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Jüdische Rundschau · 1921-11-01 · Heft 87 (1.11.1921) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 87 (1.11.1921)
Date
1921-11-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Zeigen doch diese Beschlüsse, daß ein ernstes Bestreben vorhanden ist, die Wirtschaftliehen Aufgaben der zionistischen Bewegung auch wirtschaftlich zu behandeln, indem sie einer fachmännischen Organisation unterstellt werden. Die Natio!1alfomls-Resoluti״nen des Karlsbader Kongresses haben den Beschluß der Londoner Jahreskonferenz 1020 bestätigt, den Nationalfonds zum Träger der jüdischen Bodenpolitik in Stadt und Land Ercz-Israels zu machen. Alitier seinen durch eigene Sammlungen sich jährlich vermehrenden Einnahmen (1920 fast 10 Millionen Francs gegen 1 Million Francs in 1913) sollen ihm 20 0״ der Einnahmen des Keren Hajessod zufließen; das wären bei der erwarteten Jahres- Einnahme von 1 >/״ Millionen Pfund Sterling im Jahre 1921/22 allein schon 300 000 Pfund Sterling. Daß es sich hierbei um das dringende praktische Bedürfnis handelt, jederzeit Gelder genug in Hauden zu haben, um bei eventuellen Landangeboten zu vernünftigen Preisen schnell zugreifen zu können, ist auch für den Fernstehenden plausibel. Haben doch größere, letzthin getätigte Laiulkäufe die gewohnlichen Spendeiieingänge schon für Jahre hindurch im voraus festgelegt, so dal! für neue größere Käufe auch neue große Mittel aufgebracht werden müssen. Der auf dem Kongreß erstattete Bericht des Naiionalfonds zeigt zwar aufs deutlichste, daß diese Institution i 111 letzten Jahre schon recht großzügig gearbeitet hat (wenigstens im Verhältnis zu den früheren Jahren und in Anbetracht der bcschränkten Mittel), da sie doch den jüdischen Landbesitz in Erez-Israel in diesem einen Jahre ungoführ auf das Vierfache steigern konnte. Aber was wollen die 7000 Hektar Landbesitz des Nationalfemls besagen im Verhältnis zu der Gesamtfläche Palästinas, die etwa vicrliunderlmal so groß ist? Es werden also ganz bedeutende Gelder bereits für die nächste Zukunft zum Zwecke des Landkaufs benötigt, und hierzu beizusteuern, werden sich auch Nielrtmitglicdcr der Organisation 1111schwer entschließen, wenn man die Propaganda in richtiger Weise betreibt. Hierzu sowohl wie für die Verwaltung und den Zukauf von Ländereien wird jedenfalls auch der Beschluß des Kongresses vorteilhaft sein, die Leitung des Nationalfonds nach Palästina zu verlegen. Aber mit dein Landkauf allein ist es nicht getan. Ist zwar die Ameiionierung der Böden gleichfalls Sache des Naiionalfonds, so verlangt doch die eigentliche Kolonisationstätigkeit ihre besonderen Fonds. Daß diese, und zwar in verliältnismäßig bedeutender Höhe, budgetmäßig zur Verfügung gestellt werden, ist das besonders auszeichnende Merkmal dieses Kongresses gegenüber den früheren. Bis zum Wiener Kongreß galt noch die alte, auf Herzls Zeiten zurückgehende Theorie, daß die Zionistische Organisation nicht kolonisieren, : sondern nur die Bedingungen dafür schaffen solle, und bis dahin glaubte mau auch, diese durch Landkauf schon in hinreichendem Maße geleistet zu haben. Daher war man gezwungen, nachdem die genossenschaftliche Farm sich aufgelöst und das Lehrgut versagt hatte, und Dauerpächter, die über genügend Betriebsmittel verfügten, sich nicht gemeldet halten, Nationalfondsländcreieri an Genosscnschaftc» in Pacht zu geben, denen nicht nur das Inventar, sondern auch die Betriebsmittel vorgestreckt werden mußten. Mit diesem verwertliehen und unreutabelen System und dadurch mit j der ganzen Theorie soll von jetzt au gebrochen 1 werden. Deshalb ist mit dem Karlsbader Kongreß! die Periode zionistischer Kolonisation cingcleitct. p Berliner Zionistische Vereinigung 5 : ־׳״ ־־׳"׳״ -ן p Montag, den 7. November, 3 Uhr : I Oeffentliciier Vortragsabend j 1: Im Oberliotitszal der Philharmonie, Born- :1 §: burger Str. 22/23 am Potsdamer Plats : j | Br. Sclimarja Leivin: I er Orient irfdtkriege“ j : Eintritt 5.— Mk, Vorverkauf: Zionistisches Büro: :1 |: Seydelstr.3, Buehksmlhmg: ״Ewer",K11esebeck»tr 64/65.;1 Freilich kann mit den hierfür in diesem Jahre vorgesehenen 300000 Pfund Sterling noch nicht allzuviel geschaffen werden, zumal da es sich im wesentlichen ja um Ansiedlung mittelloser Landarbeiter, Legionäre und Jemeniten handelt. Große Teile dieses Budgets sollen ferner zur Ueberführung von Chaluzim und neuen Einwanderern zur Landwirtschaft sowie zur Erprobung neuer Kolonisationsnictliodcn verwendet werden; kleinere auch zur Aufforstung, Anstellung von Instruktoren, Begutachtung durch Experten, sowie für landwirtschafüichc Untersuchungen und Versuche. Aber hiermit sind die vom Kongreß für die Kolonisation bewilligten Gelder noch bei weitem nicht erschöpft. Auch der Arbeits- und Ausrüstungsfonds für bereits im Lande befindliche Einwanderer in Höhe von 50000 Pfund Sterling, die Kosten der neuen Einwanderung in Höhe von 90000 Pfund Sterling und gewiß auch ein beträchtlicher Teil des Budgets des Sanitäts- und Schulwesens sind der eigentlichen Kolonisationsarbeit der Organisation zuzuwenden. Es erübrigt sich «och einige Worte über die Budgets der K u 11 u r au f g a b en zu sagen, deren materielle Förderung durch die Zionistische Organisation innerhalb der Organisation selbst Jüdisches aus Italien C i n R e i s c b r i e f. . Capri, Anfang Oktober. Verehrte Redaktion! 1 d» «oll also meine jüdischen Eindrücke aus Italien *nittcilen? Eine, wenn auch inehrwödu-ntliclie Reise ist eigentlich nicht die rechte Grundlage für die Fixierung 'von Eindrücken, und so muß ich midi auf reine 1111pressionen beschränken. Zwar, ein• Ahnungsloser, der aus irgend einen! Traumfand käme, sollte meinen, liier gehe es nur Juden oder cs gebe doch liier Juden in überwältigender Fülle. Wieviel Menschen erblickt man in weiten Provinzen Italiens, deren Typ dem jüdischen zum verwechseln ähnlich ist! Achueln die Rassen einander so sehr? Oder liegen alle und uralte Blutinischtmgeti in großer Dosis vor? Italic!», dessen Statistik heute etwa äOOUO Juden aufweisl, iiat auf seinem Rüc'ken, seit des Pompejus Tagen, ungezählte Judctigesclil echter getragen. Die Lage der Juden war in großen Teilen Italiens zumeist wesentlich, besser »•11s ,■unterwärts in Europa. Fast stets stand Italien den Juden oifen, und immer wieder im Laufe der Jahrliunderte kamen Zeiten blühender jüdischer Kultur. Wo sind Italiens alte Judengesclilcchter geblichen? Wir diir- •fen wohl glauben, daß sie, wie so unendlich viele Kinder unseres Volkes, nach und nach im umgebenden, Volkstum aufgegaugen sind. Semitischen Einschlag!!rächte ins italienische Blut zudem die Zeit der ara-!)isdien Invasion, inenientlich im Süden und auf Sizilien. Soll ich über die äußere Lage des heutigen Judentums in Italien berichten? Soll ich allernials che Namen der Luz/ati, Ottolenghi, Barzälai, Erncsto Nathan und 90 vieler anderer aufführen, um die große Rolle unserer Stammesgenassen int politischen, sozialen und gesellschaftlichen Leben des Landes anzuführen? Tatsächlich, dieses Land kennt keinen Antisemitismus (wenn man von einigen flüchtigen religiösen Regungen ab sehen will). Nicht «inmal in den Kreisen des heutigen, vatikanischen Regimes, auch wenn mau die hin und wieder aufhxlemde Eifersucht auf ein ״neues Weltreich der Synagoge in Jerusalem“ nicht außer Acht läßt. Die ״Ücberu'indung der Synagoge durch die Kirche*‘ hat seit jeher in der katholiseheii Auffassung eine zu große Rolle gespielt, als daß nicht die Errichtung des Oberrahbinats und des Obersten Bcth Din, worin mau eine Art neues Hohepricstertum mul erneutes Synhedriuin siebt, im Vatikan eine grundlose Aufregung verursacht hätte; nachdem mm» dem politischen Zionismus im allgemeinen bisher ziemlich uubelangcn gegenüber gestanden lind ihn sogar verschieden« Male ausdrücklich gebilligt 11,alte, in dieser Frage ist mich im Vatikan das letzte Wort noch nicht gesprochen. Tür den Zionismus schwärmt man im übrigen in Italien, wie man hier für jede Nationalbcweguiig geschwärmt hat; auch der Vatikan hat keinen! ernsthaften Haß gegen ihn, und Mussolinis eifersüchtiger Imperialismus findet in diesem Punkte wenig Beachtung, Die Unterstützung des jüdischen Palästina ist bereits eherner Bestand der auswärtigen Politik; der Kongreß wurde sehr beachtet, die Namen der itnlierwschen Dolegierten in allen Zeitungen genannt. Palästinensische Besuche!•, so kürzlich General Storrs, werden, rascliestciis interviewt. Erfreulich ist die Pflege der lebenden hebräi sch en Sprache, die man in manche!» Städten entdeckt, so namentlich in!Torenz. Aktive junge Kräfte sind hier sichtbar am Werk. Weniger regsam ist cs in den offiziellen Gemeinde״, und mangelnd« Stützung seines Lebenswerks hätte unlängst beinahe Professor Mnrgutics aus demselben Florenz nach Deutschland vertrieben. Den Gemeinden geht es, nach dem Kriege, nicht eben gut, und frischer Geist, der die Schwere der Zeit überwinden konnte, ist nicht viel zu finden. Im großen ganzen, man muß cs gestehen, ist das jüdische Leben in Italien träge. Die besten Köpfe tragen ihre Talente in das große Leben, der Nation! oder der Wirtschaft hinaus. In allen Städten gibt cs zahlreiche bcdeutende jüdische Unternehmungen, aber es gibt auch — und mellt nur unter den neu Eingewanclerten — viel Elend. Rom, diese Stadt der Gegensätze, dieses Kaleidoskop von Reichtum und Armut, birgt in seinen leider auf teilweisen Widerstand gestoßen zu sein scheint, vielleicht nur in der Tinan/komniiw-.inn. Ein Beweis hierfür ist. daß das Budget des Sc 11 u 1w e s e n s anstatt der dringend geforderten Erliöhung sich einen Abstrich von 1ÜÜ0Ü Pfund Sterling hat gefallen lassen müssen. Wenn dies auch ruil der Finanzlage begründet wurde, so dürfte doch die unausgesprochene Absicht in der Finunzkominission die gewesen sein, auf die Bevölkerung Palästinas einen Druck auszuüben, in vermehrtem Umfange für ihre Schulen selbst zu sorgen. Die vom Sanitatsausscluiß verlangte Unter- Stellung des gesamten S a n i t ä t su!ul K r a n k c nwesens des JLschmv in Palästina •unter die Zioliistische Organisation und die Einrichtung eines Sruiitätsdcpartements in Palästina wurde in einer Kougreßrcsolutioii beschlossen. Wenn auch die irrt Budget bewilligten 12SGOO Pfund Sterling sicher nicht ausreichen, um alle sanitären Bedürfnisse des jüdischen Palästina zu befriedigen, so kann!dermit doch die sanitäre Arbeit, die bisher von der ״liadassah“ geleistet wurde, fortgesetzt werden. Auch das Budget für das Technikum wurde mit 10000 Pfund Sterling so knapp bemessen, daüf kaum der notwendige Ausbau der Gebäude damit bestritten werden kann, so daß eine Eröffnung des Instituts für Lclirzwecke vorläufig noch ausgeschlossen zu sein scheint. Ja selbst die so dringend einer Ausgestaltung benötigende Nationalbibliothek mußte mit der völlig ungenügenden Summe von 3000 Pfund Sterling vorliebnenmen, wie ja auch die für die landwirtschaftliche ForschungS- und Versuchsstation bewilligten 10000 Pfund Sterling durchaus nicht der Bedeutung dieses Institutes entsprechen. Der Trost, daß nach Eingang des gesamten Budgets eventuelle Uebcrsciiüsse für einige kulturelle Zwecke verwendet werden sollen (wie Erhöhung der Lehrergehältcr, hebräische Abendkurse, handwerklichen Unterricht, Beschaffung von Lehrmitteln, Lehrer- Pensionen, Eröffnung eines orthodoxen Lehrerinnenscininars, Wnad Halaschon, Bibliothek und Forschungswescn), ist sehr gering in Anbetracht der Höhe des ordentlichen Budgets. Die Univcrsitat im eigentlichen Sinne, das heißt abgesehen von den angeführten Zweiginstituten wird überhaupt im Budget nicht bedacht, da sie mittels Spezialsammlangen aufgebaut werden soll, für die allerdings auch innerhalb des Keren Hajessod ein besonderer Universitätsfonds errichtet wird. Bezüglich der Sondersammlungen für die Universität muß erwähnt werden, daß vorläufig nur für die medizinisehen Institute iii den Kreisen der amerikanisehen Acrztc ein Grundfonds von 1 Million Dollar in Bildung begriffen ist. Immerhin ist die Erwartung berechtigt, daß, wenn erst die ersten Universitätsinstitute in Jerusalem errichtet sein werden, das zweifellos vorhandene große Interesse dafür auch große Sonderspenden für diese Zwecke hervorlocken wird. Ueber deren Maß entscheidet nicht zuletzt die freudige Hingabe jedes einzelnen Juden, die sich in der kommenden Werbearbeit für kolonisatorische und kulturelle Zwecke offenbaren soll. Die Arbeit des Kongresses hat die älteren, unappetitlichen Quartieren auch zahlreiche Judenmiscre. Und im llafenplatz Livorno ist es ähnlich.' Wer gern auf die Stimmen der Vergangenheit lauscht, findet in diesem Lande vielfach Anregung. Wie malerisch erstehen aus Venedigs Gaikhen, Winkeln und Kanälen die alten Synagogen inmitten des alten Juden- Viertels, das als erstes den Namen ״Ghetto“ trug! Welche Gefühle erheben sich, wenn zwischen den Tnimtncrn des römischen Forums der wohlcrhaltcne Siegesbogen des Titus auftaucht, wo jüdische Kriegsgefangene das Urbild der Menorah und die heiligen Geräte des herodianischen Tempels dem Vo.kc von Rom vor Augen führen! Eindruck« der Geschichte Ladet auch der fluchtige Reisende überall. Italiener und Juden sind gute Freund das ist das Gesamtbild meiner Reise’ Die bewegliche Geste, die südländische Gestalt, das mediterran« I'atlios des Juden findet liier keine innere Verneinung; im Gegenteil, es wird von dem Italiener zumeist übertrumpft, Juden und Italiener sind Brüder, sind Kinder derselben ,Mittelmeerrasse; dasselbe tiefblaue Meer spült den Her״ Karnid wie den Vesuv. Die verschiedensten, Zeiten der Verfolgting haben uns hier Freistatt, j.1 Zeiten hoher Ent- Wicklung gebracht, und Greuel, wie sie anderort) in schrecklichstem Maße an uns geschahen, hat man auch in trüberen Zeiten hier nicht gekannt. Das temperamentvolle, poesie- und licrklurchtriinkte Volk dieses herrlichen, Landes stellt sich auch heute freundlich zum Ideal unserer Erneuerung. So wie es selbst sein Eigenleben über alles hebt und sich in harten Kämpfen von der Uehcrfremdung befreit hat, blickt es mit Sympathie auf unser so viel schwereres Streben. Vor mir liegt das wunderbarste Meer der Erde. An seinem felsigen Strande tummelt sich die lugend des Landes, der schönste Menschenschlag der Welt. Ein Bild des Lebens, der Kraft, der Zukunft. Der Blick schweift wett hinaus zu einem anderen Gestade, und die Phan, tasic formt ähnliche Bilder, voller Glanz und Leben. Es sendet beste Grüße Erich Marx.

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