Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 93 (22.11.1921)
- Date
- 1921-11-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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י'/ Sehe 662 JU EDI SC HE RUNDSCHAU Nr. i, נ׳ Mitteln bekämpfte, wiedcrhergcstcllt sollen, sondem verlangte für uns neue Ideale, nikgenicin menschliche Werte. Er rief zur ״Umwertung aller Werte“ des alten Judentums, zur Bevor- /ugimg 1!es Menschen vor dem Juden, des allgemein Menschlichen vor dem Jüdisch-nationalcii. Diese Forderung der ״Umwertung aller Werte“ brachte ihm den Ruf als ״Nietzscheaiier“ ein, obwohl er nur die Formel von Nietzsche gebraucht hat, ohne sich mit ihrem hei Nietzsche spezifischen Sinne zu identifizderen. Das zu jener Zeit kühne Auftreten von Beidyczewsky und seinen Freunden ist nicht fruchtlos ' vorübergegangen. Ihren Kampf um die Wiedergeburt des jüdischen Menschen hat dann sein würdiger Schüler Brenner mit größerer Wucht weitergeführt. Und ,wenn wir heute innerhalb des offiziellen Zionismus Fraktionen haben, die diese zur Zeit Berdyczewskys unerhörte Fürderting auf ihr Programm geschrieben haben, so ist das mit das Verdienst von Berdyczewsky, der noch vor mehr als 25 Jahren gelehrt hat, daß eine nationale Renaissance unmöglich den Sinn haben könne, daß man die gegenwärtigen Lebensformen und Geistesrichtungen einfach nach Palästina verpflanzt, daß die Wiedergeburt des jüdischen Volkes eine vollkommene Umwälzung sowohl in den Lebensformen wie auch in den Gcdankengängen eines jeden einzelnen Juden bringen müsse, wenn anders sie Sinn haben sollte, wenn sie von Dauer sein sollte. Berdyczewsky predigte damals die Annäherung an Europa. Wenn wir heute weiter sind als Berdyczewsky und uns für Europa nicht mehr restlos begeistern können, so ist das zum Teil das» Verdienst von Berdyczewsky, der uns durch seine scharfe Kritik, die vor nichts halt machte, die sich niemals zufrieden gab und in der wie in einem Sehmelz.ticgcS alles .schmolz, um ihn reiner und geläuterter zu verlassen, zur Selbstkritik erzogen hat. So hat die nicht- oder gar autizionistische Kritik Berdyczewskys zur Läuterung und somit zur Kräftigung der nationalen Bevvegung beigetragen, wie jede wahrheitsliebende gutgemeinte Kritik eines mitfühlenden Freundes niemals schaden sondern nur nutzen kann. Berdyczewsky hat öfters den offiziellen Zionismus angegriffen, noch öfter griff er die Zionisten an. denen er Halbheit, Inkonsequenz vorwarf. Manchmal war er auch ungerecht, aber immer hörte man seine Kritik mit Interesse an. Man verzieh ihm seine Ungerechtigkeiten, in dein Bewußtseitt, daß hier eine grolle jüdische Seele in eigenem Feuer verzehrt wird, und dieses Feuer uns als Wegweiser dient. Ein Beispiel sowohl seiner originellen scltöpferischcn Kraft wie seiner Wahrheitsliebe, aber auch seiner Suche nach dem jüdischen Mensehen, sind seine letzten Romane und Erziihlungen aus dem jüdischen Leben vor 30 bis H) Jahren, in den letzten Jahren hat die sentimentale Idealisierung des Ostjuden, des judens aus dem kleinen Städtchen, Formen angenommen, die zwar psychologisch erklärlich waren, aber nichtsdestoweniger der Wahrheit nicht entsprachen. Berdyczewsky hat den Menschen (und nicht immer den idealen) in diesen Juden entdeckt, den Menschen mit all seinen guten und schlechten Eigenschaften, den Menschen, der von stürmischen elementaren Leidenschaften und nicht von Bibclversen und chassidischcn Sentcnz.cn bewegt wird. In diesen Erzählungen, die viele technische Fehler haben, die vielleicht infolge ihrer Neuartigkeit, ihrer ungestümen Leidenschaftlichkeit etwas unbeholfen, unbearbeitet Vorkommen, hat Berdyczewsky gezeigt, was jedes normale, von Sentimentalität ungetrübte Auge im Juden wie in jedem Menschen sehen kann. Berdyczewsky hat die jüdische Maske vom Juden heruntergerissen und uns den nackten Menschen gezeigt. Die Fülle seiner Arbeiten ist schier unüber•» sehbar. Seit über 35 Jahren schreibt Berdyczewsky Romane, Erzählungen, Novellen, publizistische Artikel, in denen alle Fragen unserer Gegenwart und unserer Vergangenheit ihre eigenartige oft groteske Beleuchtung fanden, er übte Kritik an Menschen und Büchern und nichts entging seinem wachsamen Auge; dies ist um so erstaunlicher, als er seit geraumer Zeit in strengster Abgeschiedenheit und Zurückgezogenheit lebte. Ungewillt und außerstande sich am Getriebe der Zeit zu beteiligen, näherte sich Berdyczewsky in den letzten Jahren wiederum unserer Vergangenheit, ln der nahen Vergangenheit suchte er seine Erlebnisse in künstlerischer Form י“ Ä י״,,?0״ wie *•a ausgeführt, romantischen Schleier vom ״Ostjudentum‘' lüftete und die Mensche» ״wie sie sind“ zeigte. 1 In langjährigem Studium beschäftigte er sich mit j der fernen Vergangenheit, mit der Agada in allen j ihren Farmen, mit der jüdischen Folklore van j dem Talmud bis auf den Chassidismus. Als . Resultat dieser Studien liegen mehrere z. T. noch : unveröffentlichte Bände vor, von denen einige! auch deutsch erschienen sind (Die Sammln!!- gen: ״Der Born Judas“ irn Insel-Verlag, ״Sagen der Juden“ bei Riittai u. Locuiiig). Bei .den deutschen Ausgaben stand ihm sehie Fra» als würdige Mitarbeiterin zur Seite. Auch in der fernen Vergangenheit fesselten sein Interesse diejenigen Persönlichkeiten, die mehr Menscheu als Juden waren und mit besonderer Vorliebe bearbeitete er die allgemein-menschlichen Motive der Agada, nicht die ״national“-jüdischen, wie er überhaupt den bei uns mit den uebelhaften Worten ״Geist“ und ״Judentum“ geiricbenen Mißbrauch nicht dulden konnte. Zu seinen Studicnzweckcn sammelte Berdyczewsky eine Bibliothek, die wohl zu den wertvollsten Privatbibliothekcu zählen dürfte, und es wäre wünsehenswert, daß dieser Schatz, den Berdyczewsky mühevoll in vielen unruhigen Jahren sammelte, in Jerusalem ihren Platz findet Der bekannte hebräische Verlag A. J. Stybcl hat die schwere und dankbare Aufgabe übernommen, sämtliche Werke von Berdyczewsky in 25 Bänden herauszugeben. Erst wenn diese Aufgabe erfüllt ist, wird man imstande sein, die Leistungen Berdyczewskys richtig zu würdigen. Eine ganze Reihe druckfertiger und auch noch unbearbeiteter Schriften dürften Berdyczewsky, den der Tod in vollster Wicklung seiner Schaffenskraft überrascht von Enthat. zurückgelasscn worden sein. Berdyczewsky hat in seinen vielen Leidensjahren die Not kennen gelernt, ln den letzten Jahren besserte sich die Lage der hebräischen Literatur und mit ihr auch die Berdyczewskys, so daß er sich in Ruhe seinen schöpferischen Plänen widmen konnte. Nun ereilte ihn der Tod und vernichtete seine und unsere Hoffnungen. Vor einiger Zeit kam die Nachricht, daß. sein greiser, fast 80 jähriger Vater, Rabbiner in einem kleinen Städtchen, wo er ein langes beschauliches Leben voll innerer und äußerer Ruhe geführt hatte, auf grausamste Weise bei den Ukrainer Unruhen seinen Tod gefunden hat, indem er lebendig in Stücke zerhauen wurde. Nun folgt ihm sein Sohn, dessen ruhiger Tod seinem äußerlich und innerlich unruhigen Leben ein Ende machte ... Ch. A, Krupnik, Antisemitismus im österre chischeu Parlament Wie«, 1t. Nov. (J. CJ B.) Bei 11er Beratung 11« Budgets im österreichische«• ׳Natiouairat beantragte der großdciitsche Abgeordnete Großbauer die Einführung einer J «de ivs $ e ne r, und z.\var in der Weise, ״daß man jeden Juden bis zu seinem zehnten Lebensjahre mit 1UÜÜQ K., bis zu seinem 20. Jahre mit 20 000 K. und zwischen 20 mul SO Jahren mit 50 000 K. besteuere. Dadurch würde man viel leichter Geld hereinhekommen als durch die Erhöhung der Grundsteuer. Der Bauer kann mit seinem Grund und Boden, der Gewerbetreibende mit seinem Gewerbe nicht auswanderiv, aber der Jude soll ar.swam'.crn, wenn er nicht zahlen will. Dadurch halte man einen doppelten Zweck erreicht.‘• Diese Frechheit der grofkleutscheii Antisemiten und der ihnen aiigehörendcn deutschen Bauernpartei hat van keiner Seite im österreichische» Parlament die inr gebührende Abfuhr erhalte». Die politischen Parteien des gegenwärtigen österreichischen Nationa'.ratcs überbieien einander im Antisemitismus. Nur so konnte cs bei der gestrigen Abstimmung über die Zulassung von gehtliehen Viriltste» alter Konfessionen in den nieder;Aterreichisätcn Landesschulrat dazu kommen, daß die Sozialdemokraten für den Vertreter der jüdischen Konfession getrennte Abstimmung beantragten, wodurch die Zulassung eines jüdischen Vertreters ab gelehnt wurde, während die anderen Konfessionen ihre Vertretungen irn Landesschulrate erhalten werden. Bei dieser Abstimmung ereignete sich das merkwürdige Schauspiel, daß die Christlich sozialen die Sozialdemokraten darauf aufmerksam machen mußten, daß die Nichtzulassung eines Vertreters der jüdischen Religion gegen den Fricdensvcrtrag verstößt. den Die rumänische Judenschaft für die ukrainischen Heimhisen. Das Zeritralhilfskomitee für die ukrainische!« Flüchtlinge •Rumäniens veröffentlichte einen flammenden Aufruf an die rumänische Judensdhaft mit der Bitte irrt! onfervolle Hilfe für die jüdischen Flüchtlinge aus der Ukraine, die nadkt, hungrig und obdachlos dem Winter gcgciüibcrstchcn. Inslrcsondere madre die Evakuierung der Flüchtlinge durch die Regierung rasche Hilfe äußerst notwendig, Für 10000 Flüchtlinge werden Medikamente benötigt. Bloß zur provisorischen Unterbringung der Heimlosen, damit sie nidit erfrieren und vcrscuchea seien 20 Millionen Lei crforderlidu IltlR Die Frage der Staatsbürgerschaft in den Mandatsgebieten Reuter meldet: Eine Subkonimission, instehend aus Mitglieder!! der Mandatskommission des Völkerbundes, wird sich in der kommenden Woche «ach Paris, London und Brüssel begeben. Sie ist vom Rat des Völkerbundes beauftragt, sich über die Stellungnahme der Mamlatarmächte* zur Frage der Staatsbürgerschaft der Bevölkerunjr in den Mandatsläudern zu informieret». Es handelt sich utn die Erledigung־ dieser Frage in jenen Ueberseeländern, die früher zu Deutschlattd und zur Türkei gehört haben, jetzt aber von den Mandatarinächten namens des Völkerbundes verwalte! werden. Die Subkonimission wird einen Bericht verfassen, der dem Rat des Völkerbundes bei seiner nächsten allgemeinen Tagung vorgelegt werden soll. Die palästinensische Staatsbürgerschaft Jerusalem., 15. Nov. (J.C. B.) Bis unlängst wurden von der palästinensischen Regierung ״Laisscrs Passers“ ausgestellt, i!t denen in der Rubrik Staatsbürgerschaft ״palästinensisch“ du gesetzt werden soll. Die Konsulate lehnten jedoch die Vidierung־ solcher ״Laisser Passers“ ab. Die Regierittig bemüht sich daher um die Anerkennung der palästinensischen Staatsbürger- Schaft, trotzdem das Mandat noch nicht ratifiziert ist. Offiziell wird bekanntgegeben, daß in tulästina geborene Personen oder solche, deren Väter in Palästina geboren wurden, beziehungsweise jene in Palästina domizilierten Personen, die die Erklärt! ngabgeben, daß sie, sobald ihnen die Möglichkeit hierzu gegeben wird, die palästtaensische Staatsbürgerschaft erwerben wollen, in Zukunft als Palästinenser in ihren ״Laisser Passers“ bezeichnet werden sollen. Dies ist jedoch ein provisorische Maßnah me und prajudiziert keinesfalls irgendwelche Bestimmungen eines in Zukunft zu erlassenden speziellen Gesetzes über die Staats- Bürgerschaft in Palästina. Ganz Palästina fordert StoriV Rücktritt Jerusalem, 15. Nov. (J.C. B.) Die Vertreter aller bedeutenderen jünischen Institutionen in Palästina traten zu einer gemeinsamen Sitzung zusammen und beschlossen, dem High Commissioner ein Memorandum mit der Forderung nach sofortiger Suspendierung des Gouverneurs von Jerusalem, General Storrs, den die ganze öffentliche Meinung Palästinas für die Geschehnisse am l. November verantwortlich macht, zu übermittelr, Das Memorandum wurde von nachstehenden Herren unterschrieben: L. Ussischkin, Dr. Eder, Professor Pick, Dr. Ruppin und;!priuzak im Namen der Zionist Commission, Dr. Thon und Ben Zwi für den Waad Leutnq,Rabbiner Jakob Meir und Rabbiner Abr. Kuk für den Rabbinatsrat, Meyuhas, Schiller und Epstein, iw Namen des jüdischen Stadtrats .und Dr. Le w y für die Hidachduth-Hasephardim. Die Namen der Jerusalemer Opfer Die Liste der jüdischen Opfer in Jerusalem umfaßt •1 Tote tincl 21 Verwundete, derer! Namen und Alter wir folgen lassen: Getötet: Abraham Mesner aus Prszemysl (D Jahre alt), Aria Petcrfraind (25), Issnchar Zlolowitzky (36), David Gölten aus Marokko (45). Verwundet: Samuel Agony aus Saloniki (!<)), Rabbi Zalman Rubin (60), Meir Gölten l)ery (26), lsaac Snotmatt, Max Lubi c (33), Alexander Block aus Budapest (30), Stephen Turk (32), Reubcii Rap!» aus Polen (27), Simon S loh an, Moses Fischman, S. Pom e ranz aus Polen (21), Moses Wolf, Abraham Lev in (SO), Israel Ort stein, Jacob Seit wart» (21), Benjamin Sh tcm per (16), David Michad Schwily (50), Ury Bida (25), Gltrpra Epstein (18), Masel Cohen, Bertha Sibosch (27). Die arabische Delegation in London Mo uzג Ka 1 i rn Pascha El H u ss e i ni und andere Mitglieder der palästinensisch-arabischen Delt-gation empfingen am 15. November im Cedi-Hotel, London, eine Heilte von Gästen, wobei eine Erk Li rung über die arabische Sache in Palästina verlesen wurde. Lord Syclenham, der bekannte Antizionist, sagte, daß die gegenwärtige mächtige zionistische Bewegua־״ sichtlich mit der Zunahme des Einflusses der Jude«, auf die Weitpolitik übereinstimme. Die Zionisten dring» überall in die Verwaltung ein, und die Zionistische Kommission, die die ganze Verwaltung bedrohe, y*crde von außen kontrolliert und mit Mitteln versehen. (L. JZ. B.)