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Jüdische Rundschau · 1922-01-03 · Heft 1 (3.1.1922) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVII (1922)
Issue
Heft 1 (3.1.1922)
Date
1922-01-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Es ist daher notwendig, die (iründe darzulegcn, die zur Schaffung dieses neuen Komitees führten, wie cs notwendig ist, die Aufgaben des neuen Rates klarzustellen. Dip zionistische Bewegung hat eine teilweise Verwirklichung ihrer politischen Bestrebungen durch die politische Anerkennung des Rechtes des jüdischcn Volkes auf Palästina mit der BaU'our-Deklaration und mit dem Beschluß von San Reino erreicht; wir sind auch von allen Völkern und nationalen Gruppen anerkannt worden. Es ist klar, daß uns die Rechte einer N at ion, die uns von allen Staaten zugebilligt wurden, nicht mehr genommen werden können. Durch die Verwirklichung dieses ,Teiles unseres politischen Zieles entstand für uns ein ganz neues Problem, nämlich wie dieses abstrakte Recht in ein konkretes zu verwandeln und wie die Arbeit für den schnellen Aufbau Palästinas zu gestalten sei. Bei Völkern, die wohl ihre nationale Selbständigkeit, nicht aber ihren Boden verloren haben, bringt ein politischer Erfolg, wie die Verwirklichung nationaler Ideale, keine so komplizierten Probleme hervor wie in unserem Falle. Diese Auffassung wurde uns in den letzten Jahren wiederholt bestätigt. Kaum wird bei solchen Völkern das nationale Ideal verwirklicht, so verschwinden seine Träger; hier und da werden sie höchstens als dekorative Figuren herangezogen. Tatsächlich aber wird ihre Stelle von den Männern der Praxis eingenommen, die den Staatsapparat leiten!. Unsere Lage ist wesentlich anders. Da wir keinen eigenen Boden besitzen und überall hin verstreut sind, kann man bei uns die Ideologen nicht so leicht von den Praktikern trennen» Aus diesem Grunde hat auch H e r z I so großes Gewicht auf den Geist und die Kraft der Massen gelegt. Und gerade diese Kraft müssen wir heute mehr haben denn je. Wir müssen die Organisierung des Volkswillens fortsetzen; denn nur durch den organisierten Volks willen wird es möglich sein, die matvriellcn Grundlagen für den Aufbau Palästinas zu schaffen. Es ist jedoch klar, daß der Zionismus nicht im beschränkten Rahmen politischer und or* ganisatorischcr Betätigung verbleiben kann. Durch den politischen Erfolg hat auch' das ganze Antlitz der Zionistischen Organisation eine Wandlung erfahren. Der ins Riesenhafte angewachsene Apparat der Organisation hat eine Wirtschäftsinstitution notwendig gauacht, die sich ausschließlich mit finanziehen und wirtschaftlichen Angelegenheiten befaßt. Die natürliche Voraussetzung war die Hinzuziehung von Faclunännern, denen die Arbeit der neuen Institution anvertraut werden konnte. Schon auf der Londoner Konferenz wurde diese schwierige und dringende Frage behandelt, und Oberrichter Brandeis machte den Versuch, eine Art Wirtschaftsrat zu schaffen, der sich' ausschließlich mit, dem wirtschaftlichen Aufbau Palästinas befr ,rer« sollte. Er ging dabei von der Annahme aus, daß die Beschlüsse von San Remo den Gesamtkomplex der zionistischen Probleme wesentlich beeinflußt hätten. Brandeis wollte neue Männer heranzieh'en — ein Wunsch, den wir alle teilten —; aber er verlangte, daß die neuen Leute auch die faktischen Führer der zionistischen Bewegung würden. Es ist wohl walir, daß wir vor neuen Problemen stellen, daß wir eine neue Epoche praktischer Tätigkeit beginnen; ohne die Begeisterung des Volkes, der Massen, werden wir jedoch die konkrete Aufbauarbeit nicht durchführen können. Wix können nicht, wie es die Brandeisgruppe verlangt, den seelischen Teil des Zionismus ausschalten. Da wie vorläufig keine ״funkelnagelneuen“ Personen haben, die den praktischen Teil unserer nationalen Aufgaben durchführen könnten, muß die Arbeit auf die vorhandenen Menschen verteilt werden. Die Erfahrung hat gelehrt, daß es für diejenigen, die. an der Spitze des zionistischen Ge- «Jntapparates! stehen, unmöglich ist, den Wirtschaftliehen und finanziellen Fragen genau wie den po- Wisclien und organisatorischen Aufgaben ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken. Der Kongreß sah JUEDISCHE RUNDSCHAU dies ein und sanktionierte die, Gründung des Wirtschaftsrates, der aus leitenden Zionisten bestehen soll, die im engen Zusammenh ang m it der Exekutive sich ausschließlich mit der Regelung der komplizierten Fragen der Fonds• und finanziellen Institutionen zu befassen haben. & kann — darüber wurde man sich klar — nicht zulässig sein, daß die stets mit allerlei Fragen belastete ,Exekutive aus ihrer Mitte einen Ausschuß ftir diese speziellen Angelegenheiten findet. Eine solche Kommission würde nicht zu dem gewünschten Ziele führen, weil ihre Mitglieder als Mitglieder der Exekutive gezwungen wären, sich mit Fragen zu befassen, die dem wirtschaftlichen und finanziellen Gebiet völlig fcrnlicgen. In seiner gegenwärtigen Form aber hat der Wirtschaftsrat keinerlei Beziehungen zum politischen oder vcrwaltungstcchnischcn Teil der Gesamtorganisation, und er wird sich daher ungehindert auf die Reorganisierung und Systematisierung der finanziellen Departements konzentrieren. Es ist noch zu früh, über die positiven Pläne des neuen Rates zu sprechen, und ich kann deshalb vorläufig nur auf einige Teile des großen Programtns hinweisen, das im Laufe der Zeit entwickelt werden wird. Der Wirtschaftsrat wird vor allem1 die Gelder des Keren Hajessod verwalten. Der Keren Hajessod, der ,im letzten Jahre die Zionistische Organisation gewissermaßen gerettet hat und auf diese Weise der Haupt nerv der zionistisehen Finanzen geworden ist, wird jetzt an umfangreiche Arbeiten!großzügigen Charakters in Palästina' hcrantreten. Es genügt, auf Unternehmungen wie die Gründung ■einer Hypothekenbank mit einem Kapital von 200000 £, die Durchführung der. B cwä sser u ng des Landes und die Ko- Ionisation hinzuweisten. Das sind nur drei von den vielen geplanten Unternehmungen des Keren Hajessod. Die erste Aufgabe des Wirtschaftsrates wird nun in der Organisierung und Kontrolle dieser großen Unternehmungen bestehen. Aber außer der Arbeit für den Keren Hajessod wird der ,Wirtschaftsrat auch neue finanzielle Unternehimmgen für die Durchführung vu! allerhand Wirtschaftsarbeiten in Palästina' zu bilden haben. Dazu gehört vor allem1 die Kapitalsvcrmehrung des Jcwish Colonial Trust Nach Herzls Auffassung sollte die Bank das größte Finanzinstrument der Zionistischen Organisation sein, und in Wirklichkcit hätte sie es auch sein können. Leider ist sie bei einem Kapital von 400000 £ stehen geblieben, während Herzl 2 Millionen £ verlangt hat. Eine der wichtigsten Aufgaben des Wirtschaftsrates wird es daher sein, die Tätigkeit der Bank zu erweitern und ihren Einfluß zu erhöhen, vor allem durch ,Eröffnung von Filialen in den wichtigsten jüdischen Zentren, darunter aüch) in Amerika, wo eine Filiale der Bank besondere Wichtigkeit haben wird, weil sie als finanzielle Vermittlerin zwischen den Juden Amerikas und ihren europäischen Angehörigen fungieren kann. (Die Zionistische ,Exekutive in den Vereinigten Staaten hat Mitte November mitgeteilt, daßi die Eröffnung einer Filiale des Jcwish Colonial Trust in der New Yorker City unmittelbar bevorsteht. — Anmerk. d. Red.d. ״J. R.“) Damit nun die Kolonialbank wirklich der finanzielle Hauptfaktor aller unserer praktischen Unternehmungen in Palästina und die Mantclbank werde, welche die geplanten Finanz- Institutionen in sich einschließt, wird es nötig sein, das ursprünglich bestimmte Kapital von 2 Millionen £ aufzubringen. Wie bereits erwähnt, wird der Keren Hajessod eine Hypothekenbank mit einem Kapital von 200000 £ begründen; mit dieser Summe wird das Aufbauproblcm in Palästina aber noch nicht gelöst. Das Hauptinstrument der Hypothekenbank beruht nicht auf dem Aktienkapital, sondern auf den Pfandbriefen, die auf dem Weltmarkt plaziert werden.müssen. Diese Plazierung wird nun eine wichtige Aufgabe des Wirtsthäftsrates sein. Infolge der überall herrschende■׳* Wirtschafts• krise wird es im Augenblick vielleicht schwer fallen, die Pfandbriefe auf den allgemeinen Geldmärkten zu verbreiten, aber im Laufe der Zeit ist diese Möglichkeit nickt ausgeschlossen. Inzwischen werden diese Pfandobligationen unter ׳uns selbst zirkulieren müssen, besonders in den jüdischen Gemeinden. Alle Fonds, die in den verschiedenen Gemeinden auf Grund alter Bestimmungen fcstiiegen, können in diesen Pfandobligationen angelegt werden, die mit 6«/0 verzinst und im Laufe von 12 Jahren eingelöst werden. Da wir auf dem׳ Standpunkt stehen, daß das nationale Kapital in Palästina die Bankinatitutionen, dk Wasser- und Elcktrizitätskräfte in 4er Hand haben und so die Macht haben muß, .den Aufbau' zu kontrollieren, daß aber auch für das Privatkapital die Möglichkeit geschaffen werden muß1, Seite 3 Arbeiten in Palästina in großem Maßstab zu beginnen, sind wir uns auch klar darüber, daß die Zionistische Organisation allen Privatkapitalien, die schon heute in Palästina arbeiten können, die erforderliche Aufmerksamkeit schenken muß. Sie müssen den nötigen Kredit finden. Um nun der Privatinitiative, die sicli schon jetzt in Palästina! betätigen kann, entsprechende Möglichkeiten zu schaffen, wird der Wirtsduftsrat sich bemühen, in der Finan zweit die notwendige Stütze für solche Unternehmungen zu finden. Der Wirtschaftsrat wird auch versuchen, bekannte wirtschaftliche Experten heranzuziehen, die zwar dem Aufbau von Ercz Israel nicht allzu nahe stehen und auch bisher dem׳ jüdischen Leben ferngeblieben sind, aber doch bereit wären, an den Beratungen des Wirtschaftsrates tcilzunelunen. Ferncr wird der Rat die bereits bestellenden Finanzinstitutionen stärken und ausbauen, die großen Budgets, die der Kongreß beschlossen, hat, verwalten und endlich neue Institutionen gründen müssen, um der Palästina-Organisation neue Instrumente zu schaffen. Dies ist in großen Umrissen eine Darstellung der Hauptaufgaben des Wirtschaftsrates; rein ganzes Aufgabengebiet ist so groß und weitverzweigt, daß es unmöglich ist, schön jetzt alle Details zu besprechen. Ein unbekannter Brief Theodor Herzls ln ״Hazefirah“ wird ein Schreiben Dr. Herzl» aus dein Jahre 1899 veröffentlicht, das an den Oe rer Rabbi gerichtet war. Der Brief, der unbeantwortet blieb, hat folgenden Wortlaut: ״Ich setze voraus, daß der Rabbi von meinem Namen Kenntnis hat, bezweifle aber, ob er mein inneres Wesen kennt, darum sei mir gestattet, zu betonen, .,laß ich von Liebe zu meinem Volke durchdrungen bin und daß dessen Wehen und Schmerzen meine Seele mehr bcdrücken als meine eigenen Leiden. Und da es doch einmal Tatsache ist, daß jeder unserer Volksgenossen, unbeschadet seines tiefen Glaubens an die göttliche Vorsehung, es nicht unterläßt, selbst zur Besserung seiner Lage beizutragen und im Notfall sich zu diesem Zwecke sogar mit solchen Helfern zu verbinden, die in Leben und Gesinnung andere Wege gehen, so bleibt cs mir unverständlich, warum es uns Frcigcsinntcn verwehrt bleiben sollte, zur Besserung und Hebung der Volkslage beizutragen, umsomehr, als die Lage des einzelnen von der Besserung der Gcsamtlagc abhängt, und in Anbetracht des Umstandes, daß der Kampf der Völker gegen uns nicht privater Natur ist, sondern ein Kampf gegen uns alle in unserer Eigenschaft als Juden. Diese meine Auffassung, die meines Erachtens nicht im Gegensatz m den Ideen der Thora stehen kann, veranlaßte mich, die jüdische Welt in Bewegung zu setzen, Kongresse einzubenifen in Basel und den Zionis* mus zu gründen, dessen Ziele bekannt sind und die darauf hinausgehen, mit Hilfe der Regierungen für unser Volk etwas zu erreichen. Wohl stehen in unseren Reihen verschiedene Arten von Juden, für die wir nicht immer die Verantwortung übernehmen können, es gibt deren welche, die den Chassidim nicht genehm sind, aber auch Rabbiner, die in Amt und Stelle wirken, Orthodoxe und Chassidim. Unser Ziel ist einheitlich! Wir wollen wie ein Mann zum Bosten unseres Volkes arbeiten, und Gott möge uns dazu helfen 1 Allein zu unserem großen Bedauern ist die Zahl unserer Gegner sehr groß Und auch unter ihnen unterscheiden sich verschiedene Arten, solche, die ihrem Volke vollkommen fremd gegenüberstehen und am liebsten den Namen Israel ausgerottet sehen möchten, aber auch solche, die treu zur Thora halten, die aber glauben oder glauben machen, daß die Sorge um das Volk eine schwere Sünde und Auflehnung gegen Gott bedeute. Und zu unserem Schmerze machen es die Ocgncr den Feinden von außen darin nach, daß sie uns herabwürdigen in den Augen des Volkes, dessen Wohl wir aus ganzem Herzen zu fördern suchen. Mit diesen wollen wir nicht rechten, da wir nicht wissen, ob sic in Wahrheit das Wohl des Volkes vor Augen haben. Zuletzt aber wurde das Qcrücht verbreitet, daß auch Euer Ehrwürden, auf dessen Ausspruch Tau-' sende bauen, uns angeblich als Abgekehrte, als einen Bund von Abtrünnigen bezeichnet hätten. Im Namen der Zehntausende von Israel, deren Lage unter dem Haß der Umwelt immer haltloser wird, iin Namen der Massen, die verhungern und daher ihre Hand nach allerhand Geschäften ausstrcckcn, um ihren Hunger׳ zu stillen, im Namen der Zehntausende der Auswanderer, die aus Rußland, Rumänien, Galizien nach Amerika, Afrika und Australien geflüchtet sind, um dort unter den Völkern, unterzugehen, im Namen der Thoragesetze, denen bet der schwierigen Lage der Boden entzogen wird und im Interi esse des Gottesnamens, der unter diesen Umständen entweiht wird, flehe ich Euer Ehrwürden an, uns unsere Verbrechen, die wir mit dem Zionismus begangen haben, sollten, otfen und klar vorzuhalten. Vielleicht finden wir die Anschuldigungen berechtigt und geben unsere bisherige Arbeit auf, oder es gelingt uns, uns zu recht-« fertigen, daß uns Gerechtigkeit widerfährt und Israel, der Friede wird. Ich bin der Hoffnung, daß diese kurzen Worte Ihre }Jeachtung finden und mich Euer Ehrwürden mit einer klaren Antwort beehren, zu welchem Zweck Ich hier einen adressierten Umschlag beilege. Damit verbleibe Ich in höchster Verehrung und HochschStzung . .

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