Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 104 (30.12.1921)
- Date
- 1921-12-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2652316-2652409--14585-2672424- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
7 יג Seite 740 erster Linie wendet sieb sein ״Mahnruf“ in nach innen, an die jüdische Gesamtheit. Was uns nottut, ist nicht die bürgerliche und soziale Email׳- zipation im Rahmen der fremden Staatsorganisution, wie es die allerlei Kämpfer gegen Antiseinitisniiis und für Gleichberechtigung irrig meinen, sondern die Sei b st cm an zdp a t i <> 11, die Befreiung aus dem Galutii, di« Gleichberechtigung als Nation, in einem eigenen Lande zu leben, für sieh und mit eigenen Kräften einen Staat zu organisieren. Die bittere Lage des Judenvolkes ist nicht dadurch entstanden, daß es boshafte Antisemiten gibt, daß die Völker noch unsere Leistungen nicht erkannt haben, daß es ihnen oder auch uns selbst an Aufklärung und richtigeiu Progreß fehlt, sondern einzig und allein dadurch, daß wir im Galuth sind, daß wir ein aufgedrängt er, fremder nationaler. Körper zwischen den Völkern sind und es nicht anders sein können. A11 unserer Lage tragen wir also in erster Reihe selbst die Schuld. Und nicht etwa darum, weil wir vielleicht schlechtere Bürger sind als die anderen, sondern eben darum, weil wir als Fremde empfunden werden und nicht anders empfunden werden können. Das Verweilen aber in dieser Lage von Fremden ist nicht bloß unser Unglück, sondern auch unser größtes und unver* zcililiclistcs Verb reche n. Ein Verbrechen in erster Reihe an uns selbst Denn wir könnten und müßten schon längst die Flucht aus dem Galuth ergriffen und uns unseren eigenen Staat erbaut haben. Gibt es denn keinen Flecken auf Gottes Erde, wo das jüdische Volk sich sammeln könnte, anstatt sich immer mehr zu zerstreuen, einen eigenen Staatsorganismus aufzubauen, einen eigenen Wirtschaftskörper aufzustellen und somit in die ücmeinscliaft der zivilisierten Völker als gleiches, am Glück und Fortschritt der Menschheit niitarbeitendes Mitglied cinzutreten, anstatt sich »immer nur in die fremden Staatsorganismen und Wirtschaftskörper hiticinzudriicken, wo sogar unsere positiven Leistungen undankbar und feindselig aufgenommen werden? Gottes Erde ist noch groß genug, und ein solcher Flecken muß auf ihr noch gefunden werden. Dort sollen wir uns sammeln, und die Völker müssen uns in dieser Emanzipation unterstützen, uns zu dieser unserer Befreiung verhelfen. Im ״Mahnruf“ wurde noch nicht von Palästina, sondern von ״irgend einem Flecken Erde“ gesprachen. Die sobald nach dem Erscheinen der ״Autoemaiizipation“ begonnene organisatorische Arheit Pinskers läßt leicht erkennen, daß es bloß eine rhetorische Wendung war, um den Gedanken an und für sich anschaulicher zu machen, um ihn auf dem Niveau des reinen politischen und sozialen Gebietes, ohne Beimischung von sentimentalen imd romantischen Momenten zu erhalten. Für Pinsker war cs von vornherein klar, daß dieser ״Flecken Erde“ nur Palästina sein kann. Viel zu sehr war er mit den Massen des Volkes verwachsen, stark genug lebte in ihm die Tradition, und scharf genug war sein Auge, um die Tiefen der Volksseele zu durchdringen, daß er keinen Augenblick an ein anderes Land außer Palästina denken konnte. Und in der Tat stellte sich Pinsker alsbald an die Spitze der Chowewe-Zion-Bewegung, deren Schöpfer, Begeisterer und anerkannter Führer er bis zu seinem; letzten Tage blieb. Ueber die Chowewe-Zion ist ,man in manchen Kreisen der Zionisten neuerer Formationen gewöhnt, etwas ironisch und wegwerfend zu sprechen. Hochstens ist man geneigt, manche ihrer praktischen Leistungen im Bereiche der Kolonisation Palästinas wohlwollend anzuerkennen. An diesem Fehlurteil haben schon die ersten politischen Zionisten der Hcrzlschcn Schule gelitten. Bald darauf, und nachdem sic mit den ehemaligen Chowewe-Zion, nachher zionistische Führer der Ostjuden, in «ältere Be riihrung gekommen waren, mußten sie diese falsche Meinung aufgeben, und es verblieben bei ihr nur noch einzelne hartnäckige Leute, die cs nicht vormögen, ein einmal gefaßtes Vorurteil abzuschütteln Noch schlimmer ist es mit einem Teil der zionistisehen Jugend, die überhaupt nur bloße Kenntnisse der Vorgeschichte des Zionismus, mehr vom Hören, als vom ernsten Studieren, besitzt. Für diese muß es besonders nachdrücklich betont werden, daß schon der Chowcwc-Zioni&in us, insofern er von rmsker betfci&tcrt und geführt wurde, die grundlebendsten Oedanken des 1modernen politischen Zio iiismus entfaltet und klar formuliert hat. Pinsker ,,Autoemanzipation“ als die Gmndschrift des Uiowewc-Ztomsmus kann auch, als die Grundschrift des modern*״ ange(䣙£ den Ich mochte sagen: sie ist die Bibel des politischen Zionismus; alles weitere ־ist — ihre Kommentare, zum Teil vertiefende und au&dchnemto JUED1SCHE RUNDSCHAU Alle Maßnahmen zur Verwirklichung des zionistischen Gedankens und seiner Begründung auf einer breiieren, wellpolilischen Basis, sind bereits in dev Piiiskerschen Schrift angeführt; 13er Zusammenschluß der Judcnhcit der ganzen Welt zu einer nationalen Organisation, die Begründung von führenden und aiisführeudcn Organen in Form von Kongressen, Exekutiven und Finanzinstitulcu. Die Gründung von Chowewe-Zion-Vereinen and ihr Zusumuieuschluß in eine Gesellschaft, die Kattowit/er Konferenz, die Einsetzung eines Actions-Comites in Jaffa —״ waren tastende Versuche, dieses Programm zu verwirklichen. Sie wurden bloß zu kleinen Etappen in unserer Bewegung und erhielten ihre volle Ausgestaltung erst nach dem Auftreten von Her/.I auf unserer Volksarena. Dies soll aber nicht als Mangel in der politischen Auffassung der Cliowewc-Ziou angesehen werden, sondern als natüriiclies Ergebnis eines Anfangsstadiums, als Resultat Nr. 104 Kommentare der Zustände, in denen sich eine erst geborene Bewegung befinden muß, bis sie Haut auf die Beine bekommt. Pinsker war übrigens auch kein Organisator. Er vermochte bloß die Idee zu geben, mit Wort und Schrift zu begeistern, war aber nicht der Mann der Tat. 111 dieser Hinsicht war Her/1 entschieden höher gewachsen. Es ist auch nicht zu übersehen, daß Pinsker in Rußland lebte, im Rußland des Zaren Alexander des Dritten. 111 einem Lande, wo jede Regung von politischer Organisation und Tätigkeit als Staatsverbrechen galt und den ärgste« Verfolgungen ausgesetzt war. Die russische Judcnhcit, auf die allein die elimvewe-zionistische .Bewegung sich stützte, hatte zu jener Zeit noch gar keine politische Schulung und konnte in ihren Massen die Pinskersehen weit- und breitsichtigen politischen Pläne und Ideen kaum erfassen. Dari« liegt auch die Tragik der Pinskcrschcn Erscheinung. Er war ein Riese unter einem Geschlecht von Zwergen. Und wirklich rührend und tief ergreifend waren mir die Erzählungen, wie Pinsker in den Sitzungen des Palästinakomitees in Odessa traurig und wie träumend durchs Zimmer zu gehen pflegte, anscheinend gar nicht den hitzigen Debatten zuhörend, und erst nach einer geraumen Zeit pflegte er zu seinem Sitze zurückzukehren und eine Reihe praktischer Anträge zu stellen, die mit dem Gegenstand der Debatten oftmals gar nichts zu tun hatten, die aber natürlich alle fast ohne Widerspruch au-;enoiumen wurden. Was wußten denn diese guten Komitee-Mitglieder von seinen traurigen Träumen? Was konnte er iimen erzählen, diesen flammenden Idealisten, aber doch politisch naiven Kindern, von seinen weltumfassenden Ideen? Und so lebte und wirkte der Grundlegcr des politischen Zionismus, der Schöpfer seiner grundlegenden Gedanken in einem »Milieu, das ihn nicht verstellen konnte, das auch nicht die Kraft besaß, seine großen Ziele in große Taten umzusetzen. Aber er lehrte sie zu denken und er bereitete sie vor zu den Taten, die später kommen würden, weil sie kommen mußten. Und der Geist Pinskers ergriff allmählich die weitesten• Kreise der Judenschaft der ganzen Welt und er gebar schon im nächsten Geschlecht den Mann, der seine Ideen in eine riesige Tat zu verwandeln berufen war, der es vermochte, die Judcnhcit nicht mir Rußlands, sondern der ganzen Welt, mit •einem Male aufzurütteln und sie fast gewaltsam seinem führenden Geiste zu unterwerfen — Theodor Herzl! Und wie wundervoll sind die Wege einer bdebenden Idee; Herzl hat doch ga» nicht Pinsker gekannt, auch seine Schrift später erst gelesen•. Und doch könnte man beinahe sagen, er hat im ״Judcnstaat“ •einfach die ״Autoemanzipation“ umgeschrieben; beinahe derselbe Ideengang, dieselben Pläne der Verwirklichung! Aber Herzl hat nicht bloß den ,Judenstaat“ geschrieben. Er hat seine ganze Manneskraft und geniale organisatorische Fähigkeit in den Dienst der Bewegung gestellt. Und er hat den. Zionismus zur weltpolitischen Stellung gebracht. Herzl hat den Zionismus auf die Bahnen einer weltpolitischen nationalen Bewegung gebracht, — der Schöpfer und Grundleger seiner Ideen ist und bleibt Leo Pinsker. Und an diesem erinncrungswerten Tage mögen alle ״Stammesgcnosscn“ ins kleine Pinskcrsche Büchlein wieder einmal Einsicht nelimen, den Weg überblicken, den. wir seit Erscheinen der ״Autoemanzipation“ durch gern acht haben, und sich noch einmal fragen, ob sie dem wahrhaft patriotischen ״Mahnruf“ voll und ganz gefolgt sind. ES* '־v.;•• ...-.■..■.m - ’ , Maasscrordnung des Keren Hajessod Die vom Zentralkomitee in der Sitzung 26. Dezember beschlossene Maasserordnung wird Genehmigung des Direktoriums des Keren Hajessod alsbald in der ״Jüdischen Rundschau“ publiziert werden Weizmann in Berlin Die Universitätsaktion — Interner Emplangsabend — Beamtenversammlung Professor Weizmann benutzte seinen Berlincr Aufenthalt, um mit einer Reihe prominenter jüdischer Gelehrter und Hochschullehrer IXiutschlatids wegen der Vorarbeiten für die Uni vorsität Jerusalem Fühlung zu nehmen. Zu diesem Zwecke hatte Professor Einstein einen kleinen Kreis von Professoren zu einer Besprechung cingeladcn, die am 23. IXvcmber in seiner Wobnung stattfaiid. Anwesend waren außer Weizmann und Einstein die Herren Geheimrat H i rs eh be rg, Geheimrat Prof. Morgenrot!! (Inst. f. Int.- Krankheiten), Prof. Carl N euburg (K!Willi. Inst.), der Mathematiker Prof. Schur, der Phannakoluge Prot. Louis Lew in (Techn. Flochseh.), Prof. Rieh. Goldschmied, Prof. Katzenstein, Prof. Mamlock, Prof. R o s c n t h a 1, Prot. Fodor (Halle), ferner die Herren Prof. Heinrich Loevve, Dr. Sandler und Dr. 1. Strauß. Geheimrat von Wassermann, der verhindert war. hatte sein Fernbleiben entschuldigt. Nachdem Einstein den Herren Weizmann vorgestellt hatte, erstattete Weizmann einen Bericht über die bestehenden Pläne. Das erste Institut soll ein Komplex sein für angewandte Naturwissenschaften physikaliscli-chemisch-biologischer Natur, das einerseits ein Forschungsinstitut hohen Ranges• sein soll, andererseits zugleich der Lösung der praktischen Fragen dienen soll, die sich beim Aufbau des Landes auf diesen Gebieten ergeben werden. Weizmann inrichtete auch über die Aktion der amerikanischen, vom nach jüdischen Aerztevereinigung zur Errichtung de! medizinischen Fakultät und über die für das von ihm vorgeschlagene Institut bereits vorhandenen namhaften Mittel. Seine Ausführungen wurden mit großem Interesse auf genommen 1u1d gaben Anregung zu einer ausführlichen Diskussion, die sich vor allem uni den Punkt drehte, ob das Institut ein reines Forschungsinstitut sein solle, oder ob es in der von Weizmann vorgeschlagenen Art auch praktischen Zwecken dienen solle, oder aber ob ein richtiges Universitätsinstitut mit Lehrbetrieb vor- /״ziehen sei. Als Ergebnis der Aussprache, in deren Verlauf auch Prof. Loewc über die vorbereitenden Schritte zur Schaffung der Universitätsbibliothek berichtete, wurde ein aus den Herren Geheimrat Morgenrot 11, Prof. Neuberg und Dr. Sandler bestehendes Komitee eingesetzt, das die Aufgabe hat, das gesamte Material zu prüfen und einer nächsten Sitzung insbesondere über die bereits bestehenden Institute und die Projekte Berieht zu erstatten. m Am '22. Dezember fand eine interne Versammlung von etwa 150 der prominentesten jüdischen Persönlichkeiten Berlins statt, zu welcher Prof. Einstein, Prof. Kalischer, Prof. Mittw och, Generalkonsul Landau, Direktor Oskar Wassermann und Justizrat Dr. Magnus eingeladen hatten. Weizmann berichtete dort eingehend über die politische Lage und die Schwierigkeiten beim Aufbauwerk. Seine. Ausführungen machteil einen außerordentlich starken Eindruck. Der Abend wurde von allen Teilnehmern alsein Ereignis von außerordentlicher Bedeutung gewürdigt. % Am 2). d, Mts. besuchte Dr. W ei/man u die z i 011 i s t i sc 11 c* 11 Büros in Berlin. 111 einer Vcr- Sammlung sämtlicher Beamten aller zugehörigen Büros wurde Dr. Weizmann von dem Vorsitzenden der Z, V, f. D., Herrn Felix RosenbSüth, begrüßt, der ihm die Beamtenschaft vorstelltc. Roscnbliith bezeichnen• Weizmann nicht nur als den Führer der Bewegung, sondern auch als den Mann der besonderen Beamteneigen• schäften, unermüdlicher Tatkraft und Pflichterfüllung. Weizmann hielt eine Ansprache, in welcher er seiner Freude Ausdruck gab, in diesen iur den Zionismus historischen Räumen wieder mit den zionistisehen Arbeitern zusammenzutreffen. Er erinnerte an ein Wort, das ihm Lloyd George in San Remo sagte: ״Jetzt müssen Sie Ueberzeit arbeiten, denn Sie haben nicht viel Zeit. Die Welt ist jetzt zu vergleichen mit dem Baltischen See vor einem Frost. Sie wird bald erstarren, und solche Sachen wie Ihre Bewegung, müssen dann fertig sein, denn später können Sie sich nicht mehr durchsetzen. Die Welt ist müde der Sensationen, Sie müssen jetzt die Zeit benützen und Ueberstundcn arbeiten.“ Wir alle wissen, wieviel an der Organisation und an dem guten Funktionieren unseres Apparates liegt. Wenn auch in letzter Zeit in zionistischen Kreisen oft geklagt wird, daß wir einen zu ' großen Apparat haben, so glaube ich doch, daß die Leute irren, weil sie die Fülle unserer Arbeit nicht übersehen. Ich fürchte, daß wir an manchen Stellen sogar einen zu kleiner! Apparat haben. So geht es uns vor allein in Amerika und London. Hier kann ich die Situation nicht sx> beurteilen, aber nach dem, was ich hier sehe, scheint mir der Apparat nicht ״.u groß zu sein. Die zionistische Beamtenschaft hat große und schone Pflichten Sie alle ר