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Jüdische Rundschau · 1921-11-11 · Heft 90 (11.11.1921) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 90 (11.11.1921)
Date
1921-11-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 90 J U EDI SCH E RUNDSCHAU Seite Ö4J;1» i f. FISC Fbcrv des In- 1 ndcr* Inter-;s1ri.׳T »weit 1|0׳rie, |rolgt, itvicr- L der West- Tage!׳eben ץ«" K ״״ :]udci» Die zionistische Verfassung Von M. H '1 n d e s. Der Entwurf des Organisationsstatutes, den die Leitung dein Kongreß zur Annahme vorlcgte, enthielt eine interessante Neuerung. Uebcr dettf Entwurf heißt cs feierlich ״Die Verfassung der Zionistischen Organisation“. Die Organisation!,, kommission konnte sich für diese Neuerung nicht erwärmen und ließ den allen Kopf besiehe״•. Das Statut der Zionistischen Organisation. Bei der Ablehnung der Benennung ״Verfassung“ ging die Organisaiionskoimnission von ganz richtigen brwacungen aus. Seit der politischen Anerkennung der zionistischen Bewegung bewegte sich die Ent- Wicklung der letzteren auf der Lime gefährlicher Uebertreibiingen; sie suchte überall Analogien mit normalen Staatsorganismen und nahm öfter diese Analogien als Gleichungen an. Zahlreiche Zionisten glaubten, daß die Zionistische Organisation ebenfalls eine Art Staatswesen darstelle, und diese Verirrung wurde zur Quelle schädlicher Illusionen und manchmal auch gefährlicher Diagnosen. An• statt daß man den staatlichen Geist in das innere Wesen der Organisation hineinträgt, machte sich eine Tendenz bemerkbar, den Staat nach außen hin zu imitieren, was weder dem Prestige der Organisation noch den Interessen des Zionismus von Nutzen sein konnte. Die Organ'sationskommission, deren Aufgabe es war, die Harmonie und das Gleichgewicht in der Organisation wiederher/ustellen, mußte uns wieder zur wirklichen Perspektive zuriiekführen, und diesen vernünftigen Realisnms hat sie dadurch zun! Ausdruck gebracht, daß sie statt der feierlichen ״Verfassung“ das prosaiscltc ״Statut“ gebraucht. Aber die Organisationskommission selbst hat es nicht bemerkt, daß, wenn für die Außenwelt nur ein Statut der Zionistischen Organisation existiert, es sich nach innen um eine wirkliche Verfassung handelt. Die Organisationsfrage wurde auf dem XII. Kongreß unter ganz anderen Gesichtspunkten debattiert. Der XII. Kongreß trat an diese Frage von anderen Seiten heran, als cs die vorhergehenden Kongresse getan hatten: es handelte sich jetzt nicht um die Frage der technischen Organisierung der Kräfte, nicl t einmal um die Erziehung der zionistischen Massen, wie es Herzl und seine nächsten Anhänger verstanden haben; es war jetzt die Frage der inneren zionistischen Politik, die Frage der Rechte und Pflichten des gegenseitigen Verhältnisses der verschicdcnen Elemente der Bewegung. Wenn es richtig ist, daß die ״Verfassung“ ein System von Garantien ist, so war die Organisationsfrnge auf dem XU. Kongreß eine Vcrfassungsfrage, nicht im internationalen Sinne dieses Wortes, sondern innerpolitisch. Auf keinem der früheren Kongresse traten die verschiedenen Elemente der Bewegung in so voneinander abgegrenzten Rollen hervor wie diesmal. Niemals waren Zentrum und Fraktionen, Leitung und Kongreß so abgerundete Körperschaften wie in Karlsbad. Vielleicht war es gut, vielleicht war cs eine Folge der eie« mentaren Erfüllung der Forderung von der Machtcinteilung, die auf diesem Kongresse so deutlich zutage trat. Wie dem auch sei, es entstand von selbst die Frage des Gleichgewichtes zwischen den verschiedenen Parteien der Bewegung, die Frage der gegenwärtigen Garantien, und um diese Frage drehten sich eigentlich alle Organisationsdebatten. Von diesem Gesichtspunkt der inneren Politik und der verfassungsmäßigen Garantien aus betrachtete der XII. Kongreß die Organisationsfrage. Der Entwurf der Leitung stand auf der Basis des status quo. Die Opposition strebte die Unterwerfung der ausführenden Gewalt unter die gesetzgeberische Gewalt an; beide Gesichtspunkte kämpften miteinander, und als Folge dieser Kämpfe beschränkte der Kongroß beträchtlich die *ausführende Gewalt und unterwarf sie der Kontrolle der Bewegung. Er hat aber das Kontrollorgan nicht genügend befestigt, hat ihm zu wenig Macht und Starke gegeben, mit denen cs wirklich von seinem Kontrollrecht Gebrauch machen könnte. Um die Autorität der Bewegung als eines selbständigen Faktors innerhalb der Organisation, als den Träger der gesetzgeberischen Rechte und Machtquelle zu stärken, «nullte man vor allem den Kongreß stärken. Die neuen praktischen Aufgaben der zionistischen Bewegung sind dermaßen kompliziert und umfangreich, daß der Kongreß in seiner heutigen Gestalt nicht imstande ist, sie zu erfüllen. Der Kongreß ist eine Volksversammlung, die einmal in zwei Jahren tagt, jedesmal in einer anderen Zusammensetzung. Er war prachtvoll, so lange die Hauptaufgabe des Zionismus in der Propaganda lag. Nachdem aber der Zionismus diesem Stadium entwachsen ist, nachdem Politik und Wirtschaft seine unentbehrlichen Bestandteile geworden sind, muß die Rolle des Kongresses als eine festliche Veranstaltung zu einer Störung des inneren Gleich gewichtcs der Organisation führen, indem die Macht der Bewegung geringer ist als die der Leitung. Um diese Erscheinung zu verhindern, trat Schreiber dieser Zeilen mit einem Vorschlag hervor, der dem Kongreß mehr Stabilität verleihen sollte: der Kongreß müßte zu einer im Prinzip permanen ten Einrichtung werden. Seine Mitglieder sollten durch regelmäßige Wahlen für drei Jahre gewählt werden, der Kongreß sollte jährlich seine Session abhalten, und in außerordentlichen Fällen sollte auch eine außerordentliche Tagung einberufen wer■ den. Der XII. Kongreß lehnte diesen Vorschlag ab. Aus Besprechungen mit verschiedenen Gruppen und Richtungen konnte ich entnehmen, daß die Delegierten für eine ähnliche Reform nicht vor■ bereitet waren und sich nicht entschließen konnten, sie aus dem Stegreif durchzuführen, daß aber die Idee der Stärkung des Kongresses und seiner Auto rität nach innen wie nach außen als eines Faktors der äußeren Politik und eines Organs der inneren Kontrolle großen Anklang gefunden hat. Viele er■ klärten sich ganz einverstanden mit der Meinung, daß eine Stärkung des Einflusses des Kongresses nur durch seine Verwandlung zu einer im Prinzip permanenten Institution möglich ist, die in derselben Zusammensetzung für mehrere Sessionen gewählt wird. Die Frage ist also unentschieden geblieben, und der nächste Kongreß wird sich wieder mit ihr zu befassen haben. Ebenfalls mehr verschoben als abgelehnt blieben andere refonnatorische Vorschläge radikalen Charakters: der Vorschlag der Amerikaner wegen der Zusammenlegung des Großen Actions-Gocnites und der Jahreskonferenz in ein Organ von größerer Autorität und weiterer Befugnisse; der Vorschlag der Oesterreicher und der gesamten Opposition wegen der Verleihung des Rechtes der Ernennung und Absetzung der Exekutive an das A.-C. und andere. Aber auch die bescheidenen Reformen, die der Kongreß durchgeführt hat (Reduzierung der Mitglieder des A.-C., die Verwandlung des Präsidiums des A.-C. in eine permanente und selbständige Institution, die Erweiterung der Befugnisse des A.-C. und die Abschaffung des Stimmrechtes der Exekutive innerhalb des A.-C.) bewegen sich in der Richtung der Stärkung der verfassungsmäßigen Garantien, die für die Tendenz des Kongresses charakteristisch sind, ln der zionistischen Welt trat eine neue Erscheinung zutage, — der Kampf um die Verfassung, und der XU. Kongreß machte einen guten Anfang in diesem Kampfe. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Entwicklung der Organi- 1*sation sich auf dem Wege der Befestigung der verfassungsmäßigen Garantien und der Hebung der Autorität des Kongresses bewegen wird. Die nächsten zwei Jahre, die uns vom kommenden Kongreß trennen, müssen dazu benutzt werden, um die Frage der zionistischen Konstitution ausgiebig zu erörtern und für den zukünftigen Kongreß Entwürfe von Verfassungsreformen mitzubringen. Nur durch die Hebung der Autorität der Bewegung und die Stärkung seiner gewählten Vertreterschaft, nicht aber durch die Stärkung der ausführenden Organe wird die Entwicklung der Zionistischen Organisation und das Wachsen ihres Einflusses bewirkt werden. Die Tätigkeit de3 Pal äst in aenfwi dt! 1t rgsrates New York, 3t. Oktober. (J.C. B.) Der vor kurzem von der Brandeis-Gruppe begründete ״Palästinaentwicklungsrat“ (Palestine Development Cotuv eil) hat in New York, Baltimore, Pittsburg, Clevelanck St. Paul und Minncapolis Zweigstellen errichtet. Weiler werden Zweigstellen in Buffalo, Provitlencc und Pinta» delphia eröffnet. Einer Erklärung des Sekretärs de* Rates, Mr. Jacob d e H a a % zufolge, planen diese Zweig« stellen zusammen mit der Zentralorganisation in New York einen energischen ״drive“ zur Unterbringung voa 800 000 Dollars an Vorzugsaktien der Palästina Kooperativgescllschaft, deren Zweck in der Schäftung und Erweiterung der Kreditmöglichkeiten Ln Palästina bestellt. Dieser Betrag soll auf eine Million Dollar er« höht werden, wovon ein Fünftel bereits auf der Pitt*• burger Organisationskonferenz im Juli d. J. gezciclmet wurde, ln New York wurde ein besonderes Komitee zur Verbreitung dieses ״drives“ eingesetzt. geschrieben und dadurch für Westjuden noch ganz besonders wertvoll. In keinem Buch habe ich noch soviel Möglichkeiten für den Westjuden gefunden, zum jüdischen Schrifttum der Vergangenheit das so wichtige lebendige Verhältnis zu finden. Hat Buberden meisten unter uns zum erstenmal den a k t u e 11 c n Wert der Bibel sehen lassen, so kann Brod dieses Verdienst für die talmudischc Literatur für sich in Anspruch nehmen. Die Zitate aus dieser Literatur bilden sicher den wertvollsten Teil der großen Materialiensainnihing, die dem Buch selbst ohne seine theoretischen Ergebnisse einen ungeheuren Wert verleihen würde. Hier ist auch die .Rekonstruktion des Liedes der Lieder zu nennen, ■wobei der köstliche Humor, mit dem die in ihrer Ahnungslosigkeit unvergleichlichen Methoden der protestantischen Bibelkritik gegeißelt werden, nicht vergessen werden soll. Jedem Verständigen muß klar sein, daß ein solches Werk, das von den Fragen des allergewöhnlichstent Lebens (z. B. im Tagebuch des neunten Teiles) zu den höchsten Höhen führt (z. B. Seite 205 ״Es ist unmöglieh zu lebet» außer durch Wunder. Aber kein Wunder ohne Leidenschaft.“), daß ein solches Werk also in einer Besprechung auch nicht annähernd vermittelt werden kam», im Grunde genommen hat übrigens jede Besprechung den Zweck, das Lesen überflüssiger Bücher zu ersparen, «oder das Leser» wichtiger anzuregen. Hier soll zum Lesen nur noch eine Hilfe geboten werden. Davon war schon die Rede, worin Max Brod die besondere Lebenseinstellung erblickt: In dem Weg über der Diesseitsfortsetzung des Heidentums und der Diesseitsverneinung des Christentums. Die Charakterisierung dieser beiden, dem Judentum entgegengesetzter Lebenseinstcllimgcn (für das Christentum 'im 9. Teil, für das Heidentum im H. Teil) bilden den aktuellen Kern des Buches. Ihr größtes Verdienst ist cs, daß schon bei ihrem Lesen die Lcbenscinstellung des Juden von selbst als Gegensatz zu schwingen beginnt Dieses Schwingen wird noch verstärkt durch die genial gewählten Auslührungen aus der jüdischen Literatur, wie in der angeführten Rekonstruktion des hohen Liedes und;:eben vielen andern vor allem in der Legende von Rabbi Simon bar Jochai (im 6. Teil), wo auch (1. Band S. 229) die wunderbare Formulierung stellt: ״Nur durch ein Wunder ist das möglich. (Nämlich klug wie die Schlau- Ren und ohne Falsch wie die Tauben zu sein.) Und dieses Wunder des verlorenen und wicdcrgcfundcnen Diesseits siebt im Mittelpunkt des Judentums, wie im Mittel- Punkt des Christentums die Sorge um ein verlorenes und wicdergcfumlcncs Jenseits stellt.“ Aber nur ein paar Zeilen früher ist auf den Unterschied zwischen edlem und unedlem Unglück angcspiclt, der für Brod von großer Bedeutung zu sein scheint, meines Erachtens aber die klärende Wirkung des Buches mehr beeil» t rä ch tigt als fördert. Der Rat, beim Lesen des Baches diese Unterscheidung trotz der entgegengesetzten Anschaumig des Verfassers als etwas Peripherisches zu betrachten, ist die beste Hilfe, die man dem Leser bei der Lektüre des wunderbaren Buches leisten kann. Mir scheint, daß Brod in diesem Punkte das Opfer allzu« großer Begriffliclikeit geworden ist, daß aber für den Kern des Buches diese Bcgrifflichkeit viel peripherischer ist, als er selbst es wahr haben will. Sonst könnte sich neben vielem anderen in dem Buche nicht die grandiose Gegenüberstellung des Europäers Petrarka, der ״vom Leben müde, doch nicht satt“ ist (I. Band Seite 275) und der jüdischen Bibel finden, deren Patriarchen ״alt und lebenssatt“ sterben. Daß hier Brod an einen Gegen• satz rührt, den jeder primitive Jude empfindet, wenn er in eine christliche Kirche tritt, aus der ihm statt Heiligung des Diesseits Verneinung des Diesseits entgegenströmt, das beweist, daß an Btods ״Heidentum, Christentum, Judentum“ die Tiefen der Volksseele mitgeschaffen haben und daß es daher auch zü den Tiefen der Volksseele zu reden imstande ist. Ch־. Oskar Epeteia Literarische Mitteilungen <(J. P. Z.) Um die in der* letzten Jahren in den verschicdcnen Ländern gegen die Juden begangenen Greueltaten vor den Richterstuh! der Kulturwelt zu bringet* haben sich unter Leitung von Redakteur Jakob Kraus» in Wien bedeutende jüdische Schriftsteller und Gelehrte zusammengetan, die Lnde dieses Jahres ein als Anklage- Schrift gedachtes Simmelwerk ״Martyrium“ V.erausgebcn werden, in dem Rechenschaft für das Leben der unschuldig hingemordeten Juden von der Welt gefordert wird. ״Martyrium“ ist als Geschichtswerk ersten Ranges gedacht, eine Sammlung einwandfreier Dokumente des Judenhasses in der traurigsten Epoche der Zivilisation. Das reich illustrierte Werk, das die besten jüdischen Schriftsteller, die bekanntesten Künstler, zu seinen Mitarbeiten« zählt, wird an alle Staatskanzleien und an die politischen Führer aller Länder unentgeltlich zugeschickt werden. Nach den Feiertagen 9011 in New York ehe hebritische Zeitung ״Hadoar“ (Die Post) zu erscheinen beginnen. Das Fehlen einer hebräischen Tageszeitung machte sich in Amerika schon seit langer Zeit fühlbar, und es ist zu hoffen, daß mit Hilfe der Beteiligung der besten, derzeit in Amerika befindlicher» hebrätschen Schriftsteller der neuen Gründung lange Lebensdauer beschießen sein wird. Die Redaktion fuhrt M. L1 p s o n unter ständiger Mitarbeit von Brainin, Bcrkovvitz, Abraham Goldberg, Dr. Turow, Dr. Melarned und Dr. Syrkin. Laut vorliegendem Prospekt soll die Zeitung parteilos sein, gewidmet der Renaissance des Volkes, des Landes und der Sprache. Eine punktierte Scparatbeilage für Schulkinder ist vorgesehen Das Ab-Heft des ״Haschitoach“ enthält u. a. folgende Beiträge: Dr. Waldstein: ״Soziologische Forscher in der uralten Geschichte“, eine Erzählung von Mordechat Ben Hilel Hakohen, Prof. Dr. Sam ne! Krauss• ״Kaiser Hadrian, der erste Erdforscher“, Assaf: ״Das Wachstum oer jüdischen Zentren in der Epoche der Gaomm , Dr. Klausner: ״Unsere Literatur“, Moses Smlraw^,-*"410«Ja1-rC 1 der Bilu), Haraaschkif über die Lage un Lande n l m.

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