Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVII (1922)
- Issue
- Heft 6 (20.1.1922)
- Date
- 1922-01-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 34 JUEDISCHE RUNDSCHAU ן ר.*!ו. Rundscbati Die Walfenfunde — Keine Zelte, keine Betten — ״Materialismus“ RW. Berlin, 18. Januar. Wir haben bereits kur/ über die Waffenfunde in Haifa berichtet, die zur Verhaftung des Herrn Ro s c 11 berg geführt haben. Bisher ist über diese mysteriöse Angelegenheit nur so viel bckannt, daß mehrere Kisten mit Bienenstöcken an die Adresse des Herrn Rosenberg in Haifa äugekommen sind und daß beim Ausladen entdeckt wurde, daß die Bienenstöcke Revolver enthalten. Oie Regierung hat den Adressaten verhaften lassen und• eine Untersuchung angeordnet. Die Sache wird also ein gerichtliches Nachspiel haben, das vielleicht zur Aufhellung des Tatbestandes beitragen wird. Die arabische Presse erhebt ein großes Geschrei, daß die Juden Waffen ins Land schmuggeln, um sich zum Kampfe gegen die Ar3her zu rüsten. Die arabischen Delegierten in London wurden von Palästina aus telegraphisch informiert und benützten den Fall, um die Offensivabsichtcn der Juden und die Gefahr, die der arabischen Bevölkerung droht, in grellen Farben darzustellen. Natürlich wird die Sache maßlos aufgebauscht, und man wird sich nicht wundern dürfen, wenn bald in der Phantasie der arabisehen Bevölkerung ein Gespenst der jüdischen Mordlust mit allen fürchterlichen Details zu spuken beginnt. Darum ist es notwendig, ein prinzipielles Wort dazu zu sagen. Waffen an sich sind bedeutungslos, wichtig ist nur, wozu sie dienen sollen. Tatsächlich hat das letzte Jahr genügend bewiesen־, daß den Juden in Palästina seitens der verhetzten und fanatisierten arabischen Bevölkerung eine Gefahr droht und daß kein ausreichender legitimer Schutz für die Bevölkerung vorhanden ist. Selbst die Führer der arabischen nationalen Bewegung müssen cinsehen, daß im Verlaufe der entfesselten Unruhen seitens einer unkontrollierbaren Masse Verbrechen begangen worden sind, die keinerlei Rechtfertigung finden können. Mord, Schändung, Plünderung, Raub sind in jedem Falle gemeine Verbrechen, und gegen gemeine Verbrechen müssen die Opfer sich zur Wehr setzen dürfen. Wenn heute Juden in Palästina genötigt sind, sich mit Waffen zu versehen, so ist das eine Folge der letzten Ereignisse. Es bedarf keines allzutiefen Verständnisses für die Situation der Juden im Lande, um einzuschcn, daß diese Waffe.i nicht Angriffszwecken dienen sollen. Zwar ist es etwas peinlich, das Argument des defensiven Charakters einer Bewaffnung anzuwenden, das gerade in den letzten Jahren so häufig mißbraucht worden ist. Aber die Juden in Palästina sind in einer besonderen Situation. Jeder unbefangene und objektive Beobachter muß einsehen, daß ei! aggressives Vorgehen der sei!wachen jüdischen Bevölkerung gegen die Arabc!־, die ein ungeheures Hinterland hinter sich haben, ein reiner Wahnsinn wäre. Es ist eines der Hauptargumente gegen die Errichtung einer jiidisei en Legion, daß ihre Existenz im Lande den Anschein erwecken könnte, als wollten wir das Land durch militärische Mittel für uns gewinnen. Aber wenn ein Mann, der den ganzen Tag seiner friedlichen Arbeit rachgeht, dessen Tätigkeit von der ganzen Oeffendichkeit kontrollierbar ist, der allen militärischen Neigungen und militärischer Leberisweisc fernstehl, wenn ein solcher Adann in seinem Hause eine Waffe besitzt, die ihn, seine Familie, und seine Habe in der Not vor Ucbcrfällen schützen soll dann kann eine solche Tat- Sache keinen Grund für eine Verurteilung bieten. Die Regierung selbst müßte nach diesem blutigen .!obre soviel Verständnis für die Lage der Juden liabcn, um ihre bitlcre Not zu verstehen, um die Motive zu würdigen, aus denen einzelne von ihnen vielleicht auch illegale Wege beschritten haben, um sich in den Besitz dieser Schutzwaffen zu setzen. Für eine Erregung ist kein Anlaß, und wenn aus einem solchen Zwischenfall die antijüdische Agitation der arabischen Kreise Nahrung schöpft, dann bedauern wir diese neue Vcrschärfung der nationalen Gegensätze außerordentlich. Solange jede Episode als ein willkommenes Bcweismittel der Aufstachelung im nationalen Kampfe aufgefaßt wird, wird die drückende Atmosphäre Palästinas nicht erleichtert werden. Es gibt nur einen Weg, den Weg der direkten Verständigung, wo ,die beiden Völker sich offen und klar über ihre Sorgen aussprechen und gegenseitig den Anlaß zu Besorgnissen hinwegzuräumen versuchen. Es ist höchste Zeit, daß dieser Weg beschriften wird. Ni Nr. 0 In einer palästinensischen Zeitung ist ein Brief aus Mahlul (im Emek Jesrcel) veröffentlicht, in welchem von einem der Arbeiter die Zustände beim Beginn der Ansiedlung geschildert werden. 111 diesem Briefe heißt cs: ״Als ich ankam, war wegen des Regens und der schlechten Wege kein Wagen am Bahnhof. So mußte ich zu Fuß durch den Schlamm zur Siedlung gehen. Meine Sachen ließ ich am Bahnhof. Hier konnte ich noch nicht in Ordnung kommen wegen des Mangels an Zelten und anderen Gebrauchsgegenständen, ich liabe auch noch kein Bett. In der ersten Zeit hat inan Betten gekauft, wenn auch keine guten, jetzt ist kein Geld da, daher kann man nichts kaufen. Ucberhaupt wird jetzt nichts mehr allgemein eingekauft, sondern jeder einzelne muß auf seine eigene Rechnung alles, was er braucht, bestellen. Ich habe mich im Zelt eines Genossen cinquartiert, bis ich Geld haben werde, und anstelle eines Bettes nahm ich zwei Bretter und zwei Klötze, welche vorläufig als Bett dienen können. Ich habe einiges Geld aufgetricben, das ich dein S. schicke, der es mir für die Reise geliehen hat. Die Arbeit hier trug bisher einen provisorischen Charakter. Erst jetzt beginnt man eine geregelte Arbeit zu organisieren. Man beginnt zu pflügen, Steine zu behauen für die Oemeinschaftsgebäude, mit deren Bau man bald bcginnen wird, und demnächst wird inan auch an den Bau der Straßen schreiten, welche die Siedlung mit der Chaussee Haifa-Nazareth verbinden soll... Alle wohnen zu zweit in Zelten. Als Eßzimmer dient auch ein großes viereckiges Zelt, dann ist ein pyramidenförmiges da für die Küche, Waschraum und Vorratsräumc, und jetzt baut 111t׳!n noch einen Raum als Stall. Gegenwärtig sind etwa 50 Mann hier, die Familien befinden sich in Nazaretli. Das Essen ist nicht schlecht, aber es wird wohl sehr teuer kommen. Der Gesundheitszustand ist gegenwärtig gut, aber wie es wcitcrgchcn wird, weiß niemand. Die Bedingungen, unter denen wir die Siedlung beginnen, bieten keine guten Aussichten in dieser Hinsicht— Man sollte sich den Zustand, unter welchem die jungen Leute den Grundstein der jüdischen Siedlung legen, stets vor Augen halten, wenn mau in Europa über die Erfordcrnissc des Keren Hajessod diskutiert. Die Arbeit wird ohne Zelte, ohne Betten, in der Regenzeit begonnen, man treibt Raubbau mit unserem wertvollsten Volksgut, der Gesundheit und Kraft unserer Menschen. Und der Grund dafür ist nur die Säumigkeit der vielen in der Bequemlichkeit ihrer warmen Stuben lebenden Juden, die ihrer Keren Hajessod-Vcrpflichtung nicht nachkotmnen. Gerade der deutsche Keren Hajessod, der nach Palästina nicht Geld, sondern Waren schaffen soll, hätte hier eine besondere Aufgabe zu erfüllen, indem er für die rechtzeitige Equipierung solcher Siedlungen mit den notwendigen Bedarfsgegenständen Vorsorge trifft. Eine interessante ״persönliche Bemerkung“, die aber über das Persönliche hinaus eine typische Bedeutung hat, macht Josef Ahronovvicz in einer der letzten Nummern des ״Hapoel-Hazair“. Er wendet sich gegen eine Bemerkung Dr. Klausners, der als Beweis für den ״Materialismus“ weiter Kreise des Jischuw anführt, Ahronowicz habe in einer Schriftstcllerversainmluiig gelcgentlieh der Debatte über die Herausgabe neuer Bücher folgende Acußerung getan: ״Solange in Chuida (Arbeitersiedlung auf N.-F.-Bodcn — A. d. R. d. ״J. R.“) kein Brunnen ist, darf man sich nicht mit literarischen Dingen befassen." Ahronowicz erklärt den Tatbestand folgendermaßen: In jener Schriftstellervcrsammlung hat man darüber debattiert, ob man Delegierte zum Zionistenkongreß schicken soll, um dort eine Subvention zu verlangen. Er habe aus folgenden Gründen dagegen gesprochen: erstens sei der Schriftstellerverband soeben erst gegründet worden, habe noch nichts Tatsächliches mit eigenen Kräften geleistet und könne daher nicht gleich Unterstützung verlangen. Er möge erst seine Arbeit beginnen, und erst wenn diese seine Kräfte übersteigt, dann soll er sich um Hilfe Umsehen. Zweitens: Die finanzielle Lage der Zionistischen Organisation ist uns wohl bekannt, und wenn vor ihr z. B. die Frage stünde, 5000 Pfund für einen Brunnen in Chuida auszugeben, um die dortigen Siedler vor dem Fieber zu retten, das sie physisch und seelisch zugrunde richtet, oder aber diese selben 5000 Pfund — denn andere stehen nicht zur Verfügung — dem Schriftstellcrverband für etwas zu geben, was noch nicht da ist, dann müßte auch unser Delegierter seine Hand für den Brunnen in Chuida erheben. So war die Geschichte in Wirklichkeit. Ahronowicz weist darauf hin, daß diejenigen Kreise, die für den Brunnen in Chuida kämpfen, auch nicht! die letzten sind, wenn es gilt, für geistige und litt rarische Dinge Sorge zu tragen. Und diesen Kreisen ״Materialismus“ vorwerfen, indem man ihre Stellungnahme verdreht wiedergibt, ist eine' Ungerechtigkeit. . Notizen wie diese sind für jeden Zionisten lehrreich genug. Wir würdigen selbstverständlich die Notwendigkeit literarischer Produktion in Palästina in vollem Maße. Aber; die neue Kultur, die wahre Kultur, die die geistigen Kräfte entbindet und von ihnen entbunden׳ ihre wird, wird nicht aus der Literatur kommen, son•; Fora dern aus dem wirklichen Leben der neuen Sied• hatlP lung, wo in der Arbeit und in der täglichen Sorgt um den Aufbau der Gesellschaft Leidenschaften und Triebe und großes ideales Streber! Form ge• winnen — solche Zukehr zum wirklichen Lek'!. qccjj ist nicht ״Materialismus“, ebenso wenig wie Lite•־ ratur allein schon Geistigkeit ist. J Jahr politische JNtadmcbtefl יי und j:, Abei i dur. { Kalk l hrati Wcizraann in Cent 1«1«• ׳. Kirnt Genf, den 17. Januar. Dr. Wcizmann: •*hn ist soeben von Paris in Genf eingetroffen. Wit| verlautet, beabsichtigt er, anläßlich der Sitzung[.! und des Völkerbundrates gewisse Vorstellungen im Zu j samtnenhang mit der Frage des Palästinamandats zu erheben. Während seiner Anwesenheit in Paris 0cbl sprach Dr. ־Wcizmann mit einer Reihe wichtige! wf״ Persönlichkeiten über diese Frage. Wichtige Konferenzen in Kairo Samuel and Storr• bei Allenby ■ : taud L: Rohf \ hem die Kairo, 16. Januar. (J.C. B.) Der Gouver• neur von Jerusalem, General Storrs, weilt hier seit einigen Tagen als Gast des ägyptischen Oberkommissärs Marshall Allenby. Auch der High Commissioner Herbert Samuel hielt sich hie! mehrere Tage auf und kehrte erst gestern nach “ Jerusalem zurück. Wie verlautet, standen diese Besuche im Zusammenhang mit der Auf• ' lassung der militärischen Kontrolle \ in Palästina seitens der britischen Garnison I Aegyptens, sowie mit der vor einiger Zeit vor-, geschlagenen Versetzung des Generals * Storrs nach dem Sudan. : ׳1׳ f Die Definition der Balfour-Deklaratlon [ c Lon do n, 12. Jan. (J.C. B.) ״Moming Post"• repliziert in einem Artikel auf die Erklärung de! zionistischen Exekutive, bezüglich der in Vorberei• tung befindlichen und für die Zionisten angeblic. ׳ ungünstigen Definition der Balfour-Deklaration.ן I Das Blatt stellt wiederholt fest, daß seine infor! ' mationenaufWahrheitbcruhen. und daß! die zionistischen Beamten davon wahrscheinlich j * gleichfalls Kenntnis haben, nur versuchen jetzt dir Zionisten mit allen Mitteln irgendeine Definition[ endgültig zu verhindern. (Man weiß schon, was[: von solchen Tendenznachrichten zu hatten ist. - j I. d. R.) i ׳ ־ Emir Abdullab in London London, 12. Januar. (j.C.B.) Wie J.C.B. e!| fährt, wind hier die Ankunft des Emir Abdullah dies«! Tage erwartet. Der Zweck seines Besuches in England! ist die Einleitung von Verhandlungen mit der britisch« j / Regierung hinsichtlich der Zukunft Transjor-J ן d a ת i c n s, da ein diesbezügliches Uebcrcinkommen i! i j dieser Frage gegenwärtig im Kolonialamte ausgearbeite! j ׳ wird. | 1 ' Die Wahlkampagne in England and ( die Palästinafrage \ London, 12. Januar. (J.C.B.) Im Zusammen!! hange mit den bevorstehenden Parlamentswahlen mach!, die arabische Delegation aus Palästina mH Unterstützung ihrer englischen Freunde große Vorher«: tungen zum Eingreifen in die Wahlkampagne, um difi britischen Wähler mit den arabischen Forde•[ rungen vertraut zu machen und die Kandidat«'; zur Unterstützung dieser Forderungen zu verpflichte!) : Zu diesem Zwecke wird ein spezielles Wahl• büro in London geschaffen, dessen Kosten vor [ Sammlungen, die durch dm muselmanisdirdiristliclicr■ Kongreß in Palästina und durch die ehemaligen Beamte*; der militärischen, zivilen Administration Palästinas ver• : anstaltct werden, gedeckt werden sollen. f t \ I ו j 2 1 ] I c i l I $ J 1 I I 1 I < < I < i 1 1 Ausweisung eines arabischen Notabein. Die! ( giening hat den früheren Staatsanwalt von Pa- ) j lästina, Kostaki Saba, ausgewiesen. Der Grund de! J ”, Ausweisung ist die Beteiligung Kostakis an dem rc1 1 ־ gicrungsfeindlichcn Jalfacr Blatte ״Palestine“. Kostab | ist ein geborener Syrier. Die mohammedanisch-christliclif j! Vereinigung hat gegen die Ausweisung Protest einj gelegt und verlangt, daß Kostaki das Recht auf Erwerb der palästinensischen Staatsbürgerschaft gegeben werde•