Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 86 (28.10.1921)
- Date
- 1921-10-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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oeite 612 JUEDiSCHE RUNDSCHAU Nr. 88 Keren H;1 jcssod-Dircktoriuins organisatorische Beratiuigen abgchalten, und nid 1 re re zionistische Führer, die vor dem Kriege in Berlin lebten und dem deutschen Judentum keine Fremden mehr sind, wie Sokolow und Schmarja Levin, sind zu vorübergehendem Aufenthalt wiedergekommen und liier herzlich willkommen geheißen worden. Aber nicht nur politische Persönlichkeiten sind es, die nach dem Kongreß hierher kamen, sondern auch eine ganze Reihe von Männern des jüdischen Geisteslebens, Dichter, Schriftsteller und Künstler, vor allem eine Anzahl von Männern, die in der hebräischen Literatur und Publizistik einen Namen haben und dein Kampfe für die Wiedererweckung unserer nationalen Sprache ihre Lebensarbeit gewidmet haben. Sie alle heißen wir iii Berlin willkommen und hoffen, daß sie, auch wenn sie nur vorübergehend hier bleiben, einen Kontakt mit dem deutschen Judentum, vor allein mit dessen nationalem Teil, finden werden. Vor allem gilt aber das Wort der Begrüßung dem größten Dichter des jüdischen Volkes, Cliajim Nacliman Bialik, der zum ersten Male in Deutschland weilt. Die Bedeutung Bialilcs für die hebräische Literatur und für die Wiedergeburt des jüdischen Geistes und seines wichtigsten Werkzeuges, der jüdischen Sprache, liier eingehend zu würdigen, kann nicht unsere Aufgabe sein. Nicht nur für den Literaturhistoriker ist er eine zentrale Figur. Die jüdische Bewegung, die zur Selbstbefreiung des Volkes führen will, kann ihre Kraft nur schöpfen aus dem lebendigen Quell jüdischen Schöpfertums, dessen Geist das Volk aus dem Bann der Erstarrung befreit und den erloschenen Funken in der Volksseele wieder entfacht. Bialik hat für die jüdische Wiedergebürt mehr getan als afle politischen Erfolge zu bewirken vermögen. Er hat die alten Schätze unscres Volkes wieder zum lebendigen Volksgut gemacht, er hat in seiner Dichtung besser und machtiger als alle anderen zu sagen verstanden, was iin Herzen des jüdischen Volkes vorgelit. So ist er der eigentlich nationale Dichter geworden und gleichzeitig ein Führer und Erzieher. Bialik stellt jetzt am Beginn einer neuen Epoche seines Schaffens. Er hat soeben die zerstörte Welt des jüdischen Rußland verlassen und will sich in Palästina niederlassen. Vorher wird er uin der Sache des nationalen Aufbaus willen nach Amerika gehen, um das Volk a!1 seine Pflicht zu erinnern, in diesem entscheidenden Augenblick die notwendigen maleriellen Opfer für Palästina zu bringen. Wir hoffen zuversichtlich, daß das amerikanische Judentum die Tatsache dieses Besuches zu würdigen verstehen wird und daß es in der notwendigen Weise auf die Mahnung reagieren wird. In Palästina wird Bialik die neue Aufgabe erwachsen, inmitten einer werdenden Gemeinschaft Führer zu neuem Leben zu werden. Das palästinensische Judentum braucht solche Führer, und die Verehrung und Autorität, die Bialik genießt, sichert seinem Wort einen starken Widerhall. Männer wie er, deren wir nicht viele besitzen, werden dafür zu sorgen haben, daß der Zwei Bücher über den Zionismus 11.*} Der zweite Teil des Böhmschen Buches**) ist erschienen. Hatte schon der erste Teil***), der mit dem Tode Theodor Herzls abschloß, den sachverständigen Leser ahnen lassen, daß liier das große, langerwartctc Geschichtswerk der zionistisclicn Bewegung sich präsenticren würde, so läßt das nun vollständig vorliegende Werk keinerlei Zweifel mehr bestehen. So sehr ich mir bewußt bin, daß Wertungen stets durch subjektive Maßstäbe beeinflußt sind und darum oft divergieren werden, so wenig kann ich mir im vorliegenden Falle vorstellen, daß beträchtliche Abweichungen in der kritisehen Beurteilung obwalten können. Es läßt sich wohl denken, daß etwa ein Gegner der Böhmschen innerzionistischen Auffassung an der Charakterisierung von Strömungen und Personen (z. B. Wolffsohns) Anstoß nehmen könnte, es wäre auch zu begreifen, wenn jemand eine andere Deponierung als glücklicher empfunden oder vielleicht bestimmten Teilgebieten eine größere Beschwerung in der Darstellung gewünscht hätte. Was aber kaum bestritten werden dürfte, das ist der hohe wissenschaftliche Gesamtwert des Buches und die faszinierende Darstellungskunst des Autors. Auf jeder Seite spürt man, daß nicht allein ein überragender Kenner der zionistischen Entwicklung und leidenschaftlich durchglühter Träger der zionistisclicn Idee zu uns spricht, sondern daß auch ein Mann von universaler Bildung, weiten Horizonten und ungewöhnlicher Gestaltungskraft das historische Bild vor uns erstehen läßt. Eine jede politische Bewegung bringt cs mit sich, daß sich mit der £at so etwas wie Partcischablone herausbildet, daß .*) S. ״Jüd. Rdsch.“ Nr. SO. Teil? ms** 363 sT'Ä z״ •'•1 V1״'i■ S. Welt-Verlag, Berlin, 1920, W. ) Vgl. meine Besprechung in der lüd Radvom 13. August 1920 (Nr. 55). ״Jua• K8cr Aufbau Palästinas im Geiste der Erneuerung des Judentums und einer freien Menschlichkeit vor sich gdit. 111 Berlin lebt Bialik sehr zurückgezogen, da er von den Strapazen der letzten Wochen sehr, erjnüdet ist. Er widmet sich‘ größtenteils Vorarbeiten für die in seinem Verlag ״Dwir“ geplanten Publikatioucn. Die Absicht der Zionistisclicn Vereintgung, ihm zu Ehren eine Begrüßungsfeier zu veranstalten, ist auf seinen ausdrücklichen Wunsch1 unausgeführt geblieben. Aber der deutsche Zionisinus sicht mit großer Freude den Dichter in seiner Mitte und wünscht, daß das deutsche Judentum von seinem Geiste berührt würde. Das zionistische Arbeitsjahr hat begonnen, und allen Arbeiten voran stellt die dringendste Aufgabe, die Geldbeschaffung. Der Kongreße hat die praktische zionistische Arbeit auf eine neue Basis gestellt, hat einen Plan für die nächsten Arbeiten nufgestcllt und ein Budget fixiert. Dieses Budget zu decken ist Aufgabe der Zionistischen OrgaiiL sation. die keine Zwangsgewalt über ihre Mitglieder hat und daher auf freiwillige Steuern angewiesen ist. Die große Steueranforderung ist im Zionismus noch relativ neu. Sie muß erst popularisiert werden, muß den breiten Volksmassen eingehämmert werden, die immer noch nicht begreifen wollen, daß ein so ungeheures nationales Werk nur durch ungeheure nationale Opfer verwirklicht werden kann. Der Hauptteil der Verantwortung rulit auf den Jude« Amerikas, die mehr als alle anderen jüdischen Gruppen imstande sind, die erforderlichen Mittel zu schaffen. In der ersten Hälfte dieses Jahres hat die zionistische Delegation unter Weizmanns Führung begonnen, den amerikanischen Juden diese Pflicht klarzumachcn. Es sind mehrere Millionen Dollar gezeichnet, jedoch nur eine halbe Million bisher eingezahlt worden. Jetzt gehen Sokolow und Bialik nach Amerika, wahrscheinlich auch andere zionistische Führer, Schmarja Lcvin geht nach Südafrika. Die amerikanischen Juden selbst bereiten die Kampagne für den Keren Hajessod vor. Aber angesichts der großen Erfordernisse des Budgets muß man gestehen, daß die Erfolge bisher noch durchaus unbefriedigend sind. Die Aktion für den Keren Hajessod ist nicht nur von matericllcr, sondern auch von moralischer Bedeutung. Sie ist die Antwort auf die Kardinalfrage, ob das jüdische Volk in diesem Moment versagt oder nicht. Daher liegt die Verantwortung nicht nur an den amerikanischen Juden, sondern auf dem gesamten Judentum, das in dieser Beziehung solidarisch ist Einer der größten Freunde der zionistischen Sache, der südafrikanische Ministerpräsident Smuts, hat kürzlich richtig gesagt, daß die Durchführung eines der größten Menschheitswerke eine Frage der finanzielten Bereitschaft der Juden ist. Von allen Teilen des Volkes und vor allem von den Zionisten aller Länder müssen die Anstrengungen des vorigen Jahres verdreifacht und verzehnfacht werden. Der Kongreß hat mit überwältigender Mehrheit das unzweifelhaft befähigte Menschen Scheuklappen bekommen und nie mehr recht los werden. Der Blick wird unfrei, das Gefühl für große Zusammenhänge schwindet und das ehrlich gemeinte Wort hört sich wie Phrase an. Solche Leute mögen in der Parteiarbeit recht wacker ihren Mann stehen, aber bei aller Tüchtigkeit tiiKi Rechtschaffenheit sind ihrer Betätigung enge Grenzen gesteckt. Wer Führer und Historiker sein will, muß aus anderem Holze geschnitzt sein. Die märchenhaften Erfolge unseres Wcizmann und Sokolow haben für mein Empfinden nicht nur darin ihre Ursache, daß eine gute und gerechte Sache von aufrechten, gescheiten und geschickten Unterhändlern vertreten wurde, sondern daß universal gerichtete Männer die Idee repräsentierten und über den engen Rahmen der konkreten Forderung hinaus den weltpolitischen Aspekt und die cwigkeitlichc Bedeutung aufzuzcigen befähigt waren. Nur der, dessen ״Ausblick frei“ und dessen ״Geist erhoben“ ist, taugt zum Führer, und allein der so begnadete Mensch hat die Möglichkeit und die Berechtigung, Geschichte zu schreiben. Böhms Buch ist weit mehr, ja geradezu etwas anderes als eine fleißig zusammengcstellte, durch Erfahrungen und Kenntnisse begünstigte Partei- und Kolonisationsgcschichte, Es ist eine gcistdurchgliihte, eificngelebtc Schöpfung-, die nicht nur Ziffern, Tat- Sachen und Zusammenhänge bringt, sondern ein getreues Abbild der vielgestaltigen Strömungen und Kräfte bietet und die gewaltige Schönheit der zionistischen Idee auch dem Fernstehenden und Kurzsichtigen zu Gcmiite führen muß. Eine Werbeschrift ist es — gewiß nicht im technischen Wortsinne (wer ein umfassendes wissenschaftliches Werk schreibt, hat sicherlich nicht Massenagitation im Auge) —, aber im eigentlichen und letzten Grunde. Um die Menschen, auf die es ankommt, die ernsthaften, idee-empfänglichen, die Menschen mit weitem Blick und weitem Merzen, Juden und Christen, um all diese wirbt Adolf Böhm, absichtslos, allein durch die Größe der Perspektive und die verhaltene Glut seiner Rede. Nach einem alten und immerwahren Worte ist jede Sache nach den Menschen zu beurteilen, die sie Mnasscrpnnzip angenommen. Es ist ein zionistiselics Grundgesetz geworden, daß jeder Zionist den Maasscr für Erez-Israel zu zahlen hat. Es soll nicht immer erneuter Aufforderung bedürfen damit diese Miidit erfüllt wird. Die neuen Arbeiten in Palästina haben begonnen, ihre Fortführung hängt von den zur Verfügung stehenden Mitteln ab. Wenn das jüdische Volk diese Mittel nicht hergibt, dann hat es selbst sein eigenes Werk im ersten Stadium der Entwicklung in entscheidendem Maße ״esclüidigt.' Arabisch-ägyptische Propaganda Die in Aegypten erscheinende arabische Zcitun״ ״Aliwa Almizri“ veröffentlicht unter dem Titel ״Eine erschütternde Stimme aus dem Herzen Palästinas” ruft um Hilfe“ einen Artikel, in dein über die Zustande in Palästina heftige Klage erhoben wird. Nach »■ntsprcdicndcr Lobpreisung Palästinas ruft die Zeitung cic mohammedanischen Völker zur Hilfe an, um Palästina, das von 700 000 Muselmanen und 70 000 Christen hewohnt wird, aus den Händen seiner zionistischen VVrfolger zu befreien. England übergab das muselmanische Palästina den Juden, deren Zahl 60 000 nicht übersteigt, und ernannte Herbert Samuel zum High Gommissioncr oder zum ungekrönten König. En״- Land übergab die Regierung den Juden, anerkannte das Hebräisch als offizielle Sprache, überlieferte den Juden die Leitung der Post, des Zoll wese ns, des Gesundheitswesens, des Justizwesens usw. Es lieferte die meisten Regierungsstellen polnischen Juden aus, übergab ihnen einen Großteil der palästinensischen Scholle und rüstete sic mit Gewehren und allerlei Krieg;- geraten aus. Auch alle Kriegsgeräte und Aeroplane stehen unter Befehl der Juden, um die Ein gehöreneu aus zu rotten, wie dies in Jaffa und Haifa der Fall war. England verkaufte das Heilige Land, ohne sich an die Proteste der Rechtgläubigen und den Jammer der unglücklichen Eingeborenen zu kümmern. Churchill wurde rach Palästina entsandt, »lamit er selbst das Murren des Volkes vernehme, aber als die Einwohner kamen, um ihn zu begrüßen, empfing man sie mit Schüssen und Flammenwerfern. Er hatte noch nicht das Land verlassen, als die Vorfälle in Jaffa sich ereigneten. Nach all dem sandte das palästinensische Volk eine Delegation Europa, um seine Rechte zu verfechten. Sie wurde in Rom vom Papst und von ihren Anhängern in Frankreich mit großen Ehren empfangen. In London dagegen habe man sich geweigert, ihr Gehör zu schenken. Die Delegation ging nach Genf, nachdem ihr alle Tore verschlossen blieben und die Engländer sich von ihr ferngeh alten futtere Sie verstopften die Olm-n, um nicht »las Klagen emew schwachen Volkes zu vcmelunen. Eine englische Stadienkommission Jerusalem, 17. Oktober. (J.C. B.) Major Vern a n und Colonel Y oung sind, im Auftrag des britischen Kolonialmiivisterhims hier eingetroffen und begaben sich nach mehrtägigem Aufenthalt in Jerusalem nach Amman, in ■Transjordanäen, tim von dort :11 re Inspektionsreise nach Mesopotamien förtzusetzea lm November werden sic nach Jerusalem zurückkehren, um mit dem Ober• kommissär Sir Herbert Samuel eine Reihe von Be• sprechungen zu pflegen, worauf sie über ihre Wahrnchmungen dem Kolonialmimster Bericht erstatten werden führend vertreten. Es ist meine Ueberzcugung, daß die historische Schöpfung Böhms sich würdig anreilit den unvergleichlichen Taten unserer politischen Sachwalter. Eine Welt gestaltet sich, die nichts gemein hat mit den Dumpfheiten und Niedrigkeiten sonstiger Nationalbcwcgungcn, und in dem Geiste und dem Worte eines kosmisch empfindenden Menschen repräsentiert sich eine nationale und zugleich racnschhcitliche Idee. Wenige Worte über den Inhalt des eben ersdiicxvcncn zweiten Teiles müssen hier genügen. Die Fragen der Politik, der Kolonisation und der Theorie finden eingehende Behandlung. Mit der Skizzierung der allgemeinen Lage nach Herzls Tode beginnt das Buch. Die Ugandafrage und ihre sehlielilichc Erledigung (Berieht der Sachverständigenkommission, Zangwill, Ussisehkin, Freiburger Beschlüsse, Ito, Palästinabeschlüsse des VII. Kongresses usw.) wird detailliert geschildert. Dann läßt der Autor zwei Kapitel folgen, die der zkmistischcn Nationalpolitik in der Diaspora und den jiidisch-sozialistiselten Parteien gewidmet sind, tun dann die politische Arbeit der vom Vll. und VI11. Kongreß gewählten Leitungen (u. a. Brüsseler Konferenz, Palästinaamt, P. L. D. C., A. L. B. C., Auswertung der durch die jungtürkische Revolution geschaffenen neuen Lage) zu würdigen. Hervorragend gelungen ist die Darstellung der inneren Unmöglichkeit der aus ״Politikern“ und ״Praktikern“ gemischten neuen Leitungen und die Beurteilung der Wolffsohnschcn Leistung. Wir sind es gewohnt, den Namen Wolffsohns oft gleichberechtigt neben dem Herzls zu hören, der Jugend ist auch Wolffsohn schon zur mythischen Figur geworden, und vielen selbst der Männer, die noch zu Lebzeiten Wolffsohns zu den ״Synthetikem“ übertraten, erscheint noch heute die Fest- Stellung seiner mannigfachen Unzulänglichkeiten als eine Blasphemie. Der Historiker ist verpflichtet, auch dort schonungslos Klärung zu verbreiten, wo berechtigte Pietät nur schweren Herzens zu rütteln erlaubt: Böhm hat dieser Aufgabe genügt. Ohne Rückhalt w׳ird gezeigt, daß Wolffsohn die Zeichen der Zeit nicht erkannte und den Kern der innerpolitischea Streitfrage nicht begriff.