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Jüdische Rundschau · 1921-12-02 · Heft 96 (2.12.1921) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 96 (2.12.1921)
Date
1921-12-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite C34 J U LiDISCl-l E HUN1>SCH AU Nr t8 Sehen wir die Sache einmal eo, wie r.ic sich J in Wirklichkeit bei dein heutige» Apparat üarstelik Wir haben die zionistische Gruppe, mehr oder minder lebendig»•den zionistischen Verein, mehr oder minder groß und regsam. Wir haben den Vorstand und wir wissen, wie gut ein Vorstand bereits ist, wenn schon nur der Vorsitzende eine lebendige Kraft darstellt. An diese Gruppe, an diesen Vorstand treten nun die Forderungen im Einzelnen, die die Exekutive an die Organisation stellt. Es genügt nicht mehr, jedes Jahr oder alle zwei Jahre ein paar Schekel zu einer Mark das Stück zu vertreiben, Natäonalfondsbüäisen aufzustellen und von Zeit zu Zeit eine Sammlung für palästinensische Zwecke durchzuführen. Der Vorstand wird verantwortlich dafür gemacht, daß jedes ]Mitglied des Vereins den Maasser zahlt und ehrlich zahlt. Gemeindepolitik muß betrieben, Gegenwartsarbeit muß geleistet werden. Er muß, an die Gesamtjudeaheit seiner Gemeinde herantreten und an sie materielle Anforderungen in einem Ausmaß stellen, denen ein Großteil der Zionisten sich noch entzieht und die für die großen Massen der Nichtzionisten als geradezu phantastisch erscheinen. Wir geben ihm eine Methode: wir sagen ihm, je stärker 'er die Forderung vorträgt, je unverhüllter er sie zeigt, desto eher wird er sie durchsetzen. Wir beweisen flun, daß man nicht mit leiser Stiimme ״Hurra“ schreien kann, daß es gerade das Neue, das Kühne, das Großartige, das den bisherigen Anschauungen radikal Entgegengesetzte ist, das die Herzen erschüttcrn kann und wir verlangen von ihm, daß er danach handelt. Der Vorstand, der Vorsitzende, der aktive Zionist kann dieser Aufgabe i!n besten Fall nur einen Teil seiner Zeit, ein Stück seiner Kraft widmen. Er sieht sich gegenüber einer unendliehen Trägheit des Herzens, von der wir ja heute wissen, wie wenig sie auch durch die ungeheuersten Ereignisse erschüttert worden ist. Wer will es ihm verübeln, wenn seine Stärke nicht ausreicht, wenn er vor dem Widerstand zurückweicht und sich im besten Falle zu Kompromissen herbeiläßt? Da nützt kein noch so gutes Organisations- Statut und keine noch so tief differenzierte Fraktionierung. hn Gegenteil, die Fraktionierung hat die Durchführung der praktischen Aufgaben der Organisation nur erschwert und verlangsamt. Sie hat die Differenzen aufgedeckt, die verhüllt waren und hat sie unterstrichen, sic hat Parteipolitik in die praktische Arbeit hineingebracht und wir haben ja noch auf dem Karlsbader Kongreß erlebt, daß es die Fraktionen in einer schwachen Stunde durchgesetzt haben, daß die Zusammensetzung der Palästinaämter und ihrer Beamtenschaft nicht unter dem Gesichtspunkt der Leistungsfähigkeit, sondern der!Parteizugehörigkeit erfolgen soll. Bis jetzt haben es die Fraktionen nicht begriffen, daß ihre Existenzberechtigung darauf beruht, daß sie um so intensiver an den Arbeiten der Gesamtorganisation teilnehmen, je stärker ihre prinzipiellen For* derungen sind. Eben darum geht es mit den Fraktionen jet2t abwärts, läßt die Organisation, der sie nicht beigestanden haben, sie im Stich. Was bleibt Ein Gedenktag (Zum ersten Jahrestag des Todes von S. A n « s k y.) ) ״Er war ein Mann Horatio.“ (Shakespeare, Hamlet.) 1 Ein Mann — ״Zwischen zwei Welten“ . . . Und wenn ״Dybuk“ im letzten Jahre seit dem Tode des Verfassers der Angelpunkt des jüdischen The* aters war, 90 ist das jüdische Theater doch viel zu beschränkt, viel zu eng, um die ganze Gestalt des Verfassers dieses ״Schlagers“, der in einem Jahre 500 Aufführungen erlebte, zu umfassen. S. An-sky war eine jener bedeutsamen Persönlichkeiten, die in sich die Summe der Bestrebungen ihrer Zeit vereinigen. Er war ein, Mensch in dem Sinne, daß alles Menschliche ihn interessierte und bewegte. Em Kind der jüdischen. Gasse, hat er sich tief in fremde Länder und Kulturen verirrt und alle Ideale seiner Epoche in sich aufgcnoinmen, um nachher die Kultur seines Volkes zu befruchten. Er war Sozialist-Revolutionär. Er wurde Zionist. Sein Glaube an das neue Leben des neuen Israel war untrennbar von seinem Glauben an den Sieg der Go rechten. Sein Weg, dessen Anfang in der Haskalo, der Aufklarungsbewegung in den dunklen Ecken des russisch, jüdischen Ghetto lag, führte ihn zu Lawrow, einem der Helden der russischen Befreiungsbewegung. Und die spuren, die Lawrow in An-sky hinterlassen hat, konnten nie verwischt werden. Der Kampf um die russische rruheit raubte ihm Jahrzehnte seines an, Ereiirnissan und Taten reichen Lebens. ««grossen rSsSSaH® £ sä Idealen der Bulüsamkeit ״ad zurück? Ernüchterung, Entmutigung, Schwächung des Apparaten. : Die Entwicklung, die hier beschrieben ist, hat dazu geführt, daß [man sielt in wachsendem Maße bewußt geworden ist, daß die zionistische Arbeit nicht mehr ausschließlich1 auf freiwilliger Mitarbeit beruhen kann, daß wir die Arbeit Menschen anvertrauen müssen, die sich ihr ungehindert widmen können, daß wir uns Fachleute, Beamte, heranbildet! müssen. Diese Entwicklung ist bereits soweit gediehen, daß seit dem Karlsbader Kongreß sämtliche leitende Funktionäre aller zionistischen Institutionen hauptamtlich tätig sind und besoldet werden. Mit der wachsenden Größe ihres Umfanges und ihrer Aufgaben wird die Zionistische Organisation auf diesem Wege weiter fortschreiten müssen und werden auch die Landes-Organisationen und -Verbände dem Beispiel der Zionistischen Vereinigung für Deutschland folgen müssen, die bereits seit längerer Zeit eine hauptamtliche und besoldete Leitung hat. Die Schaffung eines leistungsfähigen ganz uml gar sachlich orientierten Beamtenstandes ist die wichtigste organisatorische Aufgabe, die der Zionistischen Organisation heute obliegt. Es stellt sich heraus, daß dies gar nicht so leicht ist. Immer weniger finden sich wirklich qualifizierte Kräfte bereit, ihre Lebenskräfte der Zionistischen Organisation zu widmen. Alle Institutionen der Zionistisehen Organisation, auch die rein kaufmännischen, kranken daran, daß es schwer, ja fast unmöglich ist, tüchtige Menschen zu finden, die ihre Beamten werden wollen. Zweifellos hat dazu die geradezu verbrecherische Hetze beigetragen, die die Dummheit und Leichtfertigkeit einiger Parteifanatiker im verflossenem Jahre gegen die zionistische Beamtenscliaft entfachte. Aber wir wollen uns bewußt sein, daß die Grundlagen der Struktur der zu bildenden zionistischen Beamtenschaft noch außerordentlich wenig geklärt sind, und daß andererseits an dem Problem der Aktivierung der freiwilligen Mitarbeitcrschaft nicht vorbeigegangen werden darf. Es genügt nicht, Sekretäre zu schaffen, auch die Vercinsvorsitzendcn müssen in den Apparat eingegliedert werden lind die Möglichkeit bekommen, so intensiv mitzuarbeiten, wie es diie Aufgabe verlangt. Nicht das ist das drängende organisatorische Problem: wie wir die leitenden Gestalten gegeneinander abgrenzen, ob wir die Organisation par« lamentarisieren oder nicht, wie wir die Fraktionsbildüng erleichtern oder erschweren. All diese Probleme haben ihre Bedeutung, aber sie kommen in zweiter Linie. An erster Stelle steht die Forderung des AufbaucsderzionistischenVerwaltung. Das ist die Aufgabe, an die wir jetzt schreiten müssen in der Exekutive ebenso wie in der Legislative, am Sitze der Leitung ebenso wie im Rahmen der kleinen Ortsgruppe. Versuchen wir, diese Aufgabe konkret zu umschreiben und den Weg festzustellen, auf dem wir zu ihrer Erfüllung gelangen. das Feld raumen, aut dem er tapfer für das Glück Rußlands gekämpft hatte. Der Terror von 1918 trieb ihn außerhalb Rußlands. Da» war keine Flucht, Cs war ein Zurückweichen, angesichts eines Prozesses, den er bei seinen Empfindungen und seinen Traditionen nicht mitmachen konnte, den er aber nicht hindern wollte, weil er als Denker und Beobachter in ihm eine Welfe der Geschichte .gesellen hat, die man über sich ergehen lassen muß. Er verurteilte die Bolschcwiki, er tadelte ihre Hand* lungen, die die Fahne der Revolution nach seiner Mei. nun״ besudelten. Seine tapferen Reden werden allen, die sie gehört haben, unvergeßlich bleiben. Und als er einmal vor seinem Tode einen Emigranten über all diese Fragen reden hörte, rief er mit dem ihm eigenen Feuer: ״Lassen Sie doch das russische Volk! Es wird! sein Schicksal mit seinen eigenen Händen schmieden. Kümmert Euch um Euch selbst.“ Das kenn« zeichnet seine Beziehung zum Bolschewismus: Wem sein Volk teuer Ist, der hat sich nicht an diesem Kampf zu beteiligen. Und einsam, krank und gebrochen, verfolgte er fieberhaft den Kampf zwischen den Weißen urvl Roten und zählte die Pogrom e, schrieb offene Briefe an Lloyd George und verlangte die Aburteilung P e 11 j u r a s, Die Leidenschaft von An-sky in seinen letzten Jahren war die jüdische Ethnographie. In Kiew und Petersburg hat er sehr viel für die Sammlung der lebendigen Zeugen unserer Leidensgeschichte getan» In Wil na ist es seiner Energie und Initiative gelungen, eine ״Jüdisch-ethnographische Gesellschaft“ zu gründen, die ein ״An-sky- Museum“ unterhält ln Warschau, 18 bis 20 Stunden vor dem Tode, saß er einer Sitzung vor, die er einberufen hatte, um auch dort eine ״,Jüdische historisclv-ethncn• graphische Gesellschaft“ zu gründea Er sagte: ״Es gibt keinen Ort in. ganz Ost-Europa, wo nicht im Pferdemist zerrissene Fetzen von*, geschändeten Thoraiollcn Der Unter״angszlon!snu1$ Anläßlich des von Dr. Theiihaber am 17. d ־ gehaltenen Vortrag ״Der Untergang der’deut’i '• sehen Juden“, sendet uns der beiiihi de und! scharfsinnige junge hebräische Schriftsteller Lp : J. Ta gar, dessen Aufsätze über das Problem! unserer nationalen Bewegung auf den hebräit sehen Leserkreis einen starken Eindruck machten; folgenden Aufsatz, dem wir gern Raum geben! i Diese Ausführungen können zugleich als Rand! I glossen zum eben in 2. Auflage in! Jüdischer! Verlag, Berlin, erschienenen Buche von Dr. Thcilliabcr ״Der Untergang der deutschen Juden" betrachtet werden. Die schwere innere Krise, die der Zionismus in der! nachherzlisehcn Zeit durehinaclite, hat jene merkwür-; dige Theorie gezeitigt, die die zionistische Bewegung 1 durch die These vom drohenden Untergang der Judenheit in der Diaspora begründen will. Zionistische Theoretiker sind, nach dem Vorgänge Ruppins, eifrig bemüht, den Beweis zu erbringen, daß der Untergang der Judenheit in den Golusländern besiegelt ist. Die Statistik wird gewöhnlich ins Feld geführt. Es wird statistisch bewiesen, daß durch zunehmende Ehe- und KinJerlosig. keit und nicht zuletzt durch Taufe und Mischehe die Zahl der Westjuden rasch abnimmt. Dasselbe Los harrt aber auch der Ostjuden. Das ganze Volk ist in Gefahr und es gibt also nur eine Rettung — der Zionismus. Diesen Untergangszionismus vertritt auch bekanntlich Dr. T h e i 1 h a b e r. Herr Dr. Theiihaber beweist zunächst den Untergang der deutschen Juden, deutet aber an, daß wir in bezug auf die übrige Judenheit nur guter Hoffnung sein dürfen: die machen es schon mit. Ein liebenswürdiger Jung-Zionist hat in der Debatte hervorgehoben, daß Dr. Theiihaber sich die ״dankbare Aufgabe“ gestellt hat, unsern ״Untergang“ zu demonstrieren. Ob diese Aufgabe wirklich so ״dankbar“ ist? Mar* könnte in dieser merkwürdigen Wendung des zionistischen Gedankens sogar ein gutes Symptom er• blicken, namentlich für den westlichen Zionismus. Die Erhaltung des Judentums ist da ein Wert an und für sich geworden. Und zwar dermaßen, daß man den ״Untergang“ als eine Gefahr empfindet und glaubt, durch die Klarlegung dieser Gefahr die Notwendigkeit des Zionismus demonstrieren zu können. Nur ist aber die Form, die der Untergangszionismus in der Praxis annimmt, eine sehr bedenkliche. Die Untergangstheorie macht den Zionismus allzusehr bequem. Sie befreit den Zionisten von ernster Golusarbeit: im Golm, werden wir ja sowieso nichts erreichen. Bis auf weiteres darf es also beim alten bleiben. Man lebt in der gewohnten Weise, man besucht da ab und zu eine zionistische Versammlung und mon ist ein guter Zionist Erst in Palästina wird man richtiger Jude werden. Wer weiß aber, wann er in Palästina sein wird? Die so beliebte Theorie des Untergangszionismus hat es vielleicht mit verursacht, daß der Zionismus das kulturelle Leben des Westzionisten so wenig beeinflußt hat. Und ich frage mich immer, ob denn nicht diese Theorie selbst das klarste Symptom des ״Untergangs" sei , . . Wir wollen jedoch hier von der Praxis absehen und auf dem Gebiete der objektiv-theoretischen Betrachtung bleiben. Die Frage, die ich hier behandeln will, ist aber nicht, ob die Untergangsthese an sich richtig ist. Was diese These an sich anbetrifft, möchte ich nur allgemein bemerken, daß cs ein sehr bedenkliches Verfahren ist, ein Urteil über die Zukunft der Diaspora auf Grund statistischer Daten von einigen Dezennien zu fällen. Ich nehme aber an, daß das Untergangsurteil zureichend «HW «Wl—Bl'1 «יי— -f— zu finden wären. Keinen Platz, wo das Blut der Opfer auf den cingeäschcrtcn Häuser« nicht Spuren hinter• lassen hätten. Die Beweise unserer unsagbaren Leiden — das ist die Geschichte Europas, der Fortschritt der Menschheit. Sammelt alles, was durch die blutigen Stürme über alle zerstörten und verödeten jüdisches Wohnstätten zerstreut ist, und die Geschichte wird euch dankbar sein. . . Die Skeptischen erwiderten Den kalten Gemüter» kam er als ein Fanatiker einer sonderbaren Idee vor — ein Sammler von zerbrochenen Chanukkahleuchtern . . . Er antwortete . . . Am 27. Chheschwan, um 12 Uhr nachts, stachelte er die Gleichgültigen an und schimpfte auf die Satten und Zufriedenen. Und voll Von jugendlichem Eifer war seine letzte Rede. Und am 23, Chcschwaa um 7 Uhr abends hörte sein warmes Herz auf zu schlagen. An einem trüben Nebeltage gaben die jüdischen Massen Warschaus das Geleit dem Schriftsteller, Rew lutionär und dem Menschen, Nur mit Hilfe der PoÜzc. konnte der Bahre ein Weg durch die tausundköptige Menge gebahnt werden. Zwischen Percz und Djnesohn ruhen auch die Reste An-skys. Gemäß dem Willen des Verstorbenen, wurden keine Reden am Grabe gehalten. Nu: der Dichter Kazisno, der Biograph des Verstorbenen, las seine Biographie vor ־־־ nackte Tatsachen. Still, gesenkten Hauptes hörte die Menge die schlichte Er■ zählung des reichen Lebens beim Rascheln des herbst• liehen Blätterfalls. Auf Wunsch des Verstorbenen, ״sagte“ ein ihm nahestehender Schauspieler den ״Kaddisch", — Und alles lauschte den eriiabenen Worten, an den Gräber» der drei Männer, die, verschieden ln ihrem Charakter, sich bemühten, in das finstere Ootu* der jüdisch•» Massen «inen Lichtstrahl zu bringen. A M » r e w » k y. » I! I I ■f i ä

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