Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVII (1922)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1922)
- Date
- 1922-03-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 136 JUEDISCHE RUNDSCHAU tigcn syrisch-arabischen Bevölkerung Palästinas sei, sd ist dies eine /,ieiulich unlKwieseue Hypothese. Viel wichtiger sclieint uns das Argument, dali eben Palästina für Mohammedaner und Christen ebenfalls ein Land grober Erinnerungen sei, und daß von ihnen allen derselbe Anspruch erhoben werden könne wie von den Juden, Hier verkennt der Redner eben das, was unseren Anspruch zu einem ganz.! einzigartigen macht. Die Verknüpfung mit | Palästina ist nicht nur eine religiöse, wie sie heute j den katholischen Italiener und den protestantischen Schweden oder den frommen Mohammedaner ans I Indien mit Palästina verknüpft, sie ist eben zugleich eine nationale, die Erinnerung an die Zeit, ■wo in Palästina das jüdische Volk entstand und seine unvergänglichen Leistlingen geschaffen hat. Und er vergibt ein Zweites, daß alle die von ihm genannten Christen und Mohammedaner, Kreuzfahrer und anderen Elemente, die einmal in irgendeiner Form mit Palästina verbunden waren, ihre Heimat haben, daß aber für die Juden seit ihrer Vortreibung keine Heimat existiert hat und nur Palästina diese Heimat werden kann. Auch für Jamal wie für Lord Lamiugton ist das Entscheidende die R ü c k n a h rn e der B a 1 f o u r - erklärung. Er glaubt, daß cs für England mir ehrenvoll sein könne, zu erklären, daß cs eingesehen habe, die Durchführung dieser Erklärung bedeute eine Vergewaltigung der Araber und sei infolgedessen undurchführbar. Wir glauben, daß die englisclie Regierung sich die Baifourerklärung reiflich genug überlegt hat, und Churchills Erklärung hat erneut bewiesen, daß sie keineswegs glaubt, eine Durchführung der Baifourerklärung bedeute eine Vergewaltigung der Araber. Es ist schwer zu heurteilen, ob nach dieser eindeutigen Erklärung Churchills die Araber wirklich noch ernsthaft die Aufhebung der Baifourerklärung anstreben, oder ob cs sich nur noch darum handelt, diese Forderung eine Zeitlang der Form halber zu vertreten. Alle Argumente, die irgendwie gegen den Zionismus angeführt worden sind, werden hier wieder lebendig: daß die Juden Bolschewisten seien, daß sie aus Osteuropa und Deutsch! a 11U kämen, also keineswegs erwünschte Einwanderer seien, daß sie Waffen schmuggelten, daß die Ausübung des Maudats England ungeheures Geld koste u. a. Aber besonders interessant ist, daß die alle Missionsidcc liier wieder eine Rolle zu spielen beginnt. Sie ist für uns eine alte Bekannte aus der antizionistisclvcn Agitation. Die Bestimmung der Juden, in der ganzen Welt eine erzieherische Aufgabe durchzuführen und den Monotheismus unter den Völkern zu verbreiten, könne nicht erfüllt werden, wenn die Juden wieder in einem Lande zusammenwohnen. Es ist interessant, daß dieses Argument, dessen jüdische Vertreter wohl nur recht selten ehrlich an diese Mission geglaubt haben, und die nur die vollkommene Abkehr vom Judentum verschleiern wollten, jetzt den Weg zu den Arabern genommen hat und von ihnen wieder verwandt wird. In Deutschland ist dieses Argument ziemlich ans der Diskussion verschwunden, aller es mag allen denen, die einst mit solchen Argumenten arbeiteten, eine Warnung sein. Artikel und Diskussionsreden führen ein eigenes Leben, sobald sie einmal erschienen oder gehalten worden sind. Nachträgliche Reue des Verfassers hilft nichts. Man kann ihre Wirkungen nicht abschät/en und soll nicht mit Argumenten operieren, von denen man vielleicht zu spät merken wird, wie verhängnisvoll sie waren. Wir befürchten, daß es mit der' Argumentation der Agudas Jisroel einmal ähnlich werden könnte. In seiner letzten Nummer druckt der ״Israelit“ die Uebersctzung eines Artikels des nunmehr sattsam bekannten Professors de Haan ab, den dieser in den ״Times“, bekanntlich einem Northcliffeorgan, hat erscheinen lassen. Der Artikel fordert, um es kurz zu sagen, zwei Dinge: Eine Abänderung der Baifourerklärung in dem Sinne, daß durch eine besondere Bestimmung die r e I i g i ö s e n Rechte nichtzionistiseher Juden in Palästina geschützt werden sollen, und die Gleich- Berechtigung der Agudas Jisroel neb e n der Zionistischen Organisation! in der Jewish Agency. Es wird außerordentlich schwer, wenn inan nebeneinander die arabische Kundgebung gegen den Zionismus und die Kampagne der Agudah gegen den Zionismus sieht, zu verkennen, daß die Agudah, wenn sie cs vielleicht auch nicht will, jedenfalls in der Praxis die Araber unterstützt. Die Araber wünschen eine Aufhebung der Baifourerklärung, die Agudah erklärt, daß die Baifourerklärung einen ,,ernstlichen Mangel“ habe. Und worin soll dieser Mangel bestehen? Die Baifourerklärung sagt bekanntlich, daß Klarheit darüber bestehen soll, ״daß nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der Nr. 22 nichtjüdischeii Gemeinschaft in Palästina . . . bceinträchtigen mag.“ Diese Bestimmung bezieht sich natürlich auf die Araber, und es braucht nicht gesagt zu werden, daß sie absolut im Sinne unserer Bestrebungen liegt und daß wir die freie Entwicklungsmöglichkcit der Araber in Palästina stets gewünscht und gefördert haben. Auf den absurden Gedanken, die religiöse Freiheit bestimmter jüdischer Gruppen in der Baifourerklärung festzulegcn, ist allerdings wohl iin Moment ihrer Abfassung niemand gekommen, und eine derartige Bestimmung würde heute nicht weniger absurd sein als früher. Der ״Israelit“ schreibt selbst, daß die Mitglieder der jüdisch-aschkenasischen Gemeiiide von Jerusalem nicht verfolgt und bestraft werden. Es ist gut, daß er das hinzufügt, sonst hätte man wirklich annehmen müssen, daß die Zionistische Organisation die Synagogen habe schließen lassen, Herr de Haan hat in seiner in unserer letzten Nummer ahgcdruckten Erklärung sich in einer Form berichtigen müssen, die den Eindruck eines völligen Rückzugs macht. Aber er muß nicht annehmen, daß es auf die Dauer eine unter ernsten Menschen zulässige Metiiode ist, zunächst unüberlegte Erklärungen in die Welt hinauszuschreien, uni sie nachher ztiriickzunchincn. Die Forderung, die er heute erhebt, kann keinen anderen Eindruck machen, als den einer Dcnunziation. Es wäre eine Beschämung für die Zionistische Organisation, sich gegen derartige Angriffe auch nur verteidigen zu müssen. Ueber den Gedanken, die religiösen Rechte und Anschaumigen irgendwelcher jüdischer Gruppen zu mißachten, oder sie gar zu unterdrücken, ist die Zionistische Organisation wirklich erhaben. Die geistigen Kämpfe im Judentum werden mit geistigen Mitteln ausgetragen werden. Etwas ganz anderes ist natürlich die Frage, ob sich das jüdische Leben im Laude einem jüdisch-politischen Klerikalismus unterwerfen soll, wie ihn gewisse orthodoxe Kreise auf richten wollen. Ein solches Recht verfassungsmäßig festzulegen, wird wohl eine englische Regicrung am allerwenigsten bereit sein. Weniger neu ist das Verlangen der Agudas Jisroel, in der Jewish Agency gleichberechtigter Vertreter zu sein. Wir haben cs oft genug geschrieben, daß Rechte erworben werden müssen, aber nicht geschenkt werden. Die Agudas Jisroel soll durch Taten ihren Aufbauwillcn zeigen, sic soll aufhören, den Kampf gegen den Zionismus, wenn sie ihn schon führen zu müssen meint, in die Sphäre der hohen Politik zu tragen, und dieselben Kreise englischer Politiker, die heute arabisch und antizionistisch gestimmt sind, für ihre Forderungen zu interessieren, so wird, davon sind wir überzeugt, sich die Möglichkeit für ein erträgliches Zusammenarbeiten stets finden lassen. Angriffe auf den Zionismus allein können kein Recht auf Vertretung in der Jewish Agency geben. Vielleicht ist auch in vernünftigen Kreisen der Agudah langsam das Verständnis dafür durchgcdrungen, daß die gegenwärtige Situation unmöglich ist und daß es nicht länger angeht, die Situation in Palästina durch Kämpfe, die in solcher Form geführt werden, weiter zu gefährden. Denn wenn sie am Schlüsse ihrer Wochcnmndschau, auf die wir, um die Situation nicht weiter zu verschärfen, sonst nicht eingehen, nach beiden Seiten zur Ruhe mahnt, so dürfen wir diese Ermahnung wohl nicht mißverstehen, wenn wir annehnien, daß sie sich vor allem an das der Agudah selbst nahestehende Lager wendet. Denn das kann doch nicht mehr verkannt werden, daß die arabische Propaganda eine Propaganda gegen jede jüdische Einwand c r u n g und jede jüdische Palästinaarbeit überhaupt ist. Es ist kein Kampf gegen den Zionismus, sondern ein Kampf gegen jede Betätigung von Juden in Palästina. Man will diejenigen dulden, die im Lande seit langer Zeit ansässig sind, jede weitere Einwanderung will man unmöglich machen. Die Agudah hat oft genug erklärt, daß sie selbst entschlossen ist, in Palästina zu kolonisieren und Menschen ins Land zu bringen. Sie muß sehen, daß die Tätigkeit der Araber sich genau so gegen diese Bestrebungen richtet wie gegen die zionistischen. Das kann der Schluß der arabischen Propagandavcrsammlung ain deutlichsten demonstrieren. Denn der Be- Schluß, der in dieser Versammlung angeblich angenommen wurde — es wurde von zahlreichen Anwesenden dagegen protestiert, daß der Gegenseite keine Gelegenheit zur Diskussion gegeben worden war — verlangt zwar nicht die Aufhebung der Balfourdcklaration, was man offenbar doch nicht gewagt hat, wohl aber die Anerkennung der den Arabern gegebenen Garantien, sowie das Verbot jeder weiteren Einwanderung bis zu einer gerichtlichen Entscheidung über die Verhältnis in Palästina. Das ist kein Beschluß gegen dt Zionismus, sondern ein Beschluß gegen jedes nac- Palästina tendierende Judentum. Nun versuch man sich in die Seele eines englischen ״Times1׳. Lesers hineinzudenken, der neben dem arabisch(. Standpunkt in seinem Blatte den der Aguds Jisroel vertreten sieht und aus beiden das eine bcrauslcscn muß: den Kampf gegen den Zionismus den Kampf gegen die jüdische Palästinabcstrebung Man kann von ihm unmöglich erwarten, daß mit den innerjüdischen Gegensätzen so vertrau! ist, um hier unterscheiden zu lernen. Sein Schlug muß sein: Araber und Juden sind gegen die Zionisten. Wir hoffen, daß künftighin die Aus• tragung der Gegensätze, wo sie nötig Ist, in einer Form erfolgt, die nicht den Feinden jeder jüdischen Palästiimrbcit Wasser auf ihre Mühlen bringt F.L, lur vfrwcnd dem Ai PalSsHnidcbaltc im Unterhaus (J. C. B.) Am letzten läonnerstag behandelte 1!ai englische Unterhaus die Frage des Nahen Ostens uni besonders ausführlich die Angelegenheiten Palästinas. Der Koionialsekretär, Herr Winston Churchill, verlas seinen Bericht über die Lage in Mesopotamien und Palästina und erklärte, cs sei unmöglich, an die Frage dieser zwei Länder heranzugehen, ohne sie nw dem finanziellen und politischen Problem zu verknüpfe» Bei Kriegsschlnß bestand die dortige Besatzungsarmet aus 175 Bataillonen, Am 1. April 1919 ist ihre Zahl auf 99 Bataillone herabgesetzt worden, deren Erhaltungskosten auf 75 Millionen Pfund geschätzt worden sind, hn Budgetjahr 1920 bis 1921 wurden die Bataillone weiter auf 70 und die Kosten auf 40 Millionen PSunl veranschlagt. Zu Beginn dieses Jahres bestand die Arme« bereits nur aus 46 Bataillonen, und sogar diese Zahl bat die Regierung auf ungefähr 37 Bataillone zu v«rmindern beschlossen. Aber noch immer werden Weg« gesucht, weitere Beschränkungen vorzunchmcn. Churchill sagte: ״Ich habe bei anderen Gelegenheiten genau erklärt, daß ich keine andere als nur die all• gemeine Verantwortung übernehme für die Umstand«; die uns nach Mesopotamien und Palästina geführt haben und uns dort fcsthaltcn. Ich glaube, niemand wird midi der Säumigkeit beschuldigen, diese Verantwortung zu übernehmen mul den Teil, der mir obliegt, durchzuführen. Ich bin vollkommen bereit, all das zu tun, über alle Ergebnisse Rechenschaft zu geben, sowie die ganze Politik aufz.uklären. Aber ich werde es nicmal» erlaube», daß man mich als den alleinigen Verantwortliehen betrachten soll. Die Versprechungen, die wir gemacht haben, wurden von der Gesamtregierung in dei Ocffentlichkeit gemacht und bei den Beschlüssen, die gefallt worden sind, war ich zuweilen nur mittelbar beteiligt. Als ich nun direkte Verantwortung für die Administration im Nahen Osten übernommen habe, gab mir das Kabinett die Vollmacht, dort ihre Unter- I nehmungen durchzuführen. Ich zweifelte nicht von An•! fang an, daß, wenn unsere Ausgaben in Mesopotamien und Palästina auf 30 Millionen Pfund beschränkt werden sollten, es unmöglich wäre, in diesen Landern überhaupt zu verbleiben. 192] beliefen sidi unsere Ausgaben in Palästina auf 8 Millionen Pfund. Im laufenden Jahr werden die Kosten bloß 4 Millionen Pfund ausmachen. Ich erwarte, dal) iin kommenden Jahr die Spesen bis auf 2 Millionen Pfund sinken werden. Die Lage ist darum nicht 90 unzufricdcnstcllcnd. Mit Bezug aut Palästina bin ich nicht in derselben Lage, wie in der Angelegenheit Mesopotnmiens. ln *Mesopotamien bin ich befugt, die uns am besten scheinende Politik zu führen; eine Politik, j an welche wir glauben und welche uns die Einwohner j geneigt machen wird. In Palästina hingegen sind wir | zu einer Politik verpflichtet, die zwar eine gerechte ist, aber dennoch auf den Argwohn und die Entrüstung der Majorität der Bevölkerung stößt und stoßen muß. Ich beabsichtige nicht, die ganze Frage des Zionismus aufs Neue daizulcgen oder über die Versprechungen, die wir während des Krieges gemacht haben, zu diskutieren. Pas sind also unsere Schwierigkeiten. Es hat keinen Zweck zu erklären, daß wir für den Zionismus sind. Sie (die Mitglieder des Unterhauses) sind dafür, daß wir unser Wort halten. Dennoch beklagen Sie sich, daß es in Pa• lästina gewisseimaßen Auflegungen und Schwierigkeiten gibt. Im letzten Jahre sagte ich, unsere Politik sei die!*olitik der Mäßigkeit, Es ist unser Bestreben, eine Seite zu überzeugen, daß sie Vorgehen soll und die andere Seite, dall sic sich zurückhalten muß. Wir streben ai* im Lande eine kleine militärische Macht zu erhalten, mb i Zusammenstöße zwischen den beiden Lagern zu vermeiden. Dieses Jahr war cs in Palästina ganz!still und friedlich. Mißlungene Versuche zu Unruhen wurden zwar in Jerusalem im November und in Jaffa im letzten Mai unternommen, allein im allgemeinen war das Lannd still• Aber ich weiß sicher, daß das Gefühl von Aufregung. Argwohn und Unruhe aus den Herzen der Araber noch nicht ausgelösdit ist. Die jüdische Immigration ist, gemaö unserer Pulitik, streng bewacht und kontrolliert worden Unsere Anstrengungen richteten sich pur darauf, gut* Bürger für dan Landesaufbau zu erwerben. Wir könne# cs nicht erlauben, daß das Land von einem bolschewistischcn Ocsindel überschwemmt werde, das die In* stitutionen Palästinas zertrümmern würde, so wie t* dies mit gutem Erfolge kn eigenen Lande vollbracht Hat Quc1'£«' der!»«י tjaites S1 rin w׳a1 forUtcse bischen nt brinj Ustinem tioix dl in tk'rt Verfasst können Ich h ab und ein doch I« äußerst! infolge recht I gicrung lungen Bezug ganz. 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