Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 84-85 (21.10.1921)
- Date
- 1921-10-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrg. o®r Zionismus erstrebt tOr das indische Volk die Schärfung olnor Aftontllch-rochtllch gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Prosrnmm; französische Stellungnahme zum Zionismus Wie das J. C.B, aus Jerusalem erfahre״ haben will, haben die französischen Konsulate in Palästina und Syrien aus Paris Instruktionen erhalten, in ihren Beziehungen zur zionistischen Beweg u n g eine freundliche und s y m p a 11» i * sehe Stellung einzunehmen. Die Einwanderupg in Palästina Jerusalem, 11. Oktober. (J.C.B.) üffiziehen Angaben zufolge landeten in Palästina jn der Zeit vom 1. August bis 30. September d. J. 603 Immigranten, von welchen 44 über Kantara und 640 über Jaffa und Haifa angekommen sind Neuorganisation der Gendarmerie ia Palästina Jerusalem, 11. Oktober, (J.C.B.) Die vor zwei Monaten begonnene Organisation einer Gendarmerie in Palästina ist nunmehr beinahe zum Abschluß gelangt. Es bestellt derzeit ein Lager hei R o s c h ■ P i n a 11 (zum grollten Teil Juden), ein Lager in Dseheinin (zum grollten Teil Araber) und ein Lager in Jerusalem, in dem zirka 1Q0 jüdische und 100 nicht]üdisclic Gendarmen untergebracht sind. Aus diesem Lager gebt demnächst eine größere Abteilung von Reitern nach Semach am Kinereth-See ab. An der Spitze der Gendarmerie steht ein General. Die Dienstsprachen sind englisch, arabisch und hebräisch. Herbert Samuel in Haifa Im Laufe des Monats September besuchte der Hj״h Conunissioiier von Palästina, Herbert Samuel, in Oe» gleitim״ seines IVivataekretärs die nördlichen Landespraviii/en, und zwar Galiläa mit Akka, darunter 2t Dörfer und zwei lleduiivenlager. Am 15. September kam er nach Haila, w־o ihm zu Ehren von den Regienmgsbenniten und de!» Notabeln der verschiedenen Konfessionen ein feierlicher Empfang bereitet wurde. Dein Rabbiner gegenüber gab der High Gommissioner seiner Freude da.״über Ausdruck, dali sieh die Lage in Haifa bedeutend gcbessert habe. Er sei sicher, daII zahlreiche Juden ganz grundlos glauben, ihre Hoffnung sei vereitelt. Die Juden seien ein Volk, das entweder himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt ist. Der zionistische Gedanke werde sich allmählich, aber mit Sicherheit durchsetzen. An die Vertreter der Handelskammer erklärte Samuel unter anderem, daß die über den bevorstehenden Hafenbau in Haifa kursierenden Gerüchte noch stark verfrüht sind. Wenn jedoch auch die Ucbergabc der Hafenarbeiter» noch nicht geschehcn sei, so hoffe er, daß die9es binnen kurzem der Fall sein werde. Die netten Mitglieder der Exekutive Genf, 13. Oktober. (J.C.B.) Wie wir erfahren, werden die neuen Mitglieder der zionistischen Exekutive, Leo M o t z k i n und Dr. Solowcitschik, erst a n - fangs 1922 nach London übersiedeln. Bis dahin verbleiben Dr. Solowcitschik in Kowno, um die Geschäfte des jüdischen Ministeriums für Litauen weiter zu leiten und Leo Motzkin in Paris als Generalsekretär des Comitec des DcKgations Jttives, Die jüdische Wanderung Warschau, 11. Oktober. (J.C.B.) Hier ist ein Vertreter des jüdischen Rettungskomitees in Buenos Aires, Mr. Mas, cingctroffcn, um die Lage der in Polen lebenden jüdischen Heimlosen aus der Ukraine zu untersuchen. Mr. Mas beabsichtigt, die Heinilosenzentren in Lemberg und Rowno zu besuchen, tun einem Teil von ihnen eventuell die Einwanderung nach Argentinien zu ermöglichen. Vor einigen Tagen traf hier auch Dr. Joche!man aus London ein, ebenso ist die Ankunft von Ing. T amkin und Latzki-Bertoldi avisiert, um im Namen der jüdischen EmLgrationszentrale sich mit den aktuellen Emigratiousproblcmen in Polen vertraut zu machen. Arabische Dörfer von Beduinen überfallen Jerusalem, 10. Oktober. (J.C.B.)' Das arabisehe Dorf Miron wurde von beduinischcn Banden überfallen und geplündert. Englisches Militär mußte zum Entsatz des Dorfes eingreifen. Washington und die Mandate Seit dom Abschluß des Waffenstillstandes und den darauf folgende״ Friedensverträge״ haben die Konferenzen, welche die Ordnung der Welt schaffen wollten, nicht aufgehört. Konferenzen über Konferenzen, aber die neue Weltordnung ist nicht da, läßt sich kaum in ihren ersten Entwicklungsstadien erkennen, kann geistig mehr ersehnt als aus den Tatsachen erschlossen werden. Wir sind weit entfernt davon, Klage oder Spott zu äußern über dieses Mißgeschick derjenigen Personen, in deren Hände durch die Ereignisse und durch die Welt- Konstellation alle Macht des Abendlandes gespielt wurde; zu sehr wissen wir um die ungeheure Schwierigkeit und die beispiellose Neuheil dieser Aufgabe, die menschliches Können und mcnsch• liehe Voraussicht übersteigt. Die Mächte, die für die nächste Zeit Recht zu sprechen haben, müssen jedoch eingedenk sein der ungeheuren Verantwortung, die auf ihnen liegt, sie müssen die Rede der Schwachen hören, die in ihre Hand gegeben sind, denn das Gesetz der Gerechtigkeit ist unabhängig von allen menschlichen Faktoren, und begangenes Unrecht läßt auch dann die Welt nicht zur Ruhe kommen, wenn scheinbar der Betroffene im Augenblick keine Kraft hat. um seinen Anspruch mit eigenen Mitteln durchzusetzen. Mit der bevorstehenden Konferenz in Washington tritt die Geschichte der Konferenzen in ein neues Stadium. Die Idee des Völkerbundes, welche am wirkungsvollsten durch Wilson vertreten worden ist, ist nicht verwirklicht worden, auch nicht in der in Aussicht genommenen Form eines Staatenbundes. Amerika selbst, das Geburtsland der Idee, ist das stärkste Hindernis geworden. Und nun sind die in der ״Leaguc of Nations“ vereinigten Mächte gei zwtmgeii, nach Amerika zu gehen und einen neuen Typus der internationalen Konferenz zu schaffen, die unter dem Titel der Abrüstungskonferenz stattfindet. Abrüstung bedeutet Verringerung der Kriegsmöglichkeiten und bedeutet übereinstimmende Bcreitschaft zur Kriegsvermeidung. Es ist ein;ihnlieber Gedanke wie der zentrale Gedanke des Völkerblindes, nur in rein negativer Form gefaßt. Immerhin ist es selbstverständlich, daß diese Abrüstung keine rein technisch militärische Frage ist, sondern daß das ganze Gebiet der heute ungelösten internationalen Fragen damit zusamnienlüingt. Denn auch nach den Friedensverträgen von Versailles, St. Gcrmain und Sevres ist die!Welt nicht pazb fiziert, der Funke des Krieges glimmt in dem totkranken Körper Europas und des nahen Orients an vielen Stellen, und es bedarf des Aufgebotes aller Klugheit und aller Vorsicht, um in der von Mißtrauen und gegenseitiger Rivalität nach wie vor erfüllten imperialistischen Weit das Ausbrecher! des Brandes zu verhüten. Die Konferenz in Washington wird vor allem diejenigen Probleme der Weitpolitik behandeln, die bis jetzt eingestandenermaßen nicht gelöst worden sind. Wir haben in der letzten Zeit gesellen, daß der Völkerbund gewisse Ent* Scheidungen nicht getroffen hat, immer wieder hinausgeschoben hat, weil er an die Wirksamkeit nicht glaubte angesichts der Tatsache, daß! seine Exekutivkraft durch das Fehlen der vielleicht stärksten Weltmacht geschwächt ist. Zu diesen Entschcidüngen, die der Völkerbund wegen der amerikanisehen Abstinenz nicht treffen konnte, gehört auch die definitive Festsetzung der sogenannten Mandute. Unter den Mandaten, die über verschiedene Kolonialgebiete, z. B. auch einen Teil der ehemalig deutschen Kolonien verteilt werden sollen, stehen im Vordergrund des Interesses die Mandate für Mesopotamien und Palästina. Der Friedensvertrag von Sevres hat in Aussicht genommen, daß diese Gebiete keiner Macht zugesprochen, sondern unter die Kontrolle der Gesamtheit der Mächte gestellt werden sollen, und daß eine Macht als Mandatar des Völkerbundes die Verwaltung führt. Während der Völkerbund sich mit dieser Frage befaßte und den Entwurf behandelte, der England das Mandat zusprechen sollte, hat Amerika wiederholt Einspruch erhoben, da es sich ein Mitbestimtaungsreclit Vorbehalten woll'.e, rin Völkerbund aber nicht vertreten ist I ln Washington wird wieder eine internationale Ausj einandersetzung unter Teilnahme Amerikas stattfinden. Es ist unvermeidlich, daß die Frage der Mandate dort zur Sprache kommt und definitiv geregelt wird. Alle beteiligten Faktoren mußten bereits cinsehen, daß cs ein schwerer Fehler war, gerade diese Gebiete, die unter keiner geordneten Verwaltung gestanden sind, solange in Unsicherheit über ihr Schicksal zu lassen. Durch diese schwankende Haltung und Unentschiedenheit derjenigen Mächte, denen man vertraut hatte, wurde den zügellosesten Phantasien und allerlei abenteuerlichen Bestrebungen Vorschub geleistet, es wurde die Unsicherheit im Lande außerordentlieh gesteigert, und cs wurde die Schwierigkeit der schließlich doch notwendig definitiven Lösung erheblich vergrößert. Unter diesen Verhältnissen hat vor allem auch das jüdische Volk maßlos gelitten. Vor vier Jahren wurde durch die Balfour- Deklaration die Errichtung der nationalen Fleimstatte in Aussicht gestellt. Der Krieg ist nunmehr seit drei Jahren zu Ende, der Text der Balfour- Deklaration ist in den Friedensvertrag von Sevres aufgenommen worden, aber die Durchführung wurde dadurch verhindert, daß das Mandat an Großbritannien noch immer nicht formell erteilt worden ist. Wir müssen uns in Erinnerung zurückrufen, daß eigentlich die heutige Zivilregierung Herbert Samuels in Palästina noch immer ׳auf Kriegsrecht zurückgeht England ist die Okkupationsmacht, die für die Ordnung und Verwaltung des Landes zu sorgen hat. In dem Augenblick, wo durch internationales Recht das Mandat beschlossen wird, England die Verwaltung führt, um die Errichtung der jüdischnationalen Heimstätte zu fördern, können auch definitive Maßnahmen getroffen werden, kann eine Anleihe aulgenommen werden, die große Arbeiten im Lande ermöglicht, können Konzessionen ei teilt werden, die bisher unbegreiflicher weise und zum Schaden des Landes immer wieder verweigert wurden usw. Die Konferenz in Washington wird über die vielen Fragen, die dort im Vordergrund des Interesses stehen werden, doch dieser Angelegenheit ihre besondere Aufmerksamkeit zuwenden müssen. Die Bestätigung des Mandates kann keinen Aufschub mehr ertragen, wenn nicht unwiederbringlicher Schaden geschehen soll, der nicht nur das jüdische Volk treffen wird. Die große Chance im Jahre 1017/18 war die ungeheure Begeisterung der jüdischen Massen, die zum Aufbau des Landes unter größter Aufopferung bereit waren. Man hat diese Hoffnungen immer wieder enttäuschen müssen, man hat die Massen ernüchtert und entnervt. Das jüdische Volk ist allen politischen Faktoren gegenüber skeptisch geworden, und es besieht die Gefahr, daß bei einer weiteren Verschleppung die Enttäuschung in Verzweiflung umschlägt. Die Konferenz in Washington wird, da sie sich ja als die Vereinigung der weltbeherrschenden Mächte fühlt, auch das Schicksal des jüdischen Volkes nicht aus den Augen verlieren dürfen. Sie wird nicht vergessen dürfen, daß unter allen ungelösten Fragen die Judenfragc die brennendste ist, daß man an dieser Frage nicht vorbeigellen kann, und dali der einmal beschrittene Weg zu der einzig möglichen Lösung nicht verlassen werden darf. Es wird natiirlieh Aufgabe der jüdischer! Vertretung sein, die jüdischen Forderungen entsprechend zur Geltung zu bringen. Wir sind überzeugt, daß auch das amerikanische Judentum, das schon einmal durch den amerikanisch-jüdischen Kongreß der politischen Sache des jüdischen Volkes einen großen Dienst erwiesen hat, alles aufbieten wird, um auch der amerikanischen Oeffentlichkeit und der amerikanisehen Regierung mit Nachdruck die jüdische Frage vor Augen zu führen. Da die im Völkerbund vereinigten Mächte über die Mandatangelegenheit bereits einig sind, wird Amerika das gewichtigste Wort zu sprechen haben. Wir zweifeln nicht, dali es Verständnis für die Lage der Juden zeigen wird. Das jüdische Volk selbst hat inzwischen gelernt, daß keine politische Deklaration und keine juristische Formel, nicht einmal die Proklamierung des Judenstaates einen Wert hätte, wenn sie nicht durch die eigene Arbeit des Volkes mit Leben erfüllt wird. Es hat einsehen gelernt, daß keine Station des schmerzensreicher Weges der Selbstbefreiung übersprungen werden kann, daß es alle Leiden durchkosten, alle Opfer bringen muß, um zu I dem Ziel eines neuen, freien, produktiven Lebens