob Wasscnna n n s Bekenn! nisbuch ״Mein Weg als Deutscher und Jude" od; Hermann Cohens Schrift ״Deutschtum unc Judentum“ gestatten sich eine solche unsagbi: oberflächliche und billige Simplifizierung wie da von Naumann versuchte, für den es nur ein ״Entweder Deutscher oder Jude“ gibt. Es in falsch, die nationaldeutschen Juden als das g gcnsätzliehe Korrelat der Zionisten zu bezeichnen Der deutsche Nationalismus Naumanns ist nid; nur dem Vorzeichen, sondern auch seinem Wese und seiner seelischen Struktur nach grundvcrsclii; den von dem jüdischen Nationalismus der Zio nisten. Nicht nur, daß Naumanns Nationaldculsck tum eine Komponente des jüdischen Wesens, da nach allgemeinem Bewußtsein als die stärkere gi Es 1 e!n.'.ütät! , nmöglU Mißlich ...mit de Ansi Minorität;!di der •rein bar 1echt en!kriege n kalionaü tonalun b־J1 deck egs log nur cinzii inheiflid ,Minorität ie in Vorhand! ämme Minorität politische mit der i;!inzipiel b die nlt voll* tt. Prin; kn Dcu rg de! urgerge >utsche ".rieh g;;rüher n itt die (da die Abstanuiuingsgemeinscliaft, die vererbtu Dispositionen, größere Bedeutung haben als d! Einflüsse des Milieus), also die jüdische cinlacf ausstreicht, leugnet es auch die durch das Vor handensein zweier seelischer Grundkräfte urc|■Uigkeit deren Streben nach Vereinbarung und Einheit bi dingte Eigentümlichkeit und innere Differenz:! rung des modernen Juden. In einem Artikel im 1. Hefte des 3. Jahrgang• der Monatsschrift ״Der Jude“*) habe ich auf d! Schwierigkeit dieses von keinem seelisch feine empfindenden Zionisten und Nichtzionisten bisbe: geleugneten Gnmdproblenis hingewiesen. Es heißt dort: ״Man hat es den Zionist« zum Vorwurf gemacht, daß sie den Juden 1kfremde? Diaspora über seine komplexe Stellung unter de ־ es, un Völkern in ihrer vielfältigen und schmerzlich« Problematik durch das schematisierende LX'Lt eines einförmigen Nationalismus liiiiwcgtäuscht: wollen. Es sei nicht wahr, daß wir nichts ändert als Juden seien. Zerstreuung und Assimilati« hätten in der Seele des Juden vertilgbare Spuren hinterlassen, dekretieren seien. Es braucht hingewiesen zu werden, einer mißverständlichen enn nu >tz de! jlkerunj bat zu äber lie!11111 un!;!ten be: ruck de bräamin deutliche und ün die nicht weg» nicht erst daran daß diese Bcschuldigus, Anpassung der zionid: sehen Forderung entspringt, die absurd wäre, wen wir ein Volk wie alle anderen Völker, also cinhcit liehen, ungemischten und gewohnten Charakter wären . . .“ Es ist reinster Doktrinarismus, der behaupt die Juden seien nicht mehr als das, zu dem si sich lediglich bekennen wollen: eine Ko»fes>®: Hier wird nicht einmal ein Attribut an die Stell der Substanz gesetzt, sondern eine neue, fren! Substanz, die eines anderen Volkes, wird mit rin1'׳' alten Attribut versehen. IX•!־ westeuropäische J«ü' ist allerdings nicht allein Jude, aber seine Sabsb״ ist jüdisch, und es heißt den schweren Ernst <1ף Problems, das uralte, seit Jahrtausenden ererbt Wesen mit den neu erworbenen Eigenschaften 1® einanderzusetzen, auf 'die bequemste Weise einfachen, indem man Wesentliches unwcscntlir׳ und Unwesentliches wesentlich macht. ־;) ^״ denen, die Böses gut und Gutes böse heißen.<'11 aus Finsternis Licht und aus Licht Finster1״ machen, die aus sauer süß und aus süß sal1c machen", ruft Jesaja (5, 2), 111 den Auseinandersetzungen mit Gedanke״ gangen, wie sie etwa Hermann Cohen und « anderer, persönlicher Weise neuerdings Ja^ Wassermann vertreten hat, handelt cs sich also״״ um die Frage, welche von den im Juden handenen zwei Kräften stärker ist. Diese F״f traame :en fe d schl 1׳ncrika^ issel u. '.Ite, m m Jud •sinnten tiefen b °0 um ssig si ״rkntipf c!1 um .״rache, d Zwi;titsch jen Ad ־״ad der nie aufr«;,ung i: nkel, r, 1 Nau ■״ipff,; ווו zur ntlerwi mdc £!eh der d Wal Un «bei «teilen Tmdcni;:d'bür. ver *) Alb re cht Wcltpolitik. Hel!׳mann, Die Juden «' tert 1s KCl Öeul Cs l Tes W< '^allsei r5W, 8 dere,!