Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 84-85 (21.10.1921)
- Date
- 1921-10-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 604 j U ED I SC H E RUNDSCHAU Nr. 84/85 zu gelangen. Mit dem unerschütterlichen Glauben an diese Idee ist das Volk zu allen Anstrengungen fällig. Auch in diesem Moment, wo wieder einmal eine wichtige Entscheidung bevorsteht, müssen wir uns dessen bewulit sein, daß Entscheidungen, solcher Art nur Erleichterung oder Erschwerungen, nur zeitliche Differenzen bedeuten in dein Wege v.u unserem Ziel, das unerschütterlich feststellt. Das jüdische Volk und besonders seine vor allem in der Zionistischen Organisation zttsamineiigefaßle Energie, muß unabhiingig von den Wegen der Weltpohtik seine Aufgabe erfüllen. Der Aufbau Palästinas fordert heute vor allem eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Realitäten des Landes. Ob nun das Mandat erteilt ist oder nicht, diese Realitäten bleiben immer ein ernster Faktor. Unter ihnen steht an erster Stelle die aktive politische Auseinandersetzung mit den heutigen Landesbewohnern, 'die ebenso von unserem Festhalten an dem Anspruch auf die Entfaltung jüdischen Lebens in dem Lande des jüdischen Ursprungs überzeugt werden müssen, wie von unserem Entschlüsse und unserer Bereitschaft, mit ihnen zusammen die Ent- Wicklung ites Landes zu fördern, Wohl und Wehe des Landes zu teilen. Der zweite entscheidende.. Faktor ist die Uebmvindung der ungeheuren wirtschädlichen Schwierigkeiten, welche die einzigartige Aufgabe einer wirtschaftlichen Ncucrschlw:- ßung des Landes mit sich bringt. Die nächste Zeit muß eine Lösung dieser Fragen bringen. Die Zionistische Organisation stellt nach dem Kongreß vor einer neuen Epoche, der gefährlichsten und schicksalsvollsten, die sie je erlebte. Das jüdische Volk muß mit wachen Augen und gesammeltem Willen darangehen, sich sein Schicksal selbst zu bereiten. Denn das Gdingen hängt immer nur vom Willen des Volkes ab. R, W. Die Auswanderung aus Rußland (j. P. 7.) Der titanische Ministerrat befaßte sich in ׳.einer Nilzun;; s <>111 I, Oktober mit dem (iestlt'll der Exekutive der jüdischen Wcltliifskoiilcrenz wegen Gestattnug der Durchreise durch Litauen an jüdische Emigrauten, die aus Rußland nach Amerika reisen und wegen Visierung ihrer Papiere. Der Ministen1,־t bcschloß, den jüdischen Transemigrameii den Transit durch Litauen zu gestatten. Die Emigranten dürfen in Litauen drei Monate verbleiben, bis sie alle nötigen Formalitäten erledigen unter der Bedingung, daß die Exekutive der jüdischen Wclthifskonfcrcnz dafür bürge, daß die Emigranten in Litauen nicht länger als drei Monate vorbleiben, dali sie genügend Mittel für ihren Unterhalt während dieser drei Monate haben, damit sie nicht der Ortsbevölkerung zur Last fallen und dali sie genügend Geld haben für Deckung der weiteren Reisespesen. Die 1 liltszentrale hat diese Bedingungen akzeptiert und bcabsicht igt, vorerst für jene Emigranten Bürgschaft zu über* nelituen, die zu ihren Eltern, resp. Kindern nacliAuterika gehen. In erster Reihe werden Emigranten in Betracht kommen, die nach Argentinien gehen. Die Exekuiivc der Welthilt'skonferenz hat sich verpflichtet, für die Transenugranten an einigen Orten in Litauen Haracken /u errichten. Die bezüglichen technischen Be- Stimmungen für diese Transemigranten wird ein pernianeittes Komitee, bestehend aus dem Minister für jütlisdio Angelegenheiten, dem Innen- und dem Kriegsminister, testlegen. Der Vertreter der Welthifskonferenz, Dr. H e r in n n n, begab sich am 5. Oktober nach Paris, um der Exekutive einen Bericht zu erstatten und au die Organisierung der Emigration zu schreiten. Es bleibt noch za bemerken, dali die litauischen Behörden die russischen Pässe laut dem von der Exekutive der Welthilfskonferenz vorgelcgten Verzeichnis und auf dessen Verantwortung hin visieren werden. Ergänzend dazu wird der ״J. P. Z.“ aus Paris herichtet: Durch obige Vereinbarung, der in Zukunft große Bedeutung /!!kommen dürfte, eröffnet sich die erste Möglichkeit für eine legale Auswanderung aus Sowjetrullland. Die endgültige Abmachung bez. der näheren Details wird zwischen dem eingesetzten interministeriellen Komitee und der Exekutive der jüdischen Welthilfskonferenz Ende Oktober getroffen werden. Von der Exekutive sind dazu delegiert: Kr ein in, Dr. Alfred Klee, Kowalski (Hias) und N. Hermann, Die technische Seite dieser Abmachung wurde beraten auf einer in Berlin stattgefundenen Sitzung des Direktoriums der von der Prager Hilfskonferenz geschaffene« Voreinigteil jüdischen Emigratioiiskomitees. Für die notwendigen Arbeiten sind 50 00t) Dollar vonnöten, die d jüdische Hilfs- und Emigrationsorganisationea aulzubrii gen haben werden. Verpflichtungen sind vorderhand eil gegangen die Hias und die Exekutive der Weltliilf Konferenz, die es auch auf sich genommen hat, 111 einem Aufruf die zahlreichen jüdischen Hilfsorgan sationen daran zu interessieren. Es sollen noch weite; crhaiidlungen geführt werden, um die Kategorien d Emigranten, dc'nfn d1e Sowjetregierung die Ausreise g stattet, z.u erweitern, so auch u. a. auf Personen, der! £mer1ka.zwar ״och nicht naturalisiert sin aber bereits die ״ersten Papiere“ erhalten haben. ״as juaiscne gesellschaftliche Komitee m m, wandte sich mit einem Schreiben vom 24. Aum«!»1 ני f iAÜl IL'11 il W׳ JL-atf W4*^ W׳II Nari״te.;s 1;m 1. Olde Lar d. J. eine cuvorhcrgcsriicne neue Druekprdscrhöht»״ von 30% In Kraft getreten ist und eine ncucPortecrliöliting bcvorstcht, sind auch wir, wie alle anderen Verleger genötigt,eine neao Abon nein e ntserhöh nag vorzur.chmcn. Für die von unseren Ortsgruppet! im Sammelabonaement bestelltin Abonnements tritt die Erhöhung erst am 1. Januar 1922 ia Kraft. Dagegen sind wir gezwungen, von allen neu hinzutretenden Einzelaboanenten schon Jetzt einen Abonnementspreis ia Höbe ton r #י׳1ף> ___ Iß * wj Lt 1s! 81 iy! zu fordern. Ebenso müssen wir einen Teil der Auslands• abonnements schon für das 4. Quartal!1921 erhöhen. Es betragen demnach die AboaaemeaUgebührca für du 4. Quartal vierteljährlich: För Afrika 2 sh. ״ Amerika,©,75 cts. ״ Aegypten 2 eh. ״ Belgien 6 Frcs. ״ Bulgarien 20 Leva. ״ Dänemark, Schweden u. Norwegen 3 Kr. ״ Deutsch - Oesterreich 300 Kr. ״ England 2 sh. ״ Estland 30 deutsche Mark. ״ Frankreich 6 Frcs. ״ Griechenland 6 (ranz. Frcs. ״ Hand 2 Gulden. ״ l.״iicn 8 Lire. ״ Jugoslavicn 55 jugoslavische Kronen ״ Lettland 30 deutsche Mark. ״ Litauen 30 deutsche Mark. ״ Palästina 2 sh. ״ Polen 750 polnische Mark. ״ Rumänien 25 Lei. ״ Schweiz 4 Frcs. ״ Spanien 3 Pesetas. ״ Tschechoslowakei 30 Kr. ״ Türkei 4 franz. Frcs. ״ Ungarn 180 Kr. Verlag der Jßdisdicn Rundschau, Berlin W 8, Sächsische Straße 8. ווה die Redaktion des Jerusalemer ״Haarcz“ mit der •Bitte um die Veröffentlichung der Bekanntmachung über die Aus w a 11 d e r u ng sbed i n gütig aus So vv je trn 151 and, die vom Kommissariat für Aeußeres, gezeichnet v. Litwinow, erlassen wurde. Darin bestrebt sich Litwinow zu beweisen, daß Sowjdruliland sich keineswegs der Erteilung von Ausreisebewilligungen an Frauen, Kinder, Eltern tmd arbeitsunfähige Männer, die zu ihren Verwandte« nach Amerika auswandern wollen, widersetze, cs vielmehr als notwendig erachte, ihnen die Reise zu erleichtern und ihnen mit Regierungsmitteln Schutz aut ihrem Weg zu sichern. Es sei jedoch der Sowjetregie־ rtmg nicht möglich, ihren lnmiancn Willen zur Tat werden zu lassen, da die Transeinigrationsstaaten den Aus wände• rern Schwierigkeiten in den Weg legen, die zu beheben nicht in der Macht der Sowjctrcgieruiig liegt. Die neue jüdische Hilfskanipagne in Amerika Chicago, 11. Oktober. (J. C. B.) Auf Initiative des New Yorker amerikanisch-jüdischen Hilfskomitees fand hier unter Vorsitz des Generals Abel Davis eine aus allen Teilen der Union beschickte Delegiertenkonferenz statt, die nach Entgegennahme von Berichten Felix Warburgs und Louis Marsh all s beschlossen hat, einen großangclegten ״Drive“ zur Aufbringung von 14 Millionen Dollar zu unternehmen, die für die Finanzierung der Hilfstätigkeit in Europa im kommenden Jahre erforderlich sind. Dieser ״Drive“ soll gewissermaßen im Zeichen des ersten Jahrestages des Todes Jakob H. Schiffs zum Andenken an die Großmut des großen jüdischen Wohltäters stattfinden. Die Israelitische Allianz übernimmt die Flüchtlingshilfe in Wien Wien. (J. C. B.) Zwischen Joint und Allianz ist ein Abkommen getroffen worden, wonach diese einen Teil der abgebauten Hilfsakt io« für die jüdischen Heimatlosen in Wien übernimmt. Der Joint stellt ihr hierfür 800 000 Kronen und Lebensmittel im Werte von U/a Millionen Kronen zur Verfügung. Eine hebräische Tageszeitung in Amerika New York, 11. Oktober. (J.C.B.) Gleich nach den Feiertagen wird hier unter der Redaktion M. Lipsons eine hebräische Tageszeitung unter dem Titel ״liadoar“ zu erscheinen beginnen. Das Blatt wird ein unparteiisches Organ sein, dessen einziger Zweck die Wiederaitflebung der hebräischen Sprache in Amerika sein wird- Eine neue jiddische Zeitschrift in Argentinien Unter dem, Titel ״Ajgientina“ ist in Buenos Aires eine neue jiddische Monatssdiriift erschienen. Sie wird vton den Herren Joseph Mendleson und J. Helfma» herausgegeben, (J. C. B.) Briet au! Uuniämen (Von unserem Korrespondenten.) Bukarest, 7. Oktober t<)21. Die judcnlicit Rumäniens besonders aber iks alten Rcgates, steht vor einer großen Aufgabe. In Beliarabien gibt cs heute etwa 30(MX) bis 35 000 Flüchtlinge aus der Ukraine. Diese Ae misten haben sich recht und schlecht, so gut es eben ging, in der dem Dnjcstr anliegenden Provinz Groö-Riuniiniens b״ Stammesbrüdern, die ihnen in ihren Lebcnsgcwohnhciteu am nächsten standen, eingerichtet. Man kann leicht vorstehen, daß sie auch in Beßarabien nicht auf Rosen gebettet waren. Materiell mit wenigen Ausnahmen nicht unabhängig, konnten doch viele bei Freunden von altersher oder gar bei Verwandten ihr Dasein kümmerlich fristen, einige begannen wohl auch eine neue Existenz verdienten ab und zu etwas. Manche traf allerdings eia schwereres Los: sie waren in Kasernen interniert und daselbst manchen Schikanen kleiner Beamten und $01• daten ansgosetzt. Jetzt glaubt die Regierung in diesen Flüchtlinge•!! eine Gefahr entdeckt zu haben; und es ist vielleicht and! nicht von der Hand zu weisen, daß diese Leute mit ihrer russischen Sprache ein Hindernis fiir die von (|,.f Regierung verfolgte Romanisicrung Beüarabiens dar• stellen, nachdem diese rumänische Provinz vor etwa hundert Jahren künstlich mssifiziert wurde. Um dieser ״Gefahr“ zu begegnen, hat die Regierung die EnttYrmm•׳ der Flüchtlinge aus Beßarabien beschlossen. Dazu ״ah es drei Möglichkeiten. Zurück in die ukrainische Holle aus welcher unsere Brüder unter Lebensgefahr und unter Zurücklassung ihres Gutes eben erst entronnen waren oder Transportierung nach Altrumänien und hier lmernierung in Lagern oder, falls sich irgendeine Orgaiusation dazu bereit erklärte, die Flüchtlinge zu unterhalten, diese auf freiem Fuße zu lassen. Es ist ein unbestreitbares Verdienst der Kegicnin•׳ daß sie diesmal eine jüdische Angelegenheit mit VVrtreten! des jüdischen Volkes besprochen Int, bevor sie sie endgültig entschied. Am 27. September fand in Bukarest eine ikraumg jüdischer Delegierter aus Altrumrinien statt, welche vom ״Verband einheimischer Juden‘• (Unnin’ea ׳Evrcibr Pamanteni) und vom Verbände der jüdischen Gemeinden zu dem Zwecke einberuferi war. um zu der Frage der Ukrainer Flüchtlinge Stellung zu uchincu. Und es wurde einstimmig beschlossen, dail da׳ Judenheit Rumäniens ihren unglücklichen Brüdern beistclica werde, daß sie weder nach der Ukraine zurück müssen, noch in Konzentrationslagern untcrgcbracht werden. Die Juden Rumäniens nehmen im Gefühle der Stamniesverwandtschaft die ganzen Kosten für Unterbringung und Verpflegung der Flüchtlinge auf sich. Und daß dies eine ganz erhebliche Summe ist — man spricht von 25 Millionen Lei pro Jahr kann man bei einer Zahl von über 30 000 Seelen wohl verstehen. Wir wollen hoffen, daß diesem feierlichen Beschluß nun auch die Tat folgen wird, und daß auch kein Jude fehlen wird, wenn cs heißen wird, diese Hilfeleistung zu orgamsicren. Und wenn wir bisher die Maßnahmen der Regierung verstehe« und ihr vielleicht sogar recht geben, so ist sie doch im Begriffe, dabei zwei große Fehler zu begehen, welche die Lage der Ukrainer unnützerweise erschweren. Das ist, daß sie den jetzigen Zeitpunkt -- den vorgerückten Herbst und den Winter — zu dieser Aktion wählt, wo es im Frühjahre mit demselben Erfolge würde geschehen können, und dann, daß sie auch von Altrumänien nur einen Teil zur Ansiedlung der Ukrainer bestimmt hat, und zwar gerade jenen Teil, der von Juden sehr spärlich bewohnt ist, nämlich die Walachei. Hier hört unser Verständnis auf und wir können nicht zugeben, daß die Anwesenheit der Ukrainer in irgendeinem Teile AJtrurnäniens für den Staat irgendeine Gefahr bilden könnte. Und diese Aermstcn, denen eine neue Wanderung bevorsteht, hätten in der Moldova wenigstens eine jüdische Bevölkerung vorgefumien, die sie verstanden hätte und die sie in ihrem Elend wenigstens teilweise aufrichten könnte. Wenn aucli der trockenheilie Sommer dieses Jahres uns eines Genusses — der Pilze — beraubt hat, so scheint uns der naßkalte Herbst dafür entschädigen zu wollen: der Wald der Zeitungsblätter und Journale ist befruchtet worden und wie die Pilze schießen neue Zeit- Schriften empor. Genießbare, schlechte und giftige- Vor mir liegt das erste Heft des ersten Jahrganges der ״Viata Evrceasca“ (״Das jüdische Leben‘'), eine Zeitschrift für kulturelle Propaganda — wie sie sieh nennt Herausgeber ist ein kulturzionistisches Komitee. Da liegt schon ein Widerspruch: Ein zionistisches Ko• niitec, welches ״Das jüdische Leben“ herausgibt für ״kulturelle Propaganda“. ich schlage das Heft aut. Programm. Und meine Verwunderung wird immer größer. Wir werden vorsuchen, daß das ״Jüdische Leben“ in seinen Spalten alles widcrspiegelt, was der schöpferische Genius der Menschheit geschenkt hat — ohne Rücksicht auf National«- mus und politische Stellungnahme. Und die Verfasser dieses Programmes merken gar nicht, daß dieses ״ohne Rücksicht" eine Rücksichtslosigkeit nur gegen sie selbst, gegen ihr Fleisch und Blut ist, und eine vollständige Rücksichtnahme auf die ״Anderen“ in sich birgt. Dieses Schlagwort hat die Welt schon überwunden, und es wäre wirklich an der Zeit, geehrtes Redaktions-Komitee, wenn Sic glauben, der Menschheit Schönes und Hehres zu offenbaren, daß Sie dies ״m i t“ Rücksicht auf sich selbst und auf Ihre Blutsgemeinschaft tun.