Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 97 (6.12.1921)
- Date
- 1921-12-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum erstenmal seit der Vorkriegszeit wird der zionistische Führer in Deutschland weilen. Die deutschen Zionisten werden ihm einen Ern!)־ fang bereiten, der beweist, wie sehr sie sich des Ernstes der Stunde und der Verpflichtungen be* wußt sind, die der Zionismus heute von ihnen fordert. Der Besuch Weizmanns in Deutschland ist jedoch ein jüdisches Ereignis, dessen Bedeu• tuug nicht auf den zionistischen Kreis beschränkt < Dr. W e i z m a n n sprach in London! am 27. November in einer großen öffentlichen zionistischen Ver- «nunlung in Memorial Hall. Es war nadh langer Zeit wieder die erste öffentliche Kundgebung Dr. Weizmanns, und wir halten es daher für angezeigt, die wichtigsten Teile dieser Rede nach dein im Bulletin der Zionistischen Organisation in London veröffentlichten englischen Text wiederzugeben. Nach einer kurzen Einleitung sagte Weizmann: ״Mir wird sehr oft der Vorwurf gemacht, daß ich der politischen Hauptfrage, nämlich der nach, der Bedeutung der Balfour-Dcklaration, aus dem Wege gehe. Dies ist in gewisser Beziehung wahr. Ich war der Ansicht, wir sollten es der Zeit uaid unserer eigenen Arbeit überlassen, eine richtige Interpretation der Balfour-Dcklaratkxn zu geben; ich hätte also aaidi heute noch nicht davon gesprochen, wenn nicht andere cs unternommen hätten, die Balfour- Deklaration zu interpretieren. Ich muß leider erklären, daß wir als Zionisten keiner der verschiedenen Auslegungen, mögen sic von hoher oder weniger hoher Seite erfolgt sein, zustinirnen können Die einzige Auslegung, die wir als authentisch, definitiv und sowohl für die englische Regierung als auch für die Zionistische Organisation bindend ansehen״ ist das, was im Mandat niedergelegt ist. E9 ist an der Zeit, sowohl die Zionisten als auch vielleicht eine Anzahl von Organen der britischen Regierung in Palästina, deren Pflicht die Durchführung der Balfour-Lkeklaratior» ist, an den Text des Mandats zu erinnern. Der Text des Mandats sagt in der Einleitung: ..,;insofern dadurch die Anerkennung ausgesprochen ist für die historische Verbindung des jüdischen Volkes mit Palästina und für die Grundlagen der Wiederherstellung (rcoonstituting) ihres nationalere Heims in diesem Lande.. .* Wir gehen nach Palästina, nicht um einige isolierte Kolonien aufzubauen oder um einige tausend Immigranten anzusiedeln; dies mag eine gute Sache sein, aber sie ist nidit der Sinn der Balfour- Deklaration. Der Sinai der Balfour-Dcklaration ist die Wiederherstellung (re-oonstituting) des alten jüdischen Nationalheims. Das alte Judäa war keine isolierte Kolonie, es war eine nationale und politische £.11 heit, und diese nationale und! politische Einheit ist cs, weiche nach dem Mandat in Palästina wiederhergestellt werden soll, ich glaube, das ist klar. Jede andere Auslegung ist Pilpul Artikel 2 des Mandats sagt: ,Die Mandatarmacht soll verantwortlich dafür sein, daß das Land unter 90!che! politische, administrative und ökonomische Bedingungen! gestellt wird, welche die Errichtung des jüdisch-nationalcn Heims im Sinne der Einleitung sicherstclicn.‘ Idi glaube; das ist vollständig klar. Es bedarf keines weiteren Kommentars; was davon abweicht, ist nicht mit den Bestimmungen und nicht mit den gegebenen und oft wiederholten Versprechen vereinbar, und die Ehre derjenigen, welche diese Versprechungen und Ver- Pachtungen gegeben haben, steht auf dem Spiele mit der Durchführung des ■Mandates im redeten Sirene. Wir wissen, daß dies keine leichte Aufgabe ist, und wir sind die letzten, diese Aufgabe noch zu erschweren, Wir tun unser bestes, um, soweit es an uns liegt, die Aufgabe der Mandatarmacht so leicht als möglich zu ״wehen. Wir vertrauen der Zent ralregle r ung, und ihre Hauptrepräsentanten sind darauf bedacht, das Mandat seinem Geist und seinem Wortlaut nach zu erfüllen. Aber wir sind uns auch dessen bewußt, daß dunkle Mächte am Werke sind, manchmal um. sichtbar, mandimal sichtbar, welche darauf ausgehend die Arbeit der Regierung und der Zionisten zunichte zu machen. Dies sind die hauptsädiüchsetn ,Tatsachen, weiche der heutigen politischen Situation zugrunde liegen: Auf der «inen Seite ein!völlig klares politisches Programm, niederg'degt im Mandat, auf der anderen Seite weichen die Vorgänge In Palästina bedauerlich von dem Inhalt de *Mandates ab. Und einer der Beweise dafür ist ein Dokument, welche* jüngst alt bleibt. Das ganze deutsche Judentum sieht mit Spannung dem Mann entgegen, der in so schicksalsschwerer Zeit so Großes für sein Volk getan hat. Wir wissen nicht, was die Exekutive bewogen hat, von Weizmanns Amerikareisc abzusehen. Es war geplant, daß er am 27. d. Mts. abreisen und sich zunächst nach Washington begeben sollte. Jedenfalls ist es vom zionistischen Standpunkt sehr zu begrüßen, daß Weizmann an der A.-C.-Sitzung teilnehmen wird. Ergebnis der Untersuchung über die Unruhen ln Jaffa veröffentlicht worden ist, So furchtbar auch Pogrome sein mögen, ich glaube, daß die Zionistische Organi״ sation, die Zionisten und vor allem die palästinensischen Juden, die auf vorgeschobensten Posten stehen, es als ein beinahe natürliches Ereignis liinmehnten, daß beim Aufbau eines Landes solche Dinge sich ereignen; und obwohl ich zu Gott bete, daß dies der letzte sein mag, fürchte ich doch, daß es nicht das letzte war. Wir werden walirsChcinlid» auch weiterhin noch in Pa- Uistina zu leiden haben. Nicht dies ist es, was uns beunruhigt. Die beunruhigende Tatsache Ist das Dokument selbst, die Denkweise, welche darin zum Ausdruck kommt. So fair es iu der Zusammenstellung der Tatsadien sein ntag — ich halte es für außerordentlich fair — so sehr läßt es in seinen Schlußfolgerungen Logik und *Sympathie vermissen. Die gewöhnliche Schlußfolgerung, zu welcher die Untersuchung nach einem Pogrom in anderen Ländern zu kommen pflegte, war, daß die Juden unrecht haben, und zwar, weil sie Juden sind: und an gewissen jüdischen Anschauungen und Idealen fcsthalten, welche zufälligerweise nicht mit denen der Nichtjuden zusammenfallen. Die Schlußfolgerung, zu der diese Untersuchung kam, war ähnlich. Der Hauptgrund der Unruhen in Jaffa war die Tatsache, daß es Immigranten gab, daß es «Ine Zionist Commission gab, welche gewisse Iddcale hatten und diese Ideale durchzuführen versuchten. Ich möchte die Kommission fragen: Wozu sind wir in Palästina, wenn nicht um dieser Ideale willen? Wir sind dort um der Ideale willen, welche in einer klaren Formel ira Mandat ausgedrückt sind, nämlich die Wiederherstellung des jüdisch-nationalen Heims. Es mag einer Anzahl vop Arabern mißfallen, es mag auch einer Anzahl von antisemitischen Beamten mißfallen; darum aber werden wir unser Ideal nicht aufgeben. Die Denkweise da־ Leute, welche berufen sind, gemäß Artikel 2 des Mandats Palästina unter solche politische, administrative und ökonomische Bedingungen zu steilen, wcldie zur Wiederherstellung des jüdisch-nationalen Heims führen, — die Denkweise dieser Leute wird 1 sich ändern müssen oder die Leute selbst werden wechseln müssen. Ich komme nun zu einem Vorwurf, weicher in demselben Bericht gegen die Exekutive cler Zionistischen Organisation erhoben worden ist, daß sie nicht versucht, in Kontakt mit der arabischen Bevölkerung zu kommen, oder nicht versucht hat, die Araber zum Verständnis zu bringen, was mit einem jüxlisdwiationa!en Heim gemeint ist. Ich stelle in Abrede, daß diese' Feststellung zutrifft. Seit dem ersten Tage, an dem unser Fuß palästinensischen Boden betreten hat, gingen unsere Bemühungen ständig dahin, mit den Arabern in Berührung zu kommen. Wir taten dies manchmal erfolgreidi, mandimal nicht. Wenn wir keinen Erfolg hatten, mag das manchmal unser Fehler gewesen sein, meistens war es der Fehler derjenigen Leute, welche die Balfour -Deklaration lächerlich machten, welche sagten, daß die ׳britisdie Regierung nicht an ihre Durchführung denke, und dadurch eine unmögliche Situation zwischen uns und den Arabern schufen. Ich kann für dieses Vorhaben eines Teiles der verantwort• liehen Männer in Palästina keinen anderen Ausdruck finden, *als eine systematische politische Sabotage der Balfour- Deklaration, deren Folge die Zerstörung der guten Beziehungen zwischen uns und den Arabern war. 40 Jahre lebten wir in Freundschaft mit den Arabern, sowie wir es in Zukunft hin weiden, wem» wir allein gelassen wwerden und nicht finstere Mächte sich zwischen uns stellen. Wir werden dies* Mächte unschädlich zu machen haben. T>a9 ist eine außerordentlich schwierige Aufgabe, aber ich glaube, wir werden sie erfüllen. Diese Mächte waren auch tätig während des Besuches der arabischen Delegation in London Ich will nicht die Frage aufwerfen, ob diese Delegation die Anschauungen Seile C03 der palästinensischen Araber vertritt oder nidit, aber angenommen, sie vertritt sie, ihre antisemitischen Rai״ geber haben sie verhindert, mit uns 11» Verbindung zu treten. Id» muß wiederholen und betonen, daß trotz der ungeheuren Schwierigkeiten die Zentralregierung be• wiesen hat, daß sie die Balfour-Dcklaration voll durchzuführen wünscht. Wir hatten ir» den letzten 2—3 Mo״ naten mehrere Beweise, z. B. die Erteilung der Kort- Zession für das Jordan-Projekt. Ich glaube, wir können erwarten, daß die Hindernisse und Widerstände, welche unserer Politik und der Einwanderung sich entgegenstellten, beseitigt werden, in jedem konkreten Fall werden die Fragen wohlwollend besprochen, und wir sehen da» deutliche Bestreben, Mandat und Balfour-Dcklaration in die Wirklichkeit umzusetzen. Hier in London ist alles in Ordnung, aber es besteht e in Abstand von mehreren hundert Meilen und von mehreren Jahrhund erten zwischen London und J er usalem.“ Weizmann kam dann auf die Landkäufe zu sprechen und betonte, daß die Zionisten lieber überhaupt keine Politik machen möchten, sondern nur die wärtschaftliehe Entwicklung: des Landes fördern. Aber jede wirtschaftliche Frage wird in eine politische verwandelt, da man behauptet z. B. bei Erteilung von Kore- Zessionen, .politische Rücksichten nehmen zu müssen. Jeder Beamte in Palästina ist sogar neben seiner amtliehen Funktion noch mehr Politiker 3ts wünschen»• wert. Hierauf sprach Weizmann von der Anstrengung der Judenschaft, die bis jetzt viel zu gering gewesen ist, und wendet sich in einem speziellen Appell an die britischen Juden, vor allem an die britischen Zionisten, ein bei spie! weises Vorgehen als Ehrensache zu betrachten. Im Verlaufe der Versammlung antwortete Weizmana noch auf eine Reihe von Anfragen. Dabei machte er die interessante Mitteilung, daß die Zionistische Organisation eine Denkschrift in Vorbereitung hat, welche viele der Vorwürfe, die in dern Bericht der Haycraft-Commission enthalten sind, zurückweist. Auf mehrere Anfragen bezüglich der wirb schaftlichen Situation, betonte Weizmann, daß die Zionistische Organisation stets die Privatinitiative unter, stützt hat und auch i!» Zukunft Handel und Industrie in Palästina ermutigen wird Sie könne aber nicht selbst Gesellschaft«! gründen und könne niemals den Versuch machen, selbst geschäftliche Profite zu machen. Kommerziclie Unternehmungen in Palästina können nur roa Privatleuten durchgeführt werden, wobei die Organi״ sation mit Informationen und durch Unterstützung der Verhandlungen mit dev Regierung beistehen kann. Weizmann ia Uebereinslimmung mit dem Koiooialministerium London, 2. Dez. (J.C.B.) Wie wir erfahren, machte Dr. Weizmann seine Erklärung«» In der Memorial Hall in voller Uebereinstimmung mit den Ergebnissen seiner Aussprache über diesen Gegenstand mit dem Kolonialminister. Die zionistische Delegation in Amerika Große Spenden für den Keren Hajessod Aus New York wird uns berichtet: Der Emjv• fang der zionistischen Delegation, die unter Führung Nahum Sokolows zu den Verhandlungen mit der amerikanischen Regierung eingetroffen ist, wurde von der jüdischen Bevölkerung zu einer selbst für amerikanische Begriffe imposanten Kundgebung ausgestaltet. Die riesige Carnegie Hall konnte die unaufhörlich zustrümenden Massen nicht fassen, Tausende von Leuten mußten draußen bleiben. Als erster Redner sprach Nahum Sokolow, der der Versammlung die bedeutsame Erklärung Hardings für die weitere Unterstützung des Zionismus offizieli zur Kenntnis brachte. Die Versammlung nahm die Mitteilung mit großer Begeisterung auf. Sokolow berichtete weiter über seine Verhandlung mit dem amerikanischen Staatsdepartement, über seine Besprechungen mit Baif 011 r und den Führern der anderen Delegationen zur Washingtoner Abrüstungskonferenz. Nach Sokolow hielt Richter Rosenblatt eine Abschiedsrede anläßlich seiner Uebersicdlung nach Palästina behufs Uebcrnahme seiner Funk• tionen in der zionistischen Exekutive Palästinas, Auch die Ansprachen Professor Warburgs, jabotinskys und Goldsteins wurden mit langandauernden Ovationen beantwortet. Nach dem Empfang wurde eine Sammlung für den Keren Hajessod veranstaltet, die den ansehnlichen Betrag von 180 000 Dollar in bar ergab. Unter den Einzahlenden befanden sich der Orden Brith Abraham mit 100000 Dollar, Samuel Untermeyer (erste Rate) mit 1QQ00 Dollar und Harry Fi8chei mit 5000 Dollar. Elsa©!״!!,®ss© 112©all© WefizsnmsMDBns Die Interpretation der Baifour-Deklaration — Gegen den Bericht der Haycraft- Commission — Die Forderung der Zentralregierang für restlose Durchführung des Mandats