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Jüdische Rundschau · 1921-12-23 · Heft 102-103 (23.12.1921) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 102-103 (23.12.1921)
Date
1921-12-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 730 JU EDISCH E RUNDSCHAU Nr. 102/103 tikcrs wie Jabotinsky in die Exekutive als eine schwere Gefährdung der zionistischen Bewegung angesehen haben, sondern auch' nach der Auffassung von Kreisen, die bisher Jabotinsky sehr freundlich gegen üb erstanden, sinnlos und scliiidlieh gewesen, und die Art, in der die Oeffentlichkeit damit bekannt wurde, mußte peinliche lieberraschung hcrvorrutcii. Die Erldänmg, die Jabotinsky in dieser Sache veröffentlicht hat, ist geradezu eine Verhöhnung der zionistischen öffentliehen Meinung. Das Actioirs-Comite kann an dieser Frage nicht vorübergelien. Die erste Sitzung des A'ctions-Comites wird zeigen, ob diese Körperschaft in der neuen Form, die ihr der letzte Kongreß, gegeben hat, den ihr zugedachten Aufgaben gewadiscn ist. 'R. W. Balfour über die nationale Heimstätte In den Raumen der englischen Gesandtschaft ln Washington empfing Balfour Vertreter der Weltpresse, denen er die verschiedenen Fragen beantwortete. Auf die Frage des Vertreters des New Yorker ״Jikt, Tag- Matt", ob Palästina als ״Jewish homcland", laut der scinerzeitigen schriftlichen Versicherung an Lord Rothschild (Balfour-Deklarafioii) ein ״jüdisches Heim“ oder bloß ein ״Heim für Juden“ bedeute, da doch England, Kanada und jede englische Kolonie den Juden ein Heim mit politischer Gleichheit biete, ebenso wie Amerika, das sicher den Juden ein wunderbares Heim biete, aber weit entfernt sei von einem ״jüdischen Heim", erklärte Baifour: ״So ein Heim, wie ihr Juden im englischen lmperium oder hier in Amerika habt, haben auch alle anderen Nationalitäten, wie Deutsche, Russen, Italiener, Syrier usw. Wegen so einer Art kolonialer Ansiedlung wäre es nicht nötig gewesen zu sprechen, denn das ist doch ein Recht, das England für alle National!- täten in allen Kolonien des englischen Imperiums heilig halt. Aber 1 leim bedeutet sicher viel mehr als das. Ea ist im tiefsten Sinne des Wortes ein patrioti» schcs Heim für Juden so gut wie für Araher, und wenn die Mandntfrage gelöst wird, wird Großbritannicii einen Weg suchen, vollständige Harmonie zwischen Juden und Arabern herbeizufiihren, so wie wir volle Harmonie hcrgcstellt haben zwischen den Engländern und Franzosen in der Provinz Quebek in Kanada, das dasselbe Heim ist für Franzosen wie für Eng- Kinder. (J. P. Z.I Reise des Oberrabiners Kak nach Amerika Jerusalem, 11. Dez. (J.C.8.) Der Waad Hadati (Religiöser Rat) beschloß die Entsendung des Oberrabbinere Kuk und des Wilnaer Rabbiners Grudzenski nach Amerika zwecks Aufbringung von Geldmittän unter der orthodoxen amerikanischen Judenhcii, da sonst der gänzliche Untergang der Jeschiboth und Talmud Thora-Schulen nicht zu vermeiden wäre. Auch das American Joint Distribution Committee ersuchte den Waad Ha dati, eine Rabbiner-Abordnung nach Amerika zu entsenden, um das teilweise erloschene Interesse der amerikanischen Judenhcit für die Erhaltung der religiösen Lehranstalten in Palästina wieder zu erwecken. Die Frage der palästinensischen Garnison J.C.B. verbreitet folgende Nachrichten: ׳ London, F). Dez. (J.C. 13.) Wie wir erfahren, wird die englische Garnison in Paliistlna •verkleinert werden. Die Zahl der Truppen soll im Laufe des Jahres 1922 auf ein Drittel des gegenwärtigen Standes herabgesetzt werden. Hingegen soll die Zahl der Ae ro plane und der Pa 11 zerautos dementsprechend vergrößert werden, um die Schlagkraft der in Palästina zurückbleibendcn wenigen Indischen Bataillone und Reiterregimenter bedeutend zu erhöhen. Es ist jedoch noch nicht endgültig entsclueden, durch welche Truppen die britische Garnison z.u ersetzen wäre, ebensowenig, ob der Ersatz, in der Bildung eingeborener Regimenter gefunden werden soll. Die Abbauntaßnahmc als solche gilt int Kolonialministerium als beschlossene Sache, auch der Durchführungsplan sei vom Kolonialurnt bereits fertiggestellt. Der Beschluß hängt mit den Empfehlungen des Geedes-Komitees für Durchführung von Ersparnissen in den Regierungsaus 1:;״k11׳ zusammen. Durch den bevorstehenden Abbau der britischen Garnison in Palästina, hat die Frage der jüdis chen Regimenter an Aktualität gewonnen. Nach unseren Informationen, hat die Zionistisehe Organisation dein Koloniahninisterium ein Memorandum unterbreitet, das einen endgültigen Vorschlag zur Aufstellung jüdischer Regimenter in Palästina beinhaltet, deren Kosten nicht der britischen Regierung zur Last zu fallen hätten, da sie zum Schutze von jüdischem Leben und Vermögen in Palästina bestimmt wären. Das zionistische Memorandum unterliegt gegenwärtig einer ernsten fachmännischen Prüfung im Kolonialamt, die Ent- Scheidung darüber soll unmittelbar bevorstehen. * Diese Meldung des J.C.B., die uns unmittelbar vor Blattschluß zügelet, klingt sehr unwahrscheinlich'. Da das J.C. B. den Gedanken der jiid. Legion stets propagiert hat, ist abzuwarten, auf welche ״Informationen" cs sich stützt. Schon aus dem Satz über die Kosten der Garnison, die die Juden bestreiten sollen, geht hervor, wie uuwahrscheinlich es ist, daß die Exekutive so einen Vorschlag unterbreitet hat, der auch eine Verletzung der Kongreßbeschlüsse wäre, die dem A.-C. in dieser Frage entscheidendes Mitbestimmungsrecht einräumen. Lodzer Kaafleute nach Palästina Dur ״Moment", Warschau, teilt mit, daß am 11. Dezember einige angesehene Dodz.cr Kaufleutc, die der Agudah angehören, nach Palästina abgereist sind. Darunter befanden sich auch die ■ Kaufleute Bialer und Wodislawski, die als^Gründer der üodzer Textil- Industrie bekannt sind. Sie beabsichtigen, einen Teil ihrer Fabrikanlagen nach Palästina zu verpflanzen. Prof. William Rappard über das Palästina- Mandat Wie bekannt, bereisten die Mitglieder der Sufikomsnission des Völkerbundes für die Mandate die Hauptorte der Man* Latarlaitder, so Paris, London uml Brüssel, um mit den betreffenden Regierungen verschiedene Besprechungen ab/1111 alten. Als Vertreter de» Sekretariates nahm daran der Direktor der Mandats- Sektion des Völkerbundes, Prof. Rappard, teil. Nack seiner Rückkehr aus London, die vor einigen Tages stattfand, war Prof. Rappard so freundlich, am 5. öez. den Genfer Korrespondenten der ״Jüdischen Preß zentrale Zürich“ zu empfangen. Prof. Rappard, der mit den leitenden politischen Kreisen Englands Fühlung gonoi tunen lut, machte dem Korrespondenten der ״J. P, Z.“ nadv stehende Mitteilungen: Auf die Frage, wie cs sich mit der Ratifizierung des Palästinamandates durch den Völkerbund verhalte, erklärte Prof. Rappard: ״Im Laufe des Monats Januar 1022 wird eint Sitzung des Völkerbundsrates stattfinden. Ich kann Ihnen aber noch nicht bestimmt sagen, ob die ׳Frage des Palastinamandntes dort verhandelt wird, da diese Frage mit dem Vertrage von Sucres eng zusammenhängt." ״Darf ich Sie tun Aufklärung bitten, inwiefern diese beiden Fragen Zusammenhängen?" ״Bis zum Inkrafttreten des Vertrages von Sevrcs ixt Palästina de jure noch als Teil des ottomanLchen Reiches zu betrachten, der von England militärisch okkupiert ist. Erst durch Ratifizierung des Vertrages von Sfcvres erhält .England endgültig das Mandat über Palästina. Nun ist es aber kaum zu erwarten, daß nach den von Frankreich durch Franklin, Bouillon getroffenen Abmachungen mit Angora und den letzten Ereignissen in Kleinasien der Sevres-Vertrag־ uiiangetastet aufrecht erlulten bleibt. Trotzdem kann ich Ileien versichern, daß die englische Regierung die Bestrebitngen des Zionismus zu verwirklichen beabsichtigt. Auf diese Weise ist nunmehr ein Circulus vitiostw entstanden. Die zionistischen Führer verlangen von der englischen Regierung die Ratifizierung des Mandats durch den Völkerbund, da ohne eine solche die jüdischen Inuni־ granten und Finanziers keine Möglichkeit haben, ihre konstruktive Arbeit in Palästina fortzusetzen. Andererseits verlangt die englische Regierung vor! den Zionisten vorerst die Erbringung des Beweises ihrer Leistung*- fähigkeit. Vielleicht könnte die Washingtoner Konferenz diese Sachlage zum Guten ändern.“ Der Korrespondent lenkte darauf die Auiiaerksainkeit Prof. Rappards auf die Meldung, wonach der amen- Jonische Unterstaatssokretür des A t-uliem, F I c t ch e r, Herr Sokolow versichert hätte, daß die ameriknnisdie Regierung die zionistischen Bestrebungen unterstützen werde und daß die Note Hughes’ wegen der Mandate A und B keinen Bezug auf die Wiedererrichtung des jüdischen nationalen Heims in Palästina lütte. Diese Meldung nahm Prof. Rappard, der der zionistischen Sad* wohlgesinnt!st, mit großem Interesse am'. Landkaof bei Mischroar fiajarden Ehe Kolonie Mi schm ar Hajarden erwarb südlich der Kolonie am Westufer des Jordan 3500 Durum, f nichtbaren Bodens, der für die Kultivierung sehr geeignet ist, wodurch auch die Wasserfrage für die Kolonie geregelt wird. Cohen, irrig meint, das kantisehc) nach-, sondern ein ] eigenes er-dacht hat. Weil Hermann Gölten als erster 1 jüdischer Denker in freier und schöpferischer Erbschaft j das Erbe der Griechen und Deutschen antrat, nicht wie Phiion und Maimonidcs das Fremde nur empfangend, das Eigene nur an- und einfiigeml, darum und nur dämm hatte er die Freiheit, nun sich auf sein Judentum so tief zu besinnen, daß ihn diese Besinnung auf die Lücke führte, die in all jenem fremden Denken selber offen geblieben war und offen bleiben mußte. Und so konnte diese Wiederentdcckiuig seines Judentums zugleich die Entdeckung der unbekannten Hemisphäre auf der Erdkugel des allgemeinen Denkens werden. Der Jude entdeckte den Juden in sielt. Und damit entdeckte er den Menschen in allen. Dies zu verstehen, darf man allyrdings wohl nicht seine Aufmerksamkeit parteimäßig auf ״nationale Momente in der jüdischen Religion“ abstellen. Dies Jüdische sitzt zu tief und -- zu hoch, um nicht dein Blick, der nach dem Nationalen im Sinn etwa der Gesellschaft zur Befreiung kleiner Nationalitäten sucht, zu entgehen. Nur in diesem tiefen und hohen Sinn hat Gih-cu es gesehen, in diesem Sinn hat er erkannt doch ich will Ihnen lieber zur Verdeutlichung etwas erzählen: im Sommer 1917 suchte ich ihn auf einem Urlaub in Berlin auf. Er sali auf dem kleinen Balkon der Wohnung in der Luitpoldstraße Ln einem seiner zahlreichen Schaukelstühle (andere mochte er nicht). Wir sprachen eben von dem großartigen, leider bisher nur von der einen Seite gesammelten, Streitschriftenwechsel von 1916 zwischen ihm und Martin Buber. Er sali, daß idi ihm nur eine Hälfte recht gab. ״Nun sagen Sie doch, was finden b»e denn bei diesem Buber, was Ihnen bei mir fehlt?" , ‘ ף* ' ,m1ch Ad'ne״, m Dssen und erwiderte, er habe von dem ״Höre Israel“ nur die letzten Worte ganz lebendig, Buber mir die erst«,!!״, jf", erst b«(•״• -״ - , erstcn- Und doch seien S-te sd»״ min ^?1“ £an*e ״Wenn steht.“ _ Essteht wariSl•daß vörülcil «larin cs stetit wörtlich darin, auf Seite 28. Und es steht auch in dem wunderlich versdilungenen Titel. Und es stellt in dein prachtvollen Ueberblick, den die Einleitung über die ״Quellen des Judentums“ gibt. Aber sind das ״nationale Momente" in dem Sinn, in dem der Leserkreis Ihrer Zeitung das Wort zumeist verstehe» wird? Ich fürchte, nein. Oder sind es ״nationale Momente", wenn Cohen im Werk selbst, nachdem er die Wechsel Verhältnisse zwischen Gott und Welt, Gott und Mensch, zwischen Mensch und Nebenmensch, diese Philosophie der Bundcsschließimgcn zwischen je einem Ich und einem Du - ״Gorrelation" ist Cohens verschultcr Ausdruck dafür zu Ende dar• gestellt hat, nun m Beginn des letzten ßuclidrittels den Begriff des Volks entdeckt als — die Entgiftung des ihm unheimlichen Gedankens der persönlichen Unsterblichkeit? so dali der einzelne sein Unsterblichkeitsverlangen befriedigt finden soll in der Unsterblichkeit des Volks, Merkwürdig genug jedenfalls dieser Weg. Und merkwürdig genug für den Gläubigen des Nationalismus überhaupt die Unfähigkeit dieses jüdischen Denkers, das jüdische Volk anderswo zu entdecken als in dieser Rolle <lcs unsterblichen, des ■- ewigen Volks. Nachdem diese Entdeckung einmal gemacht ist, führt der ganze Schluß des Buches sie weiter ans. Jetzt wird das Gesetz abgehnndclt, als der ewige Leib dieses Volkes, und der Liberale Cohen, der freilich stets vermieden hat, sich je parteimäßig liberal zu binden, findet hier, ohne seinem Liberalismus das leiseste zu vergeben, Worte, die gerade aus diesem Munde die Kraft haben müßten, Schlafende zu erwecken, wenn ihr Schlaf noch nacht zum Starrschlaf des Todes geworden wäre. Und nach diesem Kapitel vom. Gesetz als dem Leib handelt Cohen vom Gebet als dem Herz des Volkes. Und wenn ich Ihnen nun sage, daß den Schluß■ des Buchs fünf Kapitel jüdischer Psychologie bilden, so werden Sie nach allem schon Gesagten nicht mehr erschrecken, daß Gohen diese Kapitel als eine — Lehre von den ״Tugenden" aufbaut. Es sind die Tugenden der Go rechtigkeit, der Tapferkeit, der Treue, des Friedens als jüdische Tugenden. Und es findet doch zugleich das Jüdische dieser Tugenden seinen Platz hier auf der Höhe des Buches nur, weil der "Denker in diesem Jüdischen zugleich die Tugenden des Menschen darstellt. Sind es nun ״national« Momente“ im Sinne von San Remo, in die das Buch ausläuft? Und wieder muß ich fürchten: nein. Cohen selber jedenfalls haben diese nationalen. .Wo» mente der jüdischen Religion nicht gehindert, sein altes Verdikt über den Zionismus in der scheinbar gemilderten, in Wahrheit aus seinem Munde entscheidenden Form zu wiederholen, er sei eine ״Episode" (Seite 425). Ent» scheidend ist dies Wort ruis seinem Munde gemeint. Hätte er nämlich anders gedacht, so wäre er — nach Zion gegangen. Demi das ist meine feste Ueberzetigung: er würde heute, wo jeder jüdische Verein?Staatsbürger sein früheres Apage vor dem ,.unpatriotischen" Satan Zionismus gegen ein fettes, doppelkinnigcs ״Ich bin sehr für den Aufbau Palästinas" ausgewechselt hat, nicht mitmachen. Ich aber wünsche Ihnen zum Schlüsse, daß Ihre Partei dies ganze Geschlecht der San Romo-ZionisU-n, die eine ebenso üble Spielart sind wie die November» Sozialisten, wieder los wird und daß der Zionismus ganz und gar die Sache derer und mir derer wird, die ihn — für keine Episode halten. Ich glaube (und weiß aus beglückender Erfahrung), daß zwischen diesen Zionisten und uns anderen, die (nicht Zionisten würden, sondern) hinübergingen, wenn sie «den Zionismus für etwas anderes hielten als für eine Episode, — daß zwischen diesen beiden ein tieferer und vollerer Ein» klang bestellt, als zwischen ihnen und dem Mitläufervolk jm jeweils eigene» Lager. Und nur aus diesem Gefühl heraus denke ich, werden wohl auch Sie midi mit diesem Auftrag betraut haben, dessen mich in diesem Brief einigermaßen zu Ihrer Zufriedenheit entledigt sw haben, ich jp nur unter der Voraussetzung dieser Ge» sinnung Ihrerseits hoffe® kann. Mit vorzüglicher Hochachtung Frankfurt a. M. Franz Rosenzweig.

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