Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVII (1922)
- Issue
- Heft 15 (21.2.1922)
- Date
- 1922-02-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Man spridit schon so lange von . < (jcr Initiative des Privatkapitals, ohne welche Palästina I nicht aufgebaut werden könne — und umsonst wartet; nun bis jetzt, 2b Jahre nach dem ersten Kongreß, I j(f Jahre nach der Deklaratiotv, auf dieses Kapital,; während die Chaluzim sich wahrhaftig nicht bitten lassen, j ins Land zu kommen. Es scheint, als ob es beschieden W1Ue, dal! Ercz-Isncl von den Arbeitenden aufgebaut ״erden soll, und es ist vielleicht ein innerer Sinn und eine innere Gerechtigkeit darin, daß das Land des ärmsten Volkes von seinen Aermstcn gebaut wird.; Heute ist es kaum zu bezweifeln, daß wichtige j wirtschaftliche Positionen in Palästina durch jüdische 1 Arbeiter geschaffen und erhalten werden. Das Verwachsen des Arbeiters mit Palästina führt juch dazu, daß die hebräische Sprache von keiner anderen Gruppe, so scheint es wenigstens, mit solcher Liebe und solcher Zähigkeit, die manchmal an Fanatismus penzt, gepflegt wird, als gerade von den Arbeitern. Es ist wahrhaftig nicht festzusteiten, was manchen von ihnen teurer ist — Hebräisch oder Kwuzotlr: für beide sind sie bereit, bis aufs letzte zu kämpfen. Die neue hebräische Kultur hat in diesen Kreisen die stärksten Wurzeln geschlagen, manchmal sogar zur Ucbertreibung, Im einer Geringschätzung alles dessen geführt, was das jüdische Volk irn Galuth erlebte und schuf und noch heute erlebt und schafft. Und was die nationale Hingabe und Disziplin anbetrifft, 90 braucht man nur daran zu erinnern, daß auf dem Kongreß eine Drohung, den Keren Hajessod und den Keren Kajcmcth zu boykodieren, weil irgendwelche Parteipostulate nicht gleich angenommen wurden, von proletarischer Seite nicht erfolgt ist. Nach den Worten von Bialik, die das Verhältnis der Chaluzim zur Arbeit als zu einer neuen Religion charakterisieren, kann man diesen Charakterzug des neuen palästinensischen Juden übergehen. Es ist aber zu bcmerken, daß die physische Arbeit keinesfalls den ganzen Menschen erschöpft; viele sind von ihnen, die einet! großen Schritt zum ״integralen“ Menschen gemacht haben, die gleichzeitig Intellektuelle und Proletarier, Schriftsteller und Arbeiter sind. Nachdem man sie persönlich kennen gelernt hat, begreift man Brenner und Gordon. Das alles, neben der wunderbaren Natürlichkeit und! Echtheit des jüdischen Empfindens, ist das Gute an ihnen; cs gibt aber־ auch Unreife, was sich vielleicht durch ihre lange Abgeschlossenheit von Europa, während und gleich nach dem Kriege, am besten erklären läßt. Und das ist eine gewisse Beschränktheit des Augenblicks, eine leichte Beeinflussung von der heutigen vergänglichen Situation, kein volles Bewußtsein der eigenen Aufgaben in breitem geschichtlichen Rahmen. Das gab sich vor allem in politischen Fragen, speziell im arabischen Pro« blem, kund. In ihrer Mitte könnte man Bemerkungen hören, wie z. B.: ״Uns interessiert nicht die Politik“, ״Politik hat für uns keine Bedeutung“, was doch ein Unverständnis des tiefen Zusammenhanges der Politik (im weiten Sinne des Wortes) mit aller palästinensischen Arbeit, so wirtschaftlicher wie arabisch-jüdischer, verrät. Die Verachtung der ״Irrealitäten“ im politischen Gebiete, des ״Diplomatisiercns“ übertreibt man bis zur Verkennung der absoluten Notwendigkeit einer klaren, ernsten, weitsichtigen jüdischen Politik. Was das a r a - bische Problem anbetrifft, so sollen in diesem Zusammenhänge die konkreten Maßnahmen, die ein Teil der palästinensischen Arbeiterschaft vorgcschlagcn hat, aufgenommen wurden. Nichts von wohlmeinenden Moralien und schöngesetzten Schriftauslegungen, hier wurde vielmehr die ganze urwüchsige Kraft unserer Alten, wie sie ihr religiöses Pliilosophieren und ihre eigentümliehe nationale Frömmigkeit zum Ausdruck brachten, lebendig erneuert, hier wurde gerade durch den Biuid mit dem modernen künstlerischen Denken das Beste des klassischen Judentums, das dem! nur in der Tradition lebenden oft nicht mehr zum Bewußtsein kam, erneut :!r׳ Bewußtsein erhoben und zum stärksten Antrieb der religiösen und nationalen Wiederaufrichtung gemacht. Der Jude als moderner Denker ist bisher meist nur in eine oberflächliche oder unfruchtbare Verbindung mit dem Juden der bis heute fortdauernden rabbinisclv-jüdischen Entwicklung getreten. Es ist kirr, daß liier die geistcsgeschichtiidie Aufgabe der Zukunft liegt. Nobels Lehre und Leben stellt eine erste Verwirklichung dar. Ich habe oben Nobel als modernen Zionisten im strengsten Sinne des Wortes bezeichnet. Nun, ich brauche hier nur daran zu erinnern, daß er vom ersten Anbeginn der zionistischen Bewegung sich an führender Stelle an der Organisation beteiligt hat, daß er Mitbegründer der Föderation ״Misrachi“ und Delegierter auf mehreren Kongressen gewesen ist. Und für den, der Nobel irgendt'a ״®*ler frekannt 1»at. ist e9 eine Denknotwendigkeit, daß dieser organisch gewachsene, bei aller Innerlichkeit goethisch der Welt zugewandte, wahrhaft moderne Jude, sich an der stärksten Bewegung der jüdischen Gegen- ■ wart mit tiefster Leidenschaft beteiligen mußte. Freilieh, Nobel hat nicht Propaganda im gewöhnlichen Sinne , des Wortes getrieben; er hat sogar in klarer Selbst- « Erkenntnis seine frühere politische Tätigkeit gelcgent- J u*5 Chatot-Ne’urim bezeichnet. Nobel hat nämlich 1 “״c™®uPt nicht Propaganda getrieben, und hier liegt;• , Geheimnis seiner Persönlichkeit und das Wunder seiner Führerschaft. ' / JUEDISCH E RUNDSCHAU keiner Kritik unterzogen werden, sondern nur auf ihre psychische Einstellung hingewiesen werden, die oft nicht 1 diejenige eines europäisierten Orientalen, sondern eines j Europäers im Oriente ist, der mir das Oberflächliche und das Heutige des Orientalen sicht und die rein geschichtlichcn, folglich abänderlichcn Differenzen für dauernde hält. Es ist aber zu bemerken, ckiß diese Einstellung fast allen Palästinensern, mit wenigen Ausnahmen, eigen ist und sich zum Teil durch die unmittclbare Gefahr, unter der der Jischuw steht und die eine sofortige Klärung und Festigung der Situation erheischt, rechtfertigt. Indem die Arbeiter die absolute Notwendigkeit einer Verständigung anerkannten und nur die Wege dazu nicht klar sahen, waren sie, im Vergleich mit manchen bürgerlichen Delegierten, einen großen Schritt voran. Was ihnen noch fehlt und was ihre politische Wirkung auf dem Kongresse außerodentlich schwächte, ist das mangelnde Bewußtsein, daß auch in der arabischen Frage, die immer mehr zu dem drohenden zentralen Punkte des palästinensischen Aufbaues wird, ihnen die größte Aufgabe zufällt. Sic haben erkannt, daß der physische und geistige Arbeiter das einzige Kapital des Judentums ist, auf welches der Wirtschaftliehe und kulturelle Aufbau Palästinas mit ab•! soluter Sicherheit rechnen kann und daß man darauf gefaßt sein muß, daß die anderen nicht kommen werden — deshalb war ihre Stellung ln diesen Fragen so stark. Sie sind sich aber noch nicht ganz bewußt, daß auch die politische Zukunft Palästinas von der jüdischen Arbeiterschaft abhängt — deshalb sind sie auf dem Kongreß ohne eigenes Programm in dieser Frage erschienen oder haben es jedenfalls nicht genügend verteidigt. Man spricht viel von der Notwendigkeit, daß die Exekutive mit den Arabern direkt verhandele. Oelingt cs aber, im Golouial Office befriedigende Resultate zu erzielen, werden die ״direkten Verhandlungen“ mit der arabischen Delegation, die glücklichste Wendung vorausgesetzt, zu einer neuen, diesmal Friedcns-Dcklaration führen, so besteht immer die Gefahr, daß man diese Deklaration als die endgültige Lösung des arabischjüdischen Problems betrachten wird, ähnlich wie es mit der Balfour-Deklaration in bezug auf die palästinensische Frage überhaupt der Fall! war. Eigentlich sind dio arabisch-jüdischen Beziehungen nur ein Teil der Aufbaufrage überliaupt: es handelt sich darum zu entscheiden, ob der palästinensische Aufbau im Ein verständnis mit der lokalen Bevölkerung vor sich gehen soll oder nicht. Und wie in der ganzen Aufbaufrage, so auch in dieser Teilfrage kann die Exekutive nur der ״Straßenfeger“ sein, und es ist schon recht, wenn sie wirklich alle Hindernisse hinwegfegt und nicht neue, künstliche hinzufügt. Die wirkliche, dauernde Lösung des Problems kann nur an Ort und Stelle geschehen, in den unmittelbaren Beziehungen zwischen den jüw dischcn Einwohnern und dein Arabern. In seinen berühmt gewordenen Tagcbuchblättcrn erzählt Brenner, wie er zuerst mit diesen ״Polen des Orients“ nicbt9 gemein haben wollte und wie er dann plötzlich gefühlt hat, daß für die geistige und! 90ziale Misere der Araber er, Brenner, mitverantwortlich sei. Die Verständigung ist nur dann möglich!, wenn diese Mitverantwortung von der ganzen Arbeiterschaft gefühlt wird und gleichzeitig erkannt wird, daß es eine schädliche Illusion ist, von einem Palästina, das in zwei wirtschaftlich, kulturell, sozial verschiedene Einheiten getrennt ist, zu träumen. N i e wird ״Palästina 90 jüdisch, wie England englisch“. Nicht allein in unseren Kreisen erheben sich letzthin die Stimmen, die die Idee des reinen einnationaien Staates -vcrurtcilcn, und das heutige Europa hat zuviel unter dieser Idee zu leiden, als daß sic die Juden ohne Nachprüfung nach Erez Israel verlegen durften Das Phänomen der Nobelschen Persönlichkeit ist das eines durchaus künstlerisch organisierten Menschen. Er vertrat nicht ein Piogramm, sondern stellte selbst eine Erfüllung dar; er stand jeder Ideologie fern; er hat nie ein Buch geschrieben. So wirkte er auch nicht mit dem, was er wollte, sondern mit dem, was er war. Er kam nie mit einer Forderung, sondern stets mit seinein Vorbild; daher das durchaus Persönliche seiner ganzen Wirksamkeit, Ebenso sollte auch der ihm so teure Kreis der Jugend und (Wie ausdrücklich gesagt werden muß) der ganzen ihm horchenden Gemeinde nur durch die lebendige Berührung mit ihm, dem Prcdigcr, dem Lehrer, dein liebenden und tief verstehenden( Freund von selber allmählich zu den Zielen heranwachsen, die durch seine Person bezeichnet waren. Im nationalen Bekenntnis sollte sich organisch religiöses Gefühl vertiefen, durch ein modern betriebenes Studium der Alten die halaclüschc Praxis erwachsen und umgekehrt in gegenseitiger Durchdringung. Und aus so verschiedenen Lebenssphären die Menschen zu ihm kamen — allein im intimen Kreis seines Schlur war der poaic-zionistische ostjüxlisclie Arbeiter ebenso wie der einst tief assimilierte westjiklische Geistige, der Jeschiwa- Rachur saß neben dem Studenten — jeder nahm etwa9 von seinem Wesen an. Doppelt schwer ist die Trauer um diesen Mensehen, der so mit sich selbst das Beste ins Grab nimmt; und doppelt unzerstörbar die Erinnerung■ an den, dessen Vorbild seine teuerste Hinterlassenschaft ist. Der Tod von Nchemias Anton Nobel hat einen imethört tiefen Stachel in den Herzen aller zurückgelasscn, die ihn kannten; aber nicht nur den Stachel des Schmerzes, sondern auch den Stachd eines nicht mehr zu beirrenden und nicht zu befriedigenden Strebe!» nach dem Judentum, das er vorgdebt hat. Frankfurt a. M. Fritz Ooitein. _ __ Seite 87 Durch den jüdischen Arbeiter müssen den Arabern in langsamer, anfangs peinlicher —- nicht minder schwicriger als das Aufbauwerk überhaupt — Arbeit, die kulturellcn, wirtschaftlichen und sozialen Errungenschaften unserer Zeit vermittelt werden. Es ist ein schweres Werk, das aber allein den jüdischen Erfolg in Erez Israel ermöglicht und in welchem, zu einem gewissen Teil, dieser Erfolg selbst schon bestellt. Keinem anderen als dem Arbeiter kann diese Aufgabe zufallen, denn kein anderer ist dem Araber gegenüber so vor! jedem materiellen Interesse und von jedem Hintergedanken frei wie der jüdische Arbeiter, und keinem sitehen so wie ihm, in Gewerkschaften, Genossenschaften, in kulturellcn Institutionen, solche geeignete Werkzeuge zur Verfügung. Man lese in der Broschüre ״Erez Israel- Arbeit“ die Beschreibung des ״Arabermarktes“ in den Kolonien, und man wird sich überzeugen, daß das beste, was die Erez Israel-Kolonisten in dieser Hinsicht machen können, Ist, die Arbeiter in ihrem Versöhnungswerke nicht zu stören. In der unmittelbaren Wirklichkeit handelt es sidi selbstverständlich nicht darum, den Ucberfällen der arabischen Banden gleichgültig zuzuschauen und auf keinen Schutz zu sinnen: die wirkliche dauernde Verständigung kann nicht Sache weniger Jahre, vielleicht nicht einmal weniger Jahrzehnte sein. Was not tut, ist vor allem, daß die innere Einstellung dem Araber gegenüber eine andere wird (womit auch die Wahl der Schutzmittel bestimmt wird) und daß tler jüdische Arbeiter sich bewußt wird, daß der schwerste und verantwortungsvollste Teil nicht nur der wirtschaftlichen und kulturellen, sondern auch der imierpolitisdien Airfgäbe auf seinen Schultern ,juht. Die finanzielle Mobilisierung Tschechoslowakei Gelegentlich der Landeskonferenz der tschechoslowakischen Misrachisten trat Oberrabbiner Dr. Heinrieh Brody aus Prag sehr warm für den Keren Hajessod ein und machte den anwesenden Delegierten die intensivste Unterstützung der Keren Hajessod-Arbeit zur heiligsten Pflicht. Im Laufe der Tagung wurde Oberrabblner Dr. Brody zum Vorsitzenden der MisrachR Organisation für die Tschechoslowakei gewählt (Ziko.) Konstantinopel Mitte Januar trat die jüdische Gemeindevertretung von Konstantinopel zusammen, um zur Keren Hajessod-Arbeit Stellung zu nehmen. Die Vcrsammlung nahm einstimmig eine Resolution an, durch die der Vorstand der Gemeinde ermächtigt wurde, das Oberrabbinat und die Gemeindemitglieder für den Keren Hajessod zu gewinnen. (Ziko.) Chile Im Aufträge des Keren Hajessod-Direktoriums ist Dr. Wilensky in Santiago eingetroffen, um in den einzelnen jüdischen Gemeinden von Chile für den Keren Hajessod zu wirken. Unmittelbar nach seiner Ankunft hat Dr. Wilensky mehrere Massenversammlungen abgehalten, die außerordentlich erfolgreich verlaufen sind. Der Präsident der chilenischen Republik hat Dr. Wilensky in längerer Audienz empfangen und ihm dabei seine Bewunderung für den gewaltigen Rcgencrationsvcrsuch des jüdischen Volkes zum Ausdruck gebracht Die Kampagne für den Keren Hajessod hat seit dem Eintreffen Dr. Wilenskys gute Fortschritte gemacht; bcsondere Begeisterung wird in allen Städten der Maasser-idee entgegengebracht. (Ziko.) Dr. Wilenski chilenischer Konsul In Palästina Dr. L. W i 1 c n s k i, der die Keren Hajessod-Arbeit in Südamerika leitet, hat weiteren Erfolg ir» allen Plätzen, die von ihm besucht werden, zu verzeichnen. Bei seinem neuerlichen Empfang bei dem Präsidenten von Chile hatte Dr. Wilenski die Ehre gehabt, mit ihm über die Ernennung zum chilenischen Konsul zu verhandeln. In Begleitung von Mr. Trum per, dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Chile, besuchte Dr. Wilenski den Präsidenten der Republik, um ihm persönlich für die ihm erteilte Aus- Zeichnung zu danken. Der Präsident wieder zeigte ihm besonderes Interesse für die jüdischen Bestrebungen und versicherte Dr. Wilenski, daß die Vertreter der chilenischeu Republik bei der Zusammenkunft der Völkcriiga für das Palästinamandat stimmen würden, um die Oründüng einer jüdischen Heimstätte in diesem Lande zu erleichtern Südafrika Während des kurzen Aufenthaltes Dr. Schmarjahu L e w i n 8 in Südafrika wurde dort eine Vereinigung gebildet zwecks Schaffung einer Gesellschaft für Ökonomische Arbeiten in Palästina. Diese, Südafrikanische Baugesellschaft für Palästina genannte Vereinigung, sojl sieh mit der Errichtung von Wohnhäusern, Fabriken, öffentlichen Instituten, Hotels usw. befassen. Die lnillatoren hoffen, binnen kurzem ein Aktienkapital von 100000 £ aufzubringen. Bei einer vor kurzem stattgefundenen privaten Beratung wurden von 20 Anwesenden Aktien im Betrage von 10000 £ übernommen. — Auch an der Verlagsgesellschaft ״Dwir“ soll sich ein^ Gruppe südafrikanischer Juden aktiv zu beteiligen bcabsichtigen. (J.P.Z.)