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Jüdische Rundschau · 1922-02-14 · Heft 11-12 (14.2.1922) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVII (1922)
Issue
Heft 11-12 (14.2.1922)
Date
1922-02-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 11/12 JU EDI SCH E RUNDSCHAU Seite 73 1/12 SCliiti- Jossen $ Ver• in Re• e He. n und fr un- )mehr. i! aller Blatt geeig. I Aufjeben, tüchdenen ragen n. « der tarken on ln; Vor• t daß It mit [roßte inscre ,ngen, 18 be•!rück• ‘estal- , die ) dies t not• 1 k td be• trlags-!n in an» Zualten vom eben n 1 i k;s Ic y. 8 Erfaineo tratur •eise», likum; und irkcn; aufveiter dritte dem Stück ioteti von mpen ainc* onale nrnen ngen •ßlich st in chter 1 der Ögen sind t g!32. ver• Dr. Ilirch ,nute egen <jen. in«e jung den ikeit daß ich de* ver• «n!*ßt ge*ehcn habe, zwecks Ucberprühing der Vorwürfe Vorethebunge״»«» ״leiten. Mit Zionsgruß der Kongreßanwalt Dr. Mar-gulies. Jüdisches Künstler-Theater und politisches * Empfinden An die Redaktion der Jüdischen Rundschau Berlin W 15 ln einem mit vielen mehr oder weniger verstandlieben Aphorismen versehenen Artikel in Nr. 10 der ״Rundschau“ gibt Herr Abraham Joseph einige Gei’jaken Uber das Jüdische Künstler-Theater kund. Nicht um den ״fachmässig erhärteten“ Kunstwert der Darbietungen ist es ihm zu tun; vielmehr verleitet ihn die fatsache des mangelhaften Besuches der Vorstellungen durch Zionisten zu der neuerdings sehr beliebten Beüchiiftigung, Symptome zu sehen. Darin, dass die Zionisten eher in ״Kiki“ als im J. K.-Th. zu finden sind, erblickt Herr Joseph ein Symptom ״politischen Richtigempfindens“. Die Furcht vor dem Sieg des kraftvoll vordringenden ״Jargons“ ״unter Führung prominenter Dcutschzionisten“ hält, so meint der Hebriast Herr Joseph, die politisch richtig empfindenden Berliner Zionisten vom J. K.*Th., das ״hier nicht am Platze“ ist, fern. Es soll hier nicht Uber das tatsächliche Empfinden der Berliner Zionisten verhandelt werden; das Ergebnis wäre wahrscheinlich, dass den meisten von ihnen auch nicht ein Gedanke in der von Herrn Joseph nngcdcuteten Richtung gekommen ist. Führt Herr Joseph doch selbst das Beispiel einer Bezirksgruppe an, die offiziell tum gemeinsamen Besuch des T heaters einlud. Furcht זסז Gefährdung ihrer intensiven hebräischen Einstellung - das Vorhandensein einer solchen vorausgesetzt — bindert die Berliner Zionisten sicherlich nicht am Be• such des Theaters. Die wirkl'clren Gründe scheinen mir von viererlei Art zu sein. Erstens der Mangel jeden Interesses, jüdisches Leben, wo es wirklich einmal Leben war und eventuell noch ist, kenncnzulernen; tweitens die Furcht vor den starken Emotionen, denen sich kein Besucher der Vorstellungen entziehen kann, »eil hier wirklich in unerhörter Lebendigkeit eine Kultur sich uns zeigt, der wir uns zutiefst verwandt fühlen; und das begegnet uns nicht oft. ln den meisten Fällen sind unsere Aufregungen mehr literarisch; unsere Eindrücke im Jüdischen Künstler-Theater könnten einen Massstab für unsere Entjudung abgeben. — Drittens ästhetische Ablehnung des Jiddischen, das man nicht tom Jüdeln unterscheiden kann, und das daher als schlechtes Deutsch mit dem Namen Jargon-Kauderwelsch belegt wird. Viertens mehr technische Gründe: Nichtverstehen der Dialoge und Handlungen, unbequeme Lnge des Theaters u. dgl. Meist kommen mehrere dieser Gründe in eigenartiger Verknüpfung zusammen. “ Ueber die politische Bedeutung der Angelegenheit wli hier gesprochen werden, Dem ersten jiddischen Unternehmen in Berlin, dem Theater, ist ein zweites, die Jüdische Kulturliga, gefolgt. Trotzdem halte ich es für ausgeschlossen, dass diese Institutionen geeignet sind, einen neuen Sprachenkampf hcraufzubcschwörcn. Die Hebraisten werden uns nicht abspenstig gemacht *־«den; die Jiddischisten brauchen keine Bestärkung - und die Indifferenten werden, soweit sie ernsthaft denken, in ihrer Entscheidung nicht durch die Sentiments eines Theaterbesuches beeinflusst weiden. Tun sie es, so werden wir auch das ertragen können. Aber die ganze Problemstellung scheint mir bei der heutigen Lage des Zionismus falsch zu sein. So gewiss wir alle Anstrengungen machen werden, um dem Hebräischen in Palästina zum Siege zu verhelfen, so wenig entspricht es den heutigen Methoden zionistischer Arbeit, lediglich in programmatischer Weise immer wieder seine eigenen Ideale zu verkünden und zu diskutieren ״nd die des Gegners hcrabzusetzen, wie cs auf den früheren Kongressen üblich war. Es ist uns heute nicht, das nur nebenher, um Klärung der Ideologie zu lun. Die Arbeit ist ins Stadium des ״Sztam-Zionismus“ getreten: die Notwendigkeiten Palästinas sind für uns praktisch massgebend. Und ebensowenig wie eine anücre Alternative wollen wir uns die: ״Palästina wird tabräisch sein, oder es wird nicht sein“ als Programm torsetzen. Dass wir dabei alles für den Sieg des Heüraismus tun werden, ist selbstverständlich; aber im übrigen gibt es dafür bedeutend geeignetere Mittel als ׳f'c Bekämpfung des Jüdischen Künstler-Theaters in Berlin. : Denn — um zum Schluss noch ein paar Worte über die kulturelle Seite der Sache zu sagen — ״die östliche Volksminorität“ wird von uns keineswegs ״zu ״och eingeschätzt“, wenn wir uns die geringe Mühe jjnd Kosten einiger Theaterbesuche machen, um ihre bprache und ihr Leben auch nur ganz oberflächlich *ennen zu lernen, oberflächlicher immer noch, als viele v°n uns Engländer, Franzosen und Italiener kennen, ™!t denen in eigenem Lande zusammen zu ׳eben wir uns doch durchaus nicht zum Ziel gesetzt haben. Die Uebcrsetzungen Alexander Eliasbergs ge- ״Bgcn für dieses Kennenlernen keinesfalls. Es ist eine Tatsache, dass das Jiddische nun einmal Träger der '1origen jüdischen Eigenkultur' von erheblicher Bedeutung ist, die wir noch dazu aus nächster Nähe beobachten können. Nur ein völliger Mangel on Verj *öndnig für die Bedeutung der eigenen Geschichte fürs < ״tuel.le Beben kann alledem eine programmatische i "«Ration entgegensetzen. Speziell die Sprache muss ן auch dem Stumpfsten ganz unerwartete Einblicke in I das Leben unseres Volkes in früheren Jahrhunderten gewähren. Ich könnte mir überdies durchaus vorstellen, dass das Jiddische von vielen als Uebergang vom Deutschen zum Hcbtttischcn empfunden wird. Seiner Eigenart nach stellt es tatsächlich eine solide Brücke dar. (Vgl. Löwe, die Sprachen der Juden; Mieses, die Entstehungsursache der jüdischen Dia* lekte.) Auf jeden Fall aber sollten wir uns freuen, das Jüdische Künstler-Theater zu haben, und zu seiner Erhaltung beitragen, nicht aber es zum Anlass nehmen für einen Don Quichote-Kampf gegen eine Gefahr, die — wenigstens an diesem Punkte — garnicht vorhanden ist. Martin Plessner, Berlin. Der Jüdische Nationalismus und das jüdische Haus Wir sprechen in unseren Tagen alle so viel vom jüdischen Nationalismus, ohne uns klar darüber zu sein, was ist jüdischer Nationalismus, Ein hlossea Schlagwort oder eine Tat, ist es nur die hcbiäische Sprache, nur die Geschichte? Ist ca unsere Literatur, sind es unsere Gesetze, unsere Sitten und Gebräuche? Ist es unsere Jahrtausende alte Kultur, oder ist es nur unsere Religion? Nationalismus ist olles dieses zusammengefasst. Der jüdische Nationalismus verlangt den ganzen Menschen, die Umstellung seines Lebens zu einer Tat, zu einer Einheit, keine Halbheiten, keine Phrasen, Selbsterziehung — und diese Selbsterziehung soll uns frei machen von den Schlacken der Aasimilation, die wir alle, ob Orthodoxe, Zionisten oder Liberale, mehr oder weniger mit uns hei um schleppen. Wir machen alle Konzessionen an unsere Umgebung, sei es durch Gewöhnung oder sei es durch Unkenntnis unserer eigenen Werte. Die Unkenntnis unserer Werte ist allein schon ein Verstoss gegen das jüdische Gesetz, das uns Lernen und Lehren gebietet. ״Und lelue sie deine Kinder davon zu reden, wenn du sitzest in deinem Hause und wenn du gehst auf dem Wege, und wenn du dich hinlegst und wenn du aufstehst, und schreibe sie auf die Plosten deines Hauses und on deine Türe“, das ist nicht nur Religion, das ist nationale Disziplin von gewaltiger Grösse. — Nein. Nur Religion ist jüdischer Nationalismus nicht, Religion ist unsere ureigenste persönliche Sache, unser Veihältnis zu unserem Gotte, Religion ist das Trennende, das Nationale, das Einigende, das Verbindende im Judentum, ,Das Nationale ist den Juden das Primäre, die Religion das Sekundäre“, sagt Adolf Gchrikc in seiner Bioscbüre ״Die Verdienste der Juden um die Erhaltung und Ausoreitung der Wissenschaften“, ״ihr ältestes Kulturwcrk, die Bibel, ist ein Werk vor! grosser nationaler Bedeutung“. Da wir Juden kein eigentliches Glaubensbekenntnis im Sinne anderer Völker haben, so sind unsere Gedanken frei, doch die Tat ist gebunden, Als Natiomdjudcn müssen wir uns klar daiüber werden, dass unsere Gesetze und V01 schritten uns gegeben worden sind, um uns geistig und körperlich gesund und widerstandsfähig zu erhalten. Wir konnten den Stürmen der Welt Trotz bieten, weil wir unser j U - discb[es Haus hatten. In tunsciem jüdischen Haus hatten wir ein Stück Heimat, in dem jüdischen Hause konnten wir die Sehnsucht pflegen, die heute zur Tat geworden ist. Das Wort jüdischer Nationalismus bleibt 1m Munde der Zionisten ein Schlagwort, eine Phrase, wenn sie ihr Haus nicht wieder jüdisch werden lassen. Zwei Kardinalgesetze gibt es für das jüdische Haus: die Sabbat ruhe und das Kose heressen. Die Sabbntruhe — ״Du und dein Knecht und deine Magd, ja selbst dein Vieh sollen ruhen“. Welch ein tiefer, sozialer Gedanke liegt in diesen Worten! Das Gleichmachende, das rein Soziale in diesem Gesetz ist viel erhabener als das Religiöse. Dem Gesetze hüben wir Genüge getan, wenn wir am Sabbat nur ruhen. Das Religiöse unseres Sabbat sind blosse Sitten und Gebrauche, aber diese Sitten und Gebräuche nehmen unsere Seelen gefangen und lösen Stimmuugen aus, die nur der begreifen kunn, der diese Sitten kennt. Mit dem Sabbat gehen wir unseren Kmdoin ein Stück jüdischen Nationalismus, solch ein Sabbat baut uns wieder eia jüdisches Haus auf. Wie tief Sitten und Gebräuche in der Volksseele Wurzel fassen können, zeige iolgendes Beispiel: Frau Bella Pewsner, die bekannte Zionistin, kam auf ihrer Propagandareise nach Havanna. Als sie mit einem Gesinnungsgenossen Freitag abend durch die Strassen ging, war sie nicht wenig erstaunt, in unzähligen Häusern Lichte brennen zu sehen. Auf ihre Bemerkung, ob so viele Juden in der Stadt wohnen, wurde ihr gesagt, dass das alles strenggläubige Katholiken seien, die am Freiingabend Kerzen anzünden. Nach näheren Erkundigungen erfuhr Frau Pewsner, dass diese Katholiken alle Nachkommen der Marannen seien. Die einzige jüdische Sitte, die ihnen von Geschlecht zu Geschlecht über 400 Jahre hindurch geblieben war, war das AnzUnden der Sabbatlichte. Die zweite Kardinalirage: das Koscheressen. Wie oft hört man die Aeusseiung: Ach, damals vor Uber 4000 Jahren waren die Gesetze notwendig. Heute sind sie überflüssig, heuie haben wir die Fleischbeschau und alle hygienischen Vorschriften.• Die Wissenschaft ist, wandelbar, Wie oft greift man auf alte, vergessene Methoden und Gesetze zurück, was heute festste!« wird morgen verworfen. Ewigkeitswerte und Ewigkeilsgesetze sind in der Bibel. ״Ihr sollt mir ein heilig Volk sein, darum haltet euch rein, alles Unreine sei euch ein Greuel.“ Nicht die Gesetze waren damals notwendig, sondern wir sind in unserer Wissenschaft, in unserer sogenannten Kultur noch nicht soweit vorgeschritten, um die Notwendigkeit unserer alten jüdischen Gesetze zu begreifen und zu ve!stehen. Mit der Aufgabe des Koscheressens ist euch ein Stück jüdischen Nationalismus zugrunde gegangen, jene exklutive Abgeschlossenheit, die uns vor der Ass milntion bewahrt hat. Wir haben gute Zionisten, die in ihren Lebensgewohnheiten so wenig national sind wie irgendein liheialc! Jude Für unsere zionistische Jugend bedeu- '1 tet der ganze Nationalismus Kenntnis der hebräischen! Sprache. Ich bin die letzte, die den Wert der hebräischen Sp'ache verkennt D e Sprache ist dem Volke unendlich viel aber nicht alle®, Spracht• ist Mittel zum Zweck, aber nicht Zweck selbst. Als moderne, gebildete Menschen können wir mehrere Sprachen beherrschen, wir können ein vorzügliches Englisch und Französisch sprechen, ohne uns in den Geist zu vertiefen, ohne die englische und fianzösische Kultur in uns aufzunehmen. So haben wir eine zionistische Jugend, die im besten Falle ein fhessendca modernes Hebräisch spricht, aber keinen Schimmer von jüdischer Kultur hat. Kultur heisst aber nicht nur Kenntnis unserer Geschichte und Literatur, unseier Sitten, Gebräuche und Gesetze, sondern Kultur muss man pflegen, Kultur muss gelebt werden. Dazu brauchen wir wieder das jüdische Haus! K* gibt drei Kategorien von Zionisten, die den jüdischen Nationalismus der Tat negieren. Erstens solche, die aus der tieisten Assimilation kommet» und nur wenig vom Judentum wissen. Sie trifft keinerlei Vorwurf, allein die Tatsache, dass sie Zionisten sein wollen, dass sie sich zum jüdischen Nationalismus durchringen wollen, genügt schon. Hier sollten die gesetzestreuen Nationaljuden, die Misrachisten, diejenigen, die aus dem Vollen schöpfen, ihre jüdischen Häuser öffnen und jüdisches Leben lehren. Die zwciteKatcgorie sind Menschen,die alle modernen Bestrebungen im allgemeinen und auch im Judentum mitmachen, junge Stürmer, wahrheitssuchende, vom Wiss׳ nsdurst aufrichtig beseelte Freiheitsfanatiker, die als Zioni-ten wohl allen modernen Ballast europäischer Ueberlutltur nach Palästina schleppen möchten aber den jüdischen Nationalismus der Tat in seiner Reinbeit und Grösse, in seiner uralten Kraft und Vergänglichkeit nicht anerkennen wollen. Sie wissen zwar, dass unser Staatsgesetzbuch, die Bibel, uns vorbildliche Boden- und Agrurgesetze, von Gerechtigkeit durchtränkte Rechtsgesetze gibt, sic wissen, dass die Bibel die Grundidee für Haftpflicht und Unfallverhütung gibt, sie kennen alle hygienische Vorschriften der Bibel und wissen auch, weich starke fundamentale, soziale Vorschriiicn in ihr enthalten sind, aber lür sie gelten Maix und Lassalle dennoch mehr als Moses und Jesaia und Kant und Nietzsche haben ihnen mehr zu sagen als Mainionides und Jehuda Ilalevi. — Denen möchte ich sagen: Glaubt nicht, das* ihr grösser seid als eure Väter und Urväicr waren, die davor warnten, sich vor dem 40. Lebensjahr mit den Philosophen zu beschäftigen. Nun komme ich zu der dritten Kategorie. Diese behauptet, unsere Gesetze seien uns nur für Palästina gegeben worden. Mit diesen möchte ich mich besonders beschäftigen, denn sie haben mit dieser Behauptung recht. Fast alle Gesetze nur mit wenigen Ausnahmen sind für Palästina zugeschnitten, darum ist es Ehrenpfiicbt aller derjenigen, die nach Palästina gehen wollen, und das wollen doch die meisten Zionisten, diese Ge- «ctze, die durch und durch nationaler Natur sind, hier schon zu akzeptieren. Wir sind uns vollkommen klar darüber, dass unser Judentum hier im besten Falle nur eine Treibhauspflanze ist, umsomehr müssen wir e• hüten und pflegen. Gewiss, manches, was uns im Galuth als wicluire Aufgabe erscheint, wird durch das kompakte Volksleben in E!cz Israel leicht werden Andererseits werden uns Gesetze, Sitten und Gebräuche, die wir hier leicht nehmen, dort zur ernsten Pflicht gemacht werden. Ein kleines Beispiel; die glühende Sonne Paläi-tinas hat es zur Notwendigkeit gemacht, vom Morgen bis zum Abend unser Haupt zu bedecken. Im Galuth ist diese rein nationale S׳tte zur religiösen geworden. Wären wir konsequente Nationaljuden, so dürften wir die Kopfbedeckung wie es der Türke mit seinem Fe* macht, nirgends ablegen. Wir haben unzählige rein nationale Sitten, die hier erst religiös geworden sind und in die engen Mauern der Synagoge eingekerkert worden sind. So wird unsere jüdische Zeitrechnung nur bei religiösen Handlungen gebt sucht. Wir halten ,Fahrzeit“ nach dem jüdischen Datum und müssen erst bei ,.Kalendeikundige״‘* den richtigen Tag einer ״Harmizwah“ erfragen. Warum werden die Geburtstage unserer Kinder und sonstige Gedenktage nicht nach jüdischer Zeitrechnung geleiert? Das ist für unser jüdisches Leben mindestens so wichtig wie hebräisch sprechen. Die jüdische Zeitrechnung würde uns mit unseren Brüdern in Palästina inniger verbinden, wir würden im Geiste mit ihnen leben und einen Hauch des Landes verspü׳en. Die hebräischen Daten würden in uns unzählige Erinnerungen trauriger und freudiger Art an Palästina wachrufen. Wir wären in unserer Bewegung auch wesentlich weiter, wenn wir die ״Rückkehr zum Judentum‘‘ bereits vollzogen hätten. Wir hätten dann die Macht, auf die Orthodoxie erzieherisch eirizuwitken. Wir hätten sic zu unserer Lebensfähigkeit, zu unserer jugendstarken Begeisterung und zu unserer grossen Holinung aui die Zukunft emporgezogen. So aber können wir Zusehen, wie diese Juden mit dem Wort Orthodoxie auch den Begriff aufgenommen haben, und die nur noch ״kirchliche“ Juden sind, ohne nationalen Schwung, ohne die lebendige Sprache und ohne Verständnis iür unsere grossen Aufgaben in der Gegenwart. Auch im Aufbau Pa'ästinas wären wir jetzt schon weiter, wenn wir bereits daran gewöhnt gewesen wären, unsere Gesetze und Vorschriften zu halten Die Forderung des Maasser für den Keren Hajessod hätte uns nicht weiter in Erstaunen gesetzt. Wir hätten gewusst, dass wir mit der Abgabe des Maasser eine ganz gewöhnliche jüdische Pflicht erfüllen. Die gesetzestreuen Nationiiljuden. die bisher ohne den Keren Hajessod ihren Maasser für Parteizwecke oder sonstige jüdische Dinge zahlten, geben heute ״Muasser scheni“ —ich wei«s nicht mit welchem Erfolg — wir die Forderung des , Maasser scheni“ be i Ziomsten, die sich noch nicht 7um Nationnli 8 m us der Tat durchgerungen haben, aufstellen konnten ״Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland“ ist das Gebot der Stunde. Wir haben genug v< m jüdischen Nationalismus, von jüdischer Kultur geredet, jetzt wollen wir beides leben Wir wollen unser Haus wieder so stark jüdisch aulbauen, dass wir ein Stück Palästina in ihm finden. Wir werden nur dann Volljuden sein, wenn unser Nationalismus wie aus einem Gus* Sprache, Geschichte, Literatur, Sitten, Gebräuche, Gesetze und auch Religion umfasst. Dann werden wir die Fähigkeit haben, aus der grossen Vergangenheit Kraft für die Gegenwert und Hoffnung für di• Zukunft tu schöpfen. Frau Lina Wagner-Tauber.

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