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Jüdische Rundschau · 1921-11-18 · Heft 92 (18.11.1921) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 92 (18.11.1921)
Date
1921-11-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 654 J U E DI SC H E RUNDSCHAU Nr. 82 Gesinnungsgenossen Der arme Nordaul ,Die französischen Antisemiten haben die Hetze gegen Max Nord au, welclie im Parlament vom royallstisdiery Deputierten Leon Daudet seinerzeit eröffnet wurde, wieder aufgenoininen. Sie verlangen unter Verbringung* wahnwitziger Beschuldigungen die Ausweisung des greisen Schriftstellers, der 1*unmehr zirka vierzig Jahre in Paris wohnt. ״L’Action francaise“, das Blatt der antisemitischen Royalisten, schreibt in einem Leitartikel,^ welcher von einem drohenden Angriffskrieg Deutsclir lands handelt, über Nordau: _ / ״Das Haupt der deutsch en Spionage ist der Jude Max Nordau. Er war im Kriege mit 'der, Durchführung der deutschen Propagauda in Spanien betraut. Im Januar 1021 hat der deutsche Generalstab, welcher trotz, des Versailler Vertrages noch immer besteht, Nonlau nach Paris zurückdirigiert, damit er die Faden der deutschen Spionage wieder erneuere. Er treibt unter dem Vorwand der zionistischen, Propaganda sein gefährliches Geschäft. Nordau hatte die Kühnheit, sein altes {Quartier in der Ruc Henner wieder aufzuschlagen. Als wir seinerzeit auf ihn auf• merksam machten, ist er verschwunden. Nun ist er wieder aufgetaucht. Er ist immer, und man weiß nicht warum, von Aristide Briand geschützt worden. Ney wn der ,Frankfurter Zeitung', Frischauer von der ,Neuen Freien Presse‘, Kahn und Nordau, diese vier Juden waren die deutschen Spione im Frieden. Ney ist gestorben, aber die anderen drei haben ihr altes Handwerk wieder aufgenommen. Warum duldet die Pariser Bevölkerung die Anwesenheit dieser vier jü- Bischen Agenten der Boches?“ Herr Erich Ludendorff, spiritus rector des dcutsehen monarchistischen Militarismus, schreibt in seinem neuen Buch ״Kriegsführung und Politik“ (das uns noch' beschäftigen wird) in einer Fußnote, die den Vernich;* timgswillcn des jüdischen Volkes gegen Deutschland illustrieren soll, folgende liefe Erkenntnisse nieder: ״Im Frühjahr 1020 wurde in San Remo die britische Regierungserklärung durch den Obersten Rat bcstiitigt. Mit der Sorge für das Land Israel ließ sich Großbritannien beauftragen. Es soll, nach Nahum Sokolow, die ganze politische Welt mit sich reißen. Da die Politik Dankbarkeit nicht kennt und Englandl stets eine starke Eigennutzpolitik getrieben hat, wird es für seine Haltung gute Gründe haben. 'Aus den Aeaße* rungen einiger Führer des jüdischen Volkes in Deutsch• lnnd ist zu entnehmen, wie befriedigt die bei uns leben!• den Juden von diesen Ereignissen waren. Lloyd George aber sagte: ״Ich zweifle nicht daran, daß die Juden der ganzen Welt mit Großbritannien Zusammenarbeiten werden... Er meint, beim ,Wiederaufbau Palästinas‘. Aber dieser Zusammenarbeit war eine solche auf dem Gebiet: der Weltpolitik vorntisgegangen. Am 12. Juli 1920 sagte der deutsche Staats* enge hörige, der Jude Nordau, auf der zioni■! stischen Massenversammlung in London nach der ״Jude Rdsch,“ 1921, Nr. 4: Die britischen Staatsmänner be- Kannen von■ Palästina als von der jüdischen Heimstätte zu sprechen und erwarteten von den Joden, daß sie verstehen würden, was ihre Pflicht ist. Wir verstanden und handelten demgemäß.“ * Es lohnt, diese beiden Aeußerungcn nebeneinander zu stellen. O armer Nordau, ärmeres Europa! 0rc|-Israel Rückkehr Dr. Eders Dr. Eder, der in den Sukkoth-Zwischenfeicrtagen nach Jerusalem zurückgekehrt ist, hat laut ״Doar Hajom“ die Leitung des Waacl Hazirim wieder übernornmen. Dr. Elia soll, der in der Zwischenzeit Dr. Eder vertrat, hat seine private Tätigkeit ala Rechtsanwalt wieder aufgenommen. Die Arbeitslage (J. P. Z.) Laut Bericht des ״Hapael-Hazair“ über die Arbcitsbge während der drei Monate Siwan, Tamus und Ab, machte sieh in der Zeit nach den jaffaer Unruhen in allen Kolonien die Tendenz bemerkbar, jüdischc Arbeiter statt der arabischen anzustellen. Während dies in anderen Kolonien nur teilweise gelang, standen Pctach-Tikwah und Chedcra ganz auf der Höhe und beschäftigten nur Juden, ln Petach-Tikwah betrug die Zahl der Arbeiter zeitweise 1200 Mann. Bei den öffentlichen Arbeiten, die durch die allgemeine Arbeiter- Organisation vergeben werden, waren 1700 Arbeiter besehiiftigt, die in Kwuzoth, Verbänden und Arbeitslegionen organisiert waren. Die Bautätigkeit hat während dieser Monate zugenommen, hauptsächlich in Tel- Awiw, wo dabei SÜ0 Arbeiter beschäftigt sind, darunter 130 beim Bau der Siiikatfabrik. In Haifa wurde im Laufe des Sommers nur in kleinerem MaÖstabc gebaut, insgesamt 15 kleinere und gar keine größeren Bauten, welche Bauten an die Habonch-ßaugcscilschaft vergeben wurden. Noch geringer war die Bautätigkeit in Jcrusalcm, Tiberias usw. Durch das Arbeitcrorganisations׳• büro wurden insgesamt 1664 Arbeiter eingestellt Die Jefüsalemer Wasserleitung (J. P. Z.) Die Regierung befaßt sich seit längerer Zeit mit der Frage der Wasser Zuleitung in Jcrusalcin. Ein spezielles Komitee, in dem einige Experten, darunter auch ein Vertreter der Gemeinde teilnahmcn, arbeitete unter Vorsitz des Kreisverwaltcrs einen Plan der Wasserleitung aus, der von der Regierung approbiert wurde. Die zur Durchführung nötigen Ausgaben, die vorerst auf 30 000 Pfund geschätzt wurden, konnten nach weiterer genauer Ucberpriifung des Planes auf 15000 Pfund reduziert werden, dank vorteilhaften Einknufcs des Materials und der dazu nötigen Maschinen. Die Stadtgemeinde, die keine übrigen flüssigen Mittel hat, nimmt eine Anleihe von 15 000 Pfund auf, deren Verzinsung und Amortisation auf 1500 Pfund sieh beläuft, zu deren Deckung die Hauszinssteuer um 1 0/9 erhöht werden soll. Alan hofft jedoch, daß es später durch Erhöhung der Einkünfte für Wasserzuleitung gelingen wird, diese Erhöhung der Hauszinssteuer wieder ermäßigen oder selbst gänzlich aufheben zu können. Der anglikanische Bischof von Jerusalem and der Zionismus Der Right Rev. Rennie Mc. Innes, Bischof von Jerusalem, hat an die Zeitschrift ״Palestine Wcckly“ unter Bezugnahme auf die Kommentare geschrieben, die die jüdische Presse zu seiner Londoner Rede vom 4. Oktober gemacht hatte. Die Rede war in den jiidisehen Kreisen als Angriff auf den Zionismus aufgefaßt worden. Der Bischof weist dies energisch zurück und gibt sich als einen Anhänger der jetzigen Politik der britischen Regierung zu erkennen. Wirtschaftlidbe Pat'asttna-Dacfiricht«!! (j. P. Z) hn August betrug der palästinensisch* Import 471625 und der Export 67302 Pfund,!w Tabak- und Schnupftabakzoll betrug 20 720 Pfund. Mit Bewilligung der Postvcrwallung in London habet! die palästinensischen Postbehörden die Au$lands״ebü11rt:1 um durchschnittlich 30 % erhöbt, um das Defizit (jCf Postverwaltung zu decken. Wie die ״Egyptian Gazette“ mitteiit, haben d,e ägyptische und palästinensische Regierung den Warenanstauschverkchr mittels Eisenbahn, mit dem vor einem Jahre begonnen um! der dann wieder unterbrochen wor. den war, wieder aulgenommcn. Beide Regierungen haben die Schadenersatzpflicht für eventl. Warenvcrlust auf sich genommen. Die Regierung hat eine Norm festgesetzt für di« Formalitäten bei Engagierung ausländischer Arbeiter. Danach wird die Ansteilungsbestätigung von dem Arbeitgeber unter Bestätigung von zwei Zeugen und eines Finanzinstitutes unterfertigt, auf Grund welchen Dokumenten der Waad Haair ein spezielles Formular ausstellt, von ihm und dem Bczirksvcrwalter unterschrieben, das der Reise- und Emigrationsabteilung in Jerusalem übermittelt wird, die von sich aus die Einreisebewilligung erteilt Zur Lage der russischen Flüchtlinge Genf. (J. P. Z.) Am 4, November fand im Palais des Nation* eine Beratung statt, bei der folgende Institutionen vertreten waren: Comitc International de la Croix rouge, Union Internationale de Secours aus Enfants, Ncar East Relief, Comite de Zeinstwos et des Vilies russes und Exekutive der jüdischen Wclthiliskonferenz (Zevvi Abcrson). Der ebenfalls eiiigdatluie Vertreter der ״Ica“, Lucicn Wolf, hat sich teicgraphisch entschuldigt. Der High Commissioner für russische Hilfsfürsorge, Frithjof Nansen, berichtete über die äußerst kritische Lage der russischen Fluchtlir.ge in Konstantinopel, da sowohl die französische Regierung, als auch das amerikanische Rote Kreuz ihre bisherigen Subventionen eingestellt haben. Nansen betonte, daß die Lage dieser Unglücklichen sich direkt katastrophal gestalten werde, wenn man nicht sofort an deren Evakuierung in die Tschechoslowakei herantreten werde. Es müßten energische Maßnahmen ergriffen werden, um sie vor dem Untergange zu retten. Der Vertreter der Jüdischen Weithilfskonferenz verwies darauf, daß die jüdischen Flüchtlinge in Konstantinopel in eine andere Kategorie als die anderen Flüchtlinge fallen. Es sind dies Emigranten, die nach Palästina oder Amerika auswandern wollen und cs sei Pflicht dieser vereinigten internationalen Aktion, die Mittel bercitzustellen, damit sie ihr Ziel erreichen können. Nansen erklärte, daß der Völkerbund keineswegs für diese schreckliche Lage der Flüchtlinge verantwortlich gemacht werden könne. Die Regierungen, die dem Völkerbunde die nötigen finanziellen Mittel verweigern, seien dafür zur Verantwortung zu ziehen. Er teilte auch mit, daß Luden Wolf im Namen der ״Ica“ dem Oberkommissariat 25 000 Schweizerfranken zur Verfügung gestellt habe und forderte die anwesenden Vertreter der philanthropischen Institutionen auf, diesen Fluchtlingen nach Kräften zu helfen Das Oberkommissariat befaßt sich gegenwärtig mit der Ausarbeitung eines Projektes, um die paßloscn Fluch»- linge mit den nötigen Papieren, die deren Identität feststellen, zu Versorgern Oskar Baum über Otto Weiainger (Ein Präludium) Am 20. November, so höre ich, wird Oskar Baum ln Berlin über Otto W c i n i n g c r sprechen. Gedankenbündel tauchen schnell in mir auf, lösen sich zu neuer Ordnung, sammeln sich um die beiden Namen; ich schätze ihre Schwerkraft, ihre Berührungsmöglichkeit ab, stürze den stärkeren Lichtkegel des jüdischen Problems über sie und überlege. Niemals wird ein Mensch über einen Menschen etwas zu sagen haben, der nicht geistig in ihm be* schlossen ist. Selbst wenn er sich gegen ihn stemmt — und also an den eigenen Gegenkräften die Kräfte des Gegners in sich erlebt; selbst wenn er ihn über* Vmnden hat — und ihn also in sich trägt, wie ein gewichtloses Stück Vergangenheit. Und niemals wird ein Dichter über einen Menschen etwas zu sagen haben, wenn es dem Dichter nicht um die Lebensintensität, um die Erscheinungsform, um den Sinn dieses Menschen zu tun ist. Deshalb wird Oskar Baum nicht gedankliehe Ergebnisse widerlegen wollen, sondern nur von der Menschlichkeit, das ist vom menschlichen Unglück, das ist vom Judentum Weiningers sprechen können. Zum erstenmal außerhalb des zionistischen Gedankenkreiscs bedeutete das Judentum eine besondere Stellungnähme zur Welt Für Weiniger war das Judentum nicht eine Summe von Vernunftlehren oder Verhaltungs- Vorschriften, sondern eine Angelegenheit der jüdischen Seele, besser des jüdischen Charakters. Das׳ Verhältrus zum Weibe war ihm, wie er selbst sagt, ein Spezialfall seines Verhältnisses zur Welt, wenn auch der leidenschalthdiste, verzehrendste. Das Weib ist seelenlos, ruft ,fr.״nmißer J"rostlosigkcit, es ist ohne Liebe zum Weltsinn, zur Ewigkeit, das heißt: ohne Erotik ״״V»“ e!״cLr tierischen Sexualität; an diese Sexualität frei ich glaubt es. Es müßte — von außer her - entweiht werden, um Mensch zu *ein. Völlig glaubenslos ist eigentlich nur der Jude (dessen Typus sich auch außerhalb des jüdischen Volkes finden kann), niemals ist er von einem Gott erfüllt, in seinen Erwägungen über die letzten Dinge rechnet er immer mit vielen Möglichkeiten, er kennt nicht die Leidenschaft des Heroen und nicht die Leidenschaft des Verbrechers; der Jude muß sich zuinnerst selbst entjuden, um Mensch zu sein. So wird Weininger zu einem Assimilantcn aus Metaphysik. Aber diese Ahnung, daß das Judentum eine secfische Richtung ist, und dieser Aufschrei nach Selbsthilfc setzen die gleiche menschliche Dynamik voraus wie der Zionismus, trotz des Gegensatzes in der Wirklichkeit. Darum erkannte Weininger den inneren Erlösungsdrang des Zionismus, wenn er auch über die innere Vergeblichkeit des Zionismus nicht hinauskam. Es war eigentlich nur ein schmaler Zwischenraum, der ihn vom Glauben an das Judentum schied, freilich ein abgrundloser: er, der Licbedürstige war der Liebeärmste. Er meinte, die Liebe durchschaut zu haben, weil er sie an Lieblosen prüfte und er war nicht liebend genug, um sogar über den Abgmnd einer bösen Wirklichkeit hinüberzusetzen. Oskar Baum muß für diese Tragik das deutlichste Empfinden haben. Kaum einer unter den jüdischen Kiinsttern liebt die Wirklichkeit so wie er, freilich nicht mit der Selbsttäuschung des Naturalisten, sondern mit der umwandelnden und schaffenden Kraft des Liebenden. Jedes seiner Bücher ist geschwellt von Geschehnissen und Ideen. Seine künstlerische Spannweite reicht vom Kino bis zur Metaphyisk. Denn er liebt die Wirklichkeit, wie man nur das Unsichtbare lieben kann, wie all das, was erst durch das Ohr gesiebt wird und er liebt es vielleicht auch darum inbrünstiger, weil seine menschliehe Tragik nicht erst im Metaphysischen beginnt. Und noch in einem Punkte mag er Weininger besonders nahe kommen: darin, daß das jüdische Wesen eine menschbeUliche Angelegenheit ist, die im jüdischen Volke nur am ursprünglichsten inkarniert ist Ich fühle aus Baums Romanen, wie er diesen Weg gehen wird: zu einem Zionismus, der von aller Oertlichkcit gelöst ist, der alle Volker ergreifen kann, zu dem aber heute kein Volk so berufen und so verpflichtet ist. wie das jüdische. Weiningers Kritik am Judentum trifft nur die un• jüdischen Juden seiner Zeit, ich sage dieses ״nur“, wie man von einer Schuld spricht, die an ihm bcgangen wurde und die sich schon lange rächt. Denn eine unersetzliche Oberschicht unserer Jugend kennt das Judentum lediglich nach Weiningers Kritik. Eine geistige Schuld wird nur von einer geistigen Tat gesühnt Oskar Baum könnte sie gelingen. Friedrich Thieberger. Glossen zum ״Dybuk'* Weder das literarische ״Gut und Böse“ kümmert uns, noch der ethnographische Wert der dramatischen Legende An-skys. Wir sind nur von den Emotionen eines Schauspielers aufgewühlt In der faulen Luft äes gegenwärtigen Theaters, wo für die tief denkende und scharf fühlende Individualität keine Nahrung ist wo der ewige Weltschmerz betäubt, der stolze Glaube an das Ebenbild Gottes zertreten ist, im Theater, wo von Sophokles keine Erinnerung, von Shakespeare keine Spur, von Schiller kein Strahl zu suchen ist erscheint uns An-skys Werk al9 Brücke zwischen heroischer Vergangenheit zur sonnigen Zukunft . . . vielleicht zur nahen. Wir vermuten, daß An-skys Werk für den Leser nichts weiter als ei!» Notenblatt ist Der Zauber seiner, harmonischen Motive wird der Masse erst der ״Sänger“ schenken. An den Darsteller, welcher sich nach schweren Aufgaben sehnt, dessen Herz und Hirn nach der Last von großen Rollen lechzt, an den Schauspieler ist unser Wort gerichtet

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