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Jüdische Rundschau · 1922-03-14 · Heft 21 (14.3.1922) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVII (1922)
Issue
Heft 21 (14.3.1922)
Date
1922-03-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Auf allen Gebieten der jüdischen ‘;ialcn Tätigkeit vollzieht sich anscheinend ein wuisolidicrungsprozeß der wirkenden Kräfte. Es .j!)t keine einzig« Partei oder Richtung im Juden- 11״ die nicht von Einigkeit spricht, nach Einigkeit ״jj,! oder wenigstens versichert, die Einigkeit an-;jisSrebcii. Dennoch: in der ganzen jüdischen Welt, juf allen Gebieten des jüdischen Lebens und jüdischer Arbeit kämpfen alle Richtungen miteinander nd ringen um Macht und Einfluß innerhalb des yentums. In allen Ländern bekämpfen sich die -0 Judentum wirkenden Kräfte unaufhörlich und (ersuchen, die Macht dem Gegner aus den Händen m ringen, um sie an sich zu reißen. Ein häßliches [§1 eine schädliche Erscheinung, sagt matt manchad aufrichtig, manchmal aber auch heuchlerisch, indem man die Losung der Einigkeit als Deckmantel (ür eigennützige Ziele niedrigster Art benutzt ״S0 ist das Leben. Ohne Kampf gibt es kein Leben.“ Auch das kann man nicht selten mit einem Seufzer oder sogar mit gewissem Stolz sagen hören. Jki einem lebendigen Volk vollzieht sich die Entllicklung in einem Ringen der Kräfte. Neue, lebensfähigere Richtungen können die alten und morschen Lebensformen nicht ohne Kampf verdrängen. Um das Leben umges :alten zu können, um neue Werte ru schaffen, muß das Alte gewaltsam beseitigt werden. Leben ist Kampf, vollständige Ruhe gibt es nur nach dem Tode.“ All diese Redensarten j sind doch nicht imstande, das gleichsam instinktive I Gefühl zu unterdrücken, daß die Einigkeit unseres | Volkes eine Lebensnotwendigkeit für uns ist. Und j noch ein Gefühl können diese Gedankengängc unterdrücken.• Daß der Kampf zwischen den verschiedenen Richtungen ian Judentum auf dem Gebiete der Hilfstätigkeit sich abspielt. Man sollte doch meinen, daß diese Tätigkeit, die keine Interessenpolitik ist, sondern eben Hilfstätigkeit, keine Machtfragen und keinen Interessengegensatz aufkommen läßt. Auf dem Gebiete der Hilfstätigkeit kann es doch nur «in Ziel geben: Den Leidenden Hilfe zu bringen. Alles, w׳as damit nicht in Zusammenhang steht, »II und muß zurücktreten als ein fremdes, die Arbeit störendes Element, das, wenn man solch starke Ausdrücke gebrauchen darf, fast alle auf diesem Gebiete tätigen Kräfte in eine Art Parasiten auf dem Körper des leidenden Menschen verwandelt. Hierin steckt aber der große Fehler. Wir sind geneigt, unsere soziale Arbeit mit der anderer Völker zu vergleichen. Wir vergessen dabei, daß bei anderen normalen Völkern, die ein normales staatliches leben führen, die Hilfstätigkeit, zumal der privaten Institutionen, tatsächlich in den Hintergrund tritt, dme mit irgendwelchen Machtfragen, die rein polifeclier Natur sind, verwechselt zu werden. Bei uns aber ist die soziale Tätigkeit, die gewöhnliche Hilfeleistung, ein großer, wenn nicht der größte Teil der organisierten sozialen Arbeit. Außer dieser Tätigkeit gibt es oft keine andere organisierte Ar- Wt Was Wune er also, wenn gerade auf diesem Gebiete der Kampf um Macht und Einfluß im Judentum sich ,1i spielt? Es ist eine unleugbare Tatsacl'e. daß die Hilfsarbeit Ansehen und Einfluß bringt und die Möglichkeit bietet, jüdische Ge- 1״«nschaften und sogar das jüdische Volk bei Regierungen und bei der großen nichtjüdischen Welt vertreten zu können. Erst seitdem der Zionismus begonnen hat, das jüdische Volk auf der Basis von Politischen Forderungen und politischen Bestrcbungen nach allweltlichem Maßstab zu organisieren Jj״d alle anderen jüdischen Parteien und Richtungen, ׳״c dazu imstande waren, gezwungen hat, diesen J" eK zu betreten, haben größere und kleinere philan- 1״topische Organisationen in einzelnen Ländern so- |v1e auf der ganzen Welt an ihrer früheren Bedeutung cingcbüßt. Bis zum Auftreten des Zionismus *aren sie die wichtigsten Faktoren des jüdischen Leberjs, sie machten Politik, vertraten das Volk und 6stimmten seinen Entwicklungsgang. Diese Tat- Sache an sich mußte notgedrungen zu einem Kon- 11« zwischen diesen Organisationen und der neuen ^Gschcn Macht führen. Ist es doch kein Zufall, .a“ überall der Kampf sich abspielte und sich noch H u a^sP‘e^ Zwischen den sogenannten zentralen Hilfsorganisationen und den rein politischen, be-?1!ilers der Zionistischen Organisation, die nngclc״ts ihrer Aufgaben und Ziele danach streben lußte, für das ganze jüdische Volk das Recht der ״ Crtr5tu״£ zu erhalten, die jüdischen Gemeinschaf- 15 für den Kampf um Palästina und für die Rechte 5ן natlona!en Minderheiten in der Diaspora, d. 11-. Ur den Kampf um die Renaissance und die Befreiung des 'jüdischen Volkes zu organisieren. Dieser Konflikt brach auch zwischen den Ansichten über die Prinzipien der jüdischen Lebensfragen aus: Das politische Prinzip, das von den Zionisten und jüdischen Sozialisten vertreten wurde, und das Prinzip der Philanthropie, das die großen und kleinen Hilfsorganisationen verteidigen. Dies hat den Kampf lim die Macht verschärft und vertieft, und nur oberflächliche Beobachter können in diesem Kampf eine häßliche Konkurrenz seitens der jungen Organisationen gegen die alten, angesehenen, großen Hilfsorganisationen sehen. Noch ein Moment darf hierbei nicht außer acht gelassen werden. Es geschieht nur zu oft, daß auch für die ausgesprochenen Hilfsorganisationen das philanthropische Prinzip nur ein Deckmantel ist, um die eigentlichen Anschauungen‘ und Ziele zu verbergen, die sonst in ihrer reinen Gestalt keine Hoffnung haben, die Sympathien des Volkes gcwinnen zu können. Beobachtet man die großen und kleinen Hilfsorganisationen, sei es Landes- oder Weltorganisationen, untersucht man die politische Physiognomie ihrer Führer, so merkt man, daß sich um sie entweder alte assimilatorische Kräfte gesammelt haben, die ihren Einfluß auf das Volk längst cingcbüßt haben, oder kleinere Gruppen, die für ihr Programm das Volk nicht gewinnen können. Der Mantel von Zedoko und Hilfe ist ihnen gut genug, um Seelen zu fangen, um ihre gefährdeten Positionen zu verteidigen und Macht und Einfluß auf jüdisches Leben und jüdische Politik zu gewinnen. Wenn dem so ist, wird man einwenden, gibt es doch keine Möglichkeit, die jüdischen Kräfte zu einigen, und wir sind dazu verurteilt, mit schwachen und zersplitterten Kräften den feindlichen Machtfaktoren, die ohnedies nicht geneigt sind, unsere gerechten Forderungen zu befriedigen, entgegenzutreten, und unsere Feinde werden gewiß die inneren Kämpfe und Reibungen im Judentum ausnutzen. Diese Folgerung wäre falsch. Der Begriff ״Einigkeit“ darf nicht spießbürgerlich-oberflächlich verstanden werden. Einigkeit, die alle inneren Kämpfe beseitigt, ist eigentlich Heuchelei. Eine solche Einigkeit ist unmöglich, sogar schädlich. Das wissen auch diejenigen, die ain lautesten nach Einigung rufen. Sic müssen es tun, weil dies ihr stärkstes Argument im Kampf um Macht und Eini fluß ist. Damit können sie das Volk fangen und seine Aufmerksamkeit und seine Sympathien auf ihre Seite bringen. Sie begreifen jedoch nicht, sic wollen und können nicht den wahren Sinn dieses Begriffes für uns und unser Leben verstehen. Einigkeit kann heißen eine gemeinsame Plattform für alle wirkenden und schaffenden Kräfte im jüdischen Leben, eine Basis, auf der Platz genug ist für alle Richtungen, und auf der sich der Kampf um die Macht, um die Lebensformen abspielen kann. Eine gemeinsame Organisation, die das ganze Volk sowie seine Gemeinschaften in den einzelnen Ländern vertreten kann, ein Ersatz für den uns fehlenden Staat. Das Wort ״Staat“ darf uns nicht erschrecken. Es ist sicherlich nicht umfangreicher als das Wort ״Einigkeit“, das man so oft mißbraucht. Wenn der Begriff der Einigkeit für uns einen Sinn haben kann, so ist cs dieser Sinn. Gewiß, ein Staat ist eine Zwangsorganisation, geschaffen durch den Zwang des Zusammenlebens auf einem Territorium, durch die Macht einer Bevölkerung, die das Land beherrscht und das Leben in diesem Lande bestimmt. Wir Juden müssen aus freien Stücken eine allgemeine, alles umfassende Organisation schaffen, außerhalb welcher es kein jüdisches Leben, keine jüdische soziale Betätigung gibt. Das Vorhandensein einer solchen Organisation, ihrer von keiner Partei, Organisation oder Richtung bestrittenen Autorität wird erst diese Einigkeit schaffen, die notwendig und möglich ist. Die inneren Kämpfe um die Macht werden nicht nur nicht beseitigt werden, sondern ganz im Gegenteil, erst dann werden sie ihren wahren Sinn und vollen Wert erhalten, weil sie immer neue Kräfte und Richtungen ans Ruder bringen werden, und die Umgestaltung des jüdischen Lebens wird sich schneller und normaler abwickeln. ln den letzten Jahren seit dem Kriege machten sich solche Tendenzen in fast allen Ländern mit größeren jüdischen Gemeinschaften bemerkbar. Sie fanden ihren Ausdruck in den Nationalräten in Osteuropa und im jüdischen Kongreß in Amerika. Und ist cs denn nicht charakteristisch, daß eben diese Konsolidicrungsbcstrcbungen von den Hiifsorganisatiouen am heftigsten bekämpft werden, die am lautesten nach Einigkeit rufen? Den Kampf führen sie natürlich im Zeichen der Unparteilichkeit, im Interesse der Hilfsarbeit. Ausflüchte sind nicht schwer zu finden. Der eigentliche Sinn ihres Kampfes liegt aber darin, daß sie nicht die Schaffung einer einheitlichen, autoritativen Organisation zu lassen können, die der Mehrheit des Volkes die Seite 131 Möglichkeit bieten wird, zu herrschen. Sie wollen, daß der augenblickliche Zustand der Anarchie, bei dem die kleinste und unbedeutendste Organisation sich für souverän erklären kann und an jede andere, wenn auch alte und berühmte Organisation die Kompetenzfrage richten kann, nicht aufhört. Es ist viel bequemer, wenn man, einmal in die Minderheit geraten, jede Organisation oder jeden Kongreß verlassen kann mit der Erklärung: Wir anerkennen euch nicht und machen uns selbständig. Es fehlt ihnen an Kraft und Mut, um innerhalb dieser Organisation zu bleiben und für ihre ,Anschauungen zu kämpfen. Es ist viel bequemer, draußen zu blelben und nach Einigkeit zu rufen. Es ist Zeit, diesen hcuchierischcn Ruf nach Einigkeit zu entlarven. Es ist Zeit, zu begreifen, daß wahre Einigkeit nur eines bedeuten kann: Die Schaffung einer gemeinsamen, einheitlichen, autoritativen Organisation — die Konsolidierung des jüdischen Volkes. Die jüdische Gcmeindetagung in Litauen (״W. Im weiteren Verlauf der Tagung referierte Dr. Berger über das ״Jüdische Schulwesen in Li ta uc n״. Er stellt fest, «laß der litauische Staat bestrebt sei, eine einheitliche Schule für die ganze Bevölkerung zu schaffen. Die Unterrichtszeit ist auf elf Jahre berechnet und in folgende drei Gruppen aufgeteilt: 1. Die vierjährige Volksbildungsschule, 2, die vierjährige Mittelschule und 3. die dreijährige höhere Mittelschule (Gymnasium). Die dritte Abteilung ist nur für diejenigen berechnet, die die Absidit haben, das Hochschulstudium zu betreiben. Dieses System ist auch für die Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung entsprechend, und es sei daher notwendig, das jüdische Schulwesen demselben anzupassen. Die Schulabteilung beim jüdischen Ministerium hat im Wege der jüdischen Gemeinden zur Begründung und zum Ausbau des jüdisehen Schulwesens viel beigetragen. Im Laufe des Jahres 1921 allein wurde die Zahl der Lehrer von 109 auf 170 erhöht. Die genannte Abteilung hat auch an der Einführting der jüdischen Unterrichtsgegenstände mitgearbeitet, aber leider ist es infolge des Streites der in der jüdischen Gasse vorherrschenden Richtungen bisher immöglich gewesen, der Forderung des jüdischen Ministeriurns auf Einführung eines einheitlichen Unterrichts- Programms zu entsprechen. Hauptsäddich hat das jüdisdic Ministerium die Grundlagen für das jüdische Schulwesen in der Autonomie geschaffen, so daß das Unterrichtsministerium einschcn mußte, wie notwendig audi die Sdiuiautonomie sei. Aufgabe der späteren Gesetzgebung wird cs sein, den Aufbau und die Kompetenzen unseres Bildungsapparats zu regeln. Sodann referiert der Vertreter der demokratischen Fraktion, Kalmanowicz, über die ״Aufgaben der nationalen SdiuJe“, weldies Referat ganz im Sinne der ״jiddisdiistisdien“ Forderung gehalten ist Die Haupttendenz der nationalen Sdiule solle in der Vercinheitlichung beruhen, und als Grundlage wäre die jüdische Unterrichtssprache zu bcaclitcn. Der Vertreter der Agudah, Sdunulewicz, erklärt, der Kampf um das Schulwesen sei fälschlicherweise in einen Sprachenkampf ausgeartet. Er macht den Zionisten den Vorwurf, daß sie in dein Autonomiegesetz vor allem die Sicherung der Redite der hebräischen Sprache durchgeführt haben und statt für den Volksgeist, für den Hebraismus eingetreten sind. Vor allem müsse man dafür Sorge tragen, daß die jüdische Erziehung hn Geiste der Thora geführt werde. Die Orthodoxie werde sich auf keinen Fall der Macht einer Minderheit, die gegen die Religion auftrete, unterwerfen. Die Vertreterin der radikal-jiddisdiistischcn Kulturliga, Frl. Chazkelcs, vertritt den Standpunkt, daß als Sduilsprachc einzig und allein die Mutterspradie der Kinder zu fungieren habe. Die Kulturliga werde es nie zulassen, daß man das jüdisdic Kind in der fremden hebräischen Sprache erziehe. Der ■Vertreter der Zc'ire-Zion, Brodny, tritt namens seiner Fraktion für die Einführung der hebräisdien Unterrichts• spradie ein. Ein Referat Oarfunkels über die Organisationsfrage des jüdischen Nationalratcs gibt ein ßikl der Tätigkeit dieser Körperschaft. Bis nun war die ganze Tätigkeit des Nationalratcs zentralisiert, eine Exekutive, bestehend aus zehn Mitgliedern, war mit der Leitung sämtlicher Agenden betraut. Der gegenwärtige Nationalrat müsse unbedingt reorganisiert werden. Referent sdilägt vor, daß im Sinne «les neuen Statuts der Nationalrat 50 Mitglieder, darunter 30 aus Kowno, zählen solle. Aus der Mitte dieser Mitglieder wird eine Exekutive gewählt, außerdem müssen für die speziellen Arbeitsgebiete Konfr missionen eingesetzt werden. Die Vorsitzenden der einzelnen Kommissionen gehören automatisch der Exekutive mit beratender Stimme an. An Stelle des Präsidenten und zweier Vizepräsidenten soll nach dem neuen Statut ein gleichrangiges Präsidium gewählt werden. Bezüglich der Deckung aller Ausgaben des Nationalrats und seiner Institutionen müsse die Gemeindetagung beschließen, daß alle Gemeinden von ihren Einnahmen 10 °/0 für den Nationnlrat ablicfcrn. Aul tlicse Weise könnte «las Jahresbudget des Nationalrats gedeckt werden. Nach einer längeren Debatte, an der Vertreter sämtlicher Fraktionen teilnchmen, berichtet der Minister für jüdische Angelegenhelten, Dr. Soloweifsdiik, über die bisherige Tätigkeit der Gemeinden. Bis nun sind beim jüdischen Ministerium 162 jüdische Gemeinden, die bereits auf der Grundlage des neuen Organisationsstatuts gebildet

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