Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 102-103 (23.12.1921)
- Date
- 1921-12-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Im DcguisaU zu dem früher von der Jahreskonferenz euigesü/iut Actions-Coinite besteht die neue Körperschaft nur aus "5 Mitgliedern und erhält dadurch eine grul ere Beweglichkeit und Arbeitsfähigkeit, die sich schon darin *zeigt, dali die vorgesehene Sitzung wirklich drei Monate nach dem Kongresse zusammentreten l״״n Drei Monate sind eine kurze Zeit, und es ist schwer zu sagen, ob die Bewegung seit dem' Karlsbader Kongreß weiter gekommen ist. Aber die Aufgabe des Actions-Comites wird weniger darin bestehen, die Periode seit Karlsbad zu kriti- «*reu, als vielmehr darin, die Tätigkeit des Konotcsscs in gewissem Sinne ergänzend fortznführen. Auf dem Kongreß konnten die meisten Fragen nur in großen Umrissen erörtert werden, und die Teilung in Kommissionen hat gerade genauere Kenntnis auf den verschiedenen Gebieten nur in verscltiedcnen Kreisen geschaffen, deren Zusammen- ,wbeit im Plenum nicht reibungslos bewerkstelligt werden konnte. Dem viel kleineren Aclions-Comite, das aus den erfahrensten Zionisten bestellt, wird j es eher möglich sein, den gesamten Komplex der j Fragen zu überblicken und den Zusammenhang : zwischen den einzelnen Gebieten unserer Arbeit! zu erfassen. Das Actions-Coinite wird sielt auch j mit wichtigen Fragen der Methode 11ml der Taktik zionistischer Arbeit leichter befassen körnten als j der Kongreß. j Die zionistische Exekutive hat vor kurzem ein I Manifest veröffentlicht, in welchem das Programm der nächsten Arbeit auseinandergesetzt wird. Dieses Programm muß vom Actions-Comite in seinem konkreten Inhalt geprüft und bestimmt werden. Die politische Lage hat sich seit Karlsbad nicht erheblich geändert. Das Mandat ist noch immer nicht bestätigt, und auch die Washingtoner Konferenz hat diese Frage ihrer Lösung nicht näher gebracht Der ganze Komplex der Orientfragen ist neuerlich einer gemeinsamen Behandlung durch die französische und englische Regierung vorbehalten, und cs tauchen sogar zuweilen phantastische Gerüchte auf, die das Schicksal Palästinas* betreffen, z. B. das Gerücht über eine angebliche Forderung Frankreichs, das Mandat über Palästina 7.u bekommen. Da sich das Gewirr von zentralen Problemen, die die Staatsoberhäupter der Großmachte beschäftigen, zu lichten beginnt, kann man hoffen, daß auch die Orientfragen demnächst endgültig erledigt werden. Jedenfalls müssen alle Anstrengungen gemacht werden, um dig Bestätigung des Mandats bei der im Januar zusammentretenden Völkerbundtngurtg durchzusetzen. Das Actions־ Comite wird den Bericht über die Schritte der Exekutive in dieser Richtung entgegennehmen. Gleichzeitig aber wird cs sich mit der Politik der palästinensischen Regierung zu befassen haben. Die politische Lage in Palästina ist noch lange nicht Jü EDI SCH E RUNDSCHAU Seite 729 zufriedenstellend, und die ,Einflüsse antisemitischer Faktoren in der englischen Verwaltung wurden nicht energisch gebrochen, sondern *׳erstarken sich eher von Tag zu Tag. Der Kongreß hat die Forderuug nach einer Säuberung־ des palästinensischen Beamtenapparates von judenfcindliclien Elementen erhoben, und trotzdem die Exzesse vom 2. November ■mit eklatanter Deutlichkeit die Sympathie gewisser Beamten für die Pogrombewegung erwiesen haben, ist nichts gescheiten, um diesen Zuständen ein Lude zu machen. Der ganz« Jischuw hat die Abberufung des Gouverneurs von Jcrusalem, General Storrs, gefordert, in einer solidariselten Aktion, die von allen Autoritäten des jüdischen Palästina gestützt wurde. Es ist nicht bekannt geworden, wie auf diese Aktion reagiert worden ist Line solche Sachlage aber muß die Situation, der Juden von Tag zu Tag verschlechtern und widerspricht den Bestimmungen des Mandats sowie dem Geist der Balfour-Ücklaration und allen seither gegebenen Versprechungen in einem unerträglichen Maße. Der Beschluß des: Kongresses, eine Deputation zu Herbert Samuel zu schicken, um bei ihm wegen dieser Dinge vorstellig zu werden, wurde bisher nicht ausgeführt, obwohl die Mitglieder der Kommission, die unter Führung des Wiener übcrrabbitteis Dr. Chajes stehen soll, bereits bestimmt sind. Das Actions-Comite wird über die Form der üurclifühnmg dieses Kongreßbeschlusses schlüssig wcrde.11 müssen, ln der letzten Zeit wurden auch int Londoner Kolonialamt Vorhandlungen mit der arabischen Delegation gcfWirt, über I die das Actions-Comite den Bericht entgegen- ' j nehmen muß. Die Bemühungen, mit den Arabern! zu einem Einvernehmen zu kommen, ,wofür in der | letzten Zeit bereits mehrfach günstige Anzeichen I zu bemerken waren, werden erschwert durch Ein-! flüsse der oben angedcutctcn Art. ) Viel schwieriger noch als die politischen Fragen j sind die ökonomischen Fragen, die das Actions- ■ Comite beschäftigen müssen. Die gegenwärtige j Situation im Keren Hajessod muß einer gründlichen j Erörterung unterzogen werden. Es ist im kleinen Kreise vielleicht eher die Möglichkeit gegeben, das vom Kongreß beschlossene Budget in seinen Einzelbeiten nachzuprüfen und zu balancieren. Die Anfange der großen Keren Hajessod-Aktion in Amerika sind zwar vielversprechend, aber die Resultate können sich naturgemäß in vollem Umfange erst in einem späteren Zeitpunkt zeigen. Die dringende Arbeit in Palästina und das laufende Budget erfordern aber ungeheure Mittel, ohne deren Schaffung die Position in Palästina nicht ausgebaut, Ja kaum gehalten werden kann. Es ist noch immer nicht gelungen, diesen Sachverhalt der Gesamtheit der Judcnheit lebendig ins Bewußtsein zu bringen. Das Actions-Comite wird sich daher mit der wichtigen Frage beschäftigen müssen, in welcher Weise alle Schichten der Judcnheit für diese Aktion, die nur die jüdische Gesamtheit bewältigen kann, heranzuziehen sind. Auch diese Fragen können leichter vom Actions-Comite bewältigt werden als vom Kongreß, besonders nachdem der Kongreß bereits in den prinzipiellen Fragen sein Wort gesprochen hat. Die palästinensische Exekutive wird bei der Sitzung unseres Wissens nicht vertreten sein. Doch wird durch den Finanz- und Wirtschaftsrat, der eine Uebcrsicht über die Kolonisationsarbeit hat, der Plan der nächsten Zukunft entrollt werden können. Seit dem Kongreß sind umfangreiche Aktionen in Angriff genommen worden, über deren Stand und Weiterführung Bericht erstattet werden muß. Wir meinen vor allein die Okkupation des Emek-Jesreel, die Förderung des städtischen Häuserbaus durch die neugegründete Hypothekenbank, sowie das Ruthenbergprojekt, dem die Kon- Zession nunmehr definitiv erteilt wurde. Diese drei Aufgaben sind von ungeheurer Bedeutung für die ökonomische Zukunft Palästinas und die Ökonomische Lage im gegenwärtigen Moment. Naturlieh gehört zu ihrer Durchfühning Geld, und die Finanzreferenten werden dem Actions-Comite ilnc diesbezüglichen Vorschläge und Anschauungen unterbreiten müssen. Es müssen Wege gefunden werden, um Arbeitsmöglichkeiten in Palästina zu schaffen, damit die Einwanderung der Chaluzim und arbeitenden Elemente wieder in vollem Umfange aufgenommen werden kann. Denn ohne diesen fortwährenden Zustrom an Energie und Lebenskraft gerät der Jischuw leicht in einen Zustand der Stagnation, der ihm innerlich und äußerlieh gefährlich werden kann. Auch der Komplex der Gegenwartsarbeit wird nicht übergangen werden dürfen. Die großen philanthropischen und Notabein-Organisationen, die in der ersten Zeit nach dem Kriege beinahe von der Bildflücbe verschwunden waren, entfalten jetzt wieder auf dem Gebiet der Gegenwartsarbeit eine umfangreiche Tätigkeit. Die gegenwärtige Lage der jüdischen Massen erfordert ein energisches or• | ganisierfes Eingreifen, und dabei darf das nationale j Judentum nicht zurückstehen, das stets den demokratischen Gedanken und den Gedanken der Selbst- Hilfe vertreten hat Die Schaffung der Emigratioaszentrale in Paris, in weicher die demokratische, auf der Prager Konferenz gewählte Emigratior.s- Organisation mit den großen philanthropischen Verhänden zusammen arbeiten wird, ist ein wichtiges Symptom für die Möglichkeiten auf diesem Gebiete. ln das Gebiet der Gegenwartsarbeit fällt auch eine andere, sehr peinliche Angelegenheit, die das Actions-Comite beschäftigen muß, und zwar die vor kurzem erfolgte Aufdeckung der Verhandlungen Jabotinskys mit den Vertretern Petljuras. Diese Verhandlungen, von denen die zionistische Exektitive nichts wußte, obwohl sie während des Zionistenkongresses von einem Mitglied der Exekutive im Hotel Olympic in Karlsbad, wo die ganze Exekutive wohnte, an mehreren Tagen geführt wurden, sind nicht nur nach der Auffassung derer, welche schon in Karlsbad den Eintritt eines so unbcrechenbaren, romantischen Abenteuern geneigten Poli- Hermann Cohens Nachlaßwerk Ein Brief11‘) An die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau". Sehr geehrte Herren! Sie erteilen mir den ehrenvollen Auftrag, Ihnen für ihr Blatt eine Besprechung von Hermann Cohens Nachlaßwerk ״Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“ zu schreiben. Sie wünschen, daß ich die Aufmerksamkeit Ihres Leserkreises auf die, wie Sic selber sagen, ״ungeheure“ Bedeutung des Buches lenke. Andererseits möchten Sie nicht, daß icli versuche, den Inhalt des Buches zu popularisieren. Dies sei in einem Zeitungsartikel ״kaum möglich“; dagegen wünschen Sie die zahlreichen Stellen des Buches hervorgcluobcn, ״in denen der Verfasser das nationale Moment in der jüdischi'ii Religion betont“. Gebundene Marschroute also! Ich gestehe, dali mir tas an sieh gar nicht so unangenehm ist. Ich antworte rillt ungern auf bestimmte Fragen. Und um über Giicns Werk und seine Bedeutung für uns zu schreiben, ׳riihe man vielleicht wirklich ein neues Werk vom gleichen Umfang schreiben. Und man wird es. Jüdische Bücher haben nicht bloß ihre Schicksale wie alle Bücher, *01'dem — ein besonderes jüdisches Bücherschicksal. lch sehe im Geiste von Cohens Buch hebräische Folio- *115gaben des siebenten Jahrtausends, gedruckt in sibi- ’) Wenn wir diesen Brief des rühmlidist bekannten jungen jüdischen Gelehrten veröffentlichen, brauchen wir w°hl kaum ausdrücklich zu bemerken, daß der Wortlaut ״״serer Aufforderung an ihn, als Cohens Freund dessen Buch zu besprechen, keineswegs als ״gebundene Marschmute“ aufzufassen war, vielmehr nur als Andeutung der pnsicht, daß die philosophische Bedeutung des Werkes m dem bei uns zur Verfügung stehenden Raum nicht voll *usgeschöpft werden kann. Im übrigen geben wir ihm "*turiieh alle Redefreiheit D. Red. rischen und feuerl.'indischcn, in neuguineischen und Kameruner Druckereien, Ausgaben, wo das Cohcnschc Textwort ertrinkt in der Flut von drei, vier Kommen׳- taren, die es von allen Seiten umbramlen. Ich sehe Gelehrte, die aus dem Schutt von Frankfurter oder Berliner Bibliotheken OriginaUhuchschläge des Cohensehen Manuskripts ans Licht des achten Jahrtausends ziehen und in mühsame!!! Vergleich die rund zweihundert (133 habe ich gezählt) mehr oder weniger schweren Druckfehler der Erstausgabe (für die übrigens die beiden im Vorwort gesperrt gedruckten Herren keine Verantwortung trifft) nach Kräften verbessern. Ich sehe — aber Sie wünschen wohl lieber zu hören, was ich schon heute, in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrtausends also, sehe. Und nun empfinde ich die gebundene Marschroute plötzlich doch als eine Fessel. Soll ich wirklich auf den Versuch verzichten, volkstümlich zu sagen, was dieses Buch in der Geschichte der Philosophie bedeutet? Dieses Buch, dessen Bedeutung gerade die ist, daß cs den Durchbrnch eines Systematikers, vielleicht des letzten Systematikers im alten Sinn, aus dem aristokratischen Hochmut der Philosophie hinaus in die freie, jedem offene Demut des natürlichen Denkens darstellt? Dieses Buch, das ein einziger Bericht ist von der philosophischen Entdeckung des Menschen? Des Menschen, nachdem Wissenschaftliehe Philosophie seit 2</a Jahrtausenden nur gewußt hatte vom ״Ich“, also deutsch zu reden: vom — Philosopheu? Gewiß, der Bericht auch dieses Columbus ist schwer zu lesen, schwer gerade an all den Stellen, wo er sich der Tragweite seiner Entdeckung bewußt zu werden sucht, klar und von herrlicher Anschaulichkeit wiederum überall dort, wo er die Wunder des entdeckten Landes selber zu schildern beginnt. Was Kolumbus vor den Professoren von Salamanca als sein Programm gab, dessen Irrtümer erkennt der Heutige leichter als jene verdutzten aJten Herren. Und wir fahren heut nicht mehr mit spanischen Kaxavellcn itadt ״Zipangu“. Und wir fahren nicht mehr auf der Route des Golumbtts, die bekanntlich von allen möglichen gerade die längste war und die das neue Land ausgerechnet dort auf suchte, wo es sieh am weitesten vor der alten Welt zurückzieht. Aber wir fahren nach Amerika. Ucbrigens ist jedoch Cohens kolumbiscfier Irrtum genau der entgegengesetzte des Irrtums des großen Genuesers: der hat bis an sein Lebensende gemeint, er habe die Ostküste der allen Welt erreicht und war doch ״bloß“ nach Amerika gelangt. Cohen dagegen meinte, bloß einen Anbau .־ui die alte Philosophie, bloß einen durch ״Eigenart“ aber nicht durch ״Selbständigkeit“ gekennzeichneten Zusatz zu seinem eigenen System, insbesondere zu seiner Ethik zu fügen, und er hat in Wahrheit das verlorene Paradies der Menschheit wieder entdeckt, auf dessen Boden sich aus den llautrümmem seines und aller Systeme der Neubau der Stadt des natürlichen Denkens erheben wird. Natürliches Denken! Denken, das vom Menschen weiß und das sich dieses Wissen nicht mehr in idealistischein Selbstbetrug wieder aus den Fingern gleiten Läßt, Denken, das vom Wcchselverhältnis von Ich und Du ausgehl, statt wie alles frühere Denken vom Es oder vom Ich — ist cs Zufall, daß der Jude Cohen, daß der Cohen, der als Siebzigjähriger wieder ganz dahin gegangen war, von wo er kam, in sein Judentum und Judesein zurück, diese menschlichste aller philosophischen Entdeckungen gemacht hat? Ich glaube, nein. Und ich ן glaube andererseits: es Ist auch kein Zufall, daß un geachtet des jüdischen ־Charakters dieser Entdeckung kein früherer jüdischer Denker, keiner von denen, die das Judentum an anderm, fremdem, unjüdischem Denken mafien, keiner von denen, deren jüdisches Denken Denker nur über das Judentum und nur über das Judenturi war, sie gemacht hat. Sondern daß erst dieser Manr kommen mußte, der als erster Jude einmal das fremd! Denken wirklich selber durchgedacht, nein selber ge daclit hat. Dieser Mann, der nicht das System eine andern (auch nicht, wie man immer noch, in Ver wedvsltmg des dreißigjährigen mit dem sechzigjährigei