Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 88 (4.11.1921)
- Date
- 1921-11-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 026 JUEDISCHB RUNDSCHAU Nr. 88 Vergangenheit und seinen religiösen Verknüpfungen nicht als ״Interessensphäre“ bcluuKlelt werden kann, der Anspruch somit einer ״historischen“ Begläubigen״ bedarf, wie sie keine der Mächte aufzubringen vermag. Dieser Zustand einer allgcmeinen Rivalität ohne möglichen Ausgleich hat zur Folge, daß das Land dein Türkischen Reich belassen wird. Dies kann aber nur solange dauern, bis der Ausbau der weltwirtschaftlichen Position Palästinas, zu dem dieses Reich unfähig ist, nicht länger aufgeschoben oder aber der Zerfall dieses Reiches nicht länger aufgchalten werden kann. Was dann? Die Mächte werden sich darauf einigen müssen, Palästina dem einzigen Volke zu übergeben, daß erstens einen geschichtlich beglaubigten Anspruch darauf anzumelden vermag und zweitens befähigt ist, cs im Einvernehmen mit den Mächten zur weltwirtschaftlichen Position auszubauen. Daraus ergab sich für Herzl die politische Aufgabe des Zionismus: den Anspruch des jüdischen Volkes auf Palästina anzumelden und der Rivalität der Mächte gegenüber in unbedingter Un- Parteilichkeit zu verharren. Daneben sollte mit dem Türkischen Reich über ein akzeptables Provisorium (Herzl dachte immer über die Türkei hinaus), den sogenannten Charter, verhandelt werden. Von diesen drei Punkten beruhten die zwei ersten auf politischer Erkenntnis, der dritte — es könne ohne die Basis einer vorhandenen starken Stellung über mehr verhandelt werden als über die zur Sicherung der kolonisatorischen Arbeit notwendigen Minimalbedingungcn, — beruhte wie gesagt auf einem folgenschweren Irrtum. Die Politik der Chowcwe Zion war eine einseitig präpnratorische gewesen: Vorbereitung von Volk und Land — Erziehung und Kolonisation. Die Politik Herzls war eine einseitig proklamatorische: öffentliche Anmeldung des Anspruchs; sie unterließ bewußt die vorbereitende Arbeit. Die demokratische Fraktion entwarf die Synthese. Sie bejahte die Proklamation — nur daß sie sie mehr an die Adresse der dauernden Völker ais an die der wechselnden Regierungen (gerichtet sehen wollte —, sie forderte aber die reale Arbeit als ihre Grundlage und vor allem als die der diplomatischen Aktionen, die nur insofern Erfolg haben könnten, als sie sich auf das Geleistete stützten und nur seine rechtliche Anerkennung verlangten, und die der realen Arbeit nur um einen Schritt vorangchen dürften: den zur Sicherung ihrer Bedingungen notwendigen. Nach Wolffsolin — der die Fortsetzung von Herzls Politik ohne Herz! bedeutet, mit allem Positiven und Negativen, das eine solche Fortsetzung cinschließt — wurde die synthetisclie Parole der Fraktion zur herrschenden. Reale Arbeit begann, freilich mit unzureichenden Mitteln und ohne entscheidende Initiative. Auch in dieser Zeit blieb Herzls Methode der weltpolitisch überparteilichen Proklamation unberührt bestehen. Auch noch als 1914 plötzlich eine wclipolitische Parteiung da war, wie sie ein Jahrhundert lang nicht bestanden hatte, versuchte die zioinstisehe Leitung der Methode Herzls treu zu bleiben. Sic vermochte es nur so lange, bis der Führer der einen Partei, der Hauptspider im Kricgsspicl, die Hand nach Palästina ausstreckte. Da glaubte sie die Voraussetzungen von Herzls Politik — seine Grundauffassung von der unentschiedenen Rivalität der Mächte in Palästina — nicht länger aufrecht erhalten zu können und gab mit ihnen auch seine politische Folgerung — die Überparteiliehe Proklamation — auf, nicht minder jedoch das politische Programm der demokratischen Fraktion, eben jenes, das wir als den ״synthetischen“ Zionismus zu bezeichnen pflegen. Jüdische Landwirte in Südafrika (J. P. Z.) Der Korrespondent des ״Jewish Guardian“ berichtet: Die erste Siedlung jüdischer Einwanderer in Südafrika war, wie überall zur Zeit des großen jüdischen! Wanderstroines, eine städtische. Die Juden suchten hauptsächlich die Städte auf, widmeten sich dem Handel und den freien Berufen und haben auf beiden Gebieten bleibendes geschaffen. Seit einigen Jahren zeigt sich eine Bewegung unter den eingewanderten Juden Südafrikns, welche eine Abwanderung aus den Städten auf das Land und eine starke Neigung für landwirtschaftliche! Betätigung im Gefolge hat. Im Verlauf weniger Jahre schon haben diese jüdischen Landwirte eine ganze Umwälzung hu landwirtschaftlichen Betrieb hcrucigcfülirt. Ihre moderne Art, den Boden zu kultivieren, hat auch auf die Buren cingewirkt, denn die Juden lieferten den Beweis, daß unter ihrer Verwaltung selbst diejenigen Bodcnflächen, welche die Buren bei größter Kraternstrengimg nicht produktiv zu gestalten vermochten, f nachtbar gemacht wurdet!. Einer der bedeutendsten und erfolgrcichsten jüdischen Landwirtpionicre in Südafrika ist der aus Rußland eingewanderte Jude K a f i n o w i t scIv. Vor einigen Monaten besuchte der Ackerbauminister auf einer Inspektionsreise au di die Wirtschaft des Kafinowitsch. Als er seine außerordentlichen Erfolge sah, berief ■er sämtliche Burenfarmer des Distrikts auf das Gut Kafinowitsdi' und hielt an sie eine Ansprache, in welcher er u. a, sagte: ״Sdiaut hier utn euch! Seht, was Kafinowitsch zuwege gebracht, welch außerordentliche Erfolge er erreicht tust und lernet v-on ihm! Er soll ein Muster und Beispiel für euch sein, arbeitet so, wie er, lieliaudelt den Boden, wie er es getan und 'ihr werdet genau so erfolgreich sein, wie er es ist!“ Dieses Lob war auch berechtigt, denn Kafinowitsch' Besitzung b-esteht nahezu ausschließlich aus solchem Boden, den die früheren Besitzer als unbrauchbar für die Urbarmachung bradi liegen ließen. Ein anderer Jude namens Lurie gilt als Kartoffelkönig, weil er dieses wertvolle Volksnahrungsmittcl besonders produktiv und intensiv kultiviert und gleichfalls seinen Nachbarn wertvolle Anregütigen auf diesen! Gebiete gab. Es bilden sich in Südafrika schon jüdische Farm er verbände, die sich zu einer Gemeinde vereinigen und alle Einrichtungen für «in jüdisches Gcmeindclcbcn einführen. Gewiß hat es auch hier manchen mutlosen und wenig ausdauernden Juden gegeben, der nach manchem mißlungenen Versuch nach Johannesburg zurückgewandert ist. Auch die Frauen der jüdischen Farmer haben sich, obzwar sie vorher an das Johannesburger Großstadtleben gewöhnt waren, in die Landwirtschaft cLnfidcbt, an welcher sie aktiv teil• n dunen. Wirtschaftliche statistische Daten aus Palästina Der palästinensische Mitarbeiter der ״J. p. Z." be״ richtet: Der bisherige Leiter der Handel sabteilung bei der palästinensischen Regierung, Harari, überreichte einen allgemeinen Rccber.scliaftsbericht über das ab״«- laufene Finanzjahr (1. April 1920 bis 31. März 1921) aus dein wir folgende Daten wi cd ergeben. (Die Zahlen beruhen auf statistischen Aufnahmen und amtlichen Schätzungen, die, natürlich unter Berücksichtigung des noch primitiven Zustandes der palästinensischen Statistik, als ziemlich genau angenommen werden dürfen.) Danach umfaßt Palästina in den gegenwärtigen Grenzen eine Fläche von zirica 3000 Quadratmeter» mit 700 000 Einwohnen* von denen ungefähr ein Drittel in 22 kleineren Städten und großen [Dörfern wohnen. Obwohl de Landesbedingungen noch ziemlich primitiv sind, beginnt man doch mit der Anwendung neuer Methoden, um das Land größerem Fortschritt und Entwicklung zuzuführen. Dem Lande mangelt es an Einwohnern und Arbeit, an Kapital und Handel, jedoch haben die Dorfkreise nicht viel mehr Bedürfnisse als sie selbst hervorbringen. 1 Was die öffentlich e Schuld betrifft, go wurde ein Teil der palästinensischen Einnahmen, wie in allen Ländern, die zum türkischen Imperium gehörten, zur Deckung der öffentlichen ottomamschen Schuld verwen. det. Statt dessen bestimmte der Vertrag von Scvres eine festgesetzte jährliche Summe, die sich gegenwärtig auf 200000 £ beläuft. Nach Ratifizierung des Mandates soll eine Anleihe aufgelegt werden, zur Deckung der wichtigsten Investitionen. Was die Einnahmen und Ausgaben betrifft, 90 umfaßt das Finanzjahr die Zeit vom 1. April bis 31. März. Da das Land am 1. Juli 1920 von der militärischen zur Zivil-Verwaltung übergegangen ist, ergeben die Zahlen für die Periode von 1920/21 kein ganz richtiges Bild vom Stand der Dinge. Ein genaueres Bild ergibt sich aus dem für das Jahr 1921/22 aufgestclUcn Budget. Danach belaufen sich die Einnahmen auf 2 214 047 £ und die Ausgaben auf 22S&123 £; es ergibt sich also ein Defizit von 72 036 £, Das Jahr 1920/21 dürfte mit einem Ueberscliuß von 75 000 £ Abschlüßen, aus dem erwähntes Defizit gedeckt werde» soll. Hauptausgaben: Eisenbahnen ........ . 745 579 £ 33 <1/0 d. Gesamtausg. Post, Telegraph und Telephon Ocffcntliehe Sicherheit ״ 526 149 ״ ,׳> 5 und Schulen ״ 6-12 216 10 «A VoIksgesunJhcit M2SS5 ״ 6 <y6 ״ Erziehung . . ....... 103 0C0 ״ 5»/0 Ocffcntlichc Schuld . ״ 000 210 V<¥0 Hauptsächlichste Einnahmen: Bahnen . 770 ÖCQ £ 35 °/0 d. Gcsanateina Post, Telegraph und Telephon ........... ״ 334 142 6 0/0 ,. Zölle . ..... ״ 943 453 20 0/0 Konzessionen, Akzise u. innere Einnahmen,.... 617 225 23 ״ °fc ״ Was die Steuern anlangt, ist bis auf geringe Ausnahmen noch das türkische Steuersystem in Kraft. Was den Geld verkehr betrifft, so gibt cs in Palästina noch keine Börsen für Wertpapiere und Waren. Der Finanzmarkt ist noch nicht organisiert, ln der ersten Hälfto 1920 versuchten reiche Kaufleute, Valutaspekulationen mit Mark. Rubel u. a. im Werte gesunken-en Valuten. Vorderhand besteht noch kein einheitliches Münzsystem״ Gesetzliche Zahlungsmittel sind: Wechsel der ägyptischen Bank, wie auch ägyptische Gold-, Silber- und Nickel- Aus der hebräischen Literatur Das wichtigste Ereignis in den hebräischen Literatur■ kreisen in der letzten Zeit ist zweifelsohne der Aus zug von Bialik und seiner Freunde aus Rußland wo sic in den letzten Jahren viel und produktiv ge arbeitet haben, wo sie aber keine Möglichkeit hatten ihre Werke zu veröffentlichen. Die bereits seit langen von verschiedenen Seiten gehegten Pläne für die he■ bräischc Literatur werden jetzt eine kräftige Förderung erfahren. Bis zur Erfüllung dieser Pläne bleibt de, Verlag Stvbcl auf dem hebräischen Büchermärkte doini nierend. Sowohl qualitativ wie auch quantitativ gehör jetzt Stybel der Löwenanteil an der Produktion an he braischen Büchern. Man mag einzelne Stybclausgabci beurteilen wie man will: man mag vieles an der Leitun{ des Verlages bemängeln. Ueberschaut man die Füll der von Stybel herausgegebenen Bücher, bedenkt man mit welchen Schwierigkeiten und gewaltigen Kosten di prachtvollen Ausgaben verbunden sind, so wird mai nicht umhin können, den Verlag von A. J. Stybe mit Bewunderung und Dank zu erwähnen. Zumal e sich hier nicht um ein geschäftliches Unternehmen, son dem um die Tat eines Mäzens handelt, der in diese »»-t.Uns UIK* ganze Welt schweren Zeiten kein Muhe gescheut hat, um dem hebräischen Leser hebräisch .Bücher zuzuführen. ,Sc,tM d׳״lctz!en Besprechung in diesen Spalte (siehe Nr. 46/17 der ״Jüdischen Rundschau“) sind b< reits zwei weitere Bände von ״Hatekufa“ (die Epocht S"e־״?* •״!״sc den Charakter der Literaturmagazir Irherkt« *י״״' יי»11.“01"־» ein reiches bun scheck!gCs Matena!, das jeder Oattung von Lesern etw; bringt. Der zehnte und elfte Band unterscheiden <ü erammtSkV?n dhen vorhergehenden. Sie haben kein Pr. gramm, keine bestimmte Richtung, sie wollen den Lee, nicht erziehen, sie wollen bloß •ein Bcdürfnk ״■? guter hebräischer Lektüre befriedigen. Oder vielmeh sie wllen den Schriftstellern die Möglichkeit gebS ihre Werke zu veröffentlichen. Es sind daher mehr literarische Sammeltransporte von Schriftsteller zu Leser. Nur so kann man die Fülle von Gedichten erklären, die diese Bände enthalten (im zehnten Bande zirka 151) Seiten von 52S Seiten, im eliten zirka 100 von 512 Seiten). Auch verlieren dabei die wissenschaftlichen Arbeiten, zwischen Gedichten eingeklemmt, ohne Registcr, an Wirkung. Es fragt sich, «b es nicht besser wäre, den Umfang der Bände zu verringern, sich mehr auf originale Schöpfungen zu beschränken und die wissenschaftUchcn Arbeiten in Sonderbänden herauszugeben, da sie doch nicht für alle Leser bestimmt sind. Der Absatz der Bücher zeigt allerdings, daß sich die Leser dein Willen de9 Verlegers beugen. An der Spitze dieser beiden Bücher stehen die ersten zwei Teile des Romans von Bin-Gorion ״Mirjam“. Der Roman ist noch nicht zu Ende und es läßt sich daher über ihn vorläufig nur das sagen, daß er in gesteigerten! Maße alle Vorteile und Nachteile des Romans Dyi בסתר im neunten Bande besitzt, von dem bereits liier die Rede war. Der Meister der kleinen und kleinsten Skizze, der Wiener G. Schoffmann, hat hier nach langem Schweigen uns wiederum eine Anzahl kleiner Perlen seiner Feder geschenkt. Agnon hat im zehnten Bande eine seiner Anekdoten aus Seheb esc 11 erzählt. Diesmal ist ihm die Anekdote nicht besonders gelungen. Meisterhaft wie immer in der Sprache, verstrickt er sich in der Aneinanderreihung der Ereignisse und wird unnatürlich. Der junge Kritiker Scli. Streit aus Petach-Tikwah hat hier einen vielversprechenden Versuch mit einer feinen Erzählung aus dem palästinensischen Leben gemacht, in der er cs verstanden hat, Künstler zu bleiben und nicht in den Ton patriotischer oder Parteiliteratur mancher palästinensischer Schriftsteller zu verfallen. Der Dichter D. Schimonowitz schließt die Abteilung mit der Fortsetzung seiner im siebenten Bande begonnenen ״Halbphantasien“. Im elften Bande erzählt Steinman, dessen Produktivität ia der letzten Zeit erstaunlich gewachsen ist, einige schauerliche Geschichten aus der Ukraine. Er steht aber den Ereignissen noch zu nahe, und cs fehlt ihm die nötige Distanz, um das Erlebte künstlerisch erfassen zu können. Ebenfalls irogelungen ist die Erzählung von K i m c h i. Eine kleine Erzählung von Jacob R a b 1 n o w i t z und eine Sage von Friedmann schließen den erzählenden Teil des elften Bandes. An Uebersctzungcn bringen die zwei Bände die ausgezeichneten Arbeiten von Fichraann (״Römische Elegien“ von Goethe) und W o 1 - fowsky (Vier Uhland sehe Balladen) sowie das große Poem von Arnold (Sohreb und Rasten) in der Ucbertragung von H a I k i n. Besonders wertvoll von diesen zwei Bänden ist der wissenschaftliche Teil. Im zehnten Band beginnt Dr. Simchoni sein großes originales Werk über Ibn Gabirol, das in den folgenden Ausgaben fortgesetzt werden soll. Auch S. J. Hurwitz beginnt einiges aus seinen in Rußland während des Krieges und der Rcvolution an den Hochschulen zu Charkow hervorgegangenen Arbeiten zu veröffentlichen. Hier ist er mit einer Arbeit über Bach ja und seinem Buche Die ״Herzenspflichten“ «חובות הלבבות) erschienen. Der gekürzte Text soll in seiner Bearbeitung demnächst beim ״Jüdi« schon Verlag“ erscheinen. Hurwitz ist kein trockener Wissenschaftler. Er wählt immer solche Motive, die in gewisser Beziehung zu seinen soziologischen Anschauungen und insbesondere zu seinen Ansichten über das Judentum lind sein Schicksal stehen. Die außerordentliehe Verbreitung und Beliebtheit dieses Buches erklärt Hurwitz dadurch, daß Bach ja der einzige war, der die jüdische Religion von allen anderen Elementen als die rein religiösen befreit hatte, so z. B. findet sich im ganzen Buche nichts über die messia nisehen Ideale des jüdischen Volkes und nicht ein einziges Mal wird dort Zion oder Jerusalem erwähnt Der bekannte Forscher des jüdischen Mystizismus! ׳ 1 und des Chassidismus; Dr. S. Horodezki, desse«