Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 95 (29.11.1921)
- Date
- 1921-11-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 670 JUCD1S( SCHAU ס!.:ui! Nr. {15 den Wahlen in unsere leitenden Körperschaften mögliehst nur sachliche Gesichtspunkte zur Geltung־ kommen zu lassen (wenn auch die Paitei politik eine restlose Durchführung dieses Prinzips diesmal noch nicht zuließ). Mehr als auf jedem anderen Gebiete kam die sachliche Tendenz des Kongresses zum Ausdruck in seinem offensichtlichen Widerstreben gegen den Zwang der Partcimaschine. Auf diesem Kongreß waren zum erstenmal Parteien und Fraktionen in einer Stärke vertreten, daß das äußere Bild des Kongrosses davon bestimmt wurde. Und es war nur eine Folge dieser Zusammensetzung des Kongresses, daß der Fraktionszwang, die Herdenabstimmung recht deutlich in Erscheinung traten. Aber dem aufmerksamen Beobachter konnte nicht entgehen, daß die Fraktionen nicht imstande waren, positiv den Gang der Verhandlungen und ihre Resultate zu bestimmen — ihre Wirkung trat meistens in der negativen Form der Enthaltung von der Abstiinmung, der Abgabe von Erklärungen, der prinzipidk-n Ablchmmg usw. zutage. Eigentlich nur einmal kam eine sozusagen parlamentarische Mehrheitsbildung zustande, «nd die war demonstrativ gegen das demonstrative Vorgehen des MiSiachi gerichtet. Das Allgemeine waren eigentlich horizontalc Abstimmungen, und es bedurfte wiederholt der Anwendung der komischsten und primitivsten Mittel, um die ITaktionsmiiglicder bei ,Abstimmungen gegen ihr besseres Gewissen bei der Stange der Parteieilt- Scheidung zu halten. Dieser Kongreß war eine Absage an den Parlamentarismus in der überlieferten Form, unausgesprochen, aber deutlich sichtbar ging durch ihn das Verlangen nach sachlicher Entschcidüng, frei von den Fesseln einer parteipolitischen Vorschrift. Es kann darum nur als ein Versuch, das untcrgclicndc Schiff der Fraktionierung des Zionismus mit untauglichen Mitteln zu retten, angesehen werden, wenn in den Stimmen, die in diesen Blättern nach dem Kongreß, laut geworden sind, versucht wird, cs so darzustcllcn, als ob gerade die noch unvollständige Parteibildung im Zionismus sich als der Fehler dieses Kongresses hcrausgesteilt hätte. Der Kongreß vielleicht noch nicht, aber die Delegierten hatten kein rechtes Verhältnis zu ihrer Einteilung in Fraktionen. Es ist ja bekannt, wie gerade in der stärksten Fraktion, dem Misrachi, am meisten Stimmen laut wurden gegen die Ueber- Spannung der Parteidiktatur, die in jener bekannten Kampfansage an die Organisation aus dem Munde eines seiner Führer zum Ausdruck kam. Es kann ja auch nicht anders sein. Denn wenn wir uns das Bild der Organisation, so wie cs sich tatsächlich darstellt, vor Augen halten, sehen w׳ir, daß die Partcibildung, die einen so kühnen Anlauf zu nehmen schien, erheblich ins Stocken geraten ist. Es ist gewiß kein Zufall, daß die Parteiung da noch am meisten in Blüte steht, wo die organi- *.־!torischen Verhältnisse am unentwickeltsten, die tatsächlichen Leistungen am geringsten sind. Da, wo man sich durch das Gestrüpp der Theorie bis zur praktischen Arbeit durch gerungen hat, geht die Fraktionsbildung überall zurück, hat offensichtlich keine Zukunft mehr. Die Gemeinsamkeit der Grundanschauung ist zu stark, das Gemeinsame ist zu breit, das alle verschiedenen Richtungen verbindet. Es gibt kaum ein einziges Fraktionsprogramm, das nicht in seinen wesentlichen Teilen von allen andern Zionisten auch angenommen werden könnte. Es ist gerade das Gegenteil von dem eingetreten, was man uns immer vorgepredigt hat: je klarer die Voraussetzung der Arbeit wurde, je realer, je sachlichcr das Problem erschien, um so weniger wurde man geneigt, sich die sachliche Entscheidung durch parteipolitische Bindungen trüben zu Lessen. So war (las Bild dieses Kongresses das einer nach sachlicher Entscheidung strebenden Versammlung Es erhebt sich die Frage, wie dieser Tendenz in der Arbeit der Organisation nach dem Kongiesse Genüge geschehen soll. Es ist zu untersuchen, ob die Struktur der Organisation für die neue Forderung noch paßt. Denn cs ist nicht zu vergossen, daß wir bisher, sagen wir bis zum Kriege, eine Organisation waren, die im wesentlichen auf Propaganda, auf Wirkung nach außen, auf Vcrbreitcrung der Idee, auf Gewinnung von Anhängern eingestellt war. All das ist nicht mehr nötig. Wir dürfen es kühn aussprechen: wir haben Schekel- Zahler genug. Die Bewegung ist so stark geworden, hat ן״ so weitem Maße das jüdische Volk ergriffen, daß sie nicht mehr darum verlegen zu sein braucht neue Anhänger zu gewinnen. Ihre Aufgabe ist es heute, ihren Weg zu gehen, das Werk zu leisten, unekummert um das, was der andere dazu sagen ״'rJ;.nMJr .als leu 1st die Bewegung sich ihrer inneren Tendenz bewußt, ihres Kompasses der Kirr»1! h 7'״1״ ״ s1® Propaganda machen, aber diese Propaganda muß streng sachlich sein, unverschleiert die Forderung hinstellen, ungcscliminkt die kizte Wahrheit sagen. Denn inzwischen ist die Forderung zu groß geworden, als daß man ihr mit halben Mitteln beikoinmen könnte. Und wenn wir noch nicht verlangen können, daß jeder zu uns kommt mit der Ganzheit seines Herzens, wenn wir noch damit rechnen müssen, daß auch in Zukunft Mitläufer in großer Zahl sich um den Kern der Organisation gliedern ,werden und wenn wir alles' andere wollen, als aus dem Zionismus eine esoierische Gemeinschaft zu machen, so verlangt doch1 die ungeheure Schwierigkeit der Aufgabe, die wir zu bewältigen haben, daß wir sie jedem einzelnen, der zu uns kommt, daß wir sie jedem, zu dem wir gehen, klar machen und von ihm Mitwirkung verlangen, Entscheidung, Opfer. Wir verlangen den Maasser, die Beteiligung am Keren Hajessod, und eine solche Forderung, die so sehr an die schworst zu überwindende Position, die Verbundenheit mit Geld und Gut rührt, läßt sich nicht mit verschleierter Stimme in umschriebener Form vortragen. Der Kongreß hat diese Sachlage erkannt und hat seine Beschlüsse demgemäß formuliert. Untersuchen wir die Voraussetzungen für diese andere Art der Pro- ])Uganda, stellen wir fest, inwieweit die Organisation darauf eingestellt ist und was geschehen muß, um die Einstellung da zu schaffen, wo sie nicht vorhanden ist. Die Repräsentanz der englischen Judenheit und das jüdische Hilfswerk London, 23. November. (J. C. B.) Soeben fand eine Sitzung des Jcwish Board 0f Dcputicg statt. Mr. ■Lucien Wolf erstattete den Bericht des Joint Foreign Committee, der unter anderem auch seine Genfer Mission im Zusammenhang mit der zweiten Tagung des Völkerbundes behandelte. Der Bericht wurde angenommen und seine Veröffentlichung genehmigt. In derselben Sitzung wurde ein von der rumänischen Judenschaff cingclangtcs Telegramm betreffs der Evakuicru 11 g der jüdischen Flüchtlinge in Rumänien besprochen. Diesem Telegramm zufolge seien mindestens 20 Millionen Lei, außer den von der rumanischen Judenschaft zur Verfügung gestellten Mitteln, erforderlich, um die Verpflichtungen erfüllen zu können, die der rumänischen Judcnschait aus der Verordnung der rumänischen Regierung betreffs der Ucbersiedlung der russisch-jüdischen Flüchtlinge aus den Grenzgebieten nach einem bestimmten Gebiet Altrnmäniens erwachsen. Der Joint-Dircktor für Fliichtlingswcscn, Dr. Bernliard Kahn, erklärte, er könne nicht verstehen, warum die rumänische Judenschaft die ihr auferhgtcn Vcrpflichtmigen übernommen habe. Der Joint habe beschlossen, keine finanzielle Hilfe zur Durchführung dieser Vcrordnun״ zu gewähren, da er diese Verordnung der rumanischen Regierung als ungerechtfertigt betrachte. Er würde aber allenfalls das Flüchtlingshilfswerk unterstützen, jedoch erst nach deren Ucbersiedlung. ' 1 Ucbcr die allgemeine Lage der rumänischen Juden berichtete Mr. Lucien Wolf. Er führte aus, daß de facto ihre Lage sich zwar seit Kriegsende gebessert lihbc; dadurch aber habe sich die Lage nicht wesentä lieh geändert und in mancher Hinsicht haben die rumanischen Juden Grund zur ernsten Klage. Mehrere Deputierte erhoben scharfen Protest gegen das Vorgehen Mr. Lucien Wolfs, der in einem an Dr. Frithjof Nansen gerichteten Briefe darüber Klage führte, daß das von der jüdischen Welth i 1 f s k o n f c r c n z mit der litauischen Regierung vor kurzem geschlossene Ucbcrcinkommcn betreffs des Diircliwaiidcrungsrcclitcs der jüdischen Auswanderer aus Sowjetrußland seine Arbeit erschwere. Mr. Lucien Wolf verteidigte seinen Schritt damit, daß das Abkommen mit der litauischen Regierung die Massen!der Fluchtlinge, für die sofort gesorgt werden müsse, vermehre und daß dies für die seit langem wartenden Flüchtlinge unbillig sei. Wenn diesen die Möglichkeit zur Aus- Wanderung nicht gegeben wäre, so müßten sie repatriiert werden, was viel schlimmer sei. Lord Rothnchild trat für Mr. Lucien Wolf *in, indem er darauf hinwies, daß es sich hier um 250 ODO Flüchtlinge gegenüber 50 000 handle, die vom Uebcrcinkommen mit der litauisdren Regierung betroffen seien. ln der Sitzung wurde folgende von Dr. Da ich es vorgelcgte Resolution mit einer geringen Aenderung mit 53 gegen 6 Stimmen unter großem Applaus angenommen: ״Mit Rücksicht auf die verzweifelte Lage der Juden in Osteuropa und die Einwanderungsbeschränkungen in anderen Ländern arbeitet der Board of Dcputies mit der Zionistischen Organisation und anderen gehörig akkreditierten Körperschäften in der angemessenen Unterstützung jüdischer Auswanderer zur An6iedlung in Palästina zusammen.“ Ein Pursorgelcomitee für Palästina- Einwanderer In Jerusalem hat sich unter dem Vorsitz von Sir Hyndham Deedes, Zivilsekretär von Palästina, eine Komitee für Unterstützung der Pa!״stina-Emh granten (Palcstine Immigrant Wellfare Committee) gebildet, welches bereits seit einigen Monaten eine segensreiche Tätigkeit entfaltet, ln dem Komitee ist die jüdische Arbeiterorganisation vertreten und die Arbeiten des Komitees geschehen im Einverständnis mit dieser. Das Komitee besteht aus folgenden Mitgliedern: Sir Wyndham Deedes Vorsitzender; Herr Kesselmann, Kassierer; Frau Norniann Bentwich, Sekretär; Frau Herold Salomon, Finanzen; Major Morris, Sport־ Frau Dr. Eder, Küchen; Frau Sophie Berger', Fürsorge für Frauen und Kinder; Dr. Hugo Berg! m ann, Kultur; Herr To 1 ko wski, Empfang der Einwanderer. Außerdem gehören dem Komitee an: Frau Ben Zw i, Herr Ben Zwi, Herr Albert Hy am. son und Dr. de Sola Pool. Das Komitee Imt bisher größere Summen für Verbreitung von Büchern zur Förderung des Sports und zur Fürsorge für Frauen bewilligen können. Es besteht die Absicht, Zweigstellen dieses Komitees in allen Ländern zu gründen; namhafte Persönlichkeiten aus allen Ländern haben bereits ihre Mitwirkung zugesagt \ 46 Araber verurteilt Weitere Aufnahme ukrainisch-jüdischer Flüchtlinge. Ki sehe new, 10. Nov. (J. C. B.) Das hiesige ukrainische Hilfskomitee erhielt aus Bukarest die telegraphische Verständigung, daß der Chef der Sieherheitsbekunde das beßarabisclic Landesinspektorat telegraphisch angewiesen habe, von der Zurücktreibung der über den Divjcstr nach Beßarabien herübericommendeo jüdischen Flüchtlingen aus der Ukraine unbedingt Ab• stand zu: nehmen. Jerusalem, 23. November. (J.C. B.) Emm offiziellen Communiquee zufolge wurden bisher 45 Araber, die an den Jerusalemer Unruhen am 2. d. M. beteiligt waren, von den Gerichten verurteilt; davon zw« Araber zu 15 Jahren Gefängnis, einer zu 5 Jahren, einer -ZUI 2 Jahren, einer zu 15 Monaten, während die übrigen mit Gefängnisstrafen bis zu einem Jahre belegt wurden. Zwei jüdische Polizisten, die ״leichfal’s unter Anklage standen, wurden f r e i g e s p r o c 11 e n. ״Times“ über das Verhalten der Behörden London, 23. November. (]. C. B.) Die ״Times״ veröffentlichten aus der Feder ihres Jerusalemer Korrespondenten eine Schilderung der Ausschreitungen am 2. d. M. ״Als Engländer —י schreibt der Korrespondent — empfand ich brennende Schande und Zora angesichts der Gleichgültigkeit der verantwörtlichen Behörden gegenüber dem Schicksal dieses unglücklichen Volkes, und ich entschloß mich, in das Gouvernement zu gehen, um die apathisches Beamten zur Erfüllung ihrer Pflicht zu verhalten/“ Auf dem Wege zum Gouvernement wurde er von Arabern verprügelt und mit einem Messer in den Nacken gestochen. In fast bewußtlosem Zustand wurde er dann von einer heldenmütigen Jüdin, Judith Wittenberg, in das Gouvernementsgebäude gebracht. ״AJs ich die militärische Wache am Tore passierte, sah ich die Soldaten ruhig dastehen. Sie hatten keinen Befehl, sich zu rühren oder einzuschreiten.“ Das Begräbnis der Opfer Wie ״Haarcz" berichtet, wurde von der Behörde in Jerusalem der Befehl erteilt, die bei den Ueberfällen der Araber gefallenen Juden am 3. November abends zu bestatten. Gleichzeitig erging der Befehl, daß der Aufenthalt auf den Straßen Jerusalems nach 6 Uhr abends untersagt sei. Die Mitglieder der zionistischen Leitung in Palästina und die Vertreter des Waad Leumi beschlossen, sich an den Gouverneur Storrs mit der Forderung zu wenden, daß das Begräbnis am 4. Noveniber um 12 Uhr mittags statt finde. Es demonstrierte auch eine große Menge von Juden, welche sich vom Spital der Hadassa, wo die vier Toten lagen, versammelt hatte, gegen die Anordnung des Gouverneur,. Der Gouverneur bewilligte die Forderung. Das Leichenbegängnis fand in Anwesenheit von mehr als 10 000 Menschen statt. Die Juden übernahmen es selbst, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Es wurde eine Ordnerkette gebildet, in der sich auch Angehörige der jüdischen Miliz befanden. Die zionistische Leitung war durch Ussischkin, Dr. Eder, Dr. Ruppin und Kapitän Law (?) vertreten. Grabreden wurden nur von Oberrabbincr Jakob M c i r und Rabbiner K u k gehalten. Sie wurden mit Weinen und Wehklagen aufgenommen. Das Weinen verstärkte sich, als der Vater eines der Getöteten nach dem Sohne das Kaddischgebet sprach. Als der Leichenzug ins amerikanische Viertel kam, wurde der Menge verboten, bis zum Friedhof mitzugehen, nur wenige Personen durften des Opfern das letzte Geleite bis zum Grabe geben. < Beraard Roscnblalt in der palästinensische□ Exekutive London. (L1B.) Bcrnard Rosenblatt wird gegen Anfang Dezember von Amerika nach Palästina abreisen, um seine Pflichten als Mitglied der Zionisiisehen Exekutive in Palästina zu übernehmen.