Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 87 (1.11.1921)
- Date
- 1921-11-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 020 Nr. 87 JUEPISCHE RUNDSCHAU Die finanzielle Mobilisierung Wo bleibt das amerikanische Judentum? Ein Appell Herbert Samuels und General Deedes New York, 24. Oktober. Der aus Palästina zurüekgekchrie Rabbi Tcitelbaum1 äußerte sich }gegenüber einem Vertreter des jüdischen Korrcspondenzburcatis mit großer Zufriedenheit über die Ergebnisse seines Besuches in Palästina und teilte mit, daß der High Connnissioner und sein Zivilsekretär, General Deedes mit ihm längere Besprcchungcn über das bisherige Versagen der amerikanischen Judenheit beim Aufbau Palästinas gepflogen haben. Sir Herbert Samuel erklärte, wenn die amerikanischen Juden es aufrichtig mit dem Aufbau, von Erez Israel meinen, dann müssen sie schleunigst an den Häuserbau und an die Erteilung von Hypothekar-Krediten schreiten. Dies' sei eine sichere Anlage und verspreche gleichzeitig eine schöne Dividende. Die Anlage von Kapitalien auf diesem Gebiete biete die gleichen Sicherheiten wie die Kapitalsinvestierung in den besten Unternehmungen anderer Länder. Es sei mehr als verwunderlich, daß die amerikanischen Juden immer so viel vom Aufbau Palästinas reden, ohne daß sie bisher praktisch etwas Nennenswertes geleistet haben. General Deedes war in seinen Vorwürfen der amerikanischen Judenheit gegenüber womöglich noch schärfer. Er sagte: ,,Ihr seid noch immer über die vom High Commission er verfügten Ein- Wanderungsbeschränkungen ungehalten, obwohl ihr für die, ins Land Kommenden einfach nichts vor. bereitet habt. Erez Israel könne man mit schönen Reden nicht aufbauen. Hätte die Regierung zufälügerweise den Straßenbau nicht in Angriff genommen, so müßten auch die bisher hier be- Endlichen Neucinwandercr in den Gassen Hungers sterben. Ein derartiger Zustand hätte zu einer Katastrophe führen müssen. Sagen Sie Ihren Brüdern in Amerika: Je mehr Kapitalien von ihnen ins Land u n d j e mehr Häuser von ihnen zur Aufnahme der Einwan■• derer gebaut werden, umso größer wird die Zahl der Immigranten sein, die täglich ins Land werden hineinströmen können. Sorgen Sie nur für so viel Arbeit und Beschäftigung, als wir unsererseits bereit sind, Leute ins Land hercinzulassen. Man höre auf, so viel zu reden und beginne tatsächlich mit dem Aufbau, dann wird auch kein Grund für Furcht vor den Arabern sein, welche in den letzten zwei Jahren keinerlei Tätigkeit von seiten der amerikanischen Juden gcsehen haben.“ Die erste Jahresversammlung des Wiitschaftsrates für Palästina Am 13. Oktober fand in London die erste Jahres- Versammlung des Wirtschaftsrates (Economic Board) für Palästina statt. Den Vorsitz füll rte Sir R o b e r t V a 1 c y ־ Cohen, welcher an Stelle des am Erscheinen ver-!linderten Vorsitzenden des Exekutivkomitees, Minister Alfred Mond, die von Mond verfaßten programmatisehen Erklärungen abgab. Darin wird ausgeführt, daß der Wirtschaftsrat für seine Tätigkeit die Mitwirkung aller brauche. Sir Mond rechnet damit, daß jeder englischc Jude cs als besondere Verpflichtung fühle, der britischen Regierung und der britischen Nation in der Ausführung der schweren Aufgabe, welche sie für die Juden der ganzen Welt auf sich’ geivommen haben, b c i z u s t c h e n. Der erste Weg, um die Balfour-Dcklaration mit Erfolg durchführen zu können, sei die Schaffung von wirtschaftlich g esu 11den Unternehmungen in Palästina, wie die Ausnützung der Wasserkraft, der Bau von Häfen und Häusern, die Gründung von Krcditanstalten, Schaffung von Industrien und dergleichen. Dazu seien große Kapitalien nötig, welche man jedoch erhalten könne, wenn die Mitglieder die Uebcrzeugung haben, daß die Unternehmungen auf gesunden Grundlagen geschaffen und richtig verwaltet werden. Dafür zu sorgen..' sei Sache des Economic Board. Dieser soll auf 50 Mitglieder ergänzt werden, weshalb eine Werbungsaktion notwendig sei. Das zweite Prinzip des Wirtschaftsrates sei das der Zusammenarbeit mit anderen Körperschaften und der Koordination aller Arbeiten, welche sich auf den Aufbau der Palästinawirtschaft beziehen. Daher begrüßt der Board die Vertreter der Z ionistisehen Organisation und der lea, welche ihre Mitwirkung zugesagt haben. Es liege auch eine Zusage auf Mitarbeit von amerikanischen Körperschaften mit gleichen Aufgaben und Anschauungen vor. Zum Arbeitsprogramm wurde ausgeführt, daß Palästina, wie bekannt, am meisten elektrische und Wasserkraft benötige; diese kann aus dem Jordan und anderen Flüssen erhalten werden, sowie durch den Ausbau der Häfen. Unternehmungen dieser Art sind also besonders wichtig und zugleich auch produktiv im vollen Sinne des Wortes. Demgemäß wird das Ruthenbcrg-Projekt •einer großen elektrischen Kraftstation konkrete Form annehmen, sobald die nötigen Kapitalien nufiu'bracht werden können. Der Hafenau *bau ist auch schon der Verwirklichung näher gerückt und man hofft, in Kürze zu den Vorbereitungsarbeiten der Bodcnmitcrsueiumg und dergleichen schreiten zn können. Der Wirtschaftsrat wird bei diesen beiden großen Unternehmungen wichtige Funktionen auszuüben haben. Ueberdies liegen ihm eine Anzahl kleinerer Projektc vor, weiche die Grundlage für die ‘Entwicklung bestimmter Industrien bilden können. Um diese verschieden«! Projekte verwirklichen zu können, iiat der Board die Gründung einer Gesellschaft unter dem Namen ״Pal es t in c Company“ mit einem Stammkapital von 200 €00 Pfund beschlossen. Aufgabe dieser Gesellscluift ist die Finanzierung aller dieser Industrieprojekte, sobald sie an Ort und Stelle begutachtet sind. Zu den wichtigsten unter ihnen gehören Fläuscrbauuntenvehmungen, ferner eine Import- und Exportgeselischaft, zwecks Ein- und Ausfuhr von Waren, sowie speziell der Ausfuhr von Palästina nach Transjordanien. Die Schaffung einer solchen Gesellschaft liegt im Interesse der palästiiicnsischcn Regierung, die auch bereit ist, mit iiir einen Vertrag auf Durchführung von Post- und Militärtiansporten nach Transjordanien zu schließen. Ferner wird die Produktion von verschiedenen Artikeln, welche bisher cmgefülirt werden, wie zum Beispiel Salz, beabsichtigt. Zu einer Unternehmung für Salzgewinnung sind 40000 Pfund notwendig, davon steuert die Hälfte die lea bei. ״Es ist kein Zweifel,“ schloß der Redner, ״daß die Körperschaft, welche rentable Industrien in Palästina schaffen wird, damit der jüdischen und der britischen Sache einen großen Dienst erweist.“ Nach den Ausführungen Sir Robert Valcy-Gohcns ergriff James Rothschild das Wort und drückte dem Vorsitzenden der Tagung den Dank für seinen regen Anteil an der Organisierung des Board und der Palcstine Company aus. Er teilte ferner mit, daß Sir Herbert Samuel ihm in Palästina gesagt habe, er wünsche sehr, daß englische Juden leitenden Anteil an der Ausführung aller vorgeschlagcnen Projekte nehmen, da sie die finanziehen und politischen Schwierigkeiten der palüstinensischeu Mamlalsregiertuig kennen und ihr mit allen Mitteln behilflich sein sollen. Als Vertreter der Zionistischen Organisation begrüßte Mr. Joseph Co wen die Ver- Sammlung. Auf Anfragen der Herren Seligmann lind Sir Adolf Cuck teilte der Vorsitzende mit, daß der Londoner Wirtschaftsrat mit dem amerikanischen Board in regem Kontakt stehe. Zum Schlüsse legte er der Versaminlung eine Dankresolution an James Rothschild vor, die einstimmig angenommen wurde. In das Exekutivkomitee des Wirtschaftsrafes wurden gewählt: Minister Alfred Mond, Sir Stuart Samuel, Sir Robert Valey-Cohen, Albert Belischa, Baron James de Rothschild, Leonhard L. Cohen, A, E. d’Avigdor, Goldsmith (Vertreter der Ica) und Josef C o w e n (Vertreter de Zionistischen Oganisation). Keren HaJessod-Arbeit in Amerika Nah um Sokolow, der Berlin Sonntag verlassen hat, schifft sich mit Prof. Warburg am 5. d. Mts. nach Amerika ein, um die große Keren Hajcssod-Kampagne für den Winter cinzuleitcn. Bialiks Reise mußte aus persönlichen Gründen aufgeschoben werden. Die .Föderation der polnischen Juden in Amerika hat für den 30. Oktober eine Spezialkonferenz einberufen, um über die Organisierung der Keren Hajcssod- Arbeit zu beschließen. Arabische Pressestimmen (J. P. Z.) Der Jerusalemer ״Lisun-el-Arab“ bringt unter ״Freie Meinungsäußerungen“ einen längeren Aufsatz von Hussein Abdul H a d i, einem Notabein aus Sichern und Mitglied des Advisory Ocnmcil, in dem sich dieser vom Vorwurf, er sei ein Zionistenfrcund, reinwaschen will. Aus dem mit großer praktischer Sachkeimtnis geschriebenen Artikel ergibt sich manches über die gegenwärtige gesellschaftlich-nationale Lage der palästinensischen Araber. Er betont, daß, während ein Teil der Araber den Nutzen des!״;indes in einem Bündnis mit England sieht, der andere nach Syrien und Frankreich als Mandatar gravitiere. Die Gegnerschaft zum Zionismus sei nur eine Maske für diese Nationalisten, die sich ebenfalls teilen in solche, die wissen, was sie tun, das sind die christlichen Araber, und die, die es nicht wissen, die Muselmanen. Die Gegnerschaft richtet sich in Wirklichkeit mehr gegen die englische Regierung als gegen den Zionismus. Wer genauer zusicht, gewinnt den Eindruck, daß der hier und da entfachte Lärm, die weit verbreiteten Lügen das ,Werk derjenigen sind, die, unter französischem Einfluß stehend, gegen die Englaudfretmde sind. Sie suchen nur diesen wirklichen Zweck unter dem Deckmantel der Gegnerschaft gegen den Zionismus in den Augen des Volkes zu verkleiden. Wenn man sich ernstlich dem Zionismus ־widersetzen wolle, so komme cs vor allem auf drei Dinge an: Kein Araber dürfe Boden an Juden verkaufen. Dazu gehöre Organisierung, aber wie weit steht cs denn mit dieser? Gerade diejenigen, die am lautesten gegen den Zionismus Auftreten, verkaufen am meisten Grundbesitz an Juden. Das zweite Mittel zur Bekämpfung des Zionismus sei ein Kampf auf dem Gebiete der Bildung. Erfolge ließen sich hier nur durch Gründung von Schulen zeitigen. Wenn der arabische Bauer sieh die modernsten landwirtschaftlichen Methoden aneignet, dürfte er nicht mehr gezwungen sein, seinen Besitz an Fremde zu veräußern, so daß der Zionismus niemals wird festen Fuß fassen können; und zuletzt ist vor allem Einigkeit nötig. Hüten wir uns vor den Juden, die alle wie ein Mann einig sind. Die praktische Bedeutung \■ des XII. Zionistenkongresses; Von Professor Otto Warburg, Jeder, der unbefangen den Karlsbader mit den früheren zionistischen Kongressen vergleicht, muß erstaunt sein über ihre Verschiedenartigkeit. Das Bild, welches dieser Kongreß im Gegensatz zu den früheren darbot, war durchaus net!. Die Debatten drehten sich nicht mehr um Prinzipien und Me-; tlioden, sondern um die Beurteilung positiver Ver- \ hältnissc und ihre Auswertung. Es wurden zwar i noch Resolutionen allgemeiner Natur gefaßt, diese 1 spielten aber nur noch eine geringe Rolle gegeni über denen, die sich mit praktischen Dingen be-; faßten. Unter diesen Umständen trat auch das Budget weit mehr in den Vordergrund als bisher, denn die Lösung der praktischen Aufgaben mußte ihren Niederschlag in budgetären Forderungen fin- 1 den. Daher hat auch auf keinem Kongreß die J leidige Frage/des Geldes eine solche Rolle ge- ן spielt, ־wie auf diesem, nicht wegen des Geld«» j an sich, sondern wegen der aufbauenden Arbeit, die mit seiner Hilfe vollbracht werden soll. 1 I Die Entwicklung des Zionismus in den letzten j Jahren ist mit der eines jungen Mannes zu vergleichen, der sein von theoretischen Abstraktionen eingenommenes Studium beendet hat und jetzt an; das Leben mit seinen praktischen Anforderungen; herantritt. Nun handelt es sich für ihn nicht mehr darum, das theoretisch Beste in die Tat umnisetzen, sondern er muß sich, dem Zwange der Alltiiglichkcit Rechnung tragend, damit begnügen, das zu schaffen, was praktisch erreichbar ist, wozu die ihm zur Verfügung stehenden Alittcl genügen und wozu seine geistigen und moralischen Kräfte ausreichen. Kein Wunder, daß dieser Kongreß dadurch, daß er sich von Utopien fernhielt, indem er sich im wesentlichen mit rein praktischen Aufgaben befaßte, auch auf Nichtzionisten den günstigsten Eindruck machte, und ich glaube, daß die Folgen hiervon bald zu spüren sein werden. Vor allem muß in breiten Kreisen sympathisch berühren, daß fast die ganze Arbeit und beinahe alle angenommenen Resolutionen sich auf den Auf- bau Palästinas konzentrieren. Die nicht Pa- : lästina gewidmete Arbeit in den Galuthländern wurde zwar in einem Nebensatz der achten politisehen Resolution auch als intregrierender Teil der zionistischen Gesamtarbeit erwähnt, aber die ganze Resolution ist so gemäßigt gefaßt, die Erreichung der nationalen Rechte so durchaus auf die Anerbennung der nationalen Minderheitsrechte für d ejenigen Teile des jüdischen Volkes, weiche diese Rechte verlangen, beschränkt, daß nur Böswillige hierin die Merkmale nationalistischen oder gar chauvinisti-; sehen Uebcrschwanges zu erkennen vermögen. Man wird schon zu Verdrehungen und Verfälschungen des Wortlautes Zuflucht nehmen müssen, wenn man diese Bemerkung zum Stützpunkt eines Sturmlattfcs nehmen will. Wesentlichen Erfolg werden sich aber die Wortverdreher nicht davon versprechen können. Viele eingefleischte Gegner des Zionismus werden, mehr aus Trotz und alter Gewohnheit denn aus fortdauernder Ucbcrzcugung, ihren alten Oppositionsstandpunkt dem Zionismus gegenüber auf* : rechteriialten; die Nachdenklichen unter ihnen, sowie die Mehrheit der sogenannten Neutralen werden aber jetzt, nachdem der Karlsbader Kongreß die Lage der zionistischen Bewegung geklärt und; wieder fundamentiert hat, keinen Grund mehr haben, sich der Palästinaaufbauarbeit fernzuhalten. i Vor allem wird bei Nichtzionisten natürlich das; Maßhalten in den politischen Forderungen an ge- } nchm berühren. Die acht auf dem Kongreß angenommenen politischen Resolutionen sind so ge- 5 faßt, daß weite Kreise des Judentums sich schon ] auf ihren Inhalt hin zum Aufbau Palästinas werden ' vereinigen lassen. Eine Anzahl von Resolutionen beschäftigt sich damit, die Finanzinstitute auf eine breitere Grundlage zu stellen. So soll das Kapital des Jewish Colonial Trusts auf die Höhe von 2 Millionen Pfund Sterling, das der Anglo Palcstine Bank auf 1 Million Pfund Sterling gebracht, Niederlassungen des Jewish Colonial Trusts in den wichtigsten jüdischen Zentren geschaffen und Institutionen für städtischen und ländlichen hypothekarischen Kredit, sowie eine Industrie- und eine Zentralgenosscn- ׳ schaftsbank errichtet werden. Und zwar werden •; schon im diesjährigen Budget eine halbe Million ‘ Pfund Sterling für landwirtschaftliche, industrielle, j kommerzielle und Hausbaukredite und Palästina ' reserviert. 50000 Pfund Sterling werden schließ- ף lkh als Beteiligung an die Errichtung einer Kraft-;j