Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1922-01-27 · Heft 8 (27.1.1922) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVII (1922)
Issue
Heft 8 (27.1.1922)
Date
1922-01-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2652410-2652418--14654-2673045
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite _4_S _ dankengäugc über die Notwendigkeit und Erwüusclitheit guter 'Beziehungen zu den Arabern, daß alle jene Argumente, durch welche wir uns und den Arabern klarzuniachcn suchen, daß die jüdische Kolonisation für sie keinen Schaden, sondem materiellen Nutzen bedeutet, und daß im Bündnis der beiden Rassen größere Zukunftsmöglichkeiten liegen als in ihrer feindseligen Treunung —- bisher keine sichtbaren Erfolge in den jüdisch-arabischen Verhandlungen gebracht und die Spannung keineswegs vermindert haben. Der Grund hierfür liegt nicht, wie mit verstecktem oder deutlichem Vorwurf gegen die offizielle zionistische Politik behauptet wird, an der maugelndcn Einsicht, au der Gedankeiilosigkeil der hnpei'ialh.li:.(■11 verblendeten zionistischen Führer, sondern der Grund liegt darin, daß für die arabischen Politiker alle jene Argumente verblassen und bedeutungslos werden, sobald die Frage auftaucht, um die es sich bei der ganzen Diskussion für sie (und für uns!) letzten Endes handelt: Die Frage nämlich, ob Palästina ein jüdisclies Land werden soll oder nicht. II. Es steht nämlich so, daß die Araber, soweit sie überhaupt etwas meinen und wollen, durchaus nicht zulassen wollen, daß wir aus Palästina ein jüdisches Land machen. Es ist eine törichte Verdrehung, wenn manche Leute so tun, als ob die Araber sich nur gegen gewisse Erscheinungsformen des Zionismus wenden, sagen wir einmal gegen bewaffnete jüdische Kräfte. Natürlich sind die Araber dagegen, daß jüdische Truppen in Palästina stehen. Aber sie sind nicht deshalb dagegen, weil sie sich in einem schönen Seelenbündnis mit den Antiinilitaristeu in Wien oder Berlin gegen die ״imperialistische Gewaltpolitik“ befinden, sondern sie sind dagegen, weil jüdische Truppen das deutlichste Symbol des werdenden jüdischen Palästina und die kräftigste Garantie für seine Existenz darstcllcn würden. In den letzten Zeiten ist übrigens von jüdischen Truppen in Palästina kaum die Rede gewesen, und die Araber haben sehr deutlich gezeigt, wogegen sie sind, als sie von der englischen Regierung verlangten, sie solle die zionistische Kommission aus Palästina vertreiben und die Einstellung der jiidisehen Immigration verfügen. Wir wollen nun die arabischen Widerstände und die arabische Gefahr keineswegs überschätzen. Es gibt Mittel, diese Gefahr zu überwinden, und es brauchen durchaus keine Mittel brutaler Unter* drückung zu sein. Nur müssen wir anerkennen, daß es mit der Aufzählung unserer guten Absichten und mit dem Zukunftsgcmälcie des jüdischarabischen Kulturbundes heute nicht getan ist, weil die Araber eben gar nicht wollen, daß wir über- Haupt in die Lage kommen, diesen Kulturbund mit ihnen zu schließen. , Was können wir nun also tun, um den arabischen Widerstand zu beseitigen? Gewiß müssen wir uns mit größtem Ernst bemühen, im Sinne der uns so dringlich empfohlenen (und von jeder JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 8 verantwortlichen zionistischen Stelle immer geföreierten) araherfrcundlichen Politik die gerechten Ansprüche und Interessen der Araber in Palästina zu berücksichtigen, keine Verdrättgungs- und Untcrdrückungspolitik zu treiben, den arabischen Fellachen so viel Land zu lassen, wie sie zu ihrer Lebenshaltung brauchen, sie auf keinem Gebiet des Wirtschaftslebens durch Boykott zu Feinden der jüdischen Kolonisation zu machen und ihnen jede vernünftige Form von innerer Autonomie in nationalen und religiösen Angelegenheiten zuzugestehen. Worin wir aber kein Kompromiß schließen können, das ist die Frage der jüdischen Einwanderung und Kolonisation im weitesten Sinne, das ist kurz gesagt die Frage des kiiulllgeii Jüdischen Palästina. Was bedeutet dies? Es bedeutet die jüdische Majorität. es bedeutet, daß wir jeden Fleck Palästinas, der nicht von arabischer Hand intensiv bebaut wird, für die Bebauung durch Juden beanspruchen, es bedeutet, daß wir neben einer halben Million Araber mehrere Millionen Juden ansiedcln wollen. Wenn dies Vorherrschaft ist, so wollen wir die Vorherrschaft — wenn auch unter Wahrung der Interessen und weitgehender Selbständigkeit der Araber. Man könnte — über die staatsbürgerliche Gleichheit und die kulturelle Autonomie hinaus — sogar an internationale Anerkennung des arabi* sehen Bevöikerungsteils, also an eine Art Politik des Minoritätenschutzes denken. Es ist freilich zweifelhaft, ob damit dem Interesse der arabischen Bewohner Palästinas gedient wäre, denn die Erfahrung leint, daß die wirtschaftlichen Interessen der Bewohner eines Landes dem Separatismus der einzelnen nationalen Gruppen entgegenstehen, daß auch bei nationalkultureller Autonomie ein gemeinsames Lmdcsparlnment und gemeinsame Vcrtrctung des Landes nach außen für die einzelnen Bewohner gewöhnlich vorzuziehen ist. Immerhin, man könnte in dieser Richtung jeden Wunsch der Araber zu befriedigen suchen, doch ändert dies alles nichts an der Tatsache, daß, wenn Palästina jemals selbständiger Staat wird, dies nach unserem Willen kein arabischer, sondern ein jüdischer Staat sein soll — jüdisch nicht durch Unterdrückung der arabischen Bevölkerung seitens einer kleinen, auf Bajonette gestützten jüdischen Oberschicht, sondern jüdisch durch die Zahl, durch die wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung der jüdischen Bevölkerung. Man könnte die Frage aufwerfcn, ob es Zweck hat, von den letzten Zielen zu sprechen, wenn man erst beim Anfang der Arbeit ist. Aber wir reden ja von der arabischen Gegnerschaft, und diese Gegnerschaft richtet sich eben gegen diese letzten Ziele. Nur wegen dieser Endziele sind die Araber so emsig bemüht, nicht nur diese und jene jüdische Betätigung im Lande zu verhindern, sondern den Zionismus im ganzen zu bekämpfen, denn sic wollen uns eben von vornherein den Weg zu unseren Endzielen versperren. Wenn ihnen dies soweit gelingen sollte, daß die englische Regierung ihre offizielle Unterstützung des Zionismus aufgibt, wenn wir etwa gar gezwungen werden sollten, nach außen, in! offiziellen Programm unserer Poli- Jüdische Geschichte 1. Bemerkungen zu Dubnow, Die neueste Qcschichte des jüdischen Volkes 17S9 bis 1914 (Band l/II, Berlin — Jüdischer Verlag) Von Dr. Raphael Strauß, München (Schluß.) Auflösung oder äußerste Lockerung des innerste» Zusammenhangs der jüdischen Nation, hervorgerufe» durch die stärkere Anziehungskraft nichtjiklischer Kulturen, das ist das Motiv der jüdischen Geschichte im 19. Jahrhundert. Wir hätten cs nun gern gesehen, wenn Dubnow in seinem Werke auf die Gründe der Auflösung näher einginge. Vielleicht interessiert ihn das Problem weniger, da er den ostjüdischen, bis jetzt der Auflösung weniger anheim gefallenen Massen näher wohnt? Es ist nicht unbedenklich, daß er vom ״daß und was“ so vieles und genau erzählt, aber vom ״wie und warum“ so wenig. Wenn aber ein Historiker eine Zeitgeschichte schreibt (und eine Geschichte von 1789—1914 ist Zeitgeschichte, denn wir stehen noch mitten in der 1789 aufgenommenen Entwicklung), dann verfolgt er neben dem wissenschaftliche:1 Ziel auch einen politischen Lchrzwock, der nur durch eine genauere Erklärung der Tatsachen erreicht werden kann. Auch die Darstellung des Tatsächlichen hätte an Wärme und Uebcrzeugungskraft gewonnen, wenn Dubnow eine persönliche Stellungnahme zu den Dingen und Menschen, die er schildert, stärker durcbblicken ließe und unmittelbarer ausdrückte. Das ist ja eben das schöne an Gractz, daß seine Versuche, Geschehenes (Geschichte) begreiflidi zu madien, von ursprünglicher Wärme sind" und den Leser mehr interessieren als größere Genauigkeit. Dagegen sdveint uns Dubnow an Genauigkeit mitunter etwas zu viel getan zu haben. Besonders der erste Teil tik auf das Zukunftsziel, das jüdische Palästina zu verzichten, so wäre es sehr leicht, die Formt! der Verständigung mit den Arabern zu findet! j Aber diesen Verzicht werden wir nie aussprechen was immer kommen möge. Wir dürfen dies nick tun. selbst wenn es ״taktisch“ klug erscheinet, könnte, weil daraus für die Araber und vor allem für die englische Verwaltung su gleich hunderterlei Konsequenzen sich ergeben würden, die für uns den Strick um den Hak bedeuten: die Beschränkung der Immigration am angeblich ökonomischen Gründen, die leicht z!! finden sind, die Verteilung des politischen Ein Busse!?, der Acmtcr und Stellen mich dem heutigi׳!; Verhältnis der Bevölkerung (das sich dann woh! nie ändern würde) — kurz die Verhinderung des jüdischen, das Werden des arabischen Palästina Nur die Aufrechterhaltung unserer Emizielforderu!!• gen gibt uns die Möglichkeit, uns zu behaupten und die Hilfe der Mandatarmacht für unsere tag liehe Arbeit in Anspruch zu nehmen, Diese Hilft ist uns in voller Kenntnis unserer Endziele, ja wegen dieser Endziele zugesagt worden, und wir sind sicher, daß die Auffassung der Regierung in London sich seit der Balfour-Erklärung nick! geändert hat, sondern grundsätzlich die gleiche geblieben ist. und daß wir auf die englische Un terstützung auch weiter zählen können — trob mancher Schwierigkeiten und Enttäuschungen, d» wir in Palästina erleht haben. So liegen die Dinge, und darum kann cs?1! keiner wirklichen Verständigung mit den Arabern kommen, so lange diese die Hoffnung hegen, daß es ihnen noch gelingen könnte, das Werden des jüdischen Palästina zu .verhindern. Es bestell! heute keine Aussicht, daß die palästinensischen Araber durch den Hinweis auf die Verwandtschaft der Rassen und durch die Konstatierung, daß wir die arabischen Landesbewohner nicht vergewalti gen wollen, zur grundsätzlichen Anerkennung de» zionistischen Zieles, ja auch nur zür Duldung un sercr heutigen Arbeit gebracht werden können. H 111. körn u!1d nur dem scre ihn w י!■ Ans dckl uns« ,iticl die spn! eine Arg Mai wah keit Zus imni Zuh uns Pall blell nich kus. bisc eine viel! reg« Sinr woh : tike: siscl; woll!etzt ä zart wie« sind Ara! cige da Wir haben also, wenn wir ehrlich sein und nicht politische Schaumschlägern betreiben wolle! vor uns und vor der Welt die Frage zu bcant• Worten, ob wir in der Tat Palästina zum jüdischen Lande machen wollen oder nicht. Dies ist das wahre Ziel des Zionismus, nur der Gedanke an dieses Ziel vereinigt uns, und dieses Ziel haben wir vor der gesamten Welt zu rechtfertigen. Demgegenüber wollen die Araber, daß Palästina ein Teil des künftigen arabischen Gesamt• reiches wird. Für die Uebergangszeit, d. b., so lauge England Palästina verwaltet, möchten sic zumindest eine so beschränkende Interpretation der Balfour-Erklärung, daß allenfalls eine kleine jü• dische Einwanderung ins Land kommt und daß Palästina unter englischem Protektorat ein von beiden Völkern bewohntes Territorium bildet, dessen politisches Schicksal später einmal durch das arabische Reich bestimmt werden kann. des Werkes inutet manchmal an, wie ein gekürzte» Protokoll der ״Assembide Nationale“, und es hätte uns manchmal entschieden mehr interessiert zu hören, wie der gelehrte Dubnow über manche Frage denkt, als wie irgend ein bedeutungsloser und schlechter (als heute Dubnow) unterrichteter Deputierter sich wortgetreu geäußert hat. Es ist lediglich ein allgemeiner Gesichtspunkt, der ab und z.u in Duhnows Werk diirdischimmert: der j ü d i s c h - n a t i o n a 1 e. Die Aermlicbkeit und Selbstiiiisirlieihcit der deutschen und außerdeiitschen David Friedlämler wiixl vom nationalen Standpunkt aus verurteilt. Wohlan! Ein so bestimmter Blickpunkt gibt dem ganzen Bild eine schöne Einheitlichkeit und GcschlosscJibeit. Aber das ist noch׳ nicht alles. Ist nicht gerade die historische Situation der Friedländcr samt Zeitgenossen und Nachfolgern bis auf unsere Tage so bemerkenswert, daß sie einer Erklärung und nicht bloß einer Verurteilung vom nationalen Gesichtspunkt aus wert gewesen wäre? Man stelle sich vor: auf der einen Seite ein nicht nur äußerlich unscheinbares, sondern auch im Wesen teilweise abgestorbenes Judentum — auf der anderen Seite nicht nur die praktische Lockung des bürgerlichen Fortschrittes, sondern auch der große Glanz der durch die Völkerbefreiungen des 10. Jahrhunderts belebten geistigen Bewegungen. War es menschlich unverzeihlich, oder war es gar so dumm, an dem Feuer der erwachten europäischen Nationen auch das Judentum wieder erneuern z.u wollen? Gewiß, nur der tonnte das anstreben, der den Begriff der jüdischen Nationalität verloren hatte, oder nur eine anderswie bestimmte Gemeinschaft darin sah. Aber Friedländer und׳ seinesgleichen hatten diesen Begriff verloren. Aber warum? Aus bloßer persönlicher Un■ zulänglichkcit? Keineswegs, sondern weil die nationale Bindung im Lauf der letzten Jahrhunderte unter den Juden erschlafft war (aus Gründen, die hier nicht zu dam wen Voll sch{ eine sch( Erkl ersc und dag! Pan stän erru erörtern sind). Ist es berechtigt, mit den Maßxtübcn unserer Zeit, in der diese Bande wieder mehr erstark! zu sein scheinen, das Leben jener Zeit zu messen? Und da sind wir au dem Punkte zu erklären, was uns an Dubnows Buche am meisten fcWt: es fehlt die Auf Weisung der Grundlagen der jüdischen Geschieht* im 19. Jahrhundert. Das ganze Werk beginnt mit einem Querschnitt durch die Rechtslage der Juden aller Länder vor 178*), und später ist von der älteren Zeit nie wieder d־״ Rede. Die Aufgabe des Geschichtsschreibers, das ft■• stehende als Gewordenes aufzuzeigen, scheint uns dann» nicht ganz erfüllt, und als Ursache dafür erschein! uns des Verfassers Wunsch — der übrigens keineswep aufdringlich, sondern nur sehr zart und bescheiden aid tritt — den nationalen Charakter der jüdischen Oe schichte zu erweisen. Dieser — politisch vielleicht rid•■ tige, aber trotzdem unwissenschaftliche Gesichtspunkt — ist selbst in so überaus geringer Dosis einer wk-t schaftlichcn Arbeit abträglich, der Historiker darf eN1 nur berichten und erklären, aber nicht urteilen, somit״ das Urteil muß der Leser seihst fällen. Oder es gibt ein ״pragmatisches“ GcscHicMswto Dubnow ist weder annähernd so pragmatisch, noch unwisscnsdmftlieb wie manchmal Graetz — aber «■' ist beides ein wenig. Das ist offenbar Dubnows 1*ז sönliche Art. denn sonst hätte er sich vermutlich ni# gerade diesem trostlosesten Abschnitt der jüdischen G schichte zuwenden können. Jüdische Geschichte :!9. Jahrhundert heißt in noch unvergleichlich höben11’ ״ Grade als in früheren Jahrhunderten: Was haben d׳f; Deutschen, Russen usw. (״Die WirtsvölKcr“ sagt גיוו" heute) mit ihren Juden gemacht, und wie haben <ü( ן Juden darauf reagiert? Es ist doch recht erstaunlich j daß dieses ärmliche Problem zu einem so umfangreich«״ j Werke Anreiz genug ist, und 09 bleibt fraglich, «* mau das eigentlich als ״jüdische Geschichte“ bezeichn«" kam hand der teil« stäil bloß von gerb Sehl 19. «ntt der divii ist 1 ו סי seit« wen schä kam und stell oidc naul; erst ui«! hag« Satz Die die als . 1ich« von Der ״■— t taue auf

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.