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Jüdische Rundschau · 1922-02-14 · Heft 11-12 (14.2.1922) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVII (1922)
Issue
Heft 11-12 (14.2.1922)
Date
1922-02-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite m Der Fall Rathen au Die Ernennung von Walther Rathenau zum Reichsminister des Auswärtigen in Deutschland Ist keine jüdische Angelegenheit. Nicht um seines Judentums willen wurde Rathenau berufen und noch weniger etwa als Vertreter der deutschen Juden. Immerhin ist es ein bemerkenswertes Ereignis, wenn in Deutschland in der gegenwärtigen Situation ein Jude auf den schwierigsten Posten berufen wird. Es ist ein Beweis dafür, dass die massgebenden Faktoren des Deutschen Reichs offenbar der Ansicht sind, dass ein anderer Mann von gleicher persönlicher Qualifikation in Deutschland nicht vorhanden ist. Unter zwei gleichen Kandidaten wäre wahrscheinlich der Jude unterlegen. Wenn also Rathenau ernannt wurde, so geschah dies nicht wegen seines Judentums, souj dern wahrscheinlich trotz seinem Judentum. Auch! für ihn selbst dürfte das Judentum eher ein Grund gewesen sein, mit der Annahme zu zögern, als sie zu betreiben. Er hat das schwere Amt an-! genommen, weil er offenbar überzeugt ist, dem j Reiche durch seine Fähigkeiten und Erfahrungen nützen zu können.! Rathenaus Verhältnis zum Judentum ist in seiner praktischen oder politischen Tätigkeit bisher .überhaupt nicht zum Ausdruck gekommen. Er steht ganz fern jeder jüdischen Bewegung, fern dem jüdischen Leben, ist unberührt von dem in unserer Zeit sich vollziehenden Prozeß jüdischer Wiedergeburt. Seine Anschauungen über Judentum hat er jedoch vielfach literarisch geäußert. Am ausführlichsten in einer Schrift, die mehr als 20 Jahre zurückliegt und wohl kaum heute mehr; von Walther Rathenau aufrecht erhalten wird, ln seinem in das Buch ״Impressionen“ aufgenom- I menen Aufsatz ״Höre Israel“ übt er schärfste Kritik j an dem ihm bekannten Assimilationsjudentum, dem er alle schlechten Eigenschaften des Ghetto und Ruhmlosigkeit vorhält (ein anderes Judentum kennt er nicht). Er findet den Antisemitismus berechtigt, I denn die besten Deutschen müßten ״einen tiefen Widerwillen gegen jüdisches Wesen und Treiben״ haben. ״Auf märkischem Sande eine asiatische Horde ... In engem Zusammenhang unter sich, in strenger Abgeschlossenheit nach außen: so leben sie in einem halb freiwilligen unsichtbaren Ghetto, kein lebendes Glied im Volke sondern ein fremder Organismus in seinem Leibe.״ Der Staat habe die Juden zu Bürgern gemacht, um sie zu Deutschen zu erziehen, sie aber haben vollkommen verständnislos auf diese Maßregel reagiert. Die besten Juden müßten dem Judentum den Rücken kehren. In der Taufe sieht jedoch Rathenau keine Lösung, vielmehr würde nur ein neuer ״Antij semitismus gegen die Getauften״ entstehen. Das j einzige Mittel ist die Aneignung höherer deutscher ן Kultur, gewissermaßen ein jüdisches Patriziertum, I das fern von jeder aufdringlichen Nachäffung | innerlich nicht verarbeiteter Aeußerlichkciten, 1 geistig, moralisch und körperlich eine hohe Stufe ' Aus der Welt des Chassidismus Im Verlag von Rillten & Locning, Frankfurt a. M., erschien ein neues, wundervolles Buch von ' Martin Buber: ״Der große Maggid und seine Nachfolge“, Buber gibt in einem umfangreichen Geleitwort ein Bild von Leben und Lehren des Schülers des Baal Schern, des ״großen Maggid“ Dow Bär aus Mosritsrh, und zeigt, wie sich seine Lehre in seinen großen Schülern fortpflanzt bis zu jener Generation, in der der Chassidismus verfiel. Der flauptfcil des Buches bringt dann Gcschichten, Anekdoten, Aussprüche dieser Zaddikim, die die Tiefe und Innigkeit der chassidischen Welt in vollem Licht zeigen. Indem wir uns eine ausführliehe Würdigung des Werkes Vorbehalten, geben wir nachstehend einige Proben aus den Gcsdiiditen. Red. Der Empfänger Ein Mann in Sussjas Stadt sah, dass er sehr arm war, und legte ihm jeden Tag einen Zwanziger in den Tcfillinbeutel, damit er sein und der Seinen Leben zu fristen vermöchte. Seither wuchs der Wohlstand des Mannes von Mal zu Mal. Je mehr er besass, um so mehr gab er an Sussja, und je mehr er ihm gab, um so mehr besass er. Einmal besann er sich aber, dass Sussja ein Jünger des grossen Maggids war, und es geriet ihm in den Sinn: wenn schon die Gabe an den Schüler so vielfältig gelohnt werde, welch ein Reichtum würde Uber ihn kommen, wenn er den Meister selbst beschenkte. So fuhr er nach Mcsritsch und erwirkte von Rabbi Bär mit vielen Bitten, dass er eine ansehnliche Gabe von ihm annahm. Von diesem Augenblick an schwand sein Wohlstand mehr und mehr, b:;r. aller Gewinn der gesegneten Zeit dahin war- Da kam er in seiner Betrübnis za Rabbi Sussja, erzihhe ihm alles und befragte ihn, was dies sei: 1 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 11/12; zu erreichen strebt und so dem echten Deutschtum;ülinühllch iirdieküiViuU. ln Seinen Schriften erklärt Ruhen,׳tu wiederholt,daß er religiös auf dein Boden des Evangeliums stehe und in seiner bekannten Broschüre ,Eine Streitschrift vom Glauben״, die erst während des Krieges als Antwort auf die Publikation eines jungen Aristokraten erschienen ist, begründet er seine Zugehörigkeit zum Judentum damit, daß dieses als kirchen- und dogmenlose Religion des reinen Monotheismus die Möglichkeit zu freiem religiösen Leben biete, während das empirische Christentum mit dem Zwang der Zugehörigkeit zu einer der bestehenden Kirchen, nicht nur eine dogmatische, sondern auch eine politische Fessel bedeutet. Wenn daher ein Heide an ihn die Frage stellte, welcher Religionsgemcinschaft er sich anschließen solle, da er die Lehre des Christentums als die scinigc betrachte, könnte Rathenau ihn nur auf den Mosaismus verweisen. Diese Anschauung ist nicht nur ein geistreiches Paradox und die immerhin originelle Rechtfertigung eines geistig zweifellos ungewöhnliehen Mannes, sondern auch ein Beweis der vollständigen Unberührtheit von jeder jüdischen Wirklichkeit. Die Ernennung Rathenaus hat in der antisemitischen Presse, die seit seinem ersten Eintritt in die Regierung eine unaufhörliche, schamlose und vor den verwerflichsten Mitteln, sogar vor der unverblümten Aufforderung zum Mord nicht zurückschreckende Hetze gegen ihn betreibt, natürlich einen Sturm hervorgerufen. Unaufhörlich werden seine eigenen Worte aus ״Höre Israel״ zitiert und ihm vorgehalten, daß nach se.ner eigenen Ansicht die ״besten Deutschen einen begründeten Widerwillen gegen das jüdische Wesen״ haben, daß ein Jude sich nicht zu Posten j drängen soll, die ihm nicht gemäß sind, daß ein Jude, ן nach Rathcnau selbst, niemals wirklich ״deutsche 1 Belange״ vertreten kann. Nun wird seine Ernennung | zum Minister des Acußcren von der ״Deutschen! Zeitung“ als ein ״Sieg des internationalen Judentums“ bezeichnet. Dieselbe internationale Macht, die auch Rußland zugrunde gerichtet habe, benütze jetzt Deutschland zu dem einzigen Zweck, den sie kennt, nämlich zur Förderung des ״Weltgeschäftes״. Die unter dem jetzigen Regime so beliebte Ersetzung von Politik durch Wirtschaft sei ein Ausfluß dieser Anschauungsweise,. die bei allem nur ein Geschäft machen will. Deutsche Ehre dürfe solchen Händen niemals anvertraut werden. Wohlwollende Ausländer, so sagt die ״Deutsche Zeitung״, werden eher mit echten Deutschen verhandeln als ״mit listigen Juden in Deutschland, die jeden Partner geschäftlich übers Ohr hauen״. Dabei wird immer wieder eine Aeußerung Rathenaus zitiert, die in einem Zeitungsartikel vor 10 Jahren ganz ohne Beziehung auf das Judentum gemacht wurde: Daß 300 Männer das Geschick Europas lenken. (Gemeint sind die Leiter der großen Wirtschaftskonzerne.) Diese 300 werden von den Antisemiten als eine jüdische Geheimorganisation gedeutet! Es kt schwer, gegen derartige Auslassungen, eile wir gcfllwcUtllcli bisher stets ignövU'Jt haben. zu polemisieren. Abwehr ist nicht unsere Sache '■ Der ״Deutschen Zeitung״ sollte es zu denke:: geben, daß ein Mann von internationalen Be Ziehungen, von einem streng disziplinierten Willen zur Sachlichkeit tmd allumfassender europäische: Bildung doch offenbar den wirklich verantwort, liehen Faktoren besser geeignet scheint, die für Deutschland so bitter notwendigen Beziehungen zum Ausland wiederhcrzustellen, als diejenigen Elemente, die täglich Gift und Schwefel gegen den ״Feindbund״ hcrabwünschen und sich in Aufrufen zu Haß und Rache gar nicht genug tun können. Was von einem Mann wie Rathenm in ehrlichem patriotischen Bemühen unternommen wird, ist lediglich von dem Streben nach Rettung des Deutschen Reiches erfüllt. Er selbst, dt: zwar seine jüdische Abstammung stets bekannt hat und seinem jüdischen Blut starke Grund kräfle seines Wesens dankt, ist nicht nur politisch stets eindeutig und ausschließlich als Deutsche: aufgetreten, sondern erklärt auch in seinen Schriften, nach ״Volk, Heimat, Sprache und Glauben״ ein Deutscher zu sein. Den Interessen der jüdischen Gesamtheit hat er niemals gedient Dies wird von uns nicht festgestellt zur Wider• legung der antisemitischen Beschuldigungen, sondern als Hinweis auf die jüdische Tragik, die darin liegt, daß die begabtesten Söhne des jüdisehen Stammes ihr Betätigungsfeld außerhalb de: Judentums suchen. Noch eine Generation zurück war freilich für einen gebildeten Westjuden kein anderer Weg, wofern er nicht auf Betätigung überhaupt verzichten wollte. Heute jedoch würde das jüdische Volk dringend Männer von kon• struktiver Begabung brauchen. Sie aber stehen ihm fern und ernten für ihre von ehrlicher Ge• sinnung angegebene Tätigkeit außerhalb des Judentums, Schimpf und Verdächtigung, und das Judentum muß stets gewärtig sein, etwaige Miß• erfolge ihrer Tätigkeit zu Lasten des ganzen Juden• tums gebucht zu sehen. Wir Zionisten können in solchen Erscheinungen nur Bestätigung unserer Grundanschauungen über Galuth finden. Keren Hajessod in Amerika N e w y o r k , 2p. Januar. (J. C. B.) Die zionisti sehe Delegation bereist die entlegenen Teile der Union zugunsten des Keren Hajessod. In Pittsburg sprachen die Herren 80 ko low, Prof. Warburg und Alexander G o 1 d s t c i 11 in einer jüdischen Massen• Versammlung, die sehr grosse Zeichnungen für den Keren Hajessod brachte. Jabotinsky macht eine Tour über ganz Texas und wird die Städte Fort Worth, Dallas, Waco, San Antonio und Galvcston besuchen, ir. welchen sich eine zahlreiche jüdische Bevölkerung be findet. Aus allen Zentren werden grosse Erfolge für den Keren Hajessod gemeldet. Lord Northchffc In Palästina. Nach einer ״Times’• Meldung ist Lord Northdiffe in Jerusalem eingetroffen Eincrseiner ersten Besuche galt der Kolonie Rischon-le-Zion amtl 900( Dies letzt kuti! 102( Palä i einij den , ein 1 sich in « andt ist i und seid« in 1 net J disci Mai־ hat, tele rott f’ »trie , rer» ץ i 1ech! die 1 und das Nuni : Eing Rekr 94 R eing« { Ingei i ron * im G; der ' gelie ו SPC« ן milit resei 1 se£e 1 heia j und tt Die : *ם c ' verv : Gru: habe doch er selbst ihm gesagt, dass der Meister! unmessbar giösscr sei als er. | Sussja antwortete ihm: ״Sieh’, solange du gabst und nicht hinsahst, wem da gibst, sondern Sussja war dir recht oder ein anderer, solange gab auch I Gott dir und sah nicht hin. Als du aber begannst, I dir edle und auserlesene Empfänger zu suchen, tat Gott desgleichen.“ Abraham und Lot Der Berditschewcr kam einst nach Lemberg und ging in das Haus eines reichen und geachteten Mannes. Zum Hausherrn vorgclassen bat er, ihm Unterkunft für einen Tag zu gewähren, verschwieg aber Namen und Stand. Der Reiche, fuhr ihn an: ״Ich brauche hier keine Wandersleute, Geh doch in eine Herberge.“ ,,Ich bin kein Herbergsgnst,“ sagte der Rabbi, ״gebt mir etwas Raum in einer Stube, und ich will euch um nichts anderes behelligen.“ ״Fort mit dir,“ rief jener, ״wenn du kein Herbergsgast bist, wie du sagst, so geh zu dem Schullehrer um die Ecke; der pflegt solche zugelaufenen Leute mit Ehren za empfangen und za bewirten.“ Rabbi Lcvi Jizchak ging zum Schullehrer und wurde mit Ehren empfangen und bewirtet. Aber auf dem Weg hatte ihn jemand erkannt, und alsbald verbreitete sich in der Stadt die Kunde, der heilige Rabbi von Berditschcw sei da und habe im Hause des Schullehrers Wohnung genommen. Kaum hatte er ein wenig geruht, staute sich schon eine Menge Zuj limbegchrcndcr vor der Tür, und als sic geöffnet ן war, strömten die Scharen herbei, den Segen des i Znddiks zu empfangen. Darunter war auch jener 1 reiche Mann; er drängte sich vor den Rabbi und begann: ״Möge doch unser Herr und Meister mir vergeben und mein Haus seines Besuches würdigen. Allo Zaddikim, die nach Lemberg kamen, haben bei mir gewohnt.“ Rabbi Lcvi Jizchak wandte sich zu den Umher stehenden und sprach: ״Wisst ihr, welcher Unter• schied zwischen unserem Vater Abraham, der Fried: Uber ihm, und Lot besteht? Worum wird mit solchem Wohlgefallen erzählt, wie Abraham Butter, Milch uni ein zartes Kalb den Engeln auftrug? Hat doch auch Lot einen Kuchen gebacken und den Engeln vor gesetzt. Und warum wird cs als Verdienst angesehen dass Abraham sic in seinem Hause aufnahm? Ha: doch auch Lot sie geladen und beherbergt. Aber « verhält sich damit also. Bei Lot heisst cs: Und di: Engel kamen nach Sodom. Bei Abraham aber heiss'• cs; Und er blickte auf, siehe, da standen die Männ:' vor ihm. Lot sah Engelsgestalten, Abraham arm:• bestaubte, der Ruhe und der Labung bedürftig'K; Wandersleute.“ Wie der Sassower die Mitternachtsklage sprach Rabbi Mosclic Leib war ein riesenhaft gewach sener Mann, aber ein schweres Siechtum zehrte seiner Kraft. Dennoch erhob er sich, auch wenn am Abend von den Schmerzen erschöpft gewes:' war, zu jeder Mitternacht von seinem Lager, g'Jl? wach und stark von seiner Kammer und sprach di•'! Klage von Jerusalem. Darum sagten die ChassidinM das Wort des Hohcliedcs ״Die Stimme meines Freun-j des pocht“, sei an ihm offenbart, denn die Stimm'( der trauernden Gottcsherrlichkeit pochte offensichtlich( in ihm und erweckte ihn.! Rabbi Hirsch hatte von dem wundersamen Tu!1{ des Sassowers gehört. Als er in seinem Hause weilt' verbarg er sich einmal, um ihm zuzuschen. II׳״ Mitternacht sah er, wie der Sassower BauernkleiiK anzog, auf den schneebedeckten Hof ging, eine L״s■' Holz aus dem Keller holte, sie zusammenband tin-t; sich damit belud. Dann verliess er das Haus, unL Rabbi Hirsch folgte ihm in den klirrenden Frost Jc' Win Mos■ und hintt grlo! Frat Kint Sass Frat, Spra kauf sie; antv Rab will nur ״W. klei« Dari vor das hack nach mut■ ״En *alei bück find! er d den Narr ״Da salet Stub

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